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Jüdische Presse · 1936-09-30 · 34 (30.9.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
22 (1936)
Issue
34 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nrv34 Seite 3 Brief aus Polen Polet! ist noch immer uttd auefc auf absehbare Zeit hinaus das *»jüdischeste" Land der!Welt״ Quantitativ und qualitativ! Kein anderes Land weist eine solche jüdische Massensiedlung auf wie Polen und nirgends bildet das jüdische Element so ein Charakteristikum der Städte und größeren Ortschaften wie eben hier. Nirgends leben im Volke die alten Traditionen so fort, beherrschen sie so den Alltag des Ein* zelnen, wie beim polnischen Judentum. Nirgend aber ist auch — und das ist ebenfalls ein Kriterium für das Jüdische — die Judennot so groß wie gerade in Polen. Die wirtschaftliche Situation der Juden war hier immer trist. Die Krise, die jetzt in der ganzen Welt grassiert, hat ihnen aber den letzten Rest von Boden unter den Füßen entzogen. Ihre Existenzmöglich* keiten sind fast auf Null zusammengeschrumpft. Mit dieser ökonomischen Entwicklung geht eine politi* sehe Zuspitzung parallel, die eine scharfe Boykott* und Expropriierungsbewegung zur Folge hat. Aber damit begnügen sich die Antisemiten nicht. Sie wollen jüdisches Blut sehen! Und so sind in den letzten Monaten fast täglich jüdische Leben der Hetze der Nationaldemokraten (Endeken) und Nara- Leute zum Opfer gefallen. Wenn diese auch keineswegs die Mehrheit und nicht einmal allzu große Teile des polnischen Volkes repräsentieren, so sind sie doch die agilste und aktivste politische Gruppe des Landes. Von den anderen Parteien hat sich nur die der Arbeiter ausdrücklich gegen den Antisemitismus erklärt. Die übrigen haben sich weder dafür noch dawider ausgesprochen. So die Bauernpartei, die zahlenmäßig stärkste Riehtung in Polen, und die ׳Regierungsgruppe, in der sich allerdings seit einiger Zeit bedenkliche Tendenzen bemerkbar machen. Darum richtet jetzt die Judenschaft ihre Blicke hoffnungsvoll auf den nun offiziell als Nachfolger Pilsudkis anerkannten General Rydz-Smigly, von dem sie Gerechtigkeit und Schutz erwarten zu dürfen glaubt. Besonders kennzeichnend für die unsichere Lage der Juden, in Polen ist die in stetem Wachsen begriffene Auswanderungsbewegung, deren Ziel naturgemäß in erster Linie das Heilige Land ist. Eine Drosselung der Immigration dahin würde deshalb das polnische Judentum am schwersten treffen, eine Erkenntnis, die auch die polnische Regierung teilt und durch ihren Gesandten in London vertreten hat. In das abgelaufene Jahr fällt auch der Kampf um die S c h e c h i t a, der noch in -allgemeiner Erinnerung ist und es gewiß noch lange bleiben wird. Bekanntlich hat dieser Kampf nicht mit einem Sieg der Juden geendet. Aber 'auch nicht mit einem ihrer Gegner. Zu Beginn des nächsten Kalenderjahres wird eine Kompromißlösung in Kraft treten, die wohl nicht den angeblichen Beweggründen der Kampagne, der Humanität, gerecht wird, dafür aber deren wirklichen Zweck, die Vernichtung zahlreicher jüdischer Existenzen, erfüllt. Die bei dieser Gelegenheit zutage getretene Einigkeit und Geschlossenheit des polnischen Judentums war nur ad hoc. Nach wie vor herrschen heillose Zersplitterung und Zerrissenheit. Den bedeutendsten Faktor im jüdisehen öffentlichen Leben stellt die Agudas Jisroel dar. Sie verfügt hierzulande sowohl über hervorragende Führerpersönlichkeiten, als auch über ausgezeichnetes Menschenmaterial. Die jüngsten Kultuswahlen haben bewiesen, daß die organisierte Orthodoxie unter den breiten Massen immer mehr an Boden gewinnt. Dies gilt auch für Waraehau, wo wegen der erhöhten Wahlziffer trotz des Stimmenzuwachses ein Mandatsverlust zu ver* Zeichnen war. Die Leistungen der Aguda sind angesichts der obwaltenden wirtschaftlichen