Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1934-02-23 · 8 (23.2.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
20 (1934)
Issue
8 (23.2.1934)
Date
1934-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2630538-2630546--4661-2636864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Hot tau t i t; «>iÄtft0 pmrnm m t ÖfÄtlAlÄVft £11* 41693M jearft&l 1ÜA- •:■ 'M ORGAN FÜR DIB INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a, Telephon A-46-0-15. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 381. Jugoslawien: Subotica, Zrinjski trg 31. Erscheint jeden Freitag. Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag. Abonnementpreise: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kc 80, Jugoslawien Dinar 150« das übrige Ausland Schw. Fr» 14, Einzelnummer öst. Gr. 40. Zahlungen für ״jüdische Presse“, Wien, auf folgende Postspärkässehkonti: Wien Nr» D-93.614» Brünn Nr. 126.058, Berlin Nr. 122.619, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 190.409, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. VHI, 4117» Nr. 8 U/ien-Bratislava, 23. Februar 1934 •ב וז ווינא־פ־עסכורג ד אדר תרצ י 20. Jahrs. Zurück in die religiöse Heimat! Die sozialdemokratische Partei ist tot — und von Toten schweigt man. Wir gehorchen diesem Gebote um so eher, da es von jeher Leitmotiv unseres Blattes war, in politischen Kämpfen nicht jüdischer Parteien äußerste Zurückhaltung zu bewahren. Wer die'Mentalität der thoratreuen Juden kennt, weiß, daß diese Reserve weder aus Feigheit, noch aus Unentschlossenheit, und schon gar nicht aus Mangel an Teilnahme für das Weh und Wohl der anderen resultiert. Sie ist vielmehr wichtigstes Gebot altjüdischer Tradition. Wir werden uns daher hüten, einen auf dem Boden liegenden weltanschaulichen Gegner zu schmähen. Wir haben ihm nicht , ״zugejubelt“, als er auf der Höhe seiner Macht stand, wir werden ihm aüch jetzt nicht, wo׳ er seine Rolle so tragisch zu Ende gespielt hat, ein detailliertes Sündenregister an den Kopf schleudern. Wenn wir überhaupt zu den traurigen Ereignissen der letzten Woche Stellung nehmen, . so geschieht dies ausschließlich im Interesse des Gebotes der Stunde: Befriedung und Beruhigung der Gemüter.' Die Führer der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs, die schwere Schuld auf sich geladen haben, waren zum weitaus überwiegenden und maßgebenden Teile nicht Juden. Und die vereinzelten, die von gegnerischer Seite immer als ,,,Juden“ bezeichnet würden, sie hatten am. allerwenigsten mit Judentum etwas gemein. Es waren Renegaten, die dem angestammten Glauben und der Ueberlieferung treulos geworden sind, den Rücken gekehrt haben. Und wie schon oft in der Gesichte — das Beispiel Sowjetrußlands beweist es am besten, wo ausgerechnet die jüdischen Kommunisten den wütendsten Kampf gegen das Judentum führen — sind auch diese wenigen, wohl als Juden geborenen Mensehen gegen G-ttesglauben und Religiosität zu Felde gezogen und ihr erster Angriff galt immer — dem J uden tum. Das klar auszusprechen und diese Menschen keinesfalls als zu unserer Gemeinschaft gehörig zu bezeichnen, ist entschieden notwendig. Gewiß, es läßt sich nicht leugnen, es gab auch sonst Juden, die der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs angehörten. Juden, die als A n g e s t e 111 e oder Arbeiter in dieser Partei die beste Vertretung ihrer Berufs- und Standesinteressen wähnten und sich über die Tatsache hinwegsetzten, daß sie, von Freigeist getragen, jedes religiöse Empfinden von sich weisend, in striktestem Widerspruch zu unserer Lehre und" Ueberlieferung stand. Wir beklagten und beklagen die verhältnismäßig geringe Zahl von