Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 43 (8.11.1935)
- Date
- 1935-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir wissen, daß es nicht in seinem Sinn ist, diesen Tag zum Anlaß von Kundgebungen oder Huldigungen zu machen, wir kennen seine Abneigung gegen jede Art von Jubiläumsfeiern im allgemeinen und solche Feiern, die ihn zum Gegenstand haben, im besonderen. Wenn wir dennoch, gegen seinen Willen, von diesem Datum Öffentlich Notiz nehmen, so geschieht dies deshalb, weil sich gleichzeitig in diesen Tagen in seinem äußeren Lebensschicksal eine entscheidende Wendung vollzieht. Jacob Ros enheim verläßt Deutschland,, verläßt Frankfurt, um nach London zu gehen, um, wie man wohl vermuten darf, von dort aus, im Laufe des nächsten Jahres, seine Uebersiedlung nach Erez Jisroel vorzubereiten. Wer die Geschichte des deutschen Judentums, des orthodoxen zumal, in den letzten ..vier Jahrzehnten kennt — und wenn auch nur oberflächlich — weiß, welch entscheidenden Einfluß Jacob Rosenheim auf die Gestaltung dieser. Geschichte ausgeübt hat. In drei Kreisen bewegt sich schon von frühester Jugend an sein Tatendrang, seine ungewöhnliche Israelsliebe, sein organisatorisches Genie und seine geistige Bedeutung von. wunderbarer Breite und Tiefe. Die Adas Jeschurun in Frankfurt am Main, diese Muttergemeinde in Israel, die er wirklich liebte und liebt, -wie ein Sohn seine Mutter, die Freie Vereinigung für die Int er essen des orthodoxen Jude nt u m .s, in welcher er seine Dienste an der gesamten deutschen Orthodoxie leistete, die Weltorganisation Agudas Jisroel: Es ist der Weg von der Gemeinde. übers Land zur Welt, der Weg des Führers, der schon in den Jahren des Werdens erkannt hatte, daß Sorge und Fürsorge nur dann Sinn haben/wenn ihr Ziel ein geeinigtes orthodoxes jüdisches Volk ist. Auf diesem Wege blüht viel Segen, auf dem Weg war aber auch viel Enttäuschung und Kummer! Seine Frankfurter Gemeinde, für ihn, den treuen Frankfurter, die Krone und der Glanz aller Gemeinden, litt und leidet unter dem Geschick der Zeit, das viele ihrer besten Menschen auswandern und ihre Leistungsfreudigsten verarmen ließ. Die Freie Vereinigung wurde nicht, so wie er es ersehnte, das Sammelbecken aller in Deutschland lebenden Gesetzestreuen, und die A g u das J i s r o e 1 ist immer noch Torso, noch immer nicht die organisatorisehe Ausdrucksform des gesamten orthodoxen jüdischen Volkes, des gesamten Klal Jisroel, dessen organisierende Seele die Thora ist. Dies feststellen bedeutet: In tiefer׳ Ehrfurcht stehen vor der Arbeit seines Tages und den Sorgen seiner Nacht, und in Liebe und Treue stehen vor dem Führer, der schwer und verantwortungsbewußt trägt an der Aufgabe, die das Schicksal ihm gestellt hat: die verschiedenen Strömungen des orthodoxen jüdisehen Volkes einmünden zu lassen in ein großes Becken: Agudas Jisroel! Was bei ihm an Arbeiten und Leistungen nur am Rande des Weges lag, hätte das Leben anderer schon völlig ausgefüllt: eine ungemein reiche Schriftsteller!