Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 1 (1.1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Es war die tausendjährige Vergangenheit des jüdischen Volkes, die da in der zum Tribunal gewordenen Hotelhalle, in der die Kommission tagt, erschien, um für die Zukunft des jüdischen Volkes einzutreten. Es war die Stimme• des wahren Judentums, die da den neugierigen Herren aus London Auskünfte erteilte; es war das Gewissen des Judentums, das England, die Welt und das eigene Volk ermahnte. Wie sonderbar muß es die in der hohen Staatskunst bewanderten Gentlemen berührt haben, als sie nach den politischen. Vorträgen, die ihnen gehalten worden waren, aus dem Munde Rabbi Duschinskys zu hören bekamen, daß die Haupttriebfeder unseres Strebens nach Erez Jisroel die Erfüllung der an seinen heiligen Boden geknüpften g־ttlichen Gebote ist? Wie eigenartig muß es sie angemutet.haben, als ihnen Dr. Isaac Breuer in diesem Jahrhundert des Nationalismus, Sozialismus, Kapitalismus und tausend anderer Ismen erklärte, das Um und Auf des jüdischen Lebens sei die Thora, dieselbe Thora, die unsere Vorväter in den Kindheitstagen der Menschheit am!Sinai empfangen haben? Und was für einen Eindruck muß es bei der Kommission und unseren Brüdern in den anderen Lagern hinterlassen haben, daß eben diese Männer über die weite Kluft, die nach den also geäußerten Auffassungen zwischen ihnen und den anderen besteht, eine Brücke aus Verantwortungsbewußtsein und Liebe schlugen und jeden Unterschied zwischen Juden und Juden ablehnten? Die Aguda-Vertreter haben vor der Kommission ausgezeichneten Eindruck gemacht. Die wiederholte Berufung auf die Heilige Schrift war nicht nur ein Ausdruck der eigenen Ueberzeugung, sondern gleichzeitig auch ein kluger Appell an das ״Volk der Bibel“, als das sich die Engländer gerne bezeichnen. Die gesamte hebräische Presse widmet den Aussagen spaltenlange Artikel, die voll des Lobes und der Anerkennung sind, Besonders gerühmt werden das von der Aiguda-Delegation an den Tag gelegte jüdische Solidaritätsgefühl und die Zurückstellung der Parteiinteressen vor den gesamtjüdischen. Der zionistische ״Haboker“ sieht im Verhalten der Aguda-Führer sogar ein für alle Parteien nachahmenswertes Beispiel. Die Vernehmung Als Vertreter der Agudas Jisroel sind Oberrabbiner Joseph Dus.chinsky, Rabbi •Mosche Blau, Dr. Isaac« Breuer und im Namen der Poalim Herr S ch ein,.vor der Kgl. Kommission erschienen. Erklärung Oberrabbiner Duschinskys Die Aussage Rabbi Duschinskys, der als erster vernommen wurde, wurde durch eine —- von einem Dolmetsch verlesene — Erklärung eingeleitet, die folgenden Wortlaut hatte: ״Geehrter Lord, Hohe Kommission! Ich habe die Ehre, vor Ihnen in meiner Eigenschaft als OberrabbineV* der Agudas Jisroel zu erscheinen. Diese macht es mir zur Pflicht, die Stimme der T h o r a, die auch Ihnen heilig ist, hier hören zu lassen. Das jüdische Volk, das Volk der Bibel, hat es auf sich genommen, die Thorä für sich und für alle Völker der Erde zu bewahren und zu beschützen. Ich bin überzeugt, daß in diesem bedeutenden Augenblick Millionen jüdischer Herzen mit mir zu G-tt flehen, daß ich das Glück haben möge, die richtigen Worte zu wählen׳, die auch den Weg in Ihre Herzen finden sollen. Geehrter Lord, Hohe Kommission! Wer die Bibel I kennt, weiß, ״ daß das Volk der Thora nicht als Fremder in das Heilige Land kommt, Die ganze Bibel bezeugt, daß G-tt einen unauflöslichen Bund mit dem jüdischen Volk und dem Heiligen Land geschlossen hat. Mehr als die Hälfte der Gebote der Thora stehen mit dem Heiligen Land in Beziehung und können außerhalb dieses nicht befolgt werden. Als vor rund zweitausend Jahren ein großer Teil* des jüdischen Volkes gezwungen war, das Heilige Land zu verlassen, sah darin das jüdische Volk nicht nur seinen eigenen Ruin, sondern auch eine Gefahr für die