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Jüdische Presse · 1936-10-23 · 36 (23.10.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
22 (1936)
Issue
36 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ätfrtnor« ■ ofptttnft povöteu« fHän pm * * * t Bt*tiMA*9 m. 4161*3540 V.b. b. «T. A mmngm mm Verleger?e«semtet itpOdIO p*t VMlteüf f|3 WIEN. BRATISLAVA.• *d OKTOBER W6 ז חשיז תרצי? % 22, Jahrgang / Nummer 36 rnvvvv Redaktion und Administration: Wien, H., Im Werd Nr..6, Telephon A-46-0-15; Tschechoslowakei; Bratislava, Postfach 381 / Erscheint Jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementprelse: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kö 80, Jugoslawien Dinar 166, das übrige Ausland Schw. Pr, 14. Einzelnummer bst. Gr, 40, Zahlungen i. ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Post- Sparkassenkonti: Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 193.316, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. vm, 4117, Berlin Nr. 122.619, ORGon für Die mTCRessen Des 0RTH0D0Hen juDemums Der )udisduantisemitisdie Bolschewismus Julius Streicher und sein ״Stürmer" haben den Ritualmord und die antisemitische Pornographie diskreditiert; sie sind für Alfred Rosenbergs ״Völkischen Beobachter" und die übrige deutsche Presse unbrauchbar geworden. Darum hat man sich ein neues Märchen und dazu noch ein politisch verbrämtes erfunden: den ״j ü d isehen Bolschewismus". Der ״jüdische Bolschewismus" muß bei der deutschen Außenpolitik he.rhalten und die gewaltigen Rüstungen des Dritten Reiches rechtfertigen. Er bildete das Thema des ״Parteitages der Ehre" und . von ihm lebt die neudeutsche Presse. Der ״jüdische Bolschewismus" ist — und das erzählt man nicht nur den Deutschen — der Dämon unserer Zeit, der bei allem Unglück seine Hand im Spiele hat. In den Köpfen Hitlers, Mosleys, Francos und kongenialer Geister malt er sich als Ausdrucksform des jüdischen Machtwillens, als eine Dependance ״Alljudas", als Instrument seiner Weltbeherrschungsaspirationen. Daß t a usende Synagogen in Rußland geschlossen .und enteignet wurden, daß die Beobachtung der jüdisch-religiösen Vorschriften und das hebräische Wort als ״konterrevolutionäre Akte" mit schweren Strafen belegt werden, wer kehrt sich daran, wenn der Bolschewismus unter allen Umständen ״jüdisch" sein soll? Daß das Wesendes JudentumsinderReligion besteht und der Bolschewismus als sozusagen berufsmäßiger Bekämpf er dieses ״Volksopiums" der natürliche Feind der jüdichen Religion ist, wen ficht das an, wenn man den Bolschewismus um jeden Preis ״jüdisch" haben will? Daß die. deutsclie Regierung im. Jahre 1917 Lenin im Salonwagen nach Rußland schickte und so die kommunistische Revolution erst ermöglichte^.'ist.eine nicht zu beachtende Bagatelle angesichts• der Tatsache, daß der Bolschewismus nun einmal eine ״Verschwörung des Weltjudentums" darstell'en muß. Eine Verschwörung des Weltjudentums — obwohl, wie die ״Germania" vom 5. Jänner 1932 schrieb, ״das Zentralkomitee der kommunistischen Partei ein Geheimdekret während der Bürgerkriege herausgegeben hat, das in sich das Verbot enthielt, an die Spitze einer militärisehen Einheit mehr als einen Juden zu stellen, in die Flotte Juden in der ersten Zeit auf Kommandostellen überhaupt nicht zugelassen wurden und auf jeden Fall mit aller Entschiedenheit gesagt werden muß, daß die Erzählungen über eine bevorzugte Stellung der Juden entweder grober Unwissenheit oder böswilliger Verbreitung falscher Tatsachen zuzuschreiben sind". Das Kriterium für eine ״Verschwörung des Weltjudentums" war einzig und allein — aber für boshafte Zungen und unkritische Köpfe auch hinlänglich — dadurch gegeben, daß eine Handvoll Männer, die dem Judentum entstammten, während der russischen Revolution und der folgenden Jahre eine gewisse Rolle gespielt haben. Daß diese Selbstverlorenen gerade ihrer verlassenen Gemeinschaft mit unerbittlichem Haß gegenüberstanden, wird von den antisemitischen Demagogen geflissentlich verschwiegen. Jeder rechtlich denkende Mensch: ,würde den Versuch zurückweisen, das deutsche Volk als Ganzes für den Nationalsozialismus, der doch K schließlich seine herrschende Staatsform bildet, verantwörtlich zu machen. Dem Judentum aber werden — auch von Kreisen, von denen man Wahrheit und Gerechtigkeit erwarten sollte — ein paar Abtrünnige schwer angelastet; ihre Taten gelten für