Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 47 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitungen tum Verlege! versendet Journal exp&Jte par l’Mitcur *ovinove vyplatnö povoiene ftndi« post & telegralöv * Bratislatne äg, 41512-111-20 V. b. b. 3ÜDISCH6 PR6SS6 WIEN.BRATISLAVA t 6. DEZEMBER 1935 י׳ כסלו תרצ״ו 27. Jahrgang / Nummer 4f Redaktion and Administration: Wien, n., Malsgasse 12 a, Telephon A-46-0-15; Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementprelse! Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei K6 80, Jugoslawien Dinar 160, das Übrige Ausland Schw. Fr. 14. Einzelnummer Ost. Gr. 40. Zahlungen f. ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Pöst- Sparkassenkonti: Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 190.409, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. Vltl, 4117, Berlin Nr. 122.619. 0RGnn für Die irvreRessen Des ORTHODOHen JuoenTums Ehrenrettung der Menschheit Aus Genf kommt die Nachricht, daß der Völkerbund die deutsche Judenfrage in ernste Debatte gezogen hat. Seit fast zwei Jahren wird in Deutschland die Menschenwürde und das Menschenrecht in einer beispiellos grausamen Weise geschändet. Juden, denen persönlich nichts vorgeworfen werden kann, werden drangsaliert, in Wort und Schrift herabgesetzt und gekränkt, in Gesetz und Tat entrechtet, ihrer materieller Mittel beraubt und ihrer Menschenwürde entkleidet, an Gesundheit und Leben bedroht, nur weil nicht schon ihre Großeltern schuftig genug gewesen sind, dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden, weil sie also Juden sind. Wenn es wirklich so etwas gibt wie ein W e 11gewissen und wenn die Kultur der Menschheit nicht nur ein Phantom ist, so hat sich die ganze Menschheit durch ihr bisheriges Schweigen reichlich zum Mitschuldigen an der Schändung von Menschheitsrechten gemacht. Wir wissen, daß die Potentaten und Regierenden der Welt sich an das Gesetz der ״Nichteinmischung“ in innere Angelegenheiten fremder Staaten gebunden halten. Daß aber diese Bindung auch dort Geltung haben soll, wo den Grund- Sätzen der Menschlichkeit ins Gesicht geschlagen wird, ist unbegreiflich. Daß Denker, Dichter, Künstler und andere Repräsentanten des Kulturwillens der Menschheit zu dieser Schande schweigen, ist untragbar. Wenn daher jetzt der Bund der Völker darangeht, die Schande der deu^chen Judenverfolgung durch eine Regelung dei Emigration zu liquidieren, so versucht er spät genug und wenig genug die bisherigen Sünden gutzumachen. Daß die Menschen, die seit Jahrhunderten auf dem Boden des heutigen Deutschland beheimatet waren, heute entwurzelt werden sollen, ist so furchtbar hart, daß es für kein anderes Volk, als das jüdisehe tragbar gewesen wäre. Daß es aber noch immer Staaten gibt, die nicht unter den Folgen eines verlorenen Krieges zu leiden haben und trotzdem sich der Niederlassung dieser von der Scholle vertriebenen Menschen verschließen, ist unfaßbar. Der Völkerbund hat nun die Initiative ergriffen und dafür gebührt den Männern, die dabei mitgetan haben, Dank. Wenn wir auch bisher an die Initiative des Völkerbundes nicht allzu große Hoffnungen knüpften und dieser Pessimismus aus den bisherigen, Erfolgen des vom ■ Völkerbund bestellten Oberkommissariats floß, so läßt' doch die Tatsache, daß gerade dieses Amt liquidiert wurde und die Agenden dem Nansen- Amt übertragen wurden, die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß es diesmal ernst ist. Die deutsche Judenfrage ist brennend und daß sie auch lösbar ist, das werden die Herren der Welt selbst erfassen, wenn sie bedenken, daß 20 Prozent der deutschen Juden innerhalb der letzten zwei Jahre bereits emigriert sind. Sie ist auch keine Geldfrage, da der