Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1935-01-11 · 2 (11.1.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
21 (1935)
Issue
2 (11.1.1935)
Date
1935-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2630587-2630589--4900-2637144
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

V. b. b, Novinovfe vflplatnö povoienfi riadit post ft telegräfov v Bratislava äs. 41572-II1-20 mäk Hl H A ftl A “11■ H ■Kl "HB■ NUMMER 2 27. JAHRGANG Zeitungen vom Verleget versendet Journal etpMiö pif P&Uteüt WÜN> BRATISLAVA % JÄNNER t?3$ ד שבט תרצ״ה Redaktion und Administration: Wien» II., Mate* gasse 12 a* Telephon A-46-0-15; Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementpreise; Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kd 80, Jugoslawien Dinar 160, das Übrige Ausland Schw. Fr. 14. Einzelnummer öst. Gr. 40. Zahlungen f. ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Post» sparkassenkonti: Wien Nr. D*93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 190.409, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. VIII, 4117, Berlin Nr. 122.619. ORGßn für Die mTGReseen Des orthodohgo juDenTums Probleme der jüdischen Jugenderziehung« Von Rabb. Dr. Elie Munk in Ansbach. Die Juden im Saargebiet. I Von Rabbiner Dr. Ruelf, Saarbrücken. Am kommenden Sonntag, den 13. Jänner, dem Plebiszit-Tag im Saarland, entscheidet sich - das Schicksal der Saarbevölkerung und damit auch der Juden dieser Provinz. Im Saargebiet leben etwa 5000 Judjen, davon etwa die Hälfte in der Hauptstadt Saarbrücken. Sie ernähren sich ähnlich wie die deutschen Juden vom Groß» und Detailhandel, auf dem Lande zum Teil vom Viehhandel. Es gibt eine Anzahl Aerzte und Rechtsanwälte, einige Fabrikanten und Großhändler für Produkte der Eisenindustrie. Die Jucken in allen Berufen leiden schwer unter der Wirtschaftskrise. Nach dem Umschwung in Deutschland flutete die Welle der jüdischen Emigration durch das Saargebiet. Die ansässigen Jucken halfen ihren vertriebenen Brüdern, soweit es in ihren Kräften stand. Die meisten Flüchtlinge zogen weiter in die westlichen Länder. Ein Teil blieb im Saargebiet. In dieser Situation, die schon an sich recht schwierig ist, führen die Juden des Saargebiets seit 12/ג Jahren einen furchtbaren Kampf um ihr Leben. Nach dem Vorbild des Dritten Reiches und unter dem Zwang der Gleich- Schaltung und des Terrors begannen die meisten Saarländer gegen ihre jüdischen Mitbürger, mit denen sie bis dahin im allgemeinen friedlich zusammengelebt hatten, eine feindliche Haltung einzunehmen. Boykott, Diffamierung, Ueberfälle, physische Bedrohung, Mißhandlung der jüdischen Kinder durch die nichtjüdische Jugend, wurden fast alltägliche Erscheinungen. Zwar sucht die vom Völkerbund eingesetzte Regierungskommission des Saargebiets die Juden zu schützen, aber ihre Macht ist gering gegenüber einer Bevölkerung, die ihre Direktiven von der deutschen Regierung bezieht und diese Befehle — teils willig, teils unter Zwang — gehorsam befolgt. Am 1. März 1934 begann der Abstimmungskampf mit der Gründung der ״D eutschen Fron t“. Dieser Name ist nur eine Umschreibung für die Nazi-Front, denn Organisation und Einfluß sind allein in den Händen der Nazis, denen sich die übrige Bevölkerung unterordnet. Anfangs wagtjen es nur wenige, sich den Befehlen, die meist direkt aus dem Propagandaministerium in Berlin stammten, zu widersetzen. Zwar wuchs die Opposition von Monat zu Monat, besonders nach dem 30. Juni und der Ermordung prominenter deutscher Katholikenführer. Aber die Wahrheit konnte nur langsam und unvollkommen durchdringen, weil der Saarländer nur die Zeitungen der ״Deutschen Front“ lesen durfte. Seit dem 1. Dezember 1934 hat sich die Lage allerdings sehr stark geändert, und zwar durch drei Tatsachten: 1. Die glaubenstreuen Katholiken traten aus ihrer vorsichtigen Reserve heraus und gründeten den ״Deutschen Volksbund für christlich-soziale Kultur“. Dieser Bund, bei dessen Gründung ein großer Teil der katholischen Pfarrer anwesend war, tritt offen für den Status quo ein. 2. Hierzu kommt eine sehr wichtige Befreiung des nationalen Gewissens. Der Völkerbundsrat hat in seiner Dezembertagung die Möglichkeit einer zweiten Ab- Stimmung für den Fall, daß sich jetzt die Bevölkerung für den Status quo entscheidet, als zulässig bezeichnet. Dadurch kann der national