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Jüdische Presse · 1937-01-08 · 2 (8.1.1937) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
23 (1937)
Issue
2 (8.1.1937)
Date
1937-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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'י 0RGnn pOr Die mienessen Des 0RTH0D0Hen JUDemums ״Das Wehgeschrei ״Ich habe das Wehgeschrei der Kinder Israel vernommen...“ Wenn wir bei diesen Worten des dieswöchigen Thora-Abschnittes innehalten und unter ihrem Eindruck in die Jahrtausende der jüdischen Geschichte hineinhorchen, dann hören wir gleichsam als deren Leitmotiv immer wieder ״das Wehgeschrei der Kinder Israel“, endlose Klage und ewigen Jammer. Fast jeder Tag bringt eine Umwertung bestehender Werte und nur der ägyptische Pharao, der da sprach: ״Wohlan, laßt uns klug sein!“, scheint der Welt eine für alle Zeiten gültige Maxime hinterlassen zu haben׳. Besonders war es der Gegenwart Vorbehalten, an jenes graue und grauenhafte Altertum anzuknüpfen; die Menschheit hat den Weg von primitiven Götzen zu physikalischen und biologischen Weltbildern zurückgelegt, hat die Pyramiden durch Wolkenkratzer, die Streitwagen durch Tanks, die Hieroglyphen durch Rotationsdruck ersetzt — ' zu den Erkenntnissen jenes Pharao aber!bekennt sie sich heute mehr denn je. Und wieder steigt das ״Wehgeschrei der Kinder Israel“ zum Himmel auf... Darum ist uns bei dieser historischen Reminiszenz, wenn uns das spätere Leitmotiv als Ouvertüre der jüdischen Geschichte entgegentritt, Anlaß geboten, hinzuhören, woher das ״Wehgeschrei“״ zu uns dringt. In Rußland, einst das physische und geistige Reservoir, des Weltjudentums, geht der psychische Sterilisierungsprozeß unaufhaltsam weiter. Das russische Judentum ist ein abgestorbener oder vielmehr abgetöteter Teil des jüdischen Volkskörpers. In ihrer leiblichen Existenz nicht bedroht, aber ohne jede Verbindung mit der jüdi- .״sehen Vergangenheit ..und ohne .jeden Anteil ,an der., jüdisehen Zukunft, leben in Rußland Millionen Menschen, die einmal unsere Brüder waren. Die geringe •Minderheit der noch am Väterglauben Hängenden gehört zur Kategorie der ״Deklassierten“ und ist in jeder Beziehung auf den Aussterbeetat gesetzt. * * ״׳■ * Der Antipode des Sowjetstaates ist das Dritte R eich. Hier hat das Los der Juden im vergangenen Jahr eine weitere Verschlechterung erfahren. Die moralische Diffamierung durch die Nürnberger Gesetze war von einer Reihe praktischer Beschränkungen gefolgt, die die deutschen Juden jenseits jedes Rechtes stellen und ihre wirtschaftliche Basis mehr und mehr verschmälern; zahllose Betriebe sind in arische Hände übergegangen, ein Heer von jüdischen Arbeitslosen wurde geschaffen und dazu noch die Einstellung der jüdischen Arbeitsnachweise angeordnet. Der deutschen Juden — bis zum Machtantritt Hitlers und Streichers ein wegen seiner kulturellen und gesellschaftlichen Stellung sehr bedeutender Faktor, im Weltjudentum — hat sich große Resignation bemächtigt, ein erschreckender Fatalismus, gegen den die jüdischen Organisationen und Institutionen mit allen Mitteln anzukämpfen versuchen Zwischen Rußland und Deutschland . liegt geographisch und auch politisch Polen. Seine Judenheit ist die große Rückversicherung des jüdischen Volkes, der