jüdischen Irrgängern. An sie aber wenden wir uns heute. Oesterreich soll jetzt als religiös gefestigter Staat wieder auf gebaut werden. Und so ergeben sich auch für uns Juden völlig neuartige Perspektiven. Wenn wir also heute an alle Betroffenen den Ruf ertönen lassen; Zurück in die religiöse Heimat!, so wollen wir durch liebevolles Verstehen eine Atmosphäre der Versöhnung; schaffen, welche es den Heimkehrern leicht macht, auch wirklich heimzufinden. Agudas Jisroel weist ihnen den Weg und der Boden der Thora ist ihr altes trautes Heim. Es war für den orthodoxen Juden wahrlich nicht leicht, im Parteienstaat des Nachkriegsösterreich seinen Platz zu finden. Von den in religiösen״ Belangen f r e U s i n n i g e n Parteien — ob sie nun bürgerlich oder sozialiatisch eingestellt waren — trennte uns eine u n ü b erbrückbarq Kl uf t weltanschaulicher Natur., Eine von gediegenen konstruktiven Ideen getragene hu hs e r? vative Partei mit interkonfessioneller Einstellung hätte uns wohl am besten zugesagt — eine solche gab es jedoch nicht. Von diesem Standpnukt aus betrachtet, haben wir wirklich keinen Grund, das Verschwinden des alten Parteienstates zu beklagen. Es besteht vielmehr die Hoffnung, daß in dem im Aufbau befindlichen Ständestaat für die Bedürfnisse einer religiös eingestellten Judenheit in maneher Beziehung besser gesorgt werden wird als bisher. Wir können auch nicht glauben; daß eine Regierung, welche den neuen Staat auf die von hohem sittlichem Ernst getragenen Richtlinien der Enzyklika quadragesimo auf bauen will, sich jenen Forderungen verschließen wird, welche der Papst gerade in letzterer Zeit immer wieder erhoben hat: konfessionelle Duldsamkeit und Ablehnung des Rassenantisemitismus. Leistungsfähigstes Möbelhaus M. Redler/ Wien 1, Sdiottenring 35 * Telephon A-12-9-78. Gesamtausstattungen von der billigsten; bis zur feinsten Ausführung. Uebemahme sämtlicher Adaptierungen. Eigenes Zahlungssystem. Samstag geschlossen. ״Schomra“-Mitglied. Es gilt daher, mit den Vorurteilen der letzten Jahrzehnte endgültig aufzuräumen und sich hoffnungs- und vertrauensvoll auf die neue Situation einzustellen. Vor allem denken wir an die versprengte Jugend, für die in den Agudas-Jisroel-Jugendgruppen die Möglichkeit geschaffen werden soll, die Heimkehr in die religiöse Heimat zu erleichtern und sie in gemeinsamer und disziplinierter Arbeit auch innerlich zu vollziehen. Dienst der Arbeit am Staate stellen, können auf den vollen Schutz der staatlichen Ge* walt rechnen.“ : '*■:■■ ׳" '׳ ׳'׳ ׳ ‘*. \ v:. Vizekanzler Major Fey erklärte in einem Gespräch mit dem Mitarbeiter des ״Reggeli Ujsag“ über die Judenfrage: ״Ich kann bloß von meiner Zeit sprechen, und da hat es keinen Antisemitismus in Oesterreich Wenn die Ane r k en nu ng oder Nie h t an er kennung eines großen, folgenschweren Fundamentalgrundsatzes das Merkmal einer Konfessionsverschiedenheit bildet, so kann es ja keine größere konfessionelle Verschiedenheit geben, als zwischen dem Juden, der die g-ttlicho und daher ewige Unverbrüchlichkeit des auf Bibel und Tradition beruhenden jüdischen Religionsgesetzes anerkennt und ' diese Anerkennung durch Unterstellung seines ganzen individuellen und Familienlebens unter dieses Gesetz betätigt, und dem Juden, der die G-ttlichkeit und Unverbrüchlichkeit dieses Gesetzes leugnet und dessen mit dem ernstesten Emsje gestellten Anforderungen als abrogiert und antiquiert unerfüllt und unbeachtet läßt. Zwischen diesen beiden Richtungen gibt es / eine Gemeinsamkeit religiöser Ueberzeugungen längst nicht mehr. ־ Was dem einen g-ttliches Heiligtum ist, ist dem anderen lächerliche Torheit, und was diesem anzustrebender