Durchschnitt der deutschen Juden heute — vielleicht aber nur noch heute — noch über die Mittel zur Emigration verfügt. Aber Emigration selbst ist noch keine Lösung des Existenzproblems dieser Menschen, denn bis sie wieder Wurzel fassen, wird viel Zeit vergehen und werden ihre Mittel verzehrt werden. Aber selbst das ist noch nicht die entscheidendste Frage. Vielmehr: wohinge h e n dieMerischen, wenn sie aus der deutschen Hölle .entlassen werden? Die Lösung dieser Frage ist nur von gutem Willen abhängig. Es muß dafür noch Wege geben, daß endlieh die Fürsten des Geistes und die Fürsten der Macht in der Welt sich ermannen und der getretenen Menschenwürde Genügtuung verschaffen, indem sie der Einwanderung deutscher Juden die Tore der Staaten öffnen. Es hat schon einmal ein Land seine Juden vertrieben, es hat aber noch nie in der Weltgeschichte der Fall sich ereignet, daß den Vertriebenen kein Asyl gegeben worden wäre. Und was noch wesentlicher ist: Die Staaten, die ihre Juden vertrieben haben, haben es alle bereut, und die sie aufgenommen haben, haben den Dank der Juden reichlich erfahren. Die deutschen Juden sind geistig und kulturell eine so hohe Potenz, daß sie jedem Staate, der sie aufnimmt, zum Nutzen werden. Und darum begrüßen wir, und mit uns alle, denen das Antlitz der Menschheit als das Ebenbild G-ttes heüig ist, die Initiative des Völkerbundes und erwarten, daß endlich die Tore der Welt der jüdisch-deutschen Emigration geöffnet werden. Wenn wir auch aus unserer Grundeinstellung zu den Problemen der Welt grundsätzlich nicht auf Menschenhilfe bauen, so glauben wir doch daran, daß Menschen als Willensvollstrecker der g-ttlichen Fü g u n g berufen sind, den Glauben an die Menschheit, der sp ״sehr erschüttert ist, aufzurichten. Genf und die jüdischen Flüchtlinge In der vom Völkerbund eingesetzten Expertenkeramission zur Prüfung der Frage der Neuregelung des Auswandererschutzes, die soeben ihre Beratungen in Genf eröffnet hat, herrscht die Meinung vor, daß nach Liquidierung des MacDonald-Amtes kein neues Amt für Auswandererfürsorge geschaffen, sondern der Aufgabenkreis des MacDonald-iKommissariats dem Nansen-Amt übertragen werden wird. Dies wird damit begründet, daß die aus dem Saargebiet ausgewanderten Juden bereits dem Nansen-Amt unterstellt sind und daß dieses ihnen einen rechtlichen Status in einer Reihe von Ländern gesichert hat; auch würde die Uebernahme der gesamten Auswandererfürsorge durch das Nansen-Amt für die Ausgewanderten dadurch einen Vorteil bedeuten, daß sie damit u nmittelbar der Aufsicht des Völkerbundes unterstellt wären; drittens sprächen für diese Lösung wärtschaftliche Erwägungen: das Nansen-Amt besitzt bereits einen funktionierenden Apparat, und die Uebernahme des Auswandererschutzes durch dieses Amt wäre bestimmt weniger kostspielig als die Errichtung eines besonderen Kommissariats. Sollte das Nansen-Amt außer der Versorgung staatenlos gewordener Personen mit Pässen auch noch die Aufgabe zu übernehmen haben, mit den einzelnen Regierungen über die Oeffnung der Tore für eine jüdische Einwanderung aus Deutschland zu verhandeln, so müßten seine Befugnisse nach dieser Richtung vom Völkerbundsrat ausdrücklich erweitert werden. Außerdem wäre auch eine Verlängerung der Funktionsdauer des Nansen-Amtes erforderlich, da dieses Amt nach den bestehenden Bestimmungen bereits in zwei Jahren liquidiert sein soll. Die Expertenkommission hat im weiteren• Verlauf ihrer Arbeiten Gutachten von Regierung c- Vertretern derjenigen Länder entgegengenommen, in denen sich aus Deutschland geflüchtete Personen in größerer Zahl aufhalten. . Es erschienen die Vertreter Frankreichs, Hollands, der Tschechoslowakei und anderer Staaten und äußerten sich über die