- sehe Tätigkeit und eine ungewöhnliche rednerische Leistung, und neben dem Dienst für die Gesamtheit, dem er sich von Grund an verschrieb, ein Dienst an jedem einzelnen: Unzählige pochten täglich an die Tür der bescheidenen Arbeitsräume, in denen die Riesenarbeit geleistet wurde; und niemand pochte vergebens. Mit 65 Jahren pflegen die meisten Menschen sich auf den Altenteil zu begeben. Vielleicht möchte Jacob Rosenheim es auch. Sichet möchte er die weiteren Jahrzehnte, die G-ttes Güte ihm noch beschert, am liebsten bei seiner Gemoro und als stiller Privatmann verbringen. Aber der orthodoxe Klall-Jisroel läßt ihn nicht, er braucht ihn heute mehr denn je, und er zittert erwartungsvoll der Stunde entgegen, wo Jacob Rosenheim — endlich! auf dem Boden der Väter das Werk der Söhne und für die Söhne gestalten und vollenden hilft. Unsere palästinensische Orthodoxie harrt der Stunde, wo Jacob Rosenheim sich an ihre Spitze stellt. Und wenn , ihn tausend Wünsche begleiten, da er nun, einem Abraham gleich, das Land, die Stadt und das Haus seiner Väter verläßt, dann geht mit ihm der Segen einer Leistung, die sich Jahrzehnte selbstlos und vollendet den anderen hingab. Und wenn die organisierte Orthodoxie es auch vor allem ist, die Jacob Rosenheim für die Vergangenheit dankt und auf den Weg seiner Zukunft den Segen G-ttes herabfleht, So steht doch die gesamte jüdische. Welt in Ehrfurcht und Respekt vor diesem Führer, der; es sie gelehrt hat, daß für den jüdischen Politiker das Wort gilt, daß der Zweck! die Mittel n i c h t. heilige. Ein geistvoller Mann unseres Kreises hat es einmal, fast mit Resignation, ausgesprochen, daß man ihm gegenüber das Wort umdrehen müsse: ״Jacob Rosenheims Charakter verdirbt die Politik!‘׳ Er gibt nicht zu, daß das reine Ziel mit Mitteln erkämpft wird; die diesem Ziele nicht in allem und jedem voll i g, gleichen. Er haßt auch in der politischen Auseinandersetzung das mindeste Abweichen yon der Wahrheit, er haßt die Verächtlichmachung des andern, er ist, abgestoßen von allem, was sich nicht mit den subtilsten Grundsätzen der Ethik vereinigt. ״Ethische Politik“: das ist die ״Realpolitik“ Jacob Rosenheims. Ihr Ziel ist die Wahrheit und darum kann der Weg zu diesem Ziel auch nur durch Wahrheit, absolute, unbedingte, in ihrer Herr- Scherkraft niemals verkürzte Währheit erreicht werden! Und wenn wir ihm nun zu seinem 65. Geburtstag unseren Glückwunsch aussprechen, so sei es mit dem Segenswort, das G-tt in jener großen Stunde, da er den neuen Weg ging, zu Abraham gesprochen: ״Ich will segnen, die dich segnen, ,die dich geringachteh, denen sei Fluch, und es werden gesegnet sein durch dich alle Völker der Erde.“ An dieses ״und es werden gesegnet sein durch dich alle Völker der Erde“ knüpft Raschi an: ,,Dies ist sein Sinn, jeder wird seinem Sohn Zurufen: Werde wie Abraham!“ In diesen Worten, so hörten wir es dieser Tage von Rabbi Jesaia Fürst שליט״א, ist der Weg des jüdischen Führers umschlossen. Jeder Führer, jeder, der in der Oeffentlichkeit steht, hat nicht nur Freunde, sondern auch Gegner. Die Gegnerschaft fließt aus der Verschiedenheit der Standpunkte/der Erziehung usw. Der Führer aber ist der wahre Führer, vor dem auch׳ der Gegner, mag er ihn auch bekämpfen, in tiefer Achtung steht und sich wünscht; ״Ach, möchte mein Sohn doch werden so wie dieser!