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Jüdische Presse · 1935-07-26 · 29 (26.7.1935) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
21 (1935)
Issue
29 (26.7.1935)
Date
1935-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NoVllköVö itfplatnö povolenö rladit post 6 totäff&fov v Bratislava £1*. 41512-IÖ-20 V. b. b. Zeitungen vtmtt Verleger versendet Journal e*pM16 par iedltenr 30DI8CH6 pnesse Wl£N*BRATISLAVA ♦ 26. JUL11935 ב״ד, תמוזתרצ״ה 27. Jähe ging f Nummer 22 Redaktion und Administration: Wien» H., Malzgasse 12 a» Telephon A-46-Ö-15; Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementpreise: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kö 80, Jugoslawien Dinar 150, das übrige Ausland Schw. Fr. 14. Einzelnummer öst. Gr. 40• Zahlungen t. ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Post- Sparkassenkonti: Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 190.409, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. vm, 4117, Berlin Nr. 122.619. 0RGfln für Die mTGRessen Des 0RTH0D0Hen jüDeaiums Die drei Trauerwochen. Hoffnung auf die Wi e d e r e r b a u u n g des Wenn Raucher der Ver-‘ färbung der Zähne vorbeugen wollen, dann hilft nur die regelmäßige, tägliehe Pflege mit ,. ODOL- Zahnpasta. Kleine Tube S -.90 Große Tube S 1.40 Genie und Irrsinn. Die antijüdischen Ausschreitungen in Berlin. Und nun. Könige, nehmet Vernunft ein. Richter der Erde, lasset Euch belehren! (Psalm 2.) Was sich in den letzten Tagen in Deutschland abspielt, ist der Gipfelpunkt der Tragödie eines Volkes, das einmal das der Denker und Dichter genannt wurde. Es hat Zeiten gegeben, in denen dieses Volk in innerer Fehde lebte, in denen Meinungsverschiedenheiten herrschten zwischen Richtungen im Volke, die sich oft bis zur kriegerischen Auseinandersetzung steigerten. Das waren aber klare Fronten! Bekenntnis gegen Bekenntnis, wobei es jedem klar war, wer Freund und wer Feind, ist. Anhänger eines religiösen Bekenntnisses gegen die Anhänger eines anderen, oder Parteigänger einer revolutionären Gruppe ■gegen solche einer evolutionären Auffassung, Konservative gegen Fortschrittliche, das alles sind Auseinandersetzungen,. die begreiflich sind und auch bei anderen Vorkommen. Was aber noch nie dagewesen ist, der beispiellose Kampf des neudeutschen Regimes gegen Juden, Katholiken und auch gegen die bisher favorisierten Protestanten! Die Sache, ist an sich geistig und praktisch ein Rätsel. Wie immer man zum neuen Deutschland im Dritten Reich steht — und gewiß stehen wir. ablehnend der neuen Staatsform in Deutschland und deren Führern gegenüber —. muß man anerkennen, daß eine gewisse Genialität in dem System und in den Wegen, mit denen dieses System zur Macht gelangt ist und mit der dieses System ausgebaut und scheinbar auch befestigt wurde, liegt. Aber heute, wo dieses System äußerlich schon soweit konsolidiert erscheint, daß es auf eine Befriedung der Massen im Staate hinarbeiten könnte, entpuppt sich diese Genialität zu einem Wahnsinn, der wohl auch schon in der Geschichte sein Gleiches hat, aber in diesem Fanatismus und in dieser Verbohrtheit einzig dasteht. Es zeigt sich heute, daß. der Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus im wörtlichen Sinne himmelstürmerisch ist. Auch vor G -11 und seinen ewigen Gesetzen macht er nicht halt und wird sich dabei nicht einmal bewußt, daß er sich mit seinem Kampfe selbst sein