Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 36 (13.9.1935)
- Date
- 1935-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36 JtBISCHE PRESSE . ' , ' ' &ite 3 Die deutsdien Juden in Verzweiflung Eine hervorragende nichtjiidische jöurnalistische Persönlichkeit, die als Sonder- . berichterstaiter der Jüdischen Telegraphen* Agentur in der allerletzten Zeit!Deutschland bereist hat, gibt auf Grund unmittelbarer persönlicher Eeobachiungen das folgende Bild von der wirtschaftlichen, juridischen und seelischen Situation der deutschen Juden und der Auswirkung dieser Situation auf das gesamte deutsche Leben. Tfotz allerEinzelheiten, die über die neue antisemitische Welte in Deutschland bekannt geworden sind, kann doch keine Rede davon sein, daß die Verfolgungen, denen die jüdische Gemeinschaft dort ausgeaetzt ist, anders als nur in den all er gröbsten Umrissen bekannt geworden wäre. Die großen Zentren Unterliegen noch einigermaßen der Kontrolle der internationalen Oeffentlichkeit. Aber die Tragödien, die Sich in den abgelegenen Städtchen und Dörfern z. B. Pommerns und Ostpreußens abspielen, bleiben schon um dessentwillen unbekannt, weil infolge der kleinen in Betracht kommenden Zahl der jüdischen Bevölkerung bei jeder Mitteilung der Gewährsmann unter Umständen ermittelt werden kann und damit den schlimmsten Repressalien preisgegeben ist. Trotzdem gelangen v(Sh oppositionellen nichtjüdischen Personen, die über die Geschehnisse empört sind, Dinge zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, die die unter dem schärfsten Terror stehenden Juden nicht mitzuteilen wagen. So wird jetzt folgender geradezu grotesker Vorgang bekannt: In Barth, einer kleinen Stadt in Pommern, gibt es nur zwei jüdische Familien, die, seit langem ansässig, bei der Bevölkerung immer in gutem Ansehen standen. Vor kurzer Zeit wurde der übliche Entrüstungssturm inszeniert, durch den gefordert wurde, daß der Ort judenrein werde. Das Volk wurde ״versammelt“, die beiden unglücklichen Familienoberhäupter wurden zum Bürgermeister zitiert. Dieser, dem seine Mission selber offenbar nicht gefiel, hielt nun eine schöne Ansprache, in der er hervorhob, daß den beiden Familien nichts vorzuwerfen sei, daß sie sich immer anständig geführt hätten, daß aber angesichts des verstärkten Boykotts gegen Deutschland und insbesondere mit Rücksicht auf die Vorfälle bei der Abfahrt der ״Bremen“ von New York Juden in Barth nicht mehr bleiben könnten. Darauf erklärte der eine Jude, daß er Pole sei und sich an seinen Konsul wenden werde. Der andere erklärte, daß er sich schon lange mit der Absicht trage, nach Palästina auszuwandern. Er wurde daraufhin aufgefordert, hiefür Beweise vorzulegen. Nachdem dies geschehen, wiederholte der Bürgermeister nochmals sein Bedauern und wies darauf hin, daß die beiden ihre Geschäfte in aller Ruhe abwickeln könnten, aber sie müßten Barth verlassen "'׳ Däs Auffallende ist. dabei, daß es in den meisten Fällen zahlenmäßig ganz unbedeutende Minderheiten sind, die der Bevölkerung von selbst größeren Orten ihren Willen im judenfeindlichen Sinne aufzwingen. Wie einer großen Mehrheit solche Beschlüsse aufgezwungen werden, zeigt das bisher nicht bekannt gewordene Beispiel der ,Kurstadt H,ax?vb,u.r,g. . ,In diesem Orte haben die guten Hotels in weitem Umfang eine jüdische Kundschaft gehabt, die dort gern gesehen war. Sie beobachteten darum mit großer Sorge die Be- Strebungen mancher Orte, sich judenfrei zu!machen, und es wurde von jüdischer und nicht jüdischer Seite alles vermieden, was der antisemitischen Agitation hätte Nahrung geben können. Eines Tages erschienen bei den Inhabern der größeren Hotels vier wenig gut beleumundete Personen und verlangten, daß die Hotels Juden nicht mehr aufnehmen