Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 20 (1934)
- Issue
- 47 (14.12.1934)
- Date
- 1934-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Man kann füglich sagen, wo im politischen Leben dieses Symptom sichtbar wird, kann der Be־ troffene ruhig sein — sein Gegner ist in arger Ver־ legenheit. Ein solches Mittel glauben nun die Gegner der orthodoxen Autonomiebestrebungen in dem Schlagwort ״eine verschwindende Minderheit“ gefunden zu haben. Die Schiffschul und die um sie gruppierte Orthodoxie — einige tausend Unentwegte — bilden tatsächlich nur einen kleinen Bruchteil der Wiener Gesamtjudenheit. Dies wurde von uns nie geleugnet. Im Gegenteil! Wir haben diese traurige Tatsache immer stark unterstrichen und in die Welt hinäusgeschrien: ״Seht, wie klein in Wien schon die Zahl der sich und seiner Aufgabe bewußten Orthodoxie ist!“ Sie wird weiter zusammenschrumpfen, wenn nicht endlich der entscheidende Schritt geschieht. Die selbstbewußte Wiener Orthodoxie ist nur mehr eine ״verschwindende Minorität“ ... so weit konnte es nur kommen, weil wir die Zwangsgemeinschaft mit der andersgearteten Kultusgemeinde so lange erdulden.mußten. - P . . i ,״״,'• i , Das Schlagwort, mit. dem unsere Gegner die Aktion totzuschlagen glauben, ist unser S.-O.-S.- Ruf. Wir sind nur mehr eine ״verschwindende Minderheit“, es ist höchste Zeit zum Handeln! die orthodoxe Gemeinde Wiens anspricht. Ihr Rabbinat und deren Entscheidungen sind, für die Welt- Orthodoxie maßgebend. Diese Tatsache gibt uns Mut und Kraft in unserem Kampfe;sie straft alle Verkleinerungsversuche unserer , Gegner Lügen. Allerdings unterwerfen sich die Mitglieder der Schiffschul einer drückenden Dop p e 1besteuerung, um ihre Institutionen erhalten zu können. Was Wunder,;wenn die Anzahl ihrer Mitglieder nicht in die vielen ^Tausende geht. Nicht jeder ist in der Lage und noch weniger gewillt, trotz wirtschaftlicher Not, dauernd einschneidende materielle Opfer zu bringen. Aber viele Tausende sind es noch immer, die bei weniger drückenden Bedingungen sich der Schiff schul mit Begeisterung anschließen werden. Das wissen unsere Gegner nur zu gut und deshalb wehren sie sich in solcher Weise. Wäre es ihnen nicht um ihre Machtstellung, sondern um die Erhaltung des thoratreuen Judentums zu tun, würden sie unsere Aktion nicht bekämpfen, sondern tatkräftigst f <ördern. Sie hätten dem; rühmlichen Beispiel des Landesrabbiners von Jugoslawen;iDr. A1 k a l a y, gefolgt, der sich seihst bei der Regierung dafür einsetzte, daß die jugoslawische Orthodoxie ihre Autonomie bekommt, wiewohl sie zahlenmäßig nur eine kleine Minorität darstellt. Eine solch vornehme! Gesinnung ist scheinbar von den Herren der Wiener Kultusgemeinde nicht zu erwarten. Wir haben uns auch davon überzeugen müssen, daß die Kultusgemeinde nicht gewillt ist, uns frei willig die für uns lebensnotwendige Selbständigkeit einzuräumen. Solcherart ist die S c h i f f s c h u 1 und i h r Kr eis, in der nun schon die dritte Generation im Geiste der Selbsterhaltung aufwächst, zu dem schwerwiegenden Entschluß gekommen. Sie hat die Trennung innerlich schon längst durchführen müssen. Psychologisch ist sie darauf seit Jahrzehnten vorbereitet. Sie weiß, daß ihr Kampf um die öffentlich-rechtliche Anerkennung ihrer Selbständigkeit zusätzliche Opfer bedeutet. Sie nimmt sie auf sich, weil es um die Existenz des gesamten thoratreuen Wiener Judentums geht. Die Herren der Kultusgemeinde scheinen sich dessen nicht