Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 16 (23.4.1937)
- Date
- 1937-04-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kovlnove v^platne povolene nadlt poät & telegrafov v Bratislave öis. 41572-01-20 -V. b. b 3ÜDI8CH6 PP0CC0 Zeitungen vom Verleger vefseudet Joufhäl exp€di6 par l’6dltent WIEN.BRATISLAVA a '23. APRIL 193? י״ב אייר תרצץ 23. Jahrgang / Nummer 16 Redaktion und Administration: Wien, II., Maizg, 12a, Telephon A-46-0-15; Tschechoslowakei: Bratislava, Republikplatz 37, Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementpreise: Banzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kß 80, Jugoslawien Dinar 150, das übrige Ausland Schw. Fr. 14. Einzelnummer bst. Gr. 40,' Zahlungen für ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Post* Sparkassenkonti.• Wien Nr.D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 193.316, Zagreb . Nr. 40.217, Zürich Nr. VIII, 4117, Berlin Nr. 122.619;־ für ״Jüdische Presse“, Bratislava: Prag Nr. 53.386. ORGftn für Die imeRessen Des 0RTH0D0Hen juDemums -♦ Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Dunkle Gölusnacht. umfängt unsere Brüder in Polen; kein Schimmer tagenden Morgens ist־ zu sehen. ״Wächter, wie weit ist’s in der Nacht?״, die alte, ewig neue qualvolle Frage bewegt uns wieder. Doch wirbekommen keine Antwort >zu hören. Dreieinviertel Millionen Juden leben in Polen und ebenso viele Leidende sind es; Menschen, die unter Not und Haß, Elend und Verachtung, Angst, und Aussichtslosigkeit leiden. Es vergeht kein Tag, ohne daß j ü d i״ sches Blut in Polen fließt. Immer wieder wird gemeldet, daß da und dort Juden den Märtyrertod gefunden; mehr als hundert Opfer werden bereits gezählt, während von den Verletzten kauen noch gesprochen wird. Ein völlig entmenschter, bestialischer Antisemitismus, der seinen Herd an den geistigen Bildungsstätten Polens hat, ist am Werk, den Juden das Dasein im buchstäblichen Sinne des Wortes unmöglich zu machen. Die Regierung unternimmt gegen diesen latenten Pogrom nichts oder fast nichts und versucht eigentlich nur, ihn auf das w i r t s c h a f 11 i ch e Gebiet, zu transponieren. Das Oberstenregkne, das sich auf Armee und Bürokratie stützt, aber nicht, •in den Massen des Volkes verankert ist, sucht die Sympathien des unter beispiellosen Verhältnissen lebenden Bauerntums dadurch zu gewinnen, daß •es dessen Aufmerksamkeit auf die von den Juden eingenommenen wirtschaftlichen Positionen lenkt. Als ob die Juden nicht vollberechtigte Bürger wären, als ob sie nicht die gleichen Ansprüche an das Leben hätten wie. alle•.•andereir Maschen•! ■י־.•;־ v-rV•־״־••י■ י'•׳,׳;״״■: •׳ Und so hat ein immer stärker werdender Zuzug aus dem Lande in die Stadt eingesetzt, dessen offen eingestandene Tendenz die Verdrängung der Juden ist. Triumphierend berichtet der ״Illustrowany Kurjer Cod!zieriny" — ein Regierungsorgan — in einer Reportage aus dem Bezirk Radom über die ״Eroberung“ des Handels und Gewerbes durch bäuerliche Elemente. Der Bezirk Radom ist aber nur ein Beispiel! Denn in allen Teilen des Landes ist Gleiches oder Aehnliches zu beobachten; seitdem man zugeben mußte, daß das Schächtgesetz, das sich der Oeffentlichkeit anfangs im Mäntelchen der Humanität präsentiert hatte, nichts anderes darstelle als eine Maßnahme zur Ausstoßung der Juden aus der Fleischbranche, hat man jede Hemmung״ fallengelassen, wird bewußt und betont ihre Expropriierung in allen Erwerbszweigen betrieben. Nur zu begreiflich, daß unter diesen Umständen das Heer der jüdisehen Arbeitslosen — das man gegenwärtig auf zwei Millionen schätzt, von denen 80 Prozent als Handwerker und Heimarbeiter keinerlei staatliche Unter- Stützung beziehen — in ständigem bedrohlichen Wachsen begriffen ist. Der bei den Zentralstellen und den Verwaltungsbehörden herrschende Geist macht sich auch in der Rechtsprechung geltend. Das berüchtigte 'Przytiker Urteil ist nicht vereinzelt geblieben; Judenmörder werden milde behandelt, überfallene Juden aber, die sich zur Wehr setzen, drakonisch bestraft. Eine Tragikomödie bilden die zahllosen iBeleidigungprozesse, die gegen Juden wegen Schmähung der polnischen Nation angestrengt werden; ,wie der Tatbestand dabei aussieht, das erhellt wohl zur Genüge aus dem bestimmten Fall, den der agudistische Abgeordnete Minzberg im