Grab schaufelt. Es ist in der Geschichte nicht das erste Mal, daß Völker sich nach oben hin vergriffen haben und alle, alle haben das mit ihrer Existenz gebüßt, Und daß es trotzdem noch immer Menschen gibt, die den Versuch machen wollen, nach dieser Richtung hin ihr Werk zu vervollkommnen, ist die Tragödie der Menschen, die nicht imstande sind, aus dem Schaden anderer klug , zu werden und aus den Irrungen der Jahrhunderte den Leitfaden für sich herauszufinden. ♦ Wir gläubigen Menschen hüben und drüben sind In die mit Frohsinn geschwängerte Zeit des Sommers fällt düster die Zeit jüdischer traditioneller Trauer. Jahrtausendelang trauert ein Volk, das heimatlos geworden ist, in ungestilltem Weh, nicht nur um sein Land, um seine Scholle, sondern vor allem um seine Tradition und zu oberst um sein Heiligtum. Düster klingt die Klage in den sommerlichen Tag hinaus. Wieviele andere Völker sind vergangen und vergessen, wieviele andere Völker sind im Wandel der Zeiten untergegangen. Mächtigere, die, auf die Kraft gestützt, Kriege gewonnen und Völker bezwungen haben, sind verschwunden und gehören der Geschichte an. Ein kleines Volk, nie kriegsbegeistert, immer friedfertig, lebensbejahend und versöhnungsbereit, hat sich, losgelöst von allen Voraussetzungen anderer Völker, erhalten, trotz allem Druck und trotz allen Mühsais. Das Wunder dieses Volkes ist das Wunder aller Wunder, das nur eine Erklärung für alle Zeiten sicht-!bar trägt. Ein höherer Wille, eine höhere Sendüng lebt in diesem Volk und schicksalsgebunden trägt es seine Mission -bis ans *Ende der Zeiten in Leid und Freud. Zeitlos ist das jüdische Volk ein Teil der g-ttlichen Offenbarung geworden. Und ob die Zeit schwer und kummervoll oder lebensfroh ist, drei Wochen lang trauert das jüdische Volk seine Trauer und setzt das Leben in seinen Alltagsformen aus, um die Erinnerung an ein Heiligtum, das zerstört wurde, wachzuhalten. Die ewige Trauer birgt aber auch den Kern der erschüttert über das Schicksal dieses Volkes. Wir können aber nicht verzweifeln ob solcher Ausschreitungen, weil wir in diesen Ausschreitungen schon den Weg zum Heil sehen. Unseren Brüdern drüben brauchen wir nicht Trost zuzusprechen, sondern rufen ihnen zu: ,,Seid stark, wie es unsere und eure Väter in solchen Fällen waren, und harret der Erlösung, die kommen muß!“ Und ihnen, den Hetzern und Verhetzten, sagen wir mit Goethe, ihrem Geistesheroen: ,,Mehr Licht“ — mehr Vernunft! Die■ füdUcUe öctUodoxie •zum Todestag■ De. Dottfuß'. Am Mittwoch abend, den 24. Juli, dem Vorabend des ersten Jahrestages seit dem Tode des verewigten Bundeskanzlers Dr. Dollfuß, fand in der Synagoge der Adas .Tisroel (Schiffschul) ein feierlicher Trauerg-ttesdienst statt. Der gesamte Vorstand der Adas Jisroel und viele angesehene Gäste wohnten der stimmungsvollen Feier bei. Anschließend an den G-ttesdienst. fand eine Vor- Standssitzung der Adas .Tisroel statt., in der der Präsident, Kommerzialrat B o n d i, die ganz hervorragende Bedeut.ung des verstorbenen Staatsmannes, dessen geniale, wertvolle Arbeit die Unabhängigkeit unseres Vaterlandes gerettet hat, würdigte. Die glaubenstreuen Juden werden die dankbare Erinnerung an seine großen Verdienste treu wahren und'ihr!Dankgefühl in altjüdischer Weise dadurch bekunden, daß sie immer in patriotischer Ergebenheit und Opferbereitschaft für ein freies Oesterreich einstehen werden. * Ueber Veranlassung