die Taten des jüdischen Volkes, ihre Schuld wird als Schuld unserer ganzen Gemeinschaft betrachtet und — zuweilen auch geahndet . . . Wenn aber schon einzelne jüdische Politiker — gegen ihren und unseren Willen! — als Exponenten des Gesamtjudentums aufgefaßt werden, warum dann diese konsequente Einseitigkeit? Warum hat man nicht den! preußischen Konservativismus, dessen geistiger und organisatorischer Vater Friedrich Julius S tahl war, als jüdische Mache hingestellt? Müßten nicht bei folgerichtiger Anwendung des Grundsatzes ״Alle für einen" die anerkennenden Worte, die dieser ehemalige Jude Schlesinger als Theoretiker und wissenschaftlicher Begründer der Lehre vom ״christlichen׳ Staat" erst jüngst auf der nationalsozialistischen Rechtslehrertagung gefunden hat, auf das ganze jüdische Volk Bezug haben? Und Theodor Düst erb erg, Enkel Abraham Seligs und dabei Bundesführer des ״Stahlhelm", warum rechnet man uns allen den nicht an? Und den Earl of Beaconsfield, den Führer der englischen Tories, der ein- CTEYD -Sf) peltektioLNeudegger-Fahrschulon 1P | ■1. י II VV Wien VIII. Tel. 8-46-5-72 und Inzeredorf, N.-Oe. Abholung vom Hause! mal Benjamin Disraeli geheißen,. und den französischen Rechtspolitiker Mandel und die. zahlreichen anderen konservativen Staatsmänner jüdischer Herkunft? Warum vergißt man so gern auf diese und! denkt immer wieder nur daran, daß es einst einen Trotzky und einen Sinowjew gab? Einst gab! Denn schon im April 1930 schrieb ״Der Weltkampf": ״Stalin hat den Juden Trotzky-Braunstein entthront . . ., dem anderen mächtigsten Juden Rußlands, Sinowjew-Apfelbaum, hat Stalin das Rückgrat gebrochen. Nicht anders war es mit Radek und zahlreichen Juden mittleren Einfluses." Diese Feststellung gewinnt erhöhte Bedeutung, wenn man bedenkt, daß ״Der Weltkampf" ein nationalsozialistisches Organ und der Autor des Artikels Graf Ernst Reventlow, einer der ersten Schrittmacher des Nationalsozialismus, ist. Die Erzeuger der ״öffentlichen Meinung" in );Deutschland müssen also schon seit geraumer Zeit wisseh, wie.es in Wahrheit um den ״jüdischen. Bolschewismus"' bestellt ist. Auch ist es im Dritten Reich ebenso wie in der übrigen Welt nicht unbemerkt geblieben, daß die weitaus meisten der nach dem Sinowjew-Prozeß Hingerichteten Juden waren. Noch mehr: Während Männer wie Winston Churchill in diesen Vorgängen einen Beweis gegen׳ das Märchen vom ״jüdisehen Bolschewismus" sahen, hat sie Herr Goebbels und somit die ganze deutsche Presse als ״Befreiung des Russentums von seinen jüdischen Zwingherren" gedeutet. Und dennoch: der Bolschewismus ist seither nicht weniger ״jüdisch" geworden! Denn so und nicht anders braucht man ihn in der Außenlind Innenpolitik, als Vorwand für unpopuläre wirtschaftliche Maßnahmen, als Attraktion auf Parteitagen und als Lesestoff für den. gruseligen Spießer. Und wenn die ״Deutsche Allgemeine Zeitung" sich jetzt über den Sturz des Innenministers Jagoda und seiner Ersetzung durch Jeshow aus Moskau melden läßt: ״Der Fall erhält eine besonders pikante Nuance dadurch, daß. Jagoda Jude, Jeschow aber Russe ist. Aus verschiedenen kleinen Anzeichen, die im Zusammenhang mit dem Trotzkistenprozeß zutage traten, ließ sich schließen, daß antisemitische Regungen dabei eine Rolle spielten .." — so ändert sich darüber hinaus nichts: der Bolschewismus wird weiter ״j ü d i s c h" bleiben wie zuvor. Wohl gönnt man einerseits den Juden nicht die Freude daran und verzeichnet jetzt immer öfter mit Genugtuung und Behagen das Bestehen eines antir semitischen Kurses in Sowjetrußland, andererseits aber kann der deutsche Siegfried den Drachen nicht entbehren und — müßte man ihn auch erfinden. Darum ist der Bol:• schewismus den Juden zum Trotz antisemitisch und den Deutschen zuliebe jüdisch... Wie sich das reimt, ist allerdings auch mit deutscher Gründlichkeit nieht zu ergründen. Ein Umstand, der weiter nicht störend wirkt. Denn schuld ist ja nur der ״jüdische Bolschewismus", was in diesem besonderen Fall sogar unstreitig richtig ist. Emanuel Geldwerth. Original englische und frunz. Stoffe fü Tuchhaus D.Tabak!, für Damen und.Herren SALZGRIES NR 5. Von Kommerzialrat Moriz Leitner. Die orthodoxe Judenschaft Wiens hat bekanntlich im Jahre 1932 den Entschluß gefaßt, den Kultu'svorstand nicht mehr zu beschicken. Es wird daher jetzt die Tatsache, daß einer der prominenten Führer der Orthodoxie, Komm.