Sejm zitierte und in dem der angeklagte Jude sich als — taubstumm entpuppt hat. Angesichts all dessen bemächtigt sich eine trostlose, verzweifelte Stimmung des polnischen Juden. Der Student und der Bauer zücken gegen ihn das Messer, der ״ruhige“ Bürger sieht in ih!n einen lästigen Gast, einen zudringlichen Fremden, den man gar nicht schnell genug loswerden kann, •die Polizei schützt ihn nicht, die Gerichte bestrafen und die Steuerbehörden schröpfen ihn; die hohe Regierung aber erwägt Evakuierungspläne und ist auf der Suche nach ״geeigneten“ Au.9wänderungsländern für die Juden. Immer beklemmender wird das Gefühl der Unsicherheit, ja, der Gehetztheit, immer lähmender die Angst vor dem Morgen und immer schwerer der jüdische Seufzer. ״W as kann geschehen?“, fragt sich besorgt Besuchet die Autofahrschule ,Atlashof' I, Franz-Josephs-Kai 3, Wiesingerstraße 9 H Teilzahlungen! H die jüdische Weltöffentlichkeit, die sehr wohl weiß, daß eine Katastrophe dieses Teiles unseres Volkes eine Kata- Strophe für das Gesamtjudentum bedeuten würde. Die großen Organisationen, wie Joint, Ort, Hicem und auch die •Tewish Agency, sind bemüht, Hilfe zu schaffen. Allein, bei aller Anerkennung ihrer Leistungen müß man der brutalen Wahrheit ins Auge sehen, daß hier menschliehe Hilfe völlig unzureichend ist. Denn was ist bei den einmal bestehenden Ausschaltungs- und Boykottendenzen von einer Umschichtung der Juden schon zu erwarten? Und wo ist das gastliche Gestade, das nicht müde würde, dem fremden Juden den Willkommengruß zuzurufen? Aber selbst wenn auch alljährlich hunderttausend und (mehr Menschen den Staub des mit Bruderblut getränkten Heimatbodens von den Füßen schütteln, was ändert das an der Lage der Zuriickbleibenden? Nein, dringender als allen sn dringenden Beistand von außen braucht das polnische Judentum innere Kraft, den Mut zum Durchhalten, diese furchtbare Zeit zu überstehen. Doch dies kann es G-ttseidank aus sich selbst und nur aus sich selbst schöpfen. Denn noch sind im polnischen Judentum die Quellen nicht verschüttet, aus denen unsere Vorfahren im dunklen Ghetto ihr Lebenselixier getrunken; noch ist dort der Geist wach, der unseren Ahnen stets und überall unüberwindliche Stärke und wunderbare Ausdauer verliehen hat. Noch hat das polnische Judentum seine, unsere Thora, die ihm Geborgenheit, Trost und Kraft spenden kann., In ihr wird es auf jene düstere, leidvolle Frage die Antwort finden, die da lautet: ״Der Wächter spricht: ,Es kommt der Morgen trotz der Nacht!‘...“ Die britische Sektion des Jüdischen Weltkongresses veranstaltete in, London eine Konferenz, um zu dem Vernichtungsfeldzug Stellung zu nehmen, der in Polen gegen die jüdische Bevölkerung geführt wird. Prominente englische Staatsmänner und Geistliche hatten Sympathiebotschaften geschickt. Der ehemalige Ministerpräsident David Lloyd- George erklärt in seiner Botschaft u. a.: Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn die jüdische Minderheit in Polen infolge Versagens der Regierung, ihre Vertrags- Verpflichtungen zu erfüllen, in ihrem Status degradiert ^oder fortgesetzten barbarischen Ueberfällen, bei denen viele unschuldige Bürger getötet werden, ausgesetzt wird. Ich teile mit der großen Mehrheit meiner Landsleute, die den Antisemitismus verabscheuen, die Hoffnung, daß die polnischen Behörden ohne Zögern Maßnahmen ergreifen werden, um ihren jüdischen Bürgern den. vollen Schutz und die ihnen durch die Friedensverträge garantierten gleichen Rechte zu gewähren. In der Botschaft des Bischofs von Durham, Dr. Hensley Henson, heißt es: Ich kann dem Abscheu, den ich über die Verfolgung der Juden in Deutschland und in Polen empfinde, kaum Ausdruck verleihen. Und dieses Gefühl wird noch schmerzlicher durch die traurige Tatsache, daß keine wirksame Hilfe zu finden ist. Ich kann nicht glauben, daß das Gewissen zivilisierter Menschen angesichts der tragischen Lage der Juden in Polen unberührt bleiben wird, und ich wage zu hoffen, daß die Zeit nicht fern ist, wo auch diese Tyrannei der Vergangenheit angehören wird. Sympathiebotschaften gingen י ferner ein vom Erzbischof'von York, Dr. William Temple, von dem Führer der Opposition im englischen Parlament H. R. Attlee, dem Führer der Liberalen Partei Sir Archibald Sinclair, den Parlamentsmitgliedern George Lansbury, Hugh Dalton, Miß Eleanor Rathbone, James M a x 10 n sowie von anderen hervorragenden Mitgliedern des Parlaments und geistlichen Würdenträgern. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt,׳ werden an der Expedition, die von der polnischen Regierung zur Erforschung von Einwanderungsmöglichkeiten für Juden nach Madagaskar entsandt wird, drei Fachleute teilnehmen. Die Expeditionsteilnehmer sind von der polnischen Regierung im Einvernehmen mit der französischen Regierung ausgewählt worden. Es sind dies der polnische Weltreisende und Verfasser einer Reihe von Reisebüchern Major B. Lepecki, der durch seine Mitarbeit an jüdischen Siedlungsbestrebungen in Deutschland bekannte Agronom Salomon Dyk und der Direktor der Jeas, Leon Alter, ein bekannter Fachmann für Auswanderungstechnik. * In einer Pressekonferenz erklärte Oberst K o w a- 1 e w s k i, der Stabschef des vom Oberst Koc ins Leben Die wirksame Zahnpasta! gerufenen Lagers der nationalen Einigung, u. a.: Das Lager wi d e r s e,t z t sich jeder antijüdischen Ausschreitung, aber es strebt gleichzeitig eine organische Lösung dieses Problems an. Das Lager nimmt einzig und allein Polen auf, ebenso wie die zionistische Organisation nur Juden aufnimmt., Kowalewski erklärte, daß das Lager von der Regierung unabhängig sei. Ungarische Regierung gegen Rechtsextremisten und — ״Galizianer“ Wie aus den Tageszeitungen bekannt, ist in Uhgarn die ״Partei des Nationalen iWillens" aufgelöst und über den Führer dieser Partei, Franz S z ä 1 a s y, die Präventivhaft ausgesprochen worden. Gegen ihn und Genossen wurde das Strafverfahren wegen Vergehens gegen die staatliche und gesellschaftliche Ordnung eingeleitet. Aus dem beschlagnahmten Material geht unzweideutig hervor, daß Szälasy einen Putsch zwecks Errichtung einer Diktatur in Ungarn vorbereitet hatte.. Die oberste Macht im Staate hätte einem für zehn Jahre zu wählenden Palatin übertragen werden sollen. Die Juden hätten entrechtet werden, das Judentum.als Rasse erklärt, die jüdische Einwanderung einfür allemal unterbunden werden sollen. In einer in Szeged am Sonntag gehaltenen Rede erklärte Ministerpräsident Daranyi u. a.: Es gebe unleugbar eine Judenfrage in Ungarn, die hauptsächlich ein wirtschaftliches Problem darstelle. Die Verhältniszahl der jüdischen Bewohner in Ungarn sei größer als in den meisten Staaten; das Judentum komme im wirtschaftlichen Leben in einem auch diese Zahl :,weit überschreitenden Maße zur Geltung. Die ungarische Judenfrage könne aber nicht durch Straßenkundgebungen und Schlägereien gelöst werden. Die Regierung werde gegen die Ruhestörer mit der vollen Strenge des Ges e t z e s vorgehen. Nachdem der Ministerpräsident also dem einheimisehen Judentum Sicherung der Person und des Vermögens und Gleichheit vor dem Gesetz zugesagt hatte, glaubte er, der ״Straße“ eine Konzession machen zu müssen, und nahm sich die ״Galizianer“ vor. Der betreffende Passus in seiner Rede lautete: ״Die ungarische Gesellschaft wird in der Judenfrage auch durch den vom Osten eindringenden Galizianer mit seiner Verschlagenheit und seiner instinktiven Geschäftsgier irritiert. Wir müssen feststellen, daß• es in erster Reihe im Interesse der hier alteingesessenen und auch kulturell höherstehenden Juden liegt, sich mit diesen ihnen in ihrer Gefühlswelt und Denkungsart fernstehenden fremden Elementen nicht zu identifizieren, deren Eindringen nach Ungarn die Regierung mit allen Mitteln auf das strengste verhindern wird. Diese Leute betrachten ohnehin unser Vaterland zumeist nur als Durchgangs- und wirtschaftliches Jagdgebiet.“ Diesen Ausführungen des Ministerpräsidenten Daranyi ist entgegenzuhalten, daß seit langem von einem Einfluß galizischer Juden auf die ungarische Wirtschaft keine Rede mehr sein kann, die Einwanderung aus Galizien nach Ungarn ist längst unterbunden. Sogar arme jüdische junge Leute aus Galizien, die nach Ungarn kommen, um sich in den Jeschiwos auszubilden, werden häufig mittels Polizeirazzien aufgegriffen und abgeschoben. Ein gleiches Schicksal erleiden Chaluzim aus Galizien, die in Ungarn eine Hachschara durchmacben wollen. die uteiswetie CtiUUUöisftemke aus 11i11111111111111!!1111111111111111111111111!11!1111111111!1111i111w^ Othmar Schiff Wien I, Kärntnerring 6 •Telephon 1116־0־43־ 4 'i :1 1־ i 4׳