Erfüllung der Vorschriften der Bibel. Und wenn dieses Unglück des Landverlustes ein Ruin für das Volk war, so hätte im Laufe der Geschichte das jüdische Volk'das Los anderer Völker ge-, teilt, die, von ihrem Land vertrieben, allmählich in , anderen Nationen aufgingen, wenn nicht die Thora das Unmögliche möglich gemacht und seinen׳ Weiterbestand gesichert hätte. Nicht die Verbundenheit mit dem Land gab dem jüdischen Volk die Kraft, in der Diaspora allen Widersachern zu trotzen und alle die furchtbaren Leiden, wie sie sonst kein Volk zu erdulden hatte, zu ertragen. Dieses große Wunder konnte einzig und allein der starke Glaube an G־tt und seine Thora bewirken. Und weil die Thora ohne das Heilige Land nicht zur Gänze erfüllt werden kann, hat der beste Teil des jüdisehen Volkes immer mit ebenso großer Liebe am!Heiligen Land wie an seinem Volk gehangen. So tief die Trauer um die Thora war, deren Geböte nicht ganz erfüllt werden können,, wenn das jüdische Volk fern dem Heiligen Land leben muß, so stark war die nie. erloschene Hoffnung, einst in das ,Land zurückzukehren, welches uns von der Thora und den Propheten verheißen Worden ist. Mit Rücksicht darauf, daß das Volk der Thora sich heute noch als Kind des Heiligen Landes betrachtet, wurde die Balfour-Deklaration erlassen. Und diese Erwägung war es auch, die die Berechtigung zu einem solchen Akt gab, obwohl doch auch die Araber im Lande• wohnen und sich mit ihm verbunden fühlen. Die heilige Thora hat •dem jüdischen Volk das Heilige Land versprochen. Aber die gleiche Thora verbietet es uns, das Heilige Land mit Gewalt zu besetzen und die darin wohnenden Nichtjuden zu unterdrücken. Wir sind überzeugt, daß in dem gleichen Maß, in dem die aus der Diaspora Rüokkehrenden die Gebote der Thora erfüllen werden und die nationale Heimstätte zu einer Stätte der Thora werden wird, die g-ttliche Waltung die Herzen der Araber umstimmen und aus ihnen .jede!Feindschaft und allen Haß gegen die Juden entfernen und das Heilige Land zu einer Stätte des Friedens und der ■Liebe zwischen den darin, wohnenden Nationen werden lassen wird. Bis dereinst die glückliche Zeit kommt, wo die Gegensätze zwischen den Völkern der Erde schwinden werden und die ganze Welt von der Erkenntnis G-ttes erfüllt sein wird. Im Namen des Volkes der Bibel — und so zu sprechen, fühlt Agudas Jisroel sich berechtigt — verlangen wir, daß in Uebereinstimmung mit Geist und Absicht des Mandats, welches in wundervollem Einklang mit den Prophezeiungen unserer Propheten steht, keine Begrenzungen bezüglich der Einwanderung und, des Bodenerwerbs vorgenommen werden; ebenso nachdrücklich fordern wir, daß uns die Möglichkeit gegeben werde, im Heiligen Land, diesem von der weisen g-ttlichen Vorsehung auserwählten Land, ein Heim nicht nur für G־ttes Volk, sondern auch für G-ttes Thora zu schaffen. Eines erflehe ich von der Hohen Kommission: Wendet eure Augen und Herzen der furchtbaren Lage zu, in der sich gegenwärtig Hunderttausende von Juden befinden. Von ihrem väterlichen Erbteil verstoßene Kinder, die seit der Veröffentlichung der Balfour-Deklaration von verstärkter Zuversicht erfüllt sind, setzen jetzt ihre Hoffnung auf die Hohe Kommission. Ich erwarte, daß Sie diese Hoffnungen wahr machen, und mit der Weisheüt, die G.־tt Ihnen gegeben hat, den 'richtigen Weg finden werden — zur Zufriedenheit aller Einwohner und zum Frieden des ganzen Lahdes.