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Jüdische Presse · 1935-01-25 · 4 (25.1.1935) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
21 (1935)
Issue
4 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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i ffevüiove vj?piattt6 povolenfi fiadit post a vBratiSlave äs. 4i572-m-20 V. b. b. 2eil*1ngt!n vom Veflegef versendet Journal exp&dte par!,edftettf WIEN *BRATISLAVA 51 JÄNNER ms ב״א שבט תרצ״ר, 57. Jahrgang / Nummer 4 Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a, Telephon A-460־-i5; Tschechoslowakei: Bratislava, ,Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Äbonnementprelse: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kö 80, Jugoslawien Dinar 150, da» übrige Ausland Schw. Fr. 14. Einzelnummer öst. Gr. 40. Zahlungen f. ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Post- Sparkassenkonti.* Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 190.409, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. VIII, 4117, Berlin Nr. 122.619. ORGAn für Die imeRessen Dqs ORTHODOHen JUDeivrums Kultur und Religion Von Rabbiner Josef Adler, Schäßburg. Vor wenigen Tagen saß ich in. einem Wagenabteil einer Eisenbahn. Neben mir saß ein Gymnasialprofessor, mir gegenüber zwei jüdische Kaufleute, die unterwegs das Morgengebet in Tallis und Tfillin verrichten wollten. Der Professor protestierte dagegen, daß man aus einem Eisenbahnkupee eine Synagoge en miniature improvisieren wolle. Ein Disput entwickelte sich, dem der inzwischen hereingekommene Schaffner ein jähes Ende bereitete, indem er die Verordnung vorwies, die besagt, daß die Verrichtung von Gebeten auf den Eisenbahnen des rumänisehen Staates nur in unauffälliger, das Gefühl der Mitreisenden nicht störender Weise gestattet sei. Da einer der Passagiere Einspruch gegen das nach jüdischer Art vorzunehmende Beten erhebe, müsse er — so erklärte der Schaffner — es mit Berufung auf die Verordnung der Eisenbahndirektion verbieten. Die zwei Juden unterbrachen auf der nächsten Station ihre Fahrt, um dort im Städtchen ihre Andacht ungestört verrichten. zu können. Ich blieb allein mit dem Professor im Abteil und ich machte ihm Vorstellungen über' sein Vorgehen, das zwei Menschen an der Ausübung ihrer religiösen Pflicht behinderte und ihnen Zeit- und Kostenverschwendüng verursachte. Der Professor antwortete, daß er keine Religion habe und auch keine anerkenne. Er sei Kulturmensch und lasse sich bei allem, was er tue, ausschließlieh vom Diktate der Kultur bestimmen. Auf meine Frage, welches geschriebene oder mündliche Kulturgesetz ihn bewogen habe, einen Gewissenszwang auf zwei Menschen auszüüben, die er niemals gesehen, die ihm nie etwas, in den .Weg. gelegt, hatten,, erwiderte erJ״, daß ״er mir die JE?־ klärung hiefür nicht geben , könne,; dä er in mir einen religiös eingestellten Menschen vor sich sehe, der sich naturgemäß den Anforderungen der Kultur verschließen müsse und daher kein Verständnis für die Eigenart der Kulturgesetze besitze. Ich sah den Professor groß an und auf seine Frage, , warum ich so erstaunt tue, antwortete ich: ״Wie sollte ich nicht mit Verwunderung auf einen Menschen schauen, der, nach seinem Exterieur zu urteilen, noch kaum vierzig Jahre alt sein dürfte und doch schon, seiner Weltauffassung nach, mindestens sieben Jahrzehnte verschlafen haben müßte. Vor mehr als hundert Jahren hat man geglaubt, einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Religion und Kultur auf stellen zu müssen. Damals hatten die Vertreter der modernen Kultur mit denjenigen der Religion noch viel zu wenig Verkehr. Sie kannten die Auswirkungen der noch neuen, unerprobten Kulturauf die Geistes- und Charakterbildung der unter ihren Fittichen erzogenen Menschen noch nicht in genügendem Maße, um sich eine abschließende Meinung über das Verhältnis der Religion zur Kultur und auch umgekehrt bilden zu können. Heute aber, nach allen Erfahrungen, die wir im letzten Jahrhundert und ganz besonders in den letzten Dezennien gesammelt