sollten. Der Ort müsse judenrein werden. Auf die lebhaften Proteste der Hoteliers, die auf ihre schwierige Lage hinwiesen und erklärten, daß sie zu mindestens teilweisen Entlassungen ihrer Angestellten gezwungen sein würden, wurde kurzerhand erwidert, daß die Naziorganisation auf ihrem Willen bestehe. Der ganze Ort mußte sich den vier Individuen fügen. Die wirtschaftlichen Schäden werden in solchen Fällen immer erst nachträglich erkannt, und es ist bemerkenswert, daß’ neben der Vernichtung der jüdischen Existenzen zahlreiche nichtjüdische ־ in den־ Strudel 1dieses wirtschaftlichen Unsinns gezogen werden. Erst Verhältnismäßig spät ist bekannt geworden, daß als Folge der Unruhen am Berliner Kurfürstendamm, die den dortigen Cafes und besonders auch dem bekannten Caf6 Dobrin schwere wirtschaftliche Einbuße gebracht hat, die nichtjüdische Belegschaft von Dobrin einen geharnischten Protest an die Gauleitung erlassen hat, in dem sie darauf hinweist, wie schwer durch solche Dinge gerade. die arbeitende, auf täglichen Erwerb angewiesene. Klasse leide. Genützt hat es nichts. Die Veränderung der seelischen Haltung der Berliner jüdischen Bevölkerung ist in letzter Zeit besonders auffällig. Sie zeigt sich auf wirtschaftlichem Gebiet besonders stark, da die Unternehmungslust immer geringer wird und der wichtige Sektor der jüdischen Wirtschaft nur mehr ״auf Abbau“ besteht. Die Auswirkung dieser Einstellung zeigt sich infolge der immer noch engen Verflechtung mit der gesamten Wirtschaft natürlich auch in einem gewissen Nachlassen der allgemeinen Bereitschaft, am Aufbau anders als zögernd und widerwillig teilzunehmen. Nur der Umstand, daß es eine Möglichkeit zu legaler Kapitalabwanderung so gut wie gar nicht mehr gibt und daß in ganz Deutschland geradezu krampfhaft nach Möglichkeiten der Geldanlage in Substanzwerten gesucht wird, daß es aber nicht möglich ist, sie zu finden und daher alle ersparten Gelder in die Richtung gedrängt werden, die ihnen die wirtschaftliche Diktatur zuweist, hat bisher den Zusammenberuch der gesamten staatlichen Anlagen, des Geldwesens und der festverzinslichen Werte verhindert. Auf die Dauer erscheint er unausbleiblich und er wird zur Vernichtung eines sehr erheblichen Teiles der ohnehin zusammengeschmolzenen jüdischen Reserven führen. Das sehen die weitesten jüdischen Kreise in Berlin, aber auch in der Provinz heute ein. Diese Gewißheit, durch eine in irgend weiche angeblich gesetzliche Formen gegossene Enteignung um die Früchte des Fleißes von Generationen gebracht zu werden, auf der anderen Seite die Unmöglichkeit einer Auswanderung großen Stils, bei vielen auch eine gewisse Verbissenheit, den Kampf um die ererbte Stellung so lange zu führen, als dies irgend möglich zu sein scheint, hat — alles zusammengefaßt —י ein Gefühl der Verlassenheit und eine dumpfe Gemüts- Stimmung bei vielen Berliner Juden geschaffen, das sehr zu seipem Nachteil von der verhältnismäßig großen Zuversieht sich unterscheidet», die in Berlin im Gegensatz :zu vielen Provinzpiätzen noch im Frühjahr zu finden war. Zuversicht auf Recht und Gerechtigkeit gibt es —* obwohl gerade die älteren Richter in den erprobten Rannen der Unparteilichkeit m ,wandeln ver- Stichen um so wenigen' älüf die reehtsprechefiden Gerichte, vöt allem die MVitenf völ der Verwaltung,־ die fast alle Kompetenzen an sich zu reißen versteht, in ihrer Bedeutung für das Volksleben , immer mehr zurÜCktreten. Diese Auswirkungen! des Zustandes der Rechtlosigkeit haben jetzt auch den Beamtenäpparat bis in die Ministertalinstanzen ergriffen. Unter solchen Vorzeichen Wird die Arbeit der jüdischen Organisationen, soweit sie sich nicht reine Auswahderungsaufgaben gestellt haben, immer schwieriger. Die maßgebenden jüdischen Presseorgane