Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 14 (9.4.1937)
- Date
- 1937-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Notlfiöve vft>läh16 povoleite ttafii po&t * «egmim v Bratislava m ummm V. b. b Zeitungen vom Verleget versendet Journal exp<6di6 paf redlfettf 30DI9CH6 pnesss rllvvvv WIEN *BRATISLAVA * 9. APRIL 193? מט נ*סז תרצ״ז 23. Jahrgang / Nummer 14 Redaktion ütid Administration * Wien» II,, Äfäteg» I2i* Telephon A-46-0-15; Tschechoslowakei: Bratislava, Republikplatz 37, Postfach 381 /,Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß; Mittwoch Mittag Abonnementpreise: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kß 86, Jugoslawien Dinar 166, das übrige Ausland Schw. Pr. 14. Einzelnummer öst. Gr. 46. Zahlungen für ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Postsparkasaenkonti: Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058־, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 193.316, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. VIII, 4117, Berlin Nr. 122.619; für ״Jüdische Presse“, Bratislava: Prag Nr. 53.386. oRGnn für Die mTGRessen Des ORTHODcmen juDenTums Dr. Nathan Birnbaum זצ״ל In der Nacht vom 7. zum 8. Tag Pessach hat das jüdische Volk einen seiner größten Männer verloren. Es gab in unserem Zeitalter kaum einen Menschen, der ehrlieber und qualvoller um den ״wahren Weg“ gerungen hatte als Dr. Nathan Birnbaum. Br war . gewaltiger Rufer, eindringlicher Mahner und!ein auf rüttelnder E r w e c k e r bis an sein Lebensende. Seine Worte mußten jeden denkenden Juden bis ins Innerste aufwühlsn, dessen Ohren vom höllischen Lärm des Alltags nicht taub und von schmalziger Selbstzufriedenheit nicht verstockt waren. Er steht vor uns da wie das personifizierte G ewissen des jüdischen Volkes. Wie ein neu- ־ zeitlicher Prophet mutet er uns an, auch in seiner äußeren Erscheinung. Die scharf geschnittenen, edlen Züge seines ernsten Gesichtes, von einem wallenden grauen Bart umrahmt, seine imposante, hagere Gestalt, erweckten oft den Eindruck einer Figur aus der altbiblischen Zeit. Dr. Nathan Birnbaum entstammte einer angesehenen, religiös-jüdischen Familie aus der Bukowina. Als sein Vater nach׳ Wien übersiedelte, war er ständiger Be- Sucher der Adas-Jisroel-Schiffschul. Oft erzählte Birnbäum dem Schreiber dieser Zeilen, welch׳ gewaltigen Eindruck dieser geschlossene Kreis religiöser Menschen auf ihn machte, wenn er manchmal seinen Vater in die Schiffschul begleitete! Und doch war damals der Jüngling Birnbaum nicht religiös eingestellt... Es war anfangs der Ächtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, in den ersten Dezennien der Emanzipation, am Höhepunkt der stürmischen Assimilation, als der angekränkelte Teil des . Judentums, durch das. Fällen der Ghettomauern .berauscht, alles niederrannte, was seinen Bestrebungen hinderlich׳ erschien. In ihrer Sucht nach einer Äbißverstandenen, Freiheit haben sie auch die heiligsten und wertvollsten Güter des jüdischen Volkes, die Thora *und die Religion, geopfert. Aber auch in dieser'' gefährlichen Sturm- und Drangzeit des Wiener Judentums hat der junge Student Birnbaum den Verlockungen nicht erliegen wollen. Die Würde- und ׳Haltlosigkeit dieses Treibens widerte ihn bis ins Innerste an und so suchte er für sich lind seinen Kreis einen Ausweg. Er landete vorerst beim jüdischen Nationalismus. Die Studentenvereinigung ״Kadimah“ war seine Gründung. Der Religion seiner Väter entfremdet, glaubte er, das Judentum durch die bloße Rückkehr zum ״Volkstum“ zu retten! So vertrat er noch lange vor Herzl und Nordau ein jüdischnationales Programm, und auch das Wort ״Zionismus“ hat Nathan Birnbaum geprägt! Lange Jahre war er der engste Mitarbeiter Herzls und galt neben Achad Haam als der bedeutendste Theoretiker der zionistischen Bewegung. So war er ein leidenschaftlicher Verfechter der jiddischen Sprache und protestierte in unzähligen Aufsätzen gegen deren Degradierung, die in der Bezeichnung ״Jargon“ enthalten ist. Er sah in ״Jiddisch“ eine der zahlreichen Judensprachen, wie sie im Laufe der Jahrtausende immer wieder im Golus entstanden sind, wie das syrische, das jüdisch-arabische und das spaqiolische Idiom. Sehr bald aber wurde Birnbaum schärfster Kri - tiker der zionistischen Bewegung. Die Mängel .