und seelischen Depression als wahre Wundertaten anzusprechen. Besonders hat das orthodoxe Ghinuchwesen -rdessen Stolz die Beth* •Jakob-Institutionen^bilden —•. ungeahnte Er* folge aufzuweisen. Im beginnenden Jahr soll trotz der Not der Zeit das Werk der Agudas Jisroel in unvermindertem Maße .weitergeführt werden. Denn sie ist sich der hohen und heiligen Aufgabe der GegenWart bewußt» die da lautet: Erhaltung des polnischen Judentums als großer physi* scher und geistiger Rückversicherung des ganzen Welt- Judentums! —ldw— Die Kultuswahiea in Polen Vergangene Woche trat der heugewählte Vorstand der Warschauer Jüdischen Kultusgemeinde zu seiner ersten Sitzung zusammen, die elf Stunden dauerte und in der es zu stürmischen Auseinandersetzungen kam. Bei der vorgenommenen Konstituierung der fünfgliedrigen Gemeindeverwaltung wurden mit Stimmenmehrheit zwei Agudisten (Senator Trockeflheim und Vizepräsident Lern er), zwei Angehörige des ״Nationalen Blocks" und ein Bundist gewählt. Die von den Regierungsbehörden genehmigte Wahl- Ordnung für die jüdischen Kuitüsgemeinden in Polen enthält bekanntlich einen Paragraph, der areligiöse Juden vom Wahlrecht ausschließt. Dieser Paragraph (§ 20 der Wahlordnung) wurde jedoch von den Agudisten bisher aus prinzipiellen Gründen nicht zur Anwendung gebracht. Unter dem Eindruck des traurigen Wahlresultates in ZUR FESTTORTE DR.OETNERS BACKPULVER lVANILLINZUCKER; Von der Jesehiwoh- Pädagogik Von Rabb. M. Jakobovits in Strasbourg Wir veröffentlichen diese Ausführungen als private Meimingsäußerungen und Vorschläge des Verfassers, — Redaktion. Jedes Zeitalter hat seine aus der wirtschaftlichen und geistigen Struktur des Landes entstehenden Er- Ziehungsprobleme. Jüdische Erziehungsaufgabe gestaltet sich um vieles komplizierter. Die Sicherheit des Zieles: die Jugend zu Thora wissen und Thoratreue zu erziehen, ist durch die andersartige Umwelt, in die der Bochur nach der Studienzeit hineintreten muß, stark gefährdet. Dazu kommen die größeren Anforderungen an materielle und persönliche Opferwilligkeit des Einzelnen. Die grundlegenden Erziehungsstätten der Juden sind von jeher die Jeschiwos. Mit dem Wandel der Zeitprobleme müßte auch die erzieherische Seite der Jeschiwo eine Umstellung erfahren, um ihr kostbares Erziehungsziel auch über die ,,Lernzeit" hinaus in dem Lernenden zu sichern. Nicht gering ist die Zahl derer, die auf den Jeschiwos zu außergewöhnlichsten Hoffnungen berechtigten, im Leben aber nicht die religiöse Festigkeit besaßen, dem Ansturm des Zweifels zu trotzen, die so dem thoratreuen Judentum verloren gingen. Die weitaus größte Zahl der Bachurim ist dem Erziehungsziel der Jeschiwo treu geblieben, sie fordern auch für die neue Generation ״Erziehung durch Jeschiwos“, aber nicht durch die Stätten ihres Heimatlandes. Sie lehnen es ab, diese materiell oder ideell zu unterstützen (? — Red.), denn sie stehen in keinem inneren Verhältnis zu ihnen.!Sie bewerten von vornherein den aus fremder Jeschiwo stammenden Talmid Chochom höher als den Heimatgenossen, ohne in Betracht zu ziehen, daß das frühere Ungarn nahezu der ganzen westlichen Welt die bewährtesten geistigen Führer gegeben hat, Dagegen verstehen es in anderen. Ländern die Jeschiwos meisterhaft, für Generationen hindurch ihren Schülern ein Gefühl innigster Verbundenheit mit der Lehranstalt und ihren Hörern einzupflanzen. In welchen Ur- Sachen mag das begründet sein, daß den erstgenannten Gefühl und Wertschätzung für ihre Jeschiwos, die ihnen geistige Heimat bleiben sollten, verloren gingen? In erster Linie haben die Jeschiwos es versäumt, ihren Hörern eigene Wertschätzung und die Wertschätzung ihrer Jeschiwos und deren Lehrmethode fest einzuprägen, Der Grund dieses Versäumnisses lag darin, daß man den Wandel der Zeit nicht genügend beobachtete,. Im