Möglichkeit der Legalisierung des Status der Flüchtlinge in den betreffenden Ländern. Die Kommission will genau feststellen, welche Möglichkeiten in bezug auf die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt und Arbeitsrecht für die noch nicht seßhaft gewordenen etwa 30,000 Menschen bestehen. Der bisherige . Völkerbundskommissär für Aus- Wandererfürsorge, James G. MacDonald, der am Schon Kinder sollen die Zähne mit ODO L- Zah n pasta pflegen. ODOL-Zahnpasta erhält die Zähne schön und gesund. Kleine Tube S —.90 Große Tube S 1.40 15. Dezember in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, vertrat vor der Kommission die Ansicht, daß der Völkerbund die Aufgabe habe, sich nicht nur mit jenen 3Ö.0ÖÖ bereits ausgewanderten Personen zu befassen, die bisher noch nicht endgültig seßhaft gemacht werden konnten, sondern auch mit denjenigen, deren Auswanderung in großer Zahl künftighin noch zu erwarten sei. Er empfahl der Kommission, dem Völkerbundsrat die Errichtung eines eigenen, dem Völkerbund unmittelbar unterstellten Amtes unter der Leitung eines Staatsmannes von internationalem Ruf vorzuschlagen. MacDonald betonte weiter, daß dieses Amt seine Aufgabe nur dann erfolgreich werde durchführen können, wenn es eine enge Zusammenarbeit mit den zentralen jüdischen Hilfsorganisationen aufrechterhalten wird. Auch von den Vertretern des Nansen-Amtes wurden der Expertenkommission Aufklärungen über die Behandlung des Flüchtlingsproblems und über die bestehenden organisatorischen Einrichtungen gegeben. Zwecks Beschleunigung der Arbeiten wurden die V e rtreter der jüdischen Organisationen eingeladen, der Expertenkommission ihre Vorschläge schon am Sonntag, den 1, Dezember, zu unterbreiten. In Völkerbundkreisen ist man der Ansicht, daß die Kommission jedenfalls den Ausbau des Nansen-Amtes durch Angliederung eines eigenen Büros für die Behändlung der auf Flüchtlinge aus Deutschland bezüglichen Fragen vorschlagen wird. Diese Lösung befriedigt jedoch nicht die Führer der jüdischen Verbände, da sie die künftige Auswanderung nicht berücksichtigt. Die Beratungen der jüdischen Organisationen In der gleichzeitig mit der Tagung der Expertenkommission stattfindenden Konferenz jüdischer Großorganisationen, die bisher im Beirat des MacDonald-Kommissariats vertreten waren, hielt Doktor Arthur Ruppin, der schon 1933 einen Plan zur Ansiedlung von 200.000 Juden aus Deutschland in verschiedenen Ländern, darunter auch Palästina, entworfen hat, und der soeben von einer Studienreise aus Südamerika zurückgekehrt ist, das Hauptreferat. Es entwickelte sich eine leidenschaftliche Aussprache bei der Behandlung des Projekts zur Schaffung einer jüdischen Liquidationsbank, die es deutschen Juden ermöglichen soll, ihre Kapitalien aus Deutschland in Form deutscher Waren nach dem Beispiel des deutschen Palästinä-Transfers, und zwar auch nach anderen Ländern als Palästina, zu transferieren. Die Mehrheit der Redner sprach sich entschieden gegen diesen Plan, der einen vollständigen Bruch der jüdischen Anti-Nazi-Boykott-Bewegung mit sich bringen würde, aus. Dagegen fand der folgende Vorschlag einmütige Zu- Stimmung: Der Exportenkommission des Völkerbundes wird ein Plan für Schutz der Flüchtlinge aus Deutschland unterbreitet, der u, a.. folgende Postulate enthält: 1. Der Völkerbund möge sich dafür einsetzen, daß den Flücht- 4llllllllllllllillllilllil1IIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIII|^ 1 25 I JAHRE! g die gute, weltbekannte _ Othmar Schiff-Perücke Telephon U’43-CKI6 mir Wien I, Kärntnerring 6 JlillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMI^ 1 25 1 1 J A H R E I 1 ^illlllllllllllllllllllllllllWIlllllllllllllllllllilF 020002005353020102010200020002