“ ...und seine Aussagen Lord Peel: Vor allem möchte ich Euer Ehrwürden fragen, ,ob Sie im Namen der Gesamt-Orthodoxie Palästinas erscheinen und ob es in der Agudas Jisroel Organisationen gibt, die Sie nicht vertreten? Rabb. Duschinsky; Ich erscheine vor 4er Kgl. Kom״ mission im Namen 4es Waa4 Hoir Aschkenazy un4 im Namen der Agu4as Jisroel. P.: Sind diese Organisationen nur orthodoxen Juden zugänglich? ־ R׳ D.: Diese Organisationen setzen sich nur aus ■ orthodoxen Juden zusammen. Einem Nichtorthodoxen ist” ‘ der Eintritt in diese Organisationen nicht gestattet. P.: Ich möchte besonders eine Frage klarstellen. Ich habe Ihrer Erklärung entnommen, daß Sie keine begrenzte Einwanderung gelten lassen wollen. Bezieht sich diese Forderung auch auf nichtreligiöse Juden? R׳ D.: Diese Forderung ist eine allgemeine. ׳ Wir verlangen, daß es keine wie immer gearteten Einvvanderungsbeschränkungen geben soll. P.: Berücksichtigen Sie nicht einmal den Grundsatz der Aufnahmefähigkeit?; ־ R' D-: Wir verlangen Einwanderung gemäß den Bestimmungen des Mandats. : ■ P.: Welche Forderungen erheben Sie bezüglich Ihrer Gemeinde? Verlangen Sie für diese die gleichen Rechte, die der Waad Leumi genießt? Rabbi Blau: Jawohl. P.: Und das soll den Ausdruck darin finden, daß Ihre Schulen anerkannt und unterstützt werden, daß Ihnen separate Zertifikate ausgefolgt werden und daß der Sabbat in den jüdischen Städten als gesetzlicher Ruhetag festgesetzt wird? R׳, D.: Was die Alijah betrifft, bitte ich, daß diese Frage separat behandelt wird. Sie hat mit dem Problem der separaten Gemeinde nichts zu tun. Rabbi Mosche Blau sagt aus Lord ׳Peel: Jetzt möchte ich folgende Frage an Sie . richten: Der Waad ׳Leumi’ist als Vertreter des׳ 'jüdischen- Volkes in Palästina anerkannt, der berechtigt ist, mit der Regierung zu verhandeln. Ich möchte nun fragen, ob Sie uns für das richtige Forum für die Erhebung Ihrer Forderung halten, da wir doch eigentlich nur •die Fragen, die־ zwischen Juden und Arabern auf treten, zu erforschen haben. Rabbi Blau: Wir stützen uns auf Punkt 3 der Erklärungen der Kommission, worin es, heißt, daß sowohl Juden als auch Araber das Recht haben, mit jeder Beschwerde gegen die Regierung vor diese Kommission zu. treten. P.: Für welchen Teil der Bevölkerung sprechen Sie? R׳ Bl.: Für ein Fünftel. P.: Zählen Sie nur in einzelnen Teilen des Landes Anhänger oder in ganz Palästina? R׳ Bl.: Im ganzen Lande. Unsere Forderungen möchte ich in drei Punkte gliedern. Wir verlangen: 1. Besteuerungsrecht für unsere Gemeinde. 2. Das gleiche Recht für unser Rabbinat, wie es das allgemeine besitzt. 3. Finanzielle Beihilfe für die Erziehungsarbeit. P.: Soll mit der Anerkennung Ihrer Gemeinde auch das Recht verbunden sein, vor der Regierung selbständig zu erscheinen? , ׳ ־׳; R* Bl.: Jawohl. P.: Gibt es eine Gewähr dafür, daß, falls Ihre Forderungen erfüllt werden, niemand mit weiteren kommen wird?; R* Bl.: Wir können hierfür keine Verantwortung übernehmen. Es muß Forderungen geben, die auf ideologischen Unterschieden basieren. Der Waad Leumi z. B. legt seinen Forderungen nationale Motive zugrunde, die Aguda jedoch den ihrigen die Thora. Ich glaube, daß nach Anerkennung unserer Gemeinde jeder seinen . Platz finden wird können: Entweder bei uns oder bei den anderen. ' P.: Werden Einwände dagegen erhoben werden, daß eine einheitliche Körperschaft die Forderungen für alle Teile der jüdischen Gemeinschaft formuliert r R’ Bl.: Wir haben eine solche einheitliche Körper- Schaft vorgeschlagen, unser -Vorschlag aber wurde nicht angenommen. Sir Horace Rumbold: Es ist uns zur Kenntnis gebracht worden, daß Verhandlungen mit dem Waad Leumi : über ein Zusammengehen stattgefunden haben. R׳ Bl,: Wir betrachten diese Verhandlungen als ge-; scheitert. Sir Horace Rumbold: Wegen der Frage des Wahlrechts für Frauen? R? Bl.: Dies war bloß ein Moment neben anderen.; Sir Horace Rumbold: Sind Sie gegen das Stimmrecht für Frauen? R׳ Bl.; Jawohl. Sir Horace Rumbold: Sie verlangen einen Anteil an der Arbeit an den Bahnen .und hei der Post, Wie ist; es mit der Einhaltung des Sabbaths? / R׳ Bi.: Das läßt sich regeln.» Günstiges Herbstangebot der Firma Erstklassige Perücken in prima Ausführung nur $ 70• Wien I, Kärntnerring $ Telephon ü-43-0-16 Kurze Zeit, solange der Vorrat reicht