Eifer, nur Thora zu lehren, hat man der Wirkung auf den Schüler zu wenig Beachtung geschenkt, während gegen* wärtig jede Sicherstellung, eines Erfolges von der vorher berechneten Wirkung abhängig isf, Der Bochur jedoch, dem der Wert der Jeschiwo-Erziehung nicht intensiv genug zum Bewußtsein gebracht wurde, schiebt alle Mißerfolge im Leben und alle Unbill des Lebens auf diese Erziehung zurück. Die Freude am Lernen müßte die seelische Grundhaltung des Bochurs sein. Aus dieser Freude erwächst der Stolz auf das Wissen; das Glück, einem solchen Ziel zuzustreben, einer׳ Gemeinschaft von Gleichgesinnten und -strebenden anzugehören, verscheucht jeden Minderwertigkeitskomplex. Gegenseitige Hochschätzung adelt das Zusammenleben, von• jüdischem Geist beseelte Geselligkeit schließt das Band fester untereinander. Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Einstehen füreinander läutern den Charakter. Um ein dauerndes treues Freund- Schaftsverhältnis zu erzielen, muß die Jeschiwo sich auch das materielle Wohl des Jugendlichen angelegen sein lassen, nicht nur während der Studienzeit durch Internat und Mensa, sondern auch in der Berufsfrage soll die Jeschiwo beratend und betreuend dem Bochur zur Seite stehen, z. B. durch Angliederung von Gewerbe- und Handwerkerschulen. Die Vereinigung ״Machsike Hajeschiwoth" könnte in Verbindung mit dem KerenHathora die Aufbringung der Kosten übernehmen. Um die Ausgaben zu vereinfachen, könnten die verschiedenen Ausbildungsstätten nach einzelnen״ Berufen auf verschiedene Jeschiwos verteilt werden. Um dem Einwand zu begegnen, daß durch diese י praktische Arbeit das intensive Lernen ׳ beeinträchtigt" werden könnte, müßte man eine Altersgrenze zum Eintritt in die Berufsschule festsetzen und außerdem ein großes Quantum an Th'ora-Wissen fordern, von dem sich die Leitung durch Prüfung überzeugt. In dieser Weise würde man die Jugend in der Hand behalten und. wäre in der Lage, ihr im reiferen Alter den hohen Wert einer vom Thorazentrum aus geleiteten Erziehung nachhaltig zum Bewußtsein zu bringen. Die Jugend selbst reicht uns die Hand hin. Sie wartet und erwartet, daß eine geistige Führung ihr den Weg zur ״Totalität des Judentums“ zeige. Sie sehnt sich danach, daß ihr Geist, an Tnach und Schass g ereif t, es lerne, nur von diesem Blickpunkt a u s alle Probleme des Lebens zu betrachten und zu meistern. Durch eine solche begeisterte Jugend würde das Erziehungsziel der Jeschiwo sichergestellt, die Verbundenheit mit der Jeschiwo eine dauernde werden. Darüber hinaus würde auch die Jugend der Häuser, die der Jeschiwo ferner stehen .oder der Thora verloren gehen könnten, angezogen und mitgerissen werden, die Hallen des Lehrhauses aufzusuchen. Das Streben unserer Zeit ist für die allgemeine jüdische Jugend: von der Peripherie zum Zentrum. Diese Vorschläge sind mir keineswegs aus bloßer Lust am Kritisieren, auch •nicht aus revolutionärem0 Geist diktiert worden, sondern einzig und allein ans reiner Liebe zum Lernen und aus der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß die Jeschiwo mit ihrer historisch gegebenen Lehrweise die einzig mögliche Erziehungsstätte der Jugend war, ist und bleiben wird״ ׳ ,! Kein Tag ohne Kaffee Trinken sie MeinMCatteel Warschau, stellte nun der agudistische Vorsteher der Lodzer Kehillah, Redakteur Friedensohn, in der letzten Gemeindesitzung den Antrag, bei den im November in Lodz abzuhaltenden Kehillawahlen erstmalig diesen § 20 In Anwendung zu bringen. Nach einer längeren Debatte wurde hierauf beschlossen, daß der § 20 zu* nächst für alle jene Personen angewendet wird, die sich bei irgend einer Gelegenheit öffentlich als religionslos bezeichnet haben, wobei in jedem einzelnen Fall die Wahlkommission zu entscheiden habe. Bei der ersten Sitzung der Wahlkommission wurde bereits einer