empfindende Deutsche seine Ent- Scheidung für den Status quo treffen, ohne damit die dauernde Abtrennung des Gebietes von Deutschland herbeizufttlu{en. 3. Der Völkerbundsrat hat ferner verfügt, daß im Falle der Rückgliederung schon sehr bald die im Saar־! gebiet im Umlauf befindlichen französischen Franken in Reichsmark umgetauscht werden müssen. Die deutschen Devisjen-Bestimmungen treten sofort in Kraft. Kein Saarländer darf dann noch Franken besitzen oder freie Konten auf ausländischen Banken haben, wenn er sich nicht schweren Strafen' aussetzen will. Das ist ein schwerer Schlag für alle Besitzenden, die bei einer Rückgliederung für ihr gutes Geld schlechtes und fragwürdiges erhalten. Diese drei Tatsachen haben bewirkt, daß sich ein großer Teil der Mitglieder der ״Deutschen Front“ heimlich entschlossen hat, fürdenStatusquoz u 8 timraen. Welches sind nun die Konsequenzen für die Juden des Saargebietes? 1. Bleibt der Status quo erhalten» so werden 1. Ueber die erwachsene jüdische Schuljugend werden von Erzieherseite manche Klagen geführt und harte Urteile laut. Die Frage nach ihrer Beeinflußbarkeit ist zunächst eine prinzipielle Grundfrage jeder pädagogisehen Betätigung schlechthin. Unter den großen Pädagogen gibt es Optimisten, die in dem Kind ein ״Stück weißes Papier oder Wachs sehen, das man nach Belieben gestalten kann“, und Pessimisten, die jede Möglichkeit einer Einwirkung auf den Charakter leugnen. In der Gegenwart hat die Vererbungs- und Beharrungslehre der Pessimisten das Uebergewicht gewonnen. Das Judentum indessen verkennt keineswegs die Tragweite der angeborenen und der vererbten Anlagen, aber es vertritt den Standpunkt, daß sie, ohne gewaltsam unterdrückt zu werden, in die erstrebenswerte Richtung gelenkt und solchermaßen für die Erziehung positiv verwertet werden können und sollen. In dieser Hinlenkung sämtlicher Anlagen und Seelenkräfte des Menschen, auch der widerstrebenden, auf das Ideal, ist eine wesentliche Aufgabe der jüdischen Erziehung gelegen. 2. Als Folge der Bevorzugung der Beharrungstheorie ist die Neigung zur weitgehenden Nachsicht zu betrachten, die der Jugend von seiten der modernen Pädagogen entgegengebracht wird; Die Rücksichtnahme auf .eine Fülle von Bindungen in den Bezirken des Psychisehen wie des Pathologischen erweckt eine falsche Humanität und ein falsches Mitleid. Die Weitherzigkeit, die an Stelle der Strafe ־Erziehung^setzen will, kann gef ährliehe Folgen für die Lebenstüchtigkeit und Widerstandsfähigkeit des Charakters zeitigen. Das Judentum, das ein , starkes und erprobtes Geschlecht braucht, kann in seiner Einzelerziehung ebensowenig auf die gerechte Strafe verzichten, wie die g-ttliche Erziehung der Gesamtnation jemals auf Züchtigungen und Heimsuchungen Verzicht geleistet hat. 3. Auf dem Gebiet der praktischen Pädagogik wird die sportliche Betätigung als hervorragendes Mittel angesehen, das •im Dienste der Ertüchtigung des Mensehen und der Stärkung und .Stählung seiner Willenskraft״ steht. Als solches kann es auch von uns bejaht werden, insofern es weder durch übertriebene zeitliche Beanspruchung noch durch den Ehrgeiz nach überspitzten Höchstleistungen die geistige Strebsamkeit und Spannkraft unterdrückt. Uns ist doch im. ״Lernen“ ein Mittel gegeben, das für die Schulung des Willens wie für die starke Beherrschung aller seelischen Triebkräfte als Ideal bezeichnet werden muß. Denn es verbindet mit der geistigen Energieleistung, die es erfordert, zugleich eine Atmo- Sphäre der Reinheit und Heiligkeit, wie sie kein anderes pädagogisches Erziehungsmittel hervorzubringen in der Lage ist. Erblicken wir solchermaßen im Lernen das jüdisehe Mittel zur!Selbstertüchtigung, so bleibt die Tatsache hievon unberührt, daß die Fähigkeit und Kraft zu innerer Selbstüberwindung von uns weit höher bewertet wird als die auf der Arena des Sportes ausgetragenen Siege über die Judlen in leidlicher Ruhe und Sicherheit an der Saar verbleiben können. Zwar wird der Antisemitismus nicht verschwinden, solange Herr Goebbels in Berlin Propagandaminister ist. Aber die Saarländischen Behörden, haben dafür gesorgt, daß die Judpn ungestört ihren Berufen nachgehen können und vor den schlimmsten Angriffen und Diffamierunglen geschützt werden. Und was das Wichtigste ist: Das Prestige Hitlers wird sehr stark geschwächt