Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 15 (16.4.1937)
- Date
- 1937-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Novltiove v^piatne povoienö fiadit post a telegrafov v Bratlslave äs. 41672-111-20 V. b. b. 3QDI8CH6" PR6SS6 Zeitungen vom Verleger versendet Journal exp<e par i>6dlteur WltN* BRATISLAVA 16 י. APRIL 1937 71 אייר תרצץ 23. Jahrgang / Mummet 1S Redaktion und Administration: Wien» II., Malzg. 12a, Telephon A-46-0-15; Tschechoslowakei: Bratislava» Republikplatz 37, Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementpreise: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kö 80, Jugoslawien Binar 180, das übrige Ausland Schw. Fr. 14. Einzelnummer äst. Gr« 40« Zahlungen für ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Post* Sparkassenkonti: Wien Nr. D-Ö3.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr• 50.170, Warschau Nr. 193,316, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. VIII, 4117, Berlin Nr. 122.619; für ״Jüdische Presse“, Bratislava: Prag Nr. 53.386. ORGnn für oie imeRessen Des ORTHODOwen juDemums Or. Nathan Birnbaum S.Z.I.: Moschiach Nach dem schmerzlichen Tode des unvergeßlichen Meisters bringen wir heute eine seiner letzten Arbeiten zur Veröffentlichung, deren aufwühlender und von unbeugsamer Wahrheitsliebe zeugender Inhalt geradezu erschütternd wirkt. Die Tiefe der hier niedergelegten Gedanken wird das Angedenken des großen Niftar s. Z. 1. für ewige Zeiten bewahren. Weitere Aufsätze Dr. Nathan Birnbaums werden wir in den nächsten Wochen veröffentlichen. (Der: heutige Artikel ist zuletzt in dem vom Verlag ״Messillo“, Antwerpen, herausgegebenen Büchlein ״Rufe“, Sieben Aufsätze von Dr. Nathan Birnbaum, abgedruckt worden.) Die Redaktion. Wenn die Rede auf Moschiach kommt, zeigt sich auf dem Gesichte des Freigeistes und des schlechthin. ״Aufgeklärten“ ein mitleidig spöttisches, auf dem Antlitz so manches gläubigen Juden ein rätselhaft verlegenes Lächeln. Ich finde, daß diese ,beiden Lächeln miteinander verwandt sind. Denn forsche Verneinung und laue Bejahung sind im Effekt nicht zu weit voneinander entfernt. Sie sind beide Versündigung am kostbarsten Glaubensgute — nur mit dem Unterschiede: eine gewollte und nicht weiter verwunderliche bei den Verneinern, eine nichtgewollte und um so anstößigere bei den Bejahern. Warum sollten die Freigeister nicht auch den Moschiach-Glauben in ihr Mitleid mit den rückständigen Menschlein einbeziehen? Wir haben es ja oft genug gehört: das Weltgebäude ist da, ein ungeheurer Automat, und der Mensch ist ein letztes, nebensächlichstes Figürchen darin, wie andere auch, das sich jeden Augenblick irgendeinem drohenden Hebelarme der gewaltigen Maschine erschrocken gegenübersieht. Wovon anderem als; diesen Drohungen, denen er. ja hoffnurigslos-ausgeliefert-ist, sollte er etwa erlöst zu werden wünschen? Und wo ist der G-tt, der ihm für eine unbestimmbare und unbenötigte Erlösung einen Erlöser, einen Moschiach sollte erstehen lassen? Oder warum sollten sich die verschiedenen Sorten liberalisierender Juden ein Lächeln verkneifen? Wozu haben sie denn ihre vielgepriesene Vernunft, id est Arm- Seligkeit religiöser Schau, mitbekommen, wenn nicht, um zu begreifen, daß Moschiach gar kein Mensch, keine Person, sondern eine Wende ,bedeutet, mit der neue, bessere, sozusagen menschlichere Zeiten — bei guten Geschäften natürlich — heraufziehen? Aber anders, wenn die Moschiachhoffnung von jüdisehen