Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 22 (1936)
- Issue
- 5 (31.1.1936)
- Date
- 1936-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kleine Tube S —BO Große Tube S 1.40 Franzbranntwein bei Kreuzschmerzen un d Gliederreißen ALPA Der moderne Rabbinismus ״Die W ä ch ter sind alle blind, ohne W is s en, alle stumme Hunde, die nicht bellen können, liegen da und schlummern gern/1 (Jes. 56, 10.) ״Die Priester sprechen nicht: w o ist der Ewige? Die Handhaber der Lehre kennen mich nicht und die Hirten sündigen gegen mich“ (Jer. 2, 8.) ״Die Priester freveln an meiner Lehre und entweihen meine H eiligtü me r; zwischen Heilig&tn und Unheiligem unterscheiden sie nicht; den Unterschied zwischen Unreinem und Reinem verkünden sie nicht; vs<0 r meinen Sabbat hen verschließen sie ihre Augen und Ich werde unter ihnen entweih t.“ (Jech. 22, 26.) Ein nahezu hundertjähriger Kampf ist im letzten Jahr in ein entscheidendes Stadium getreten. Die Schiff schul, deren geistigen Grundstein gleichsam die Selbständigkeit der Orthodoxie bildete, hat die Gelegenheit, die die Errichtung des positiv-religiösen. Regimes in Oesterreich bot, wahrgenommen und den Schritt getan, der endlich zum langerstrebten Ziel führen soll. Daß dieser von den Gesinnungsfreunden in aller Welt lebhaft begrüßte Vorstoß auf der Gegenseite einen skrupellosen Kampf, in dem kein Mittel zu schlecht ist, auslösen werde, war zu erwarten und ist auch _ 'eingetreten. Aber man.ha!t..zu^äd(i,.. 'dem auch noch die Motive der orthodoxen Freiheitsbewegung zu diskreditieren versucht und es gewagt, ihre Absichten von der Froschperspektive kleinlicher Ehrgeizlinge aus zu beurteilen. D'as zwingt uns, die Frage vom Niveau der Tagespolitik auf das der grundsätzlichen Stel- 1 u n g n a h m e zu heben, sie aus der Sphäre der Meinungsverschiedenheiten in die der Weltanschauungen zu transponieren, wenn wir uns nicht .bei dem in Bälde fälligen אם החרש תחרישי בעת הזאת beschämt der Unterlassungs- Sünde zeihen sollen. Geht es doch in Wirklichkeit nicht um das Recht oder Unrecht dieser oder jener Partei. Und auch nicht — wenn man sich zu historischer Betrachtungsweise aufschwingt — um eine Wiener Lokalangelegenheit überhaupt, sondern um nichts weniger als die Rettung des in der westeuropäischen religiösen Endemie gesund gebliebenen Teiles des Judentums. Den blindwütigen Eiferern für die ״Einheit der Gemeinde“ ist der groteske Lapsus unterlaufen, ein Argument ins Treffen zu führen, das so recht die Billigkeit der Bestrebungen der Orthodoxie dartut. Während nämlich jenen׳ das Statut, das den Gemeindevorstand dazu verhält, ״in religiösen Angelegenheiten das Einvernehmen mit dem Rabibinat zu pfleg e n“, als Beweis für den ״religiösen“ Unterbau der Kultusgemeinde dient, erblicken wir eben gerade darin das Hauptübel, daß dieser Paragraph bloß ein zwangloses, unverbindliches ״Einvernehmen“ mit dem Rabbinat fordert und auch demgemäß g eh andhabt :wird, anstatt die Entscheidungen dieser Instanz als inappellabel und unumgänglich zu erklären. Obwohl es nun in diesem Kampf hart auf hart geht, haben sich die ״friedensstörenden Autonomisten“ aus Delikatesse mit diesen prinzipiellen Feststellungen begnügt, ohne dem Problem an seinem verwundbarsten Punkt, seiner praktischen Seite, zu Leibe zu rücken. Allein die Not, die Eisen bricht, ,bricht auch vornehm-zurückhaltendes Schweigen. Denn es gibt keinen größeren Not- Stand1 als Krankheit. Das ״fortschrittliche“ Judentum des Westens aber ist krank, schwer krank. Und da wir nicht bloß ein Symptom, sondern eine Hauptursache der Krankheit — wohl nicht ihrer Entstehung, jedoch aber ihres Umsichgreifen s und ihrer Ausbreitung — im moder« nen Rabbinismus sehen und ihn für eine gefährliche, jede Wiedergesundung ausschließende Komplikation halten, wollen wir, nein, müssen wir — um nun einmal der Terminologie treu zu bleiben — die kritische Sonde daran legen, denn במקום שיש חלול השם אין חולקין כבוד לרב Nie fand das Gesetz, das in der Welt des Materiellen gilt, im Reiche des Geistes Anwendung; hier liegt die Schwerkraft nicht in der Masse, sondern diese folgt im Gegenteil dem Einzelnen, dem Wegweiser und Führer. Fast immer noch war׳ das Führer amt mit der Führerkraft verbunden, denn die Menge sehnt sich danach, gelenkt und