Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 49 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49 jüdische PßmsE Seit# f *-*׳ י TT Mm <0 o M'* *m S 1 CB w si MJt Dcp alte und der neue Präsident! Es ist diesmal kein Geburtstag, auch kein hoher Staatsfeiertag, der uns dazu veranlaßt, der Persönlichkeit M a s ar y k s, dieses großen Denkers, Führers, Lehrers und — nicht zu- . letzt — dieses großen M e n s c h e n zu gedenken. Keine Feier und auch kein Festtag, sondern ein großes und historisches Ereignis •^־ vielleicht das größte seit der Entstehung der tschechoslowakischen Republik — bestimmt uns dazu, die Größe dieses Mannes wenigstens skizz#liwV1sö zü Schildern, um auf diese Art unserer Verbundenheit mit dem größten Europäer und Humanisten unserer Zeit Ausdrück zu verleihen. Präsident Masaryk hat am 14. Dezember sein Amt niedergelegt, um — wie es R. N. Coudenhove- Kalergi so schön ausdrückt — den siebenten Schöpfungstag seines Erdenwirkens zu erleben. Es fiel ihm sicherlich nicht leicht, diesen letzten Staatsakt zu vollziehen. Denn, wenn auch nicht Machtgelüste es ihm erschwerten, ■so war es doch die Sorge —'-*'di#■ sich bereits vor Jahrtausenden der scheidende Mgsgheh gestellt -—: ״W e m überlasse und an*, v e'ift raue ich mein Volk?“, die unserem uns so lieben Vater Masaryk sicherlich einige schlaflose Nächte bereitet hat. Doch es mußte so geschehen. Wenn auch als Hauptgrund für den Rücktritt Masaryks söine körperliche Schwäche gelten mag, so verrät uns doch der kurze und vielsagende Satz: ״W enn mir G-t t h i l,f t, möchte ich euch noch eine Weile zuschauen, wie ihr es macht“ auch Einiges -— unseres Erachtens nach nicht Unwichtiges — über׳ die־■Leitmotive, die zum Ve:rzieht auf seine Präsidentschaft geführt haben: Masaryk, dem Politik stets: als ein Zweig der Ethik galt, Masaryk, der politische Kämpfe niemals als Machtkämpfe, sondern als';׳ein׳ Ringen .um W a 11 r heit, Recht und Gerechtigkeit betrachtete, י Masaryk,. dessen Wahr 11 eit s- und Gerechtigkeitssinn keine Grenzen kannte und kennt, Masaryk, der als Philosoph und Gelehrter schone Ideen lind Theorien nicht nur gepredigt, für geistige und ethische Werte nicht nur in Wort und Schrift gekämpft, sondern seine humane, vom Ethos -der Wahrhaftigkeit bedingte Philosophie in allererster ■R'eihe selbst ge 1 e b t hat, Masaryk, der für seine Lebens- und Weltanschauung' oft auf harte Gegner- Schaft in seinem eigenen Lager stieß, und der wegen seines Wahrheitsfanatismus von seinen eigenen Volksgenossen sogar als ,,Verräter“ gebrandmarkt wurde (beim Kampfe um die Echtheit der Königinhofer-Handschrift), dieser eigenartige Mann möchte noch zu Lebzeiten sehen — und wir hoffen zuversichtlich, daß ihm dies noch lange, lange vergönnt sein wird —, wie sein geistiges Vermächtnis von seinen Nachfolgern, Freunden und Schülern gehütet wird. Er möchte sehen, wie das von ihm' Geschaffene gehandhabt werden wird, möchte erleben, daß seine Ideen, seine Lehren und seine Pläne auch von seinen Nachfolgern verwirklicht werden. Und als seinen Nach* folger empfiehlt er uns nicht etwa — wie dies bei anderen Herrschern der Fall zu sein pflegt — einen seiner Familienangehörigen, sondern einen seiner Schüler und Mitarbeiter. Nicht biologische Bande, sondern die geistigen und seelischen Anlagen sollen nach Masaryks Wunsch für die Wahl seines Nachfolgers entscheidend sein. Wer denkt nicht bei dieser Betrachtung an das analoge Vorgehen des großen jüdischen Lehrers, an Mo sehe Raben u. Auch er, der bedeutendste Denker und Führer aller Zeiten, bestimmt nicht einen seiner Söhne, sondern seinen treuesten und genialsten S c h ü 1 e r, Josua, zu seinem Nachfolger. Die Tagespressc, nicht nur in der tschechoslowakischen Republik, sondern auch der ganzen Kulturweit, widmet der Persönlichkeit Masaryks spaltenlange Artikel. Ausführlich wird da sein ganzer Lebenslauf als Gelehrter, Politiker und Diplomat geschildert. Die ganze gesittete Welt huldigt und ehrt unseren greisen Führer. Wir jedoch glauben, daß es* heute nicht mehr notwendig