Akkumulator all seiner Potenzen, der den weiten Stromkreis seines Lebens mit allen daseinsbedingenden Energien speist. Ihre• eigene Existenz jedoch ist — von einer dünnen Schicht noch Wohlhabender abgesehen —• nur als kümmerliches Vegetieren zu bezeichnen. Das Leben, das sie führen, ist voll beispielloser Not und unsagbaren Elends, durchzittert von der schrecklichen Angst vor dem nächsten Augenblick. Im Jahre 1936 ist fast kein Monat vergangen, der nicht neue Maßnahmen gegen die Juden in Polen brachte, ist kaum ein Tag vergangen, an dem nicht jüdisches׳ Blut geflossen ist. Die Juden; sind ■das Opfer, das das polnische Volk seinem zürnenden. Schicksal, das mit. Glüoksgütern . zu geizen scheint, bringen zu müssen, glaubt. Die. Nationaldemokraten und Nationalradikalen sind bloß die fanatischesten, aber lange night die alleinigen Bekenner; dieses Wahns. Wie wäre, sonst eine aus gemeinstem Brotneid und niedrigstem Menschenhaß geborene ״Tierfreundlichkeit“, wie sie das S c:h ä c h t g.e s e. t z dars.tellt, zu verstehen? Wie hätte sonst eine Regierung mit einem Evakuierungsplan vor die Oeffentlichke.it treten können, , der eine Massehauswanderung von Millionen eigener Bürger vorsieht, deren Ueberflüssigkeit durch nichts'als ihr Judentum allein gegeben "ist? Hunger, lähmende Angst und das deprimierende Gefühl des Lästig’ seine ballen sich im polnischen Judentum zu furchtbarer Verzweiflung, in die . kein Schimmer der Hoffnung fällt. Das Land mit der zweitgrößten jüdischen Bevölkerung in Europa ist Rumänien• Hier mordet die ״Eiserne Garde“, wütet der blutrünstige Greis Cuza, hetzt der Kindet Israel“ der Dichter Goga und propagiert der ehemalige Minister- Präsident Vaida Woewod den ״Numerus walahicus“. Das rumänische Judentum macht eine schwere Krise durch, deren Ausgang heute noch.' völlig ungewiß ist. In der Tschechoslowakei befindet sich die Slowakische Volkspartei Hlinkas auf dem antisemitischen Pfad, während die Sudetendeutsche; Partei des Turnwarts ״Hitlein“, wie in jeder Hinsicht, so auch im Judenpunkt ein Ableger des Nationalsozialismus ist. In Oesterreich sind die ״betont Nationalen“. Überbetont . antisemitisch. Aber auch gewisse katholische Kreise können sich wahre christliche Liebe ohne Judenhaß nicht denken. Die ungarischen Pfeilkreuzler des Grafen Festetics begnügen sich mit dem• stark; verbreiteten kulturellen und gesellschaftlichen Antisemitismus nicht; ihr Auskunftsmittel ist der Pogrom. Eine Abart dieser Bewegung, die sogenannten Sensenkreuzler, haben in einer auf gedeckten Verschwörung sogar die Veranstaltung einer regelfechten Bartholomäusnacht, gegen die ־ Juden geplant. In Italien sind gerade.im vergangenen Jahr zum erstenmal antisemitische ‘ Stimmen laut geworden. Farinacci hat in seiner ״Regime Fascista“ eine unyerkennbar unter deutschem Einfluß stehende Kampagne eingeleitet, die allerdings nach Abschluß des Mittelmeerabkommens mit England abgebrochen wurde. :Sehr beunruhigend ׳haben auch •die jüngsten Vorkommnisse in der italienischen Kolonie Tripolis, gewirkt, wo die mittelalterliche Geißelstrafe über sabbathhaltende Juden verhängt wurde. ' In Frankreich liest und hört man, seitdem L40n Blum , die Mimsteimräsidgntschaft . angetreten hat, י imirler öfter das Wort *״Juä^lnmlcht gerade ehrenhaftem