׳einer politisch eingestellten, weltlich-nationalen Organisation hatte er im Mannesalter schmerzlich erkannt und rügte rücksichtslos die Geistlosigkeit und die Mißstände in der zionistischen Bewegung; wiewohl er sich dessen bewußt war, daß er dadurch in der ״Partei“ bald ein erledigter Mann sein würde. So suchte er immer krampfhafter nach dem riehtigen Weg, den das Judentum unserer Zeit zu beschreiten hat, bis er sich in gigantischem Ringen zur Wahrheit durchkämpfte... Er gelangte zur Erkenntnis G -11 e s, der religiösen Grundlage und Sonderartung des jüdischen Volkstums, der Berufung des jüdischen Volkes als Beispielvolkes in der Höherentwicklung der ]Menschheit, zur Messias-Erwartung und zur Würdigung des Religionsgesetzes und Anerkennung seiner Verbindlichkeit. War schon während seiner nurnationalen Epoche die Sehnsucht nach Läuterung des Volkes der Hauptantrieb zu seiner Arbeit gewesen, so rückte sie letzt als Ziel in den Vordergrund seines Denkens» ׳Jbr sollt mir sein ein heilig Volk“ — darum kreiste jetzt sein ganzes Wollen. Das gab seinem Aulim-Gedanken den Inhalt. Zum erstenmal setzte er diesen Gedanken im Frühjahr 1016 einem kleinen Kreise von Geladenen anseinander, um ihn dann in ״Divrej hoauttm“ (Worte der Aufsteigenden) — einer hebräisch und jiddisch erschienenen Schrift — und im Herbst 1917 (Erseheinnngsdapim 1918) in seiner Bekenntnisschrift ״G-ttes Volk“ der breiten Oeffentlichkeit vorzutragen. In der A g u d a s J i s r o e 1 fand er die organisatorische Form seiner geläuterten . Weltanschauung. Er wurde bald mit Begeisterung zu den erlesensten Führern der Aguda-Bewegung gewählt. Aber auch hier war er nicht blinder Nachbeter und Parteimehsch. Wie er gegen sich streng war, so verlangte er auch in der Organisation Konsequenz und Gesinnungstreue. Um auch jenen seiner Ideen Geltung zu verschaffen, welche in einer politischen Organisation׳ nicht verwirklicht werden können, gründete er anläßlich der 2. Knessio Gedaulo der Agudas Jisroel die ״Aulim-Beivegung“‘. Sie soll auf Basis des üb erlief erten Thora- Gesetzes für den seelisch-sittlichen Aufstieg des jüdischen Volkes arbeiten — für einen Aufstieg in G-ttiiuiigkeit (Daas), in Menschenliebe (Rachamim) und für Lebensgestaltung im Abglanz der g-ttlichen Weltenpracht (Tiferes). Seine Arbeiten aus der voragudistischen Epoche sind zum Teil in zwei Bänden gesammelter Schriften zusammengefaßt, unzählige Zeitungsartikel und Broschüren verfaßte er außerdem. Seine tiefsten und wertvollsten Werke jedoch sind erst infolge seiner grandiosen ״Rückkehr■‘ zum thoratruen Judentum״ entstanden. Wir erwähnen nur einige Schriften: ״Vom Freigeist zum Gläubigen“, ״Um die Ewigkeit“, ״Im Wege der,: Verheißung“, ferner sieben Aufsätze unter dem Titel ״Rufe“. Sie sind durchwegs eine Fundgrube wahrhaft. jüdischer Ideologie. Alle seine Reden und sin^.tr^^id^iMMhal^cher^W&cme^ von einer unvergleichlichen-ScKärfW und Klarheit in der Formulierung. Eine herbe Schönheit entströmt seinen monumental stilisierten Aufsätzen. Rabbi Zadok aus Lublin s. Z. 1. schreibt an einer Stelle: ״Das Merkmal einer .wahren Rückkehr (Teschuwa) ist: Die nachherige Erkenntnis, daß alle Irrungen von ehedem notwendig und letzten Endes g-ttgewollt waren.“ Wir schrieben zum 76. Geburtstage Nathan Birnbaums in diesem Zusammenhang: ״Wenn der so kämpfende Mensch auf der Höhe . der Erleuchtung angelangt ist, ein wenig ausrüht von den Strapazen׳ des Aufstieges und vom ragenden Gipfel aus Rückschau auf den zurückgelegten Weg hält, wird er zuweilen einer zweiten Begnadung teilhaftig. Er kann plötzlich erkennen, daß die ,Irrungen‘ und ,Umwege‘ eigentlich nichts anderes waren als Windungen einer vom ,G-tt der Seelen‘ für ihn planmäßig angelegten Serpentinenstraße. Er kann sehen, daß er diesen zerklüfteten Bergriesen auf ,geradem‘ Wege nie hätte erklimmen können . . .