Reihe von führenden ״Bundisten“ das Wahlrecht entzogen. Die Wahl des Vorstandes der Lodzer Kehilla, die 200.000 Juden und mehr als 50.000 Wähler zählt, soll am 15. November stattfinden. Das neue Schächtgesetz In Polen Vergangene Woche wurde das am 1. Jänner 1937 in ganz Polen in Kraft tretende Gesetz, betreffend die ׳Schlachtung von Tieren veröffentlicht, das bekanntlich den Betäubungszwang vorsieht, dabei aber ein Kontingent von Rindern, Pferden (!), Schafen usw. für die rituelle Schächtung zuläßt. Die Höhe des Kontingents wird vön der politischen Behörde bestimmt, bei der die Metzger, die Koscherfleisch führen wollen, um eine spezielle Konzession ansuchen müssen. Die Erteilung der Konzession wird von verschiedenen Bedingungen abhängig gemacht. Das für die rituelle Schächtung zugelassene Vieh muß nach der Schächtung als Koscherfleisch kenntlich gemacht werden und darf nur in dem Laden verschleißt werden, der in der Konzession, auf Grund der die Schächtung erfolgt ist, bezeichnet ist. Jeder Großhandel mit Koscherfleisch ist somit verboten. Das neue Tierschla,chtgesetz wird zweifellos eine gewaltige Teuerung des Koscherfleisches und einen starken Absatzrückgang an Schlachtvieh überhaupt zur Folge haben.’ Vielen tausenden unbemittelten Juden wird durch dieses Gesetz jeder Fleischgenuß unmöglich gemacht, während 30.000 jüdische Familien, die vom Fleisch- und Viehhandel lebten, vollkommen existenzlos werden. Dieses sogenannte ״Tierschutzgesetz" hat ausschließlich antisemitische Motive und hat mit dem Gedanken des Tier- Schutzes gar nichts zu tun. K"״et Schulbücher neu und antiquarisch In der Bücherstube Rath & Co. , - - - Wien 11,-Taborstr. 20a, Tel. 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Der kleine Junge hat geradezu eine Pogrom- Stimmung auf der Bank entfacht; seinem ganzen Stamm wird wieder einmal unerbittlicher Kampf angesagt. Man schmäht und verwünscht ihn, stößt Flüche und Drohungen aus; denn am schlechtgezielten Wurf des ״Judenbankerts“ sind nun einmal, wie an allem Unglück auf dieser Welt, ״die Juden“ schuld! Zu gleicher Zeit wurde nur einige hundert Meter entfernt über Frau Luner zu Gericht gesessen. Der Staatsanwalt, der Vorsitzende' und das große Zeitungs- Publikum haben der Angeklagten gegenüber hur das Gefühl unsagbaren Grauens und grenzenloser Abscheu. Und dennoch ist es keinem eingefallen, auch nur ihre nächsten Verwandten, zu denen sie durch die Bande des Blutes gehört, mitverantwortlich zu . machen. Niemand hat — von der formellen Aufnahme der Personalien abgesehen — nach dem konfessionellen Bekenntn i s Frau Luners gefragt oder besondere Betonung auf ihre Volkszugehörigkeit gelegt. Alle Welt sieht in ihr ein Einzelindividuum, das allein ׳gefehlt hat und das auch allein sühnen soll. Der Jude aber, in seiner Art zu meditieren und die Dinge ringsum in Beziehung zu sich zu bringen, wälzt einen furchtbaren Gedanken in seinem gequälten. Hirn: ״Was wäre, wenn diese Frau Luner durch den Zufall der Geburt dem Judentum angehörte?“ Mit noch größerem Entsetzen, als ihm deren Untaten einflößen, liest er in tausend Zeitungen, hört er aus hunderttausend Mäulern: ״Die Juden!“ Jawohl: die Juden. Man würde sich nicht damit begnügen, mit diabolischer Freude zu schreiben und zu schreien: ״Ein Jude ist's!“ Nein: ״Die Juden!" hieße es, Alle, alle wären sie mitschuldig und angeklagt׳,. So paradox und grotesk es klingt: die Juden haben beim Fall Luner großes Glück gehabt. Das Glück, daß Frau Luner eben keine: Jüdin ist. e. g. Sind Sie geistig oder körperlich ermüdet? Massieren Sie, über ärztlichen Rot, Ihren Körper tüchtig mit Alpa- Franzbranntwein. Dieser■ verbessert den Blutkreislauf, stärkt die Muskeln und erfrischt die Nerven. Alpa wird aus reinem Weingeist erzeugt. ׳׳׳

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