-Rat Leitner, auf der Liste der ״Union österreichischer Juden" kandidiert, lebhaft kommentiert. Herr Komm.-Rat Leitner ■hat;uns über seine Beweggründe die folgende Information erteilt, die wir mit Rücksicht auf seine hervorragende Stellung in der Orthodoxie als seine persönliche Meinung wiedergeben. Die Redaktion. . Dezennien hindurch hat sich die Wiener orthodoxe Judenschaft, deren geistiges Zentrum und Organisation die Adas Jisroel (Schiffschul) war und ist, darauf beschränkt, für alle, religiösen Bedürfnisse der glaubenstreuen Judenschaft zu sorgen. ,Eine Beteiligung an der Führung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ist nie in Frage, gekommen. Eine religionsgesetzliche Ent- Scheidung unseres־ verewigten großen Führers, Rabbi Salomon Spitzer s. Z. 1., die von vierhundert der größten rabbinischen Autoritäten seinerzeit bekräftigt wurde, hat der Orthodoxie den Austritt aus der Kultusgemeinde und dag Streben nach Autonomie zur Pflicht gemacht. Der Umstand, daß das Statut der Kultusgemeinde und auch die Praxis es ermöglichen, daß im Gegensatz zu anderen Konfessionen die Führung der Kultusgemeinde trotz ihres rein religiösen Charakters, in die Hände a- und antireligiöser Männer geraten kann, hat es uns auch während unserer Zugehörigkeit zum Kultusvorstande unmöglich gemacht, wirksam für das religiöse Judentum tätig zu sein. Denn die Erwägung, zu versuchen, im Kultusvorstand für die Orthodoxie tätig zu sein, ließ erst die Niederlassung zahlreicher glaubenstreuer Juden aus dem Osten während des Krieges und in der Nachkriegszeit zu. Drei Wahlperioden lang haben sich die orthodoxen Mandatare ehrlich bemüht, nach dieser Richtung hin‘Erfolge zu erzielen, leider ohne nennenswerte Ergebnisse. Im Jahre 1932 haben die orthodoxen Mandatare im Einvernehmen mit den verantwortlichen religiösen Führern der Orthodoxie beschlossen, aus dem Kultusvorstand auszuscheiden. Die ־־ Neuordnung der Verhältnisse in Oesterreich im Jahre 1933 ließ die Hoffnung zu, daß die religiöse Einstellung der österreichischen Bundesregierung die Verwirklichung unseres Zieles, die Errichtung einer selbständigen orthodoxen Gemeinde, ermöglichen wird. Tatsächlich haben auch alle amtlichen Stellen und Behörden für unsere Bestrebungen volles Verständnis ge■• zeigt und nur die Fülle der Arbeit, die mit der Neu- Ordnung der Dinge in Oesterreich verbunden ist, und nicht zuletzt die mit allen zu Gebote stehenden Mitteln von der Kuitusgemeinde betriebene Gegnerschaft konnten, die positive Erledigung unseres. Ansuchens um. Auto:, nomie hinausschieben, jedoch nicht verhindern, weshalb die Kultusgemeinde in der letzten Zeit das deutliche Bestreben gezeigt hat, die berechtigten Minimalforderungen der Orthodoxie zu erfüllen, ohne jedoch die grundsätzliehe Einstellung der Orthodoxie zur Gemeindefrage anerkennen zu wollen’. . Ich sah mich — nicht im Zusammenhang mit den Kultuswahlen — veranlaßt, mein Mandat in der Adas Jisroel zurückzulegen. Nun habe ich eine Kandidatur auf der Liste der ״Union österreichischer Juden" ange: nommen, um darüber wachen zu können, daß die ge-׳ rechten Wege der Orthodoxie nicht weiterhin gekreuzt werden. Eine Kandidatur auf einer anderen Liste als auf der der Union, kam für mich und meine Gesinnungsfreunde schon deshalb nicht in Frage, da die ״Union“ jene Organisation ist, die die Grundprinzipien der Orthodoxie: Entpolitisierung der Kultusgemeinde, und Wahrung deren rein , reli: giÖsen.Charakters, zu ihren eigenen gemacht hat. Wenn uns auch von der Praxis der Union auffassungsgemäß eine Welt scheidet, so können wir dooh — insolange das Majoritätsprinzip in der religiösen Gemeinde ausschlaggebend ist, trotzdem es von der religiösen Grundetostellung der .Orthodoxie und von der heute in Oesterreich geltenden politischen Auffassung abweicht -ך• nur für jene Partei entscheiden, die das Primat des Religiösen anerkennt und so zumindest nicht in Kampf- Stellung zu uns kommen kann. In diesem Sinne werde ich meine Freunde zur Wahl der Union beeinflussen: Die neue Adresse unserer Hauptgeschäftsstelle und Redaktion in Wien lautet: 11,1m U/etdHc.6 Telephon unverändert A46*0־d5 ״ßdistUe■ Vmse" |||||||H günstiges Herbstangebot der Firma Erstklassige Perücken in prima Ausführung nur S 70.— Wien I, Kärntnerring 6 Telephon U-43-0-16 Kurze Zeit, solange der Vorrat reicht

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