“ Wenn .,wir den Werdeganag Nathan Birnbaums überblicken, müssen wir zugeben, daß es in der jüdischen Geschichte wenig Gestalten gibt, die den geschilderten Typus in größerer Vollendung erreicht hätten. Heute, nach seinem so schmerzlichen Tode, wo die Konturen seiner Lebensmission bereits zu erkennen sind, ist uns nicht nur mit der restlosen Rückkehr zum thoratreuen Judentum beginnende Etappe seines Lebens teuer, sondern auch für alle früheren Phasen seines Werdeganges müssen wir nachträglich der Vorsehung dankbar sein. Der Weg, den er gegangen ist, der Kampf, den er durchgefochten hat — er gehört in seiner G ä n z ei und Großartigkeit der jüdischen Geschichte an. Sein Bekenntnismut hat in allen Wendungen seines gigantischen׳ Ringens befruchtend auf das jüdische Leben gewirkt. Weil er immer ehrlich die Wahrheit suchte, war er begnadet, die Wahrheit zu erschauen. Er mußte erst irren, ja genial irren, um mit titanischer Wucht die Irrtümer seines Zeitalters später um so wirksamer widerlegen zu können und ihre schädlichen Wurzeln bloßzulegen. In einer Erwiderung auf eine Kritik seiner großen ״Wandlungen“ schreibt Birnbaum selbst: (״Um die Ewigkeit“, Seite 24): ״. . . Dabei will es mir, wenn ich meinen.ganzen Entwicklungsweg rückschauend übersehe, scheinen, als ob die jüdische Intelligenz, soweit sie zu ihrem Volke zurückstrekt, denselben Weg wird wandeln müssen. Nur, daß ich ihn in einem Menschenjebeq bewältigen mußte, während sie mehrere Geperatiqnen zur Verfügung hat, . Heute, nach seinem tragischen Tode, sehen wir klar, daß, es in der Absicht ■de? YW$fd*ung stand, daß er zuerst einer mit dem wahren Judentum unvereinbaren Bewegung Ausdruck ■verleihen mußte, damit er auch in der Rückkehr zum Quell unseres Seins den änderen voranschreite und Wegweiser sei. Gebe G-tt, daß unsere verirrten Brüder hiezu nicht ״Generationen“ brauchen mögen, sondern daß die Rückkehr zum thoratreuen Judentum in allen Kreisen des jüdischen Volkes noch in unseren Tagen Wirklichkeit werde. David Bondy. Nathan Birnbaum ist im Jahre 1864 in Wien geboren worden. In seiner Studentenzeit gelangte er — noch vor Herzl ■— zum jüdischen Nationalismus, 1883 gründete er den ersten jüdisch-nationalen »Studentenverein ״Kadimah“,• ein Jahr darauf die Zeitschrift ״Selbst-Emanzipation“. Birnbaum war es auch, der als Erster das Wort ״Z i o n i s m u s" gebrauchte, und zwar in seinem Essai: ״Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande als Mittel zur Lösung der Judenfrage'‘ (1893). Diese Schrift bildete den Abschluß seiner ersten politischen!Periode. In seiner nächsten Broschüre, ״Die Moderne“, und in seinem Referat auf dem ersten Zionistenkongreß zu Basel kommt eine Wendung der Anschauungen zum Ausdruck. In immer steigendem Maße verwarf von nun an Birnbaum ‘— obwohl eine überragende Gestalt innerhalb der Bewegung — den diplomatischen Zionismus Herzls und stellte in den Vordergrund die Ausdruckform des lebendi,gen Judentums, das er am reinsten im Ostjudentum verkörpert sieht. 1907 kandidierte er zum österreichischen Reichstag in* ostgalizischen Wahlkreis Buczacz. Sein Interesse gilt in dieser Zeit vqr allem der Kultur des Ostjudentums, insbesondere der jiddischen Sprache und Literatur. . 1908 war er einer der Eihberufer der jiddischen Sprachkonferenz in Czernowitz. Eine neue Wendung, die endgültige in seinem Denken, brachte er 1912 in ״einer Schrift ״Wir haben gesündigt“ zum Ausdruck. Es folgten: ״Q-ttes Volk“ (1918), ״Vom Freigeist zum Gläubigen“ (1919), ״Um die Ewigkeit“ (1920). Judentum ist jetzt für Nathan Birnbäum eine religiös-sittliche, auf das Messianische gerichtete Lebensform, deren Ziel die Heiligung des gesamten Lebens ist. Auf politische und materielle Wien I, Kärntner ring 6 Telephon 11*431$־0־