Menschen, welche die Welt mit tieferen Blicken betrachten als die!Freigeister, nicht gebührend ernstgenommen wird. Ihnen ist doch der Mensch kein Figürchen, das da sinnlos auf der Erde herumtorkelt, sondern ein seitsames, beispielloses Wesen, das in!zwei Reichen, Welt und Ueberwelt, wurzelt. Ihnen braucht ja diese Seltsamkeit und Beispiellosigkeit nicht schon deshalb zweifelhaft zu werden, weil unsere Sone nur eine von Millionen Sonnen und unsere Erde nur einer von den ungezählten Planeten aller Sonnensysteme ist. Ihnen ist doch der Mensch besonderer Berufung gewürdigt, trotz seiner Winzigkeit ein Mittelpunkt des Weltgeschehens. Ihnen ist er ja mit seinem g-ttlichen Wurzelteü eines der Wegzeichen auf ihrem Wege zur Wurzel selbst hin, einer der stärksten Zeugen G-ttes. Sie finden ihn doch in seiner Geschichte die doppelte Wesenswurzel bestätigen. Sie sehen ihn in einem der Menschen Völker zur Erkenntnis seines g-ttlichen Wesensteilea sich erheben. Sie sehen dieses eine, ihr Volk immer wieder fallen und doch immer wieder sich auf richten und, wenn auch noch nicht in der Verwirklichung, so doch in der Idee den Menschen fordern, der seine natürliche Wurzel der g-ttlichen untertan macht. Sie wissen um den Weltplan G־ttes, der• ihr Volk auserwählte, um durch es bis ans ״Ende der Tage“ vorzustoßen, da der Mensch, in dieser ach so natürlichen Welt von ihr erlöst, erst im vollen Sinne des Wortes das Ebenbild G-ttes geworden sein wird. Und ihnen ist ja. auch Moschiach kein Symbol für eine billige humanistische Angelegenheit. Sie wissen um ihn als den großen Zeiten- und Weltüberwinder, in dem die ganze angesammelte Erlösungssehnsucht des Menschengeschlechtes und insbesondere der in den Propheten mächtig sich offenbarende Erlösimgswille Israels als Erfüllung sich entladen werden; den der Allmächtige seinem Plane gemäß für diese Erfüllung vorbereitet hält; der, der Menschen einer, diesen die letzte, die ewige Hilfe, der ihnen restlose Erkenntnis von G-ttes Licht und Liebe bringen, G-ttes Frieden ins Herz, ins ״neue Herz“ senken, sie vom Druck der Sünde befreien wird. Oder sehen sie und wissen sie das alles nicht? Denn wenn sie es sehen und wissen, wie sollten sie nicht merken, daß, wie der Mensch der Zeuge und Gehilfe G-ttes, der jüdische Mensch es an erster Pflichtsteile, Moschiach ihre letzte und größte Vollendung ist; daß, wie der, Mensch, der jüdische Mensch, Moschiach ohne G-tt nicht möglich sind, G-tt ohne den Menschen im allgemeinen und den jüdischen Menschen im besonderen nie erkannt worden wäre, ohne Moschiach diese Anerkennung nie den höchsten Punkt erreichen könnte; daß also Moschiach bagatellisieren so viel *wie G-tt bagatellisieren, seiner. Welt den letzten, den ewigen, von den Sonnensystemen und Naturgesetzen unabhängigen ,Sinn rauben heißt? Wie könnten sie auch nur einen Augenblick lang die Moschiach- Erwartung sozusagen auf Eis legfen wollen, statt sie, ihrer überragenden Bedeutung gemäß, das Ner tomid, das . ewige Licht ihrer Jüdischkeit sein zu lassen? Wie könnten sie auf die Besellgungen durch diese Erwartung und auf die köstliche, motorische Kraft, die ihr innewohnt, verzichten? Ich erinnere mich, daß vor Jahren ein heute leider nicht ׳mehr unter den Lebenden weilender junger Mann — der damals schon in seiner Heimat als Iluj und wegen seiner sonstigen großen Fähigkeiten berühmt war — zu mir kam und. mich frug, ob es nicht angesichts der Erfahrungen, die man mit falschen .Messiassen! gemacht habe, sehr gefährlich wäre, den Mosehiach-Gedanken in den . .Vordergrund zu ,rücken. Ich ״besii&tdie.. Größe, der״,Gef ahr,;, ׳ bestreite sie heute noch. Aber nachher erst bin ich daraufgekommen, daß alle die falschen Messiasse nur deshalb möglich waren, weil man glaubte (und noch heute glaubt), daß auch der echte Moschiach auf Zweifel an seiner Echtheit stoßen werde. Und da sagte ich mir: Dies glauben, widerspricht doch dem innersten 'Sinn der Moschiach- Verheißung, dem Wesen Moschiachs als eines zum Allergrößten berufenen Menschen, der in die Erdenwelt einbricht und die Menschheit aus einer Geschichte, die eigentlich nicht viel mehr als Naturgeschichte ist, in eine Geschichte hebt, in der der Mensch — nicht mehr allein seiner Naturgesetzlichkeit unterworfen — gemäß der durch Moschiach endzeitlich ausgeführten Urabsicht G-ttes auch unter außernatürlicher Gesetzlichkeit stehen wird. Nein, wenn Moschiach kommt,!wird niemand an ihm zweifeln, zweifeln können — auch der letzter Primitive im Urwald, auch der berühmteste naturforschende Professor nicht‘*'). Wird Moschiach so gesehen und wird diese Sicht allgemein, so schwindet auch der letzte Rest der Gefahr falscher Messiasse, die ohnehin nicht so groß ist. Statt ihr nachzugrübeln, gilt es, die ungeheure religiöse Energie des Moschiach-Gedankens zu entfesseln. Was ist denn Moschiach anderes als der Held des dritten Aktes in dem gewaltigen g-ttlichen Menschheitsdrama, in dem die Urväter die Helden des Vorspiels, die Offenbarung am Sinai der erste und der einsame Weg Israels durch die Völker und Zeiten der zweite Akt sind. Und was ist er denn anderes, als das Ziel, u!m dessentwillen G-tt das Menschheitsdrama abrollen läßt; um dessentwillen er die Menschheit als das große!Kampffeld der*Leidenschaften und Ueberwindung geschaffen hat; als das Ziel, zu dem hin er die Menschheit durch die Auseriwählung und Bewährung Israels leitet? Die Bewährung Israels: Sie steht noch aus und sie ist es, die noch Tatsache!werden muß. Wohl dürfen wir Moschiach auch dann erwarten, wenn kulau chajow, wenn wir in Sünde verstrickt sind. Aber selbst Jecheskel, der diesen Fall voraussieht**), gibt als das Motiv G-ttes dabei nicht dessen Gnade, sondern den Wunsch an, daß sein Name unter den Völkern der Welt geheiligt!werde. Und überhaupt •muß uns die andere Alternative — wenn kulau sakkaj, alles geläutert ist — als der Fall erscheinen, der dem jüdisch-religiösen Empfinden willkommener ist und den) wir daher mit der ganzen ׳Seele herbeiwünschen, dessen Eintritt wir mit der ganzen Hingebung, deren wir fähig sind, uns erarbeiten müssen. Das Judentum kennt ja nicht den verzweifelten Verzicht auf die eigene Besserungsfähigkeit, das Nur-sicb-verlassen auf die bedin- *) Wie ich später hörte, ist der Gedanke, daß Moschiach bei seinem Erscheinen von niecnendem als solcher werde angezweifelt werden können, schon von einem der Großen unserer Vergangenheit ausgesprochen worden und nur nicht zur allgemeinen Kenntnis und Anerkennung gekommen. **) Kap, 36. Die richtige־ Zahnpasta! tyerkiitdert gungslose Gnade G-ttes. Indem es schon mit heißem Danke begrüßt, wenn G-tt dem Umkehrenden gnädig ist, fordert es vom Menschen, daß er von seinem bösen Wegen umkehre, den Kampf gegen die Sünde aufnehme, und hält diesen Kampf für aussichtsvoll. Ganz gleichgültig also, wie der Allmächtige schließlieh diese Frage beantworten will — wir haben so zu handeln, als ob er uns Moschiach nur dann schicken wird, wenn wir uns geläutert, geheiligt haben, Ihr sollt mir ein heilig Volk sein, ein Reich von Priestern — ruft er uns zu und gibt uns damit das Mittel in die Hand, das ״Ende der Tage“, das Kommen Moschiachs.