Dr. Isaak Breuer : Die Aguda vor der 1; Als das Land von wildem Aufruhr der Araber erfüllt war und fast jeder Tag eine neue Blutschuld brachte, beschloß die Mandatsregierung, eine unabhängige politische Kommission, zusammengesetzt aus ersten Persönlichkeiten, unter der Bedingung zu entsenden, daß zuvor die Ruhe und die!Ordnung wiederhergestellt seien. Diese Bedingung beweist, daß die: Ankündigung der Kornmission zur Beschwichtigung der Araber dienen und ihnen die Aussicht eröffnen sollte, ׳triftige Beschwerden auf friedlichem Wege anmelden, berechtigte Ansprüche ohne Mord und Brand• durchsetzen zu können. Die Haltung der Juden gab zur Entsendung der Kommission keinen Anlaß. Die Araber, nach einem Streik von sechs Monaten in ihren Kräften erschöpft und durch die unmittelbar bevorstehende, Orangenemte unter Druck gesetzt, ließen sich von den arabischen Königen unter Hinweis auf die Kommission ״bewegen“, den Streik in Ehren zu beenden. Sie sahen sich aus einer schweren Situation befreit. Die Kommission hatte ihnen geholfen, noch ehe sie überhaupt mit der Arbeit begonnen hatte. Mehr wollten sie von ihr nicht. Die höchst spärliche neue Schedule nahmen sie alsdann zum Anlaß, wiewohl sie die Forderung der zeitlichen Sperrung der Alija bei Beendigung des Streiks fallen gelassen: hatten, um über die Kommission den Boykott zu verhängen. ' Angesichts dieser Tatsachen eröffneten sich den Juden• zwei Wege: 1, Die Juden konnten sich auf den Standpunkt stellen,, daß die Kommission, politisch betrachtet, nur .wegen ■der arabischen ׳Haltung ins Land gekommen. sei, und daß daher die einseitige Vernehmung der Juden des politischen Sinnes entbehre. In: der Politik gibt. es keine Versäumnisurteile. Mit anderen Worten: , Die Juden konnten das Erscheinen vor der Kommission ablehnen, solange die Araber den Boykott aufrecht erhielten. 2. Die Juden konnten sich, streng an das eigentliche politische Thema halten: den Angriff der Araber auf das jüdische Nationalheim überhaupt, auf die jüdische Alija und den jüdischen Bodenerwerb im besonderen, Da diesem Angriff gegenüber das jüdische •Volk tatsächlich eine durchaus, geschlossene Einheitsfront zu bilden, vermag, mußte :Sorge getroffen werden,: daß eine alle Schichten des jüdischen Volkes umfassende, streng sich an das politische Thema haltende einzige Vertretung vor der Ton. In England wieder rührt Sir Oswald Mosley — dessen .verstorbene Gattin geborene Jüdin war —~geräüschvoll die antisemitische Trommel. In ־ Belgien, Holland und der S c h w e i z treiben die sogenannten ״Frontisten“-Gruppen, die ״Geist“ und Geld aus deutschen Quellen beziehen, ihr Unwesen. Aehxillches gilt Von den skandinavischen Ländern. In Spanien glaubten die Nationalisten, neben Tanks׳ und Flugzeugen auch judenfeindliche Parolen gegen die Madrider Regierung einsetzen zu müssen. ' Sogar im freien A m e r i k a vermeinte eine gewisse Wahlagitation —• die des ״Radiopriesters“ Caughlin —, einer gelinden Judenhetze nicht entbehren zu können; Paraguay und Brasilien haben ihre Tore der jüdischen Einwanderung geschlossen und in Südafrika haben die Grauhemden gegen jüdische Immigranten demonstriert. In :Syrien. und im Irak wurde eine lebhafte antisemitische Propaganda getrieben, die hier, im Irak, auch blutige Früchte zeitigte. Im