sei, über die Bedeutung dieses Mannes — dessen Popularität als Staatsmann, Lehrer und Philosoph weit Und breit bekannt ist, der bereits zu Leb- Zeiten in die Weltgeschichte eingegangen ist — viele Worte zu verlieren. Lassen wir daher den scheidenden Präsidenten selber sprechen. Welches ist die Botschaft, die Masaryk als Präsident zuletzt seinem Volke sendet? Einfache, schlichte Worte sind es, die er sowohl an die Staatswürdenträger als auch an alle Bürger seines Staates richtet. Kurze Sätze, aber in ihrer Einfachheit steckt solche Größe, in ihrer Kürze soviel Inhalt, daß sie uns den wahren Masaryk kennzeichnen: ״Wir bedürfen einer guten auswärtigen Politik und zu Hause Gerechtigkeit gegenüber allen Bürgern, seien sie weldier Nationalität immer." In diesen herrlichen Worten ist die ganze idealhumane wie auch - real-politische Lebensanschauung Masaryks kurz zusammengefaßt... Im Talmud heißt es: Der Mensch gewöhne sich daran, seine Ideen und Lehren der Menschheit in kürzester Form zum Ausdruck zu bringen. Diesem Ausspruche unserer Weisen wird Masaryk bei seinem Abschied von der Präsidentschaft voll und ganz gerecht. Sein sehnlichster Wunsch ist es, daß alle Bürger seines Staates, ohne Unterschied der Nationalität und Konfession, als Gleiche unter Gleichen behandelt werden. Und das ist das Einzige und Bedeutendste, was er von seinen Nachfolgern verlangt und erbittet. Die Würdenträger unseres Staates, die das geistige Erbe Masaryks nun übernehmen, wollen dem Gründer und Schöpfer der *tschechoslowakischen Republik eben dadurch danken, daß sie das von ihm mit großer Mühe und Aufopferung Geschaffene zu erhalten geloben, daß sie nach seinen Intentionen, nach seinen Grundsätzen und Prinzipien den Staat zu leiten versprechen und dies — wie nicht anders zu erwarten — auch in der Praxis tun. Masaryk als Präsident scheidet von uns; aber Masaryk, der Lehrer und Berater, Masaryk, der SÄ ׳i>. IM fSlii '> Einladung An die ehrw. Herren Oberrabbiner, Gemeindevorstände, Vertreter der orthodoxen Lokalvereine, an die Agudas Jisroel Jugendgruppen und Mitglieder des Landesausschusses der Landes- und Jugendorganisation! Wir laden Sie höflichst zur Delegierten welche s. G. vv. am 29. und 30. Kislew 5696, Mittwoch Presov im großen Saale des Cerny Orol stattfinden T a g e s o A) Eröffnungssitzung: Mittwoch, 10 Uhr vormittags. 1. Eröffnung in slowak. Sprache: E. Koth, Bratislava, 2. Eröffnungsrede: Akiba Simcha Ungar, Bratislava. 3. bA taca b' zibbur: Oberrabb. I. Braun, Lipiany. 4. Begrüßungen auswärtiger Gäste. 5. ״Cbisuk Hadas durch Agudas Jisroel“: Oberrabbiner M. O. Eckstein, Sered. B) Zweite Sitzung: 2 Uhr nachmittags. 1. Wahl des Tagespräsidiums und der Kommissionen. C) 2. Tätigkeitsbericht, erstattet von Herrn Emü Koth, Bratislava, D) 3. Organisationsreferat.• Ch. L. Honig, KoSice. 4 ׳■■־. Korreferent; Rubin Frankl, Chust. 5. Bericht der Organisations-Kommission und Debatte, 6. ״Notwendigkeit der Einigung zum Chinuch": Oberrabbirier Unsdorfer, Luöenec. E) Dritte Sitzung: 7 Uhr abends. 1. Erez-Jisroel-Referat: David L i s s a u e r, Michalovco. 2. Korreferent: Awrohom Porges, Topolöany. tagung unserer Jugendorg a.11 i s a t i o 11, und Donnerstag, den 25. und 26. Dezember 1. J., 111 wird, ein. Das Präsidium der Agudas-Jisroel-Jugendorganisation in der Slowakei und Pödkarp. Bus. ז d n u n g: F) 3. ״Haschlomoh Azmis“: Jizchok L. Schreiber, Bratislava. 4. Bericht der Erez-Jisroel-Kommission. 5. Bericht der Chinuch-Kommission. 6. Debatten. G) Vierte Sitzung: Donnerstag, 9 Uhr vormittags. 1. Propaganda- und Presse-Referat: David Tür kl, Wien-Bratislava. 2. Korreferent; Leopold Reiner, Preäov. 3. Bericht der Propaganda- und Presse-Kommission, 4. Debatte. H) 5. Wahl des Präsidiums und des Landesausschusses. I) Fünfte Sitzung: 2 Uhr nachmittags. 1. Pirche-Referat: J, S, Adler, Hanuäovce. 2, Korreferent: M. J, Günsberg, Lipiany. j) 3, Referat über soziale Fürsorge: pinkas Stark, Nitra. 4. Resolutionen. 