hat man mit monatelangen Verboten schon mundtot gemacht, die Aufhebung des Verbots der ״Jüdischen Rundschau“ geschah nur mit Rücksicht auf den Luzefner Kongreß. Eine allgemeine Regelung für die jüdischen Zeitungen steht bevor. Ueber ein Verbot ihres öffentlichen Verkaufes, insbesondere in Kiosken, ist bereits gemeldet worden. Darüber hinaus sind auch Beschränkungen des Leserkreises und sogar des Inhalts geplant, um so immer Die Sejm wählen in Polen — L. Minzberg wiedergewählt Am vergangenen Sonntag fanden in Polen die Wahlen zum Sejm statt, die zum erstenmal nach Inkraft־ treten der neuen Verfassung abgehalten wurden. Die Wahlbeteiligung war überaus schwach, da; die Sozialisten und die anderen oppositionellen Parteien Wahlabstinenz proklamiert hatten. Nach der neuen Wahlordnung werden die Kandidaten nicht mehr von den politischen Parteien, sondern von Wahlmännem aufgestellt. Von den jüdischen Kandidaten wurden vier gewählt, davon mit der größten Anzahl Stimmen . der agudistische Präsident; der. Lodzer Kultusgemeinde, L. Minzberg. Die anderen jüdischen Abgeordneten des neuen Sejm sind Dr. Sommerstein in Lemberg, Rubinstein, in Wilna und Wischlitzky in Warschau. Dem־ letzten Sejm gehörten neun jüdische Abgeordnete an. Der bisherige agudistische Abgeordnete, Rabbi Aron Lewin, der in Warschau kandidieren sollte, konnte infolge eines von den Jüdischnationalen begangenen' Verrates nicht gewählt werden, da diese, entgegen einem schriftlich abgeschlossenen Pakt, für die Kandidatur Rabbi Lewins zu stimmen, dies unterlassen haben. , Die agudistischen Wählmänner hatten den Pakt genauest eingehalten und erhielten erst später Kenntnis von dem Verrat der Jüdiachnationalen. Aus Erez Jisroel. (Siehe auch ״Von Woche zu Woche".) >' Oberrabbiner Duschinslcy heimgekehrt. — Rund um den Legislative Council. —Jagd nach ״Illegalen“. —■ Das agudistische Erziehungswerk. Von unserem Korrespondenten. Am Mittwoch, den 29. Aw, ist Oberrabbiner Josef Zwi Duschinsky nach Erez Jisroel heimgekehrt, nachdem er zwei Monate zur Kur in Karlsbad geweilt hatte. Oberrabbiner Duschinsky wurde im Hafen von Jaffa von den Führern der Orthodoxie und zahlreich erschienenen Talmidim und Anhängern herzlich empfangen. Die jüdische Oeffentlichkeit des Heiligen Landes ist seit Wochen mit dem Problem des Legislative Council beschäftigt, den die Regierung gegen deu Willen der jüdischen Bevölkerung ins Leben zu rufen beabsichtigt. Zwischen den Führern der Agudas Jisroel und Führern der Zionistischen Organisation fanden einige Beratungen statt, über die jedoch nichts verlautet ist. Der agudistische ״Kol Jisroel“ beschäftigte sich eingehend mit dem gesamten Fragenkomplex und gelangte zu einer entschiedenen Ablehnung des Planes. Während man zu glauben versucht wär, daß die .Jagden nach״illegaleji“ jüdischen Sin- Wanderern bereits aufgehört, oder wenigstens nacJjgelassen haben, hat sich dieser Tage ein charakteristisches Ereignis abgespielt, das nicht unerwähnt hleiben kann. Zwei, kurdische Juden waren als Zeugen vor einem Jerusalemer Gericht erschienen. Da sie der hebräischen mehr den Anteil der Juden an den Vorgähgeh des allgemeinen deutschen Lebens einzuschränken.; In dieses überaus trübe Bild der gegenwärtigen Läge deS deutschen Judentums läßt sich als einziger Liöhtbiidk n^ben die würdige titid verantwortungsbewußte Arl» in der das größe Leid Von den Betroffenen getragen Wird, nur das Verhalten Weiter Kreise der Bevölkerung einzeichtten, die aus ihrer Ablehnung der ״Stürmer“-Fr0paganda und des brutalen Antisemitismus kein Hehl machen. Zu offenem Protest langt es auf diesem wie auf anderen Gebieten bei der gesamten seelischen und charakterlichen Konstitution des deutschen Volkes noch nicht*. Aber die Kundgebungen der öffentlichen