Heiligen Lande hat der erwachende . arabische Nationalismus sogar an die hundert jüdische Opfer gefordert. Wohin wir uns wenden, allerorten stöhnt und ächzt das jüdische Volk unter der drückenden Last des Golus. Allein: ״Ich habe das Wehgeschrei der Kinder Israel vernommen... und habe meines Bundes gedacht“, spricht der Herr. Soll ER uns für den Untergang erhalten haben? Dreieinhalb Jahrtausende sind seitdem verflossen; Reiche und Kulturen sind in den, Staub gesunken, Völker und Mächte hat die Zeit verschlungen — Israel hat sie, wenn auch mit Wehgeschrei, überdauert. Nein, wir fürchten auch für die nächsten dreieinhalb Jahrtausende keinen Untergang. Denn EINER hört das ״Wehgeschr.ei der־; Kinder. Isr ael“ und, g edenkt des' 'Bundes.’.'. י׳-e. g. ' Royal Commission Kommission erscheine, die in der Kunst der Antwort bewanderter zu sein hatte als in der Kunst des — Wortes. Beide Wege sind nicht beschritten worden.' Mag sein, daß der erste Weg zu gefährlich war. Der zweite Weg war gewiß nicht zu gefährlich. Er war wohl nur zu — klug., Er verlangte, ein •Maß von!S elbstbes cheidung, das eine ״Partei“ im allgemeinen nicht aufzubringen vermag. Er verlangte. die Preisgabe des Anspruchs, daß Zionismus und jüdisches Volk identisch sei und die Jewish Agency namens des ganzen Volkes zu sprechen vermöge. Er verlangte wohl auch eine wesentliche Zügelung der Lust am — Wort. Das war alles zu schwer. So kam es, daß erst die Jewish Agency und, unmittelbar nach ihr, die Aguda vor der Kommission erschien׳. . Nach der Aguda werden der Waad Leumi, wohl. auch, der• Misrachi, wohl auch die Revisionisten vor ihr erscheinen. . <, ׳ . , ' n. ••;ד Die Haltung der Aguda״ vor der Kommission war durch zwei Tatsachen von vornherein bestimmt: , v . 1, Das eigentlibhe politische Thema war• längst überschritten. Das Auftreten der Jewish Agency hatte sich zu einer ganz allgemeinen Rechnungslegung, das Auftreten Weizmanns sogar zu einer — ideologischen Manifestation gestaltet. Weizmann aber, muß wissen, daß die Ideologie uns heute nicht verbindet, sondern׳ trennt. ' 2. Das getrennte Auftreten der Aguda, von der Jewish Agency sölber verursacht, führte der Kommission den Riß, der heute das jüdische Volk durchzieht,• mit der ganzen Kraft, einer Demonstration vor Augen und• zwang־ die Aguda zugleich, der Klage.der Thora wegen Rechts- Verkürzung, wegen 1 Bedrückung und Unterdrückung ihre Stimme zu leihen, jsumal formell Punkt 2 der Legitimation der Kommission sie׳ auch beauftragte, * in . eine Prüfung, einzutreten, ob'nicht die bisherige Art der Verwirklichung des Mandats den• Arabern oder den Juden — und ganz gewiß auch nur einem Teil der Juden -—Unrecht zugefügt habe. Die Frage des Vorsitzenden, ob nicht da3 Problem des Waäd Leumi eine innere Angelegenheit der Juden sei, sollte offenbar und, wie 36 mähehe andere Frage, die entsprechende Antwort provozieren, was daraus klar hervorgeht, daß der .,Vorsitzende alsdann diesem Problem eine eingehende Diskussion gewährte. Die Aguda als solche hat keine anderen AnUegen als die Anliegen Günstiges Herbstangebot der Firma Erstklassige Perücken in prima Ausführung nur S 70»ד- Wien I, Kärntnerring 6 Telephon ü-43-0-16 Kurze Zeit, solange der Vorrat reicht

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