bewußt zu sein, daß sie mit (fern Schlagwort ״eine verschwindende Minderheit“ ein vernichtendes Urteil über sich selbst sprechen. Denn, als von 80 Jahren der areligiöse Geist in die . Wiener Kultusgemeinde seinen Einzug hielt, war die Orthodoxie noch in M a j o r i t ä t. Nur diesem Geist ist es zuzuschreiben, wenn wir heute nur mehr eine Minorität sind. ,; ׳ r . Ja, wir s i n 4 eine Minderheit, aber eine Minderheit, die nicht verschwinden; will und nicht verschwinden darf, wenn das thoratreue Judentum in ‘ Wien weiterleben soll. Deshalb entschlossen wir uns zur T a t,!bevor es zu spät werden könnte. * Leicht fällt uns dieser Schritt keinesfalls. Jeder yon uns fühlt die Tragik des Ereignisses und wir be- ‘klagen es tiefinnerst, daß es so weit kommen mußte. Wiewohl nicht wir die Einheit zerstört haben, die Einheit der Thora! Eine a n d e r e Einheit gibt es natürlich für uns im jüdischen Kultusleben nicht. Die Kultus(gemeinde war es, die sich von! ־ grundlegenden Satzungen der Thora lossagte *und so einen Trennungsstrich zwischen sich und den Thoratreuen machte. Defacto hat die Schiff schul die Konsequenzen aus dieser Tatsache schon vor etwa 70 Jahren gezögen, als ihr damaliger Führer, Rabbi Salmen Spitzer s. Z. 1., aus dem Rabbinat der Kultusgemeinde ausgetreten ist und alle Anstalten zur Schaffung einer selbständigen orthodoxen Gemeinde traf. Vierhundert Rabbiner aus allen, Ländern.gaben ihre Zustimmung. Dieses Gutachten ist noch heute aktuell und verbietet jedem wahrhaften Juden die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die. nicht ganz auf dem Boden der Ueberlieferung steht. Wenn es damals nicht gelang, die Trennung auch de jure durchzuführen, so fehlte es sicher nicht an dem guten Willen der Führer, In der liberalen Aera fanden sie für ihre Sache kein Verständnis. Doch muß' gesagt werden, daß die Schiffschul von jener Zeit an ihr Leben so einrichtete, wie jede öffentlich-rechtlich anerkannte orthodoxe Geineinde. Sie schuf sich ein eigenes Rabbinat, eine eigene Schechita, eigene Religionsschulen u. a. m. ' Im Laufe der Jahre konnte sie einen namhaften Aufschwung nehmen. Ihr moralisches Gewicht und Ansehen wuchsen in der internationalen Orthodoxie derart, daß man heute mit Recht die Schiffs c h u 1 als Ein Interview des Präsidenten Dr. Friedmann. Der Präsident der, Wiener •Israelitischen Kultusgemeinde, Staatsrat ׳Dr. Desider Friedmann, gab der J. T. A. im Zusammenhang mit den von der Schiffschul bei der Regierung unternommenen Schritten eine Erklärung. Wir ’ unterlassen es, mit den Ausführungen des Herrn .Präsidenten Dr. Friedmann zu polemisieren, um nicht in denselben unsachlichen Ton verfallen zu müssen• und wollen uns diesmal nur darauf beschränken, krasse Unrichtigkeiten zu widerlegen. Die Behauptung, daß der Beschluß, an die Regierung wegen Bewilligung einer eigenen Gemeinde heranzutreten, vom Vorstande der;Schiffschul mit knapper Majorität gefaßt wurde, ist u n w a h r. Richtig ist, daß der Beschluß einstimmig gefaßt wurde. Das Ansuchen an die Regierung ist statutengemäß von ein e m Mitgliede des P r ä si.d i u m s gefertigt und vom Schriftführer gegengezeichnet. Die Falschmeldung des Herrn Dr. Friedmann, daß die Eingabe von allen drei Mitgliedern des Präsidiums unterschrieben wurde, dient nur dem Zwecke, diese drei ehrenwerten Vorkämpfer der Orthodoxie persönlich glossieren zu können. Daß keine Generalversamlung einberufen wurde, stimmt, aber es ist bekannt, daß die Einberufung