haben, klingt es doch verblüffend, aus dem Munde eines Professors zu hören, daß es zwischen Kultur und Religion nur ein Entweder-Oder gebe. Heute sollte doch jeder einige Bildung und Lebens'philosophie besitzende Mensch bereits wissen und eingestehen, daß die moderne, religionslose Kultur ein nimmer• gutzumachendes Fiasko erlitten hat und daß es nur eine von der Religion getragene, auf den Pfeilern der Religion auf gebaute Kultur geben könne und anzustreben sei, sofern sie eine erzieherische Wirkung in aufsteigender Linie auf die Menschen ausüben sollte. Heute müßte doch jeder geschulte Mensch, der die Geschehnisse der Welt mit offenem Auge betrachtet, einsehen und erkennen, daß die von jeder Religion losgelöste Kultur an sich ein Unding ist, da sie doch die an sie gestellten Erwartungen und Hoffnungen aufs schmerzvollste enttäuschte und, auf sich selbst angewiesen, auch nie und nimmer in der Lage sein wird, sie zu erfüllen. Denn der Egoismus, der von den verschiedenen Statthaltern und Sachwaltern des ״Nationalismus“ genannten Molochgötzen unter dem Namen Sacro egoismo heiliggesprochen wurde, vergiftet mit seinem Geifer jedes Regen, jedes Streben nach einem höheren Ideale. Die egozentrische Einstellung des ganzen Staatenwesens, die die Kunst, Literatur, Wissenschaft, Technik und sämtliche. Lebenserscheinungen in das eiserne Joch der Selbstsucht, Habgier und des Machtdurstes •vor den über Menschenherzen und Menschenglück wie besessen dahinräsenden und alles im Wege Stehende schonungslos zermalmenden Wagen der verlogenen Politik und materialistischen Diplomatie spannt, beleuchtet uns, einem Scheinwerfer gleich, die Hohlheit und die Unzulänglichkeit der Kultur in bezug auf Durchdringung der Menschen mit Gerechtigkeit, Liebe und Seelenadel. Es muß sich ja angesichts der niederschmetternden Tatsache unser Herz vor Schmerz zusammenkrampfen, wie trotz Kultur — Haß, Roheit, Niedertracht, Gewalttätigkeit so unverschämt wuchern wie vor der Sintflut. Muß sich der Genius der Menschheit nicht etwa das Haupt vor Scham verhüllen vor . dem unglaublichen, aber doch wahrgewordenen Faktum, daß unter den Augen einer gesitteten Welt, in Gegenwart großer, mächtiger Kulturstaaten, schon seit mehr denn Jahresfrist Tag für Tag die himmelschreiendsten Greueltaten verübt werden gegen Hunderttausende imschuldiger Menschen, die nichts anderes verbrochen haben, als daß sie einem Volk angehören, das der Welt einen G-tt, Religion, soziale Gesetzgebung, Wahrheit, Güte,. Wissen, Lebensbejahung; GJaube und Hoffnung auf Erlösung der Welt aus den Krallen der Böswilligkeit, Gemeinheit und Tyrannei gegeben hat? Fürwahr, wäre die Kultur der Großmächte von den Wahrheiten der Religion durchweht, sie könnten nicht verschränkten Armes dastehen und untätig Zusehen, daß in ihrer Mitte ein Staat auf sodomitischen Grundlagen der zügellosen Roheit, der leidenschaftlichen Lieblosigkeit, des wütenden Hasses gegen alles Artfremde, gegen alles Unsodomitische, gegen alles Edle und Menschliche, ja gegen alles G'ttliche, entstehe und־ sich mit teuflischer Zähigkeit erhalte. Wäre ihre Kultur von G’ttes Odem durchflutet, so müßten sie sich zu einer Tat aufraffeh, Stati Eine alte Anekdote erzählt von dem Theaterbesucher, der bei der Aufführung eines Soldaten- Stückes sich nicht * genug darüber wundern konnte, woher der Theaterdirektor die Mittel nimmt, um so viele ״Soldaten“ auf die Bühne zu bringen. Eine nähere Betrachtung der Statisten gab ihm die Erklärung. Es waren dieselben Gesichter, die, von der Bühne abgetreten, rasch die K1 e i d e r Wechselten, um in der Uniform eines anderen Regiments wieder zur Erhöhung des Effekts defilieren zu können. — So ähnlich machen es die . Herren Jüdischnationalen bei der Mobilisierung ihrer Trabanten im Kampfe gegen die Bestrebungen der .!bewußten Orthodoxie. Der Kultusvorstand, der_ Bethaus Vorstand, die zionistische Delegierten- Versammlung — ״alle“ protestieren! Es sind nämlich immer dieselben! Und wenn sich einmal ein Kultusvorsteher aus besonderem Grunde zur Gebetzeit in ein' Minjan verirrt, so kann er nochmals mit den״ ׳Bethausbesuchern“ protestieren. 