Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 32 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Alter von 46 Jahren ist am vergangenen Donnerstag, Tischo-b’Avv, der Direktor der Keren Hathora- und Beth Jakob- Zentrale, Dr. Leo Deutschländer, verschieden. Drei kleine Zeichen stehen hinter dem Namen, der der jüdischen Welt so teuer und insbesondere unseren Kreisen so vertraut und so inhaltsreich ist — und in diesen drei Zeichen ist das ganze furchtbare Schicksal umschlossen, das uns alle betroffen hat: Leo Deutschländer ist nicht mehr! Wenn sonst in den Spalten dieser Zeitung der Name Leo Deutschländer stand, dann brachte er immer Kunde von Leben, von Leben, das er ausgesät hatte in hundertfältiger Aussaat, vom Wirken für die jüdische Gemeinschaft, von Kraft, hingegeben auf dem Altar der Orthodoxie, von Leistung, die der jüdisehen Welt, vpr allem aber unserer Jugend galt. Wenn heute der Name Leo Deutschländer in den Spalten unserer Zeitung erscheint, dann gibt er Kunde vom St erbe n: vom Sterben eines Führers in Israel, vom Sterben eines Mannes, dessen Wirken schon zu seinen Lebzeiten in die Geschichte unseres Volkes einging. Müssen die Leser der ״Jüdischen Presse“ durch einen^Nächruf erfahren, weh Deutschlähder war? Kr war doch einer der ihren, einer der Führer der jüdischen Welt und der orthodoxen Gemeinschaft Wiens. Wenn sein Leben ihnen nicht sagte, wer und was dieser geniale Mann gewesen ist, dann kann und soll es sein Sterben auch nicht! Darum braucht hier nur in ganz wenigen Worten sein Lebenslauf festgehalten, zu werden. In Berlin, im Tamus des Jahres 5649 geboren als Sohn Dr. Nathan Deutschländers, des ersten Direktors der Religionsschulen der Adas-Jisroel-Gemeinde Berlin, verlor er im Alter von fünf Jahren den Vater und zwei Jahre später die Mutter. Im Hause des Lehrers Bachmann, Altona, wurde er erzogen, um mit etwa 15 Jahren im Hause seines Schwagers, des bekannten Rabbiners und Arztes Dr. Eduard Biberfeld, Berlin, eine zweite Heimat zu finden. In schneller Folge absolvierte er seine Studien. Deutsch,־ Geschichte und Literatur waren die Fächer, die er sich erwählt hatte. In ganz jugendlichem Alter schon legte er die Doktor- Prüfung an der Gießener Universität ab. Aber schon ganz früh hatte er erkannt, daß es nicht seine Lebensaufgabe sein könnte, die Kultur der Umwelt der Jugend zu vermitteln. Ihm ging es um d.£ e jüdische Kultur! Als kaum Neunzehnjährig§rtrat er als Lehrer in die von seinem! Vater gegründete Religionsschule ein unld wurde einem großen Kreis jugendlicher Menschen — er, der selber noch so junge — nicht nur zum Lehrer, sondern vielen zugleich zum Erzieher und manchen zum Vater, manchen, die noch heute, nach einem Vierteljahrhundert, die Liebe zu ihm in alter, voller Kraft im Herzen tragen und für die damals schon der Name Leo Deutschländers zum Begriff alles Guten und Schönen, zum Begriff des wahrhaft Jüdischen geworden war. An einem deutschen staatlichen Gymnasium fand er dann Anstellung, bis der Krieg ihn herausriß aus seiner Tätigkeit. Bald aber gestalteten sich für ihn die Verhältnisse so, daß er seinen Beruf wieder ergreifen konnte, ja, daß sein Beruf ihm zur Berufung wurde.jNajob kur׳zerTätigkeit bei versehieälenen, Militärstellen des Ostens kam er an eine jüdische, von den deutschen Militärbehörden eingerichtete Schulabtei־ lung in Kowno und damals schon entfaltete er jene Guben, die wir noch bis zuletzt an ihm bewundern durften. Ein genialer Organisator, ein Künstler auf dem Gebiete der Pädagogik und vor allem ein Mann, dessen Herz und Geist gainz, ganz tief wurzelte im Boden des orthodoxen Judentums, baute er zusammen mit seinem Freund, Oberrabbiner Carlebach in Altona, ein Schulwerk in Litauen aus, das noch heute unter dem Namen Jawne blüht und das seinen Namen wie ein Symbol im Munde jedes litauischen Juden und im Herzen aller litauischen Gedaulim sein läßt. Nach einer Pause von wenigen Jahren in Freibürg in Baden und in Homburg v. d. Höhe berief ihn imi Anschluß an die erste Kenessio Gedaulo die Agudas Jisroel nach Wien,|zur Führung ihres Zentralbüros und insbesondere ׳ zur Leitung des von der ersten Kenessio Gedaulo < beschlossenen Keren Hathora. Deutschländer stand1 vor einem schweren Ent- Schluß. Eine feste Anstellung als Schulprofessor an einem ersten