“ Abraham stand vor dem Auge aller Völker der Erde, Die einen segneten ihn und die anderen versagten ihrn den Segen. Aber auch die Versagenden, im Grunde ihres Herzens wußten sie,. Abraham ist einer der ganz Großen, und sie wünschten: ״Möchte mein Sohn doch so werden wie er!“ W«S,J. i Wenn Raucher der Ver- ,färbung der Zähne vorbäugen wollen, dann hilft nur die regelmäßige, tägliehe Pflege mjt ODO L-Zahn pasta. Kleine Tube S — .90 Große Tube S 1.40 Vizepräsident oder Amtsdirektor? f ״Und du ersehe dir von dem ganzeil Volke Männer der Bravheit, g-ttesf ü r c h t i g, Männer der Wahrheit, der Gewinnsucht feind . . .“ (n. 18. 21.) Das System, nach dem die Wiener israelitische Kultusgemeinde verwaltet wird, hat — für die Kenntnis dieser Tatsache haben wir nach Tunlichkeit gesorgt — alles, ׳was der hohen jüdischen Tradition und der heiligen Ueberlieferung unseres. Glaubens entspricht;, getötet. Die Kultusgemeinde ist zu einem P ä r't eii n st rument. niederster Sorte herabgewürdigt worden, das von seiner ursprünglichen statutarischen und gesetzlichen Bestimmung weit abgerückt ist. Alles, was zu deu Obliegenheiten einer jüdischen Gemeinde auf religiösem Gebiete gehört, ist politisc h umgebogen worden, so daß aus der pflichtgemäßen sittlich-religiösen Erziehung der Jugend eine politischnationalistische, aus der Befriedigung der kulturellen und geistigen Bedürfnisse der Juden ein jüdisch-nationaler SchWanengesang geworden ist, der längst dazu geführt hat, daß alle religiös orientierten Kreise der Wiener Judeniheit sich mannhaft zur < Wehr setzen gegen diese Farce einer jüdischen Gemeinde. Was nun aber die Herren der Kultusgemieinde in der letzten Zeit sich leisten, hat sie in den Augen anständiger Menscjhen derart verächtlich gemacht, daß der Widerwille der Gemeindemitglieder sich zum schärfsten , Widerstand steigern muß, um diese Herren doch einmal fühlen zu lassen, daß der gesunde Sinn' der jüdischen Bevölkerung für Sauberkeit noch lebendig ist. Die seit dem Ableben des Amts/direktors der Wiener Kultusgemeinde immer wiederkehrenden Andeutungen in der Oeffentlichkeit, daß diese Stelle vom derzeitigen zionistischen Vizepräsidenten besetzt werden soll, der sein Ehrenamt mit einer wohldotierten Pfründe vertauschen möchte, haben in der letzten Zeit ganz konkrete Formen angenommen. Wir haben das Gerücht in unserer vorwöchigen Nummer verzeichnet und heute bringen wir an anderer Stelle bereits den Bericht über die vertrauliche Sitzung des Vertreterkdllegiums, in der diese Ungeheuerlichkeit vorbereitet wurde. Es soll also Tatsache worden, daß das hohe und —- im allgemeinen — geschätzte Amt des Gemeindeparneß, das bis zur Machtergreifung durch die JUdischnationalen immer als Eh re namt angesehen wurde, zum Sprung־, brett für eine gute Versorgung auf Kosten der jüdischen Allgemeinheit herabgewürdigt werden soll. Es ist eine Schmach, die der jüdischen Oeffentlichkeit angetan wird, gegen die sieh alle sauberen Menschen müssen zur Wehr setzen. In raffinierter Weise haben die Jüdischnationalen der jüdischen Oeffentlichkeit auf den Zahu gefühlt, Indem sie ihren Parteigenossen Rath ohne jegliche Qualiflkation zum wohlbestallten Direktor der Gemeinde■. die gute, weltbekannte Telephon U43״*(M6 mir Wien |, Kärhtrierrjjig 6 325323535348532302534853325302