״geradezu zu erzwingen, ihr’braucht nur ׳zu wollen — ist der Sinn seiner Rede — und habt'dann nicht nötig, darauf zu warten, daß ich euch erlöse, um euch eine besondere Gnade zu erweisen oder gar, damit mein ׳Name unter den Völkern geheiligt werde. Gegenüber solchem göttlichen Anerbieten ist auch die Art, wie heute nicht selten vom Moschiach in Verbindung mit den Hoffnungen, die sich augenblicklich an Erez Jisroel knüpfen, gesprochen wird, ganz undgar nicht erfreulich. Ich meine da nicht das Herumwerfen mit der messianischen Gedankensphäre entnommenen Ausdrücken, wie es jetzt in gewissen nationalistischen Kreisen, denen G-tt und Moschiach so viel wie nichts bedeuten׳, üblich ist. Ich spreche vielmehr von der neu aufgekommenen Gepflogenheit mancher gläubiger jüdischer Menschen, in den heutigen Ereignissen die ״Spuren Moschiachs“ zu suchen. Mich dünkt dieser Messianismus nicht wertvoller als das rätselhaft verlegene Lächeln, von dem ich eingangs sprach. Ich halte ihn für billig und bedenklich: billig, weil er bloß ein bißchen Phantasie kostet, soweit er nicht gar nur Agitationsbedürfnissan zu danken ist; bedenklich, weil er von der Selbstheiligung als dem einzigen und erhabenen Mittel ablenkt, das uns gegeben ist, um das Kommen Moschiachs heraufzuführen. Gewiß ist die Heimkehr Israels in sein Land eine der messianischen Verheißungen, aber nicht etwa eine, die —■. neben der großen Grundverheißung der ״neuen Herzen“ an die Juden und, was dasselbe ist, des G-ttesreiches an die ganze Menschheit — eine 1Sonderexistenz als Zusage einfach politischer Natur, sozusagen als eine Art g-ttlicher und daher weitestgehender Balfour-Deklaratiön führt. Vielmehr ist sie ein wesensgleicher Bestandteil jener Grundverheißung selbst. Zijaun bamischpot tipode. Zion wird in Gerechtigkeit erlöst werden und man kann auch ״durch Gerechtigkeit" übersetzen. In Gerechtigkeit: in jener höchsten Gerechtigkeit, wie sie Moschiach durch seine außernatürliche Erlösungstat im Menschenreiche gründen wird; durch Gerechtigkeit: indem wir, in Selbstheiligung, in Selbstläuterung bergan klimmend, uns Moschiachs würdig machen. Nicht darum geht es, die Spuren Moschiachs zu suchen —־ (wer möchte sich gar vermessen, mit Bestimmtheit zu sagen, daß er sie gefunden hätte? Nicht darum, auf kulau chajow zu spekulieren — im Grunde wie unfair! — sondern sich durch die ,Tat zu bewähren. Solange die Gläubigen in ihrer Lethargie gegenüber dem wahren Mosehiach-Gedanken verharren; solange sie nicht ihr ganzes Sinnen darauf richten, in Hinwendung zu Moschiach durch ein reines Leben ihre Gesetzestreue ■zu adeln; solange sie es nicht zustande bringen, mit ganzer Seele G-tt als dem ewigen und die Welt in Güte und Schöne ewig bewegenden Sein in Liebe anzuhangen und nachzueifern und solange sie nicht die ganze Judenheit auf diesen Weg mitreißen, — solange fassen sie G-ttes Willen und Plan nicht; solange begreifen sie nicht das. Drama der Menschheit und die Rolle des jüdischen Volkes in ihm; solange ist alles, was sie treiben und sinnen, eitel, Möge sie G-.tt erleuchten! Die Otl1mar-Scl1lff-I*erüeke — preiswerte Qualitätsarbeit Perücken- Großerzeugung Othmar Schiff Wien I, Kärntnerring 6 Telephon U-43-0-16