5. Schlußwort. ״König des Geistes“, bleibt noch bei ufts und wird sein wachsames Auge von uns nicht lassen. Ohne formale Machtmittel wird nun dieser• große Geistesheld erst recht die größte moralische Macht besitzen und er wird auch weiterhin unsere größte Autorität bleiben. Die Juden der ganzen Welt sind Masaryk vielen Dank schuldig. Wir glauben aber, diesem großen Menschenfreund auch nicht anders danken zu können, als indem wir geloben, seinen Lehren treu zu bleiben. Es sei der Wille des himmlischen Vaters, daß die ״Weile“, die Masaryk sich von der , Vorsehung er* wünscht, noch eine recht lange sei, daß es ihm ver* gönnt sei, noch lange, lange Jahre hindurch, bis an die äußerste Grenze menschlicher Lebensdauer, zuzusehen, wie seine Ideen bei seinen Nachfolgern weiterleben, wie seine Lehren und Anweisungen befolgt werden. Möge es ihm bcschiedert sein, seine schöne Schöpfung bei voller geistiger und körperlicher Frische noch recht lange zu bewundern. A. P., Bratislava. In dem historischen Wladislav-Saal der Prager Burg, wo einst die böhmischen Könige gewählt wurden,׳ hat sich das tschechoslowakische Volk in Dr, Edvard Benes sein neues Oberhaupt gegeben. Es liegt am,־ Wirkungskreis des bisherigen Leiten der auswärtigen Ange. legenheiten der Repu* blik, daß er' zu den bestbekannten — best bekannten in des Worten Doppelsinn — Politikern der Welt gehört; ES'ergibt' sich aber aus der Art seines Wirkens, daß er ln seiner eigenen Heimat einen Grad von volkstümlicher Popularität erreicht hat, der für einen Außenminister, dessen Tätigkeit ihn ja mit. den Massen nicht in Berührung bringt, ein Novum bildet. Diesmal gilt der Prophet in seinem Vater- . lande! Denn Dr. Benes war auch der Prophet seines Vaterlandes, der es geahnt una vorausgesenen natte, ehe es noch war, der darum gekämpft und gelitten,-, der an seiner Wiege gestanden ist undes dann groß und angesehen gemacht hat. ,; Die Leistungen des neuen Präsidenten aufzählen. wollen, hieße die Ge schich t e der t schechoslowakischen Republik schreiben. Zusammen mit seinem Lehrer Masaryk hat er sie ge - schaffen und gestaltet und zusammen mit ihm war er ununterbrochen seit dem ersten Tag ihres Bestandes mitbestimmend für ihren weiteren Weg. Und daß es ein gerader und. gerechter Weg war, be• weisen die Achtung der־ Welt und die Dankbarkeit der eigenen Völker. Wir sagen ״V ö 1 k e r“. Denn, die tschechoslowakische Republik mit ihren verschiedenen Nationalitäten ist ein Versuch zur Lösung des Problems der mittel- und darüber hinaus der gesamteuropäischen Lebensgestaltung. Daraus fließt auch die politische Konzeption Benes׳, die in der Schaffung der Kleinen Entente, dem Donauplan und seiner Völkerbundarbeit ihren Ausdruck fand und findet. Aber dieses Zusamenleben-Müssen und- Zu-, sammenleben-Wollen hat notgedrungen ■auch innerpolitische Folgen: Duldsamkeit gegen-, Verständnis für- und Bedachtnahme aufeinander, also — mit einem Wort — Demokratie. Und darum sind wir Juden unter den ersten, die sich Uber die Wahl Dr. Benes׳ zum Staatsoberhaupt freuen und ihm und noch mehr der Republik und am meisten ühs selber dazu gratulieren. Hiezu berechtigt uns nicht bloß seine theoretische Stellungnahme, wie das Wirken in Genf und die wiederholten Erklärungen und! Exposes, sonüern vielmehr noch das praktische Verhältnis der Behörden zur Judenschaff. Denn überall, im ganzen öffentlichen Leben, ist der Hauch seines Geistes zu spüren, eines großen, gerechten Geistes, der sich in ihm mit einer edlen Seele paart. ״Ich habe mit ihm“, hat der scheidende ״Präsident-Befreier“ gesagt, ״jenseits der Grenzen und zu Hause gearbeitet und kenne ihn!“ Mit ihm kennt ihn die Welt, das tschechoslowakische Volk und auch das Judentum; es weiß, daß Masaryk nicht bloß sein Lehrer, sondern auch sein Vorbild ist, was beiden zur Ehre und ihm, dem Judentum, zum Glück gereicht. Und darum bedeutet seine Person für dieses die Bürgschaft und Gewähr für eine Fortentwicklung der Verhältnisse in der Republik im bisherigen Sinne. Ein neuer Name, aber kein neues Programm, ein neuer Mann mit den Idealen jenes Alten, der ihm selbst ein heiliges Ideal ist, M. Ml., Bratislava. ÜÜ