überflüssig ist. Jeder von uns weiß, daß die; Mitgliedschaft in der Adas Jisroel zu gleich ein Bekenntnis zur selbständigen orthodoxen Gemeinde ist, zu einem Ideal, das älter ist, als der Aelteste von uns, ,der es aber auch hoffentlich verwirklicht zu sehen, erleben wird. Die Feststellung, daß wir Orthodoxe nur eine Minderheit: sind, hätte sich Herr Dr. Fr ie dmann ersparen können, da wir nie behauptet haben, eine Majorität zu sein. Aber auch als Minorität haben wir das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit. Anlangend die Bemerkung, daß die Mehrheit der strenggläubigen Judenschaft geschlossen hinter der Kultusgemeinde steht, ist es zun• Genüge bekannt, wie diese Vertrauenskundgebungen der von der. Kultusgemeinde subventionierten oder, auf andere Weise abhängigen! Vereine und Personen zustande kommen,;י Ueber' die Lebensfähigkeit der von uns zu gründenden Kultusgemeinde braucht sich Herr Dr. Friedmann keine Sorgen zu machen, da 9rir, wie er. selbst zugibt, fast alle Institutionen der religiösen Bedürfnisse . aus eigenem erhalten haben und der Kultusgemeinde die Steuern trotzdem bezahlen mußten. Unsere kreise werden zu jedem Opfer zu haben sein, wenn es sich — nur um eines der vielen Uebel herauszugreifen — darum handeln wird, den heutigen Religionsunterricht durch wirklich jüdischen Religionsunterricht ersetzt zu wissen. Der Vorwurf, daß die Schiffschul über eine weit-v gehende Autonomie innerhalb des Wiener jüdischen Gemeindewesens verfügt, ist der beste Beweis für die (Berechtigung der Forderung, denn wir haben eben unsere Institutionen sei b s t schaffen und erhalten müssen. Es wird der Schiffschul auch vorgeworfen, daß sie seit alters her das Privilegium der eigenen Schechita hat; Dabei verschweigt der Herr Präsident, daß die Schiffschul vierzig Jahre, bevor die. Kultusgemeinde sich überhaupt, damit beschäftigt hat, ordnungsmäßig beaufsichtigte rituelle Schächtung in Wien eingeführt hat. Die Behauptung, daß laut Statut in־ religiösen und rituellen Fragen das Einvernehmen mit dem Rabbinat zu: pflegen ist, ist richtig, aber Herr Präsident Dr. Friedmann verschweigt die Tatsache, daß laut Statut der Vorstand, der aus Laien (und wie jetzt aus religiös indifferenten) besteht, an das Gutachten , der Rabbiner nicht gebunden ist. Es haben sich schon Fälle ereignet, daß der Vorstand sich über das‘, Gutachten der Rabbiner hinweggesetzt hat und wir verweisen in diesem Zusammenhänge auf die Funktionen bet Leichenverbrennungen, Einführung des Lautsprechers am Schabbos, usw. Die Behauptung des Herrn Dr. Friedmann, daß in andern Ländern mit der Trennung böse Erfahrungen gemacht wurden, ist. aus der Luft gegriffen, ganz im Gegen- teil, nirgends herrscht solcher Friede und sorctie Eintracht wie in den Städten, wo Orthodoxe und Neologen separiert: und die Reibungsflächen eliminiert sind. Die Unifikationsbestrebungen existieren immer nur bei den Neologen. Wir hoffen, daß auch in Wien die reinliche Scheidüng den Frieden wieder!!erstellen und ein Zusammenarbeiten aller Juden auf anderen Gebieten als den reli-;; giöseri möglich sein wird. » Ob den Unfrieden in der Kultusgemeinde, wie Herr Dr. Friedmann behauptet,־ wir - oder, wie wir behaupten, die Jüdischnationalen am Gewissen haben, sei der Beurteilung unbefangener Kreise überlassen. Sftti®';׳,,. י',•; Die weltberühmte, in Qualität unübertroffene orthodoxe Perttckenkunstwerkstätte 0THMAR SCHIFF Wien I, Käratnerring 6 ÄÄ^.tV18*01 ■ v^•-' iß ■ %