der Landeszentralkanzlei des autonomen orthodox-jüdischen Glaubensbekenntnisses des Burgenlandes fanden am Mittwoch abend in sämtlichen orthodoxen Synagogen des Burgenlandes Trauerg־!ttesdienste anläßlich des Todestages Bundeskanzler Dr. Dollfuß׳ statt, bei denen Heiligtums, das in unseren Herzen unzerstörbar lebt und das wiedererbaut werden wird, weil es uns verheißen ist. Unwandelbare Trauer — so sagen unsere Weisen — ist nicht möglich bei etwas unwiederbringlieh Verlorenem. זירה על המת שתשתכח טן הלב:. Es ist ein Naturgesetz, daß die Trauer um das Tote — enden muß. Und weil unsere Betrübnis kein Ende kennt, und weil wir uns nicht trösten lassen wollen, sind wir überzeugt, daß das בית המקדש של מעלה, bis wir es in unseren Herzen neu errichtet haben, in seinen irdisehen Formen als ב*ת המקדש של מטה neu erstehen wird. Mögen die anderen sich mit ihrem Bauen freuen, mögen sie sich täuschen und vermeinen: geschaffen zu haben, was dem jüdischen Volke Jahrtausende lang gefehlt hat. Für uns ist das nicht die Erfüllung unserer Sehnsucht. Für uns ist der Wiederaufbau des Heiligtums das Primäre. Und dieses Heiligtum wird und kann nur erbaut werden von Menschen, die es täglich und stündlich missen und die drei Wochen lang in jedem Jahr in selbst auferlegter Trauer dem Neuaufbau entgegenweinen. Was alles dazu beiträgt, sei begrüßt, aber keinen Moment lang sei vergessen, daß ein Bes Hamikdosch nur in Heiligkeit erbaut werden kann. Gebe Haschern, daß alle unsere Brüder zur Erkenntnis kommen, daß ein jüdisches Land nur in jüdischem Geist und. das jüdische Heiligtum nur in jüdischer Heiligkeit erbaut werden kann. Der Weg ist klar und, durch die Tränen des jüdisehen Volkes gezeichnet. die ehrwürdigen Rabbiner entsprechende Gedenkreden hielten. Die .Landeszentralkanzlei des autonomen orthodoxjüdischen Glaubensbekenntnisses des Burgenlandes hat Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg anläßlich des tragischen Unglücksfalles telegraphisch ihr Beileid kundgegeben. Nachahmenswert Die Jüdische Telegraphen-Agentur meldet aus Sofia: ״Die jetzige bulgarische .Regierung unter der* Ministerpräsidentschaft Andre ja Tasche f f 8 geht daran, ein neues Gesetz über die Religionen der Bevölkerung zu oktroyieren. Danach werden wohl religiöse, nicht aber nationale Minderheiten awerkannt. Dies gilt auch für die J uden, die bisher als eine national-kulturelle Minderheit galten und demgemäß organisiert waren. Nach dem n&uen Gesetz soll die jüdis che Gemeinde einen exklusiv-religiosen Charakter und eine rein religiös e V ertretun g erhalten Daß die Jüdischnationalen in diesem Schritt wie in jeder Aktion oder Bewegung, die der religiösen Erneuerung gilt, einen Angriff auf jüdische Rechte sehen wollen, ist nicht verwunderlich, Speziell die Wiener orthodoxe Judenschaffc aber, die den areligiösen Kurs der jüdischnationalen Elemente und den schändlichen Einfluß jüdischnationaler. Wirtschaft auf das religiöse Leben sattsam zu sehen bekam, kann diese Entschließung der bulgarischen Regierung nur begrüßen und den bulgarischen Juden dazu gratulieren. Wir erwarten auch in Wien die unaufhaltbare Entwicklung, daß die Regierung in der Wiener Kultusgemeinde Parteiregime und nationalistische Wirtschaft beseitigt, denn nur eine Kultusgemeinde mit exklusiv-religiösem Charakter kann der jüdischen Religionsgemeinschaft frommen.

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