sein, wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung eines zweifellos deutschen Landes gegen ihn und sein System ausgesprochen hat. 2. Wenn das Saargebiet im Prozentverhältnis des Abstimmungsergebnisses geteilt wird, so gelten alle unter 1. genannten Vorteile für den autonom bleibenden Teil des Saargebietes. Auf Grund eines Optionsrechtes werden alle Saarjuden in den autonoirfen Teil Ubersiedeln können und dort gleichsam eine Zufluchtsstatt besitzen, 8. Dagegen wäre eine Rückgliederung des die körperlich Schwächeren. In der Verurteilung der gegenwärtigen grenzenlosen Sportbegeisterung, die auf dem besten Wege sich befindet, die geistigen Interessen gerade der Jugend verkümmern zu lassen, wissen wir uns eins mit zahlreichen Führern des europäischen Geisteslebens. 4. In diesem Zusammenhang sind auch die vielfach in der Jugend bewußt vernachlässigten' äußeren Formen des Gesellschaftslebens hervorzuheben. Der Talmud schenkt ihnen eine weitgehende Beachtung und wertet sie als Mittel der Selbstbeherrschung, die geeignet ist, den Menschen im •Sinne der Menschenfreundlichkeit und der Nächstenliebe innerlieh zu beeinflussen, ganz ebenso, wie die äußeren Formen der jüdischen Gesetze eine innere Umwandlung des Mensehen bewirken sollen. Diese Wirkung von außen nach innen ist nicht minder für die Gesellschaftsformen maßgebend. Die jüdische Jugendbewegung, die sich am überlieferten Schrifttum des Judentums zu orientieren bestrebt, sollte daher ihre Stellung zu den von ihr als ״konventionelle Lügen“ empfundenen Gesellschaftsformen grundsätzlich revidieren. 5. In der vielerörterten Frage einer für die überlieferungstreue Jugend geeigneten Lektüre sind Ansätze vorhanden, die einen langsamen Fortschritt erhoffen lassen. Es handelt sich hiebei keineswegs um einen Mangel an geigneten Stoffen; Denn dieser ist schon allein in der biblischen wie in der nachbiblischen Literatur, vorhanden. Es fehlt jedoch an der Initiative zur Bearbeitung dieser Stoffe, und die hiezu Befähigten sollten sich ernsthaft und eifrig um die Schaffung einer geeigneten Jugendlektüre bemühen. Ihr oberstes Ziel muß darin bestehen, daß sie sittlich-religiös wirkungsvoll ist, zugleich aber auch geistesbildend und künstlerisch wie literarisch hochstehend; 6. Erscheint in anderen Kreisen die Frage nach dem erstrebenswerten menschlichen Verhältnis des Erziehers zum ' Zögling noch vielfach problematisch, so ist gerade, innerhalb der glaubenstreuen Erziehung die Frage eindeutig dahin beantwortet, daß dieses Verhältnis von der auf geistiger und sittlicher Ueberlegenheit beruhenden Autorität der Erzieherpersönlichkeit bestimmt sein muß. Die Erziehung zum Judentum kann bei aller dem Kinde zu bewahrenden Achtung auf das Prinzip der inneren Autorität nicht ver ד . zichten, selbst dort, wo, wie in der Jugendbewegung, das Verhältnis des Führers zum Geführten ein rein persönliches und freundschaftliches sein soll. Nur eine Erziehung, in welcher der Autoritätsgedanke sich selber bewußt auf die g-ttliche Offenbarungslehre gründet, und die zugleich individuell geleitet und differenziert wird, kann׳ auf den gewünschten Erfolg hoffen, Charaktere heranzubilden, die das Kulturgut des Judentums dereinst mit starkem und stolzem Bewußtsein ver-־ teidigen und verkünden werden. gesamten Saargebietes an Hitler-Deutschland ein furchtbares Unglück für die Saarjuden und für das Judentum überhaupt. Der Siegesübermut des Dritten Reiches würde keine Grenzten kennen. Alle Rücksichten, die heute noch auf die deutschen Juden genommen werden, würden aufhören. Den Juden an der Saar stände ein schlimmes Los bevor. * Für die Dauer eines Jahres hat Deutschland auf Grund der Vereinbarungen von Rom und Genf den Minderheiten der Rasse und Religion Schutz zugesagt.* Für 12 Monate! Und dann? Dann kann das Dritte Reich seine Willkür an ihnen üben. Für diesen dritten und ungünstigsten Fall gäbe es nur eine Hilfe: Das Gewissen der Welt muß aufgerüttelt werden. Die zivilisierten Nationen der Welt müssen erkennten, daß die Minderheiten an der Saar nicht einem Regime ausgeliefert werden dürfen, das keine Gerechtigkeit, keine Menschlichkeit und kein Erbarmen kennt. m \ W Die weltberühmte, in Qualität unübertroffene für die orthodoxe Per&ckenkunstwerkstätte 0THMAR SCHIFF Wien I, Kärntnerring 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.