Meinung erfb'lgen doch in einer nicht mißzuverstehenden Form. Die Nazis seihst sind erschrocken, daß sich hier eine große Kluft zwischen ihnen und einem erheblichen Teil der Bevölkerung, die sonst mit ihnen geht, aufgetan hat. Durch neue Ueber- Steigerungen sucht man die Volksgunst festzuhalten. Trotz aller Schacht-Reden muß darum mit weiteren antisemitisehen Exzessen, mit Weiteren gesetzgeberischen Maßnahmen zur Unterdrückung der Juden und mit weiteren Ausschaltungsmaßnahmen auf dem Wirtschaftsgebiet gerechnet werden. Sprache nicht mächtig waren, mußte ein Dolmetsch herangezogen werden. Kaum hatten die zwei Zeugen den Verhandlungssaal verlassen, wurden sie als ״Illegale“ verhaftet. Der Verdachtsgrund, daß es sich um ״Illegale“ handelt, war in der Tatsache gegeben, daß die beiden die hebräische Sprache nicht beherrschten. Mit besonderer Intensität setzt die Agudas Jisroel ihre segensreiche Tätigkeit auf dem Gebiet der Jugenderziehung fort. Rabbi Mosche Blau und Rabbi Elieser Sirkis besuchten dieser Tage die Kolonie in Rechoboth, wo sie die neugegründete agudistische Talmud' Thora mspizierten. Die Anstalt, die bereits 70 Schüler zählt, entwickelt sich sehr schön.•Es wurde ein Komitee der in Rechoboth lebenden orthodoxen Bauern eingesetzt, welches für den weiteren Ausbau und die Fortführung der Talmud Thora sorgen soll. Die agudistische Talmud Thora in Herzliah wird in aller Kürze in einen eigenen Neubau übersiedeln. Außerdem wird jetzt in Herzliah eine Beth-Jakob- Schule errichtet. Menachem GJlikman-Porusch. Rabbiner Wolf S. Jacobson behält auch seinen Rabbinätssitz in Kopenhagen Der ״Israelit“ meldet: Zu der durch die Presse gegangenen Mitteilung, daß die Leitung . der Keren- Hathora-Direktion und der Be th Jacob-Zentrale dem Rabbiner der Kopenhagener Machsike-Hadaß-Gemeinde, Rabb. Wolf S. Jacobson, übertragen worden ist, muß ergänzend bemerkt werden, daß Herr Rabbiner Jacobson auf dringendes Ersuchen des Vorstandes seiner Gemeinde sich bereit erklärt hat, sein Rabbinat und seinen Wohnsitz in Kopenhagen beizubehalten. Indessen hat der Vorstand der Machsike-Hadaß-Gemeinde in Würdigung der bedeutenden Klallauf gaben, zu deren Lösung das Vertrauen der zuständigen Instanzen ihren Rabbiner berufen hat, sein Einverständnis damit erklärt, daß Rabbiner Jacobson bis zur Dauer von sechs Monaten in jedem Jahre je nach Bedarf in Wien tätig ist und auch sonst die Interessen von Keren Hathora und Beth Jacob während dieses Zeitraumes durch Reisen fördert. Es ist ein schönes Zeichen für dje Klall-Verbundenheit der Kopenhagener orthodoxen Gemeinde, daß sie in so hochherziger Weise dazu beiträgt, dem unersetzlichen Schöpfer und Leiter des gesetzestreuen Schulwesens im Osten, Dr. Leo Deutschländer, eine würdige Nachfolge zu sichern. Rabbiner Dr. Wreschner זצ״ל gestorben. In Frankfurt a. Main starb im Alter von siebzig Jahren der Rabbiner׳ der Synagogengemeinde Bad Hombürg, Dr. Jakob Wreschner s. Z. 1. Er war dreißig Jahre lang als Rabbiner in Samter (Poseni tätig. Als Schüler von Rabbiner Hildesheimer am Berliner Rabbinerseminar hat er später am gleichen Seminar als Dozent und Kurator־! gewirkt. Von seinen vielen Wissenschaftliehen Arbeiten sind Schriften über die Samaritaner und über seinen Vorfahr Rabbi Akiba F£er bekannt geworden, Im gesetzestreuen Rabbinerverband spielte Doktor. Wreschner eine führende Rolle. תנצכ׳ה Kunerol ist vollständig reines Fett aus Kokosnüssen, es ist nahrhaft, leicht verdaulich, unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen für den Festtagstisch verwendet werden. Das Verschluß- Siegel der Packung gibt Ihnen die Gewißheit, daß Kunerol unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wird. Das100%reine Kokosnußfett Nur echt in Originalpackungi