geleitet zu werden. Besonders in unserer Zeit, den Wiedergeburtstagen des aut oritären Prinzips, bedeutet die Gestalt des. allen sichtbaren und erkennbaren Ersten den Gestalter von Willen und׳ Wesen seiner Gemeinschaft. Wie wahr und richtig diese Erkenntnis ist, das geht — wenn es überhaupt eines Beweises bedarf —!beispielhaft in seiner ganzen Tragweite aus unserem Thema hervor. Ein Vergleich zwischen dem modernen Rabbinismus des Westens, und dem traditionellen des Ostens genügt, um klarzumachen, wie sehr jeder von beiden seine Judenheit repräsentiert, wie sehr mitbestimmend hei der Bildung des geistigen, moralischen, gesellschaftlichen und letzten Endes jüdischen Charakters seines Wirkungskreises der eine und der andere war und ist. Das Verhängnis des Westjudentums bestand und besteht darin, daß das uralte, von den Vätern ererbte Gut dem jeweiligen Zeitgeist geopfert wurde. Hieß er in‘ den Maientagen der Emanzipation L!i b e rta 1 ti •s m u: s, so nennt er sich heute Ni a t i on a 1 i s m u s. Glaubte man damals dem Judentum einen Dienst zu leisten, indem man seine Religion zur nackten Idee verdünnte, ihre konkreten Formen als Bombast bezeichnete und sie, die Religion, zum philosophisehen Begriff, zu einer metaphysischen A b s t r a k t i o n . und kodifizierten. Ethik; •.stempelte, so hat man jetzt—- leider oft genüg mit' Erfolg־— versucht, sie schlankweg durch die Nation zu ersetzen und diese als das Prinzipielle, Wesentliche und! Eigentliche des Judentums darzustellen. Beiden, seinen wahren Sinn und Inhalt verkennenden und mißverstehenden, aus der Umweit ins Judentum gedrungenen Strömungen ist die Negation der a 11he rgebracht en, überkommenen . religiösen. Ordnung im privaten und öffentlichen Leben gemein. Und so paßt der, ״allem moäernen Geschmack hohnsprechende“ h i s t o r i s c h e K u 1tüs ebensowenig den Zionisten, ■wie einstmals den Liberalen, und so finden die Jüdisch-Nationalen ebensowenig Gefallen an der historischen Erscheinung des Altrabbinen mit seiner Sondertracht und Abgeschlossenheit, mit seiner exotischen Gelehrsamkeit und ergebenen Frömmigkeit — kurzum, an seiner lächerlichen Unweitlichkeit, wie früher die Assimilanten. Darum ׳haben, trotz aller sonstigen Gegensätzlichkeit, die Nationalen, wo immer sie die Liberalen abgelöst, die von diesen durchgeführten Reformen und somit auch den׳ von ihnen geschaffenen Rabbinismus unverändert übernommen und bei behalten. Der moderne Rabbiner bietet den Augen der Orthodoxie nur das Bild einer tragikomischen Erscheinung. Daß dies Weniger am Einzelnen als am System liegt, mindert wohl seine, des Einzelnen, Schuld, macht aber die allgemeine Situation hoffnungslos. Die falsche Auffassung vom Wesen des Judentums, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts während der Napoleonischen Aera und nachher Platz griff, als man glaubte, die neue Stellung mit dem alten Glauben bezahlen zu müssen, hat den Typ des neuzeitlichen! Rabbiners gezeitigt, wie er sich uns bis auf den heutigen Tag, vom Zeitenwechsel unberührt, präsentiert: geschniegelt und gestriegelt, in wallendem Talar mit steifgeplätteten, blendendweißen Bäffchen und mehr oder minder phantasiereichem Kopfschmuck, mit gewichtig-würdevollen Mienen und getragener Gestik, , salbungsvolle Phrasen von sich gebend. Wie der altjüdische G־ttesdienst mit seiner erhebenden Innigkeit und ekstatischen Inbrunst eitlem Tand und Flitter und leerem ׳Schaugepränge, einer Nachäffung kirchlichen Zeremoniells weichen mußte, so ist hier die ehrwürdige Gestalt des Altrabbinen von dem bequem-gemütlichen Pastorentyp des modernen Rabbiners verdrängt worden. Der Räw, wie ihn die orthodoxe Gemeinde verehrt, ist: in der gläubigen, gelehrsamen Atmosphäre der Jeschiwo herangediehen. Ein* Glied in der Kette, die mit משה קבל חורה מסני beginnt, vermittelt die Jeschiwo nicht bloß die Deutung des Wortes, sondern sie lehrt auch seine Heiligkeit und Unantastbarkeit,. die kein Rütteln und Kritteln dulden. Nicht eher erhält der Knappe den Ritterschlag des יורה יורה, ידין ידין, Jlllillllillllllllllllllilliliilllili 1 25 die gute, weltbekannte Othmar Schiff-Perücke Telephon IM3*CKI6 nur Wien I, Kärntnerring 6 1 JAHRE! 1 r 234848232348534853484848232353 5348530023485348534853482348 022323535323532302012353025323