1 * Wir müssen endlich aus unserer Reserve heraus und das Treiben der Bekämpf er der Orthodoxie ins richtige Lacht! setzen׳. Seitdem die Aktion für Er•* langung der Autonomie der Orthodoxie begonnen hat, rufen wir in jeder Nummer unseren Gegnern zu: ׳״Heraus mit euren Argumenten! Beweist uns, daß der von uns eingeschlagene Weg nicht der einzig mögliche zur Erhaltung dei* Religion und der Religiosität) ist!“ Es war aber ein Ruf in die Wüste. Wir haben von unseren Gegnern nicht gehört, daß Leistungsfähigstes Möbelhaus M♦ ‘Redler/ Wien 1/ Schottenring 35 Telephon A-12-9-78. Zeitgemäße Preise. Gesamtausstattungen von der billigsten bis zur feinsten Ausführung. Beste Referenzen. Eigenes Zahlungssystem. Samstag geschlossen. ״Schomra״-Mitglied. wie einst Moses mit dem ganzen Einfluß seiner Personlichkeit gegen die Missetäter auftrat, die durch Mißbrauch ihrer Kraft oder Macht — Unrecht und Vergewaltigung zu begehen sich erdreisteten. Er fragte nicht nach Rasse, Zunge und Religion, mochte es ein mizrischer Scherge, ein hebräischer Böse wicht oder eine midjanitische Hirtenrotte sein, das gekränkte Recht fand in ihm einen g’ttbegeisterten Rächer, der die Folgen seines Auftretens nicht erst kühl abwog, die möglichen Verwicklungen nicht erst nüchtern überlegte, sondern mit Flammeneifer als unerschrockener Beschützer des Rechtes und der Gerechtigkeit auftrat. Weil seine Kultur g* ttlichen Einschlag hatte, darum konnte sein Gewissen nicht eingeschläfert werden, darum mußte aus seinem Gesichtskreis jedes Unrecht und jedes Verbrechen schwinden, darum war er geeigneter Bote der Zerbrechung pharaonischer Grausamkeit eines versklavten Volkes, erster unerreichter Erlöser einer geschichtlichen Nation. Erst wenn die großen Kulturvölker die Religion zur Basis ihrer Kultur nehmen, ihre Kultur auf dies hehren, unumstößlichen, ewigen Wahrheiten der Religion aufgerankt haben werden, wird ihnen der große Wurf gelingen, Wahrheit und Gerechtigkeit würdig und mit Erfolg zu vertreten. Solange das nicht geschieht, wird die Herrschaft der Not und des Unrechts auf Erden-nicht schwinden, zur Schande der Kultur, in deren Namen Sie, Herr Professor“ — so sagte ich — •״den zwei Männern das Verrichten ihrer Gebete mit Inanspruchnahme der Staatsgewalt verwehrten.“ unsere Forderung ungerecht, oder daß sie unjüdisch sein׳ soll. Immer wird uns nur der Vorwurf gemacht, daß wir die ״Einheit“ der jüdischen Gemeinde ״sprengen“ wollen. Es ist dies eine ebenso schwache wie falsche Entgegnung auf unsere gerechte Forderung. Nickt wir sind die Separatisten, sondern jene, die die jüdischeTraditionv erlass en und durch Aufgabe des jüdischen Gemeingutes, der Thora, d}e jüdische Gemeinschaft zerrissen ,haben.! ■» ׳Zur ״Entkräftung“ unserer Argumente werden auch Statisten — ״Massen“ darstellend — ins Treffen geführt. Den Namen ״Statisten“ verdienen! sie nicht nur deshalb, weil sie wiederholt — immer dieselben! — unter verschiedenen Titeln auf treten, sonn dern weil sie auch, ohne sich in die Materie zu vertiefen, ohne das Wesen unseres Kampfes zu untersuchen oder zu erfassen, einfach nur sich dazu bestimmen lassen, nein zu sagen. * Vor einigen Tagen fand in Wien eine D e 1 egierten Versammlung des zionistischen. Landesverbandes statt, Es ist dort ziemlich lebhaft hergegangen und es mangelte nicht an wechselseitigen Vorwürfen über Bevorzugungen und Benachteiligungen bei Zertifikaten und; dergleichen. Es. kam auch zu einigen Kampfabstimmüngen. Um aber letzten Endes die ״Solidarität“ zu bekunden und um den Kampf der Parteien in der Partei möglichst zu verdecken, wurde zu dem Auskunftsmittel gegriffen, eine Resolution gegen die Bestrebungen der um die Q11IA Sw* Die weltberühmte, in Qualität unübertroffene für die ofihddoxe Berückenkunstwerkstätte 0THMAR SCHIFF WSat« I Uärrtinarrtnn fi gegenüber Hotel Bristol IWCIl *t tvanunerruig 0 Telephon U*43*016״ * * *v. ״ •fit ■■ r: ־■,.■■■ .’־■■iA i

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