deutschen Gymnasium, die ihm und den Seinen bis ans Lebensende alle wirtschaftlichen Sorgen genommen hätte, hatte er in der Tasche. Fast jede höhere Schule Deutschlands hatte ihm zu gleicher Zeit ihre Leitung angeboten unid der Entschluß hätte ihm schwerf allen müssen. J>och Deutschländer traf die Entscheidung leichten Herzens: er ahnte, daß er durch den Keren Hathora der lernenden Jugend und ihren Lehrern ein Helfer werden konnte, und da Helfen im tiefsten und heiligsten Sinne des Wortes, Helfen mit Körper, Vermögen und׳ Seele, Helfen unter Aufopferung des ganzen Menschen, sein Wille war, fqlgte er dem Rufe der Agudas Jisroel pnd kam hieher. Was er hier geleistet hat״: hier, :unld nachdem er durch die Zentralratssitzung im ׳September 1924׳ mit Beth Jakob in Berührung gekommen war, das; soll nun nicht mehr geschildert werden, denn cßas weiß jeder, der!sehen und hören konnte. Jeder weiß, daß durch seine Initiative im Jahre 1924 die Jeschiwos 1Litauens durch! eine Entschluldlungsaktionl vor dkm!buchstäblichen Verfall geschützt wurden, daß durch ihn die planmäßige Arbeit für die Jeschiwos in aller Welt ein׳ neues Gesicht bekam, und leider weiß er auch, daß Deutschländer seine Hoffnung, ״d e n Keren Hathora zum F i n׳a n zins t r u m e n t des orthodoxen j ü di sc h e ni V p 1 k e s zu mach e n“, niot/t' verwirklichen konnte, weil ein großer und selbstloser Mann v e p ge b e nszu kleinen und selbstischen Menschen sprach!... Wiens Juden! hatten ja das Glück, Deutschländer in ihrer Mitte zu haben. Sie erlebten darum aus nächster Nähe, wie dieser schwache“ Mann‘die von G’tt der Welt geschenkte Ergänzung zu Sara Schenierer, das Unglaubliche zum Ereignis machte: die weibliche jüdische Jugend neu zu gestalte n, sie aufzubauen zu würdigen, von den ״Frauen im Zelt“ gesegneten Töchtern und einstigen Müttern des jüdischen Volkes. Hier in) Wien braucht nicht gesprochen zu werden •von der Errichtung der Beth-Jakob-Seminarien in Krakau und Wien, hier nicht von dem einmaligen Lehrer und Verkünder des Tenach, hier nicht von dem herrlichen Redner, hier nicht von dem} großen Organisator, hier nicht von Zur Mund- und Zahnpflege Branntwein AL PA dem Politiker׳ des lautersten Herzens und der reinsten Hand, hier nicht vonseiner Güte, cflie ihn das Schicksal jedes Menschen von der Gasse als sein eigenes Leid ״'erleben ließ, hier nicht davon, daß Agudas Jisroel in Deutschländer einen ihrer Führer, einen ihrer ganz großen Führer besessen hat. Hier braucht auch dem Tieferblickenden nicht gesagt zu werden, daß alle die ungeheure Kraft, die Deutschländer opferte, um auch Fernerstehenden die Größe unld Heiligkeit der Bibel, gemessen an allem, was die Welt an geistiger Frucht zu bieten vermag, deutlich zu machen, letzten Endes zum Ziel hatte: sein Werk; Beth Jakob, •zu verankern, im Bewußtsein und im Verantwortungsgefühl der weiteren Welt. Man hat oft Leo Deutschländer als den idealen Fortsetzer des Werkes •von Samson Raphael Hirsch s. Z. 1. — unter anderen Verhältnissen! und mit anderen Mitteln, aber zum gleichen Ziele hin — gerühmt. Deutschländer, der Große, dünkte sich selber so klein, daß er niemals sein Werk an jenem Großen und seinem Lebenswe’rk gemessen hätte: Deutschländer sah nur die Not, die geistige und die seelische und die körperliche dies jüdischen Mädchens, und sein Herz schrie nach der Hilfe, sein Kopf suchte nach der Hilfe — und er half den Menschen undG’tt half ihm! Er konnte den Weg gehen, ohne daß er je strauchelte, ohne daß je einer seiner Mitarbeiter untreu wurde, ja, ohne daß kaum eines von den Zehntausenden von Mädchen, die durch den Namen) Beth Jakob erweckt wurden, den Namen• •verraten hätte. Das war das Glück und! die Erfüllung seines Lebens! Und wenn wir heute klagen, klagen mit seiner Frau, deren von keinem erahntem Heldentum die Welt es dankt, daß dieser immer die Arbeit eines riesenhaft Starken vollbringen konnte, klagen mit der jüdischen Gesamtheit: ״Du Schmuck Israels! Auf der Höhe bist diu gefallen“, dann wären wir ganz, ganz unwürdige Freunde und Erben Beo Peutschläniders, wenn wir es mit dieser Klage bewenden ließen׳, Deutschländer kannte nieh t sich upd persönliche Ziele lagen ihm weltenfern, E r k n n n t e nur sein Werk. Wenn wir Deutschländer ehren Wien l, KMerrliß lir. 6 Fernsprechnummer U 4316־0 ־