Fortschritt bedeutet, ist jenem ein Verbrechen. Nicht Rabbiner, nicht Liturgie, nicht Kanzel, nicht Schule, keine einzige der dem gesetzestreuen Juden zur Erfüllung seiner religiösen Gewissenspflichten unumgänglichen; Institutionen können sie gemeinsam haben, und man wollte diese so konträren konfessionellen Gegensätze doch nur als parochiale Gliederung eines und desselben konfessiof nellen Systems behandeln! i; Man kann sie wohl fiskalisch zwingen, Ihren Steuergroschen in eine Kasse zu zahlen, aber man kann keine Religionsgemeinschaft dekretieren, wo die innere Ueberzeugung in solche disparate Gegensätze aus~’ einanderklafft. ,, Es bestehen innerhalb des Judentums verschiedene Konfessionen, deren fortzuerhaltender Zusammengehörigkeitszwang —י man verzeihe bei dem hohen Ernst der Sache die Entschiedenheit des Ausdruckes — den härtesten Gewissenszwang involviert, der nur je sfcaatsseitig menschlicbem Gewissen gegenüber geübt worden. Das ist eine Tatsache, deren folgegebender Anerkennung die heutige Legislatur sich nicht verschließen #änn, Qhne den ganzen Geist zu verleugnen, 4er in so beglückender, Erlösung bringender Weise das in Verhandlung stehende kirchenrechtliche Gesetz durchweht.“ mir fbIiqii innerhalb 3 .{Rtanclen ihrem CJesfehfe Besitze? der weltbekannten Wien I, Kärntnerring 6 Bundeskanzler und Vizekanzler zur Judenfrage« Bundeskanzler Dr♦ Dollfuß hielt am 18. d. im Radio eine Ansprache an das amerikanische Volk, in welcher er zur Judenfrage erklärte: ״Man hat in der abgelaufenen Woche viel mit Ger ü c h t e n gearbeitet, als ob die österreichische Regierung gegen einzelne Grüppen! unserer Bevölkerung mit Ausnahmsmaßregeln arbeiten wollte. Ich kann Ihnen, Frauen und Bürger des amerikanischen Volkes, in aller Offenheit und Wahrheit sagen: Alle Bürger Oesterreichs, ohne jeden Unterschied, die vaterlandstreu und gut gesinnt sind, die sich in den gegeben. Es wird auch in Hinkunft keinen ,geben.■“ Samson Rafael Hirsch זצ״ל über histo- "risches und neologes Judentum. Der große Führer des glaubenstreuen Judentums in Deutschland, Samson Rafael Hirsch, gab vor nunmehr 60 Jahren, aus Anlaß der gesetzlichen Neu- Ordnung der jüdischen Gemeindeverhältnisse in Preußen, ein Gutachten an die preußische Staatsbehörde ab, in dem er die Verschiedenheit des histo ris chen (orthodoxen) und des N eu Judentums intreffender Weise charakterisierte und die, Ermöglighung der unabhängigen, selbständigen Entwicklung d es glaub en s t r euen Juden t u ms f ord erte. Es ist beka/nnt, daß die auf Grund dieses Gutachtens• erfolgte Errichtung von selbständigen orthodoxen Gemeinden einen Aufschwung des glaubenstreuen Judentums zur Folge hatte, während die Orthodoxie in vielen ״Eiriheitsgemeinden“ in der neologen Majorität aufging. Diese Denkschrift' ist heute vielleicht noch aktueller und interessanter als vor sechs Jahrzehnten, Wir veröffentlichen ein Kapitel daraus. — Die Red. ״Was die konfessionellen Gegensätze innerhalb des Judentums der Gegenwart, betrifft, so erliegen wir leider dem nicht zu unterschätzenden Nachteile, daß wir keinem der legislatorischen Faktoren des Staates die Zumutung stellen können, sich durch Selbsteinsicht in die jüdischen Bekenntnisquellen ein gerechtes Urteil über die hier in Frage kommenden Verhältnisse zu bilden. Wir sind weit davon entfernt, irgend ein Forum zur Entscheidung über diese unsere konfessionellen Ueberzeugungsverschiedenheiten anzurufen. Allein vor G-tt, dem G-tte der Wahrheit, und im Angesicht der hohen Leiter und Vertreter der Gesamtnation bezeugen wir es: Zwischen keinen der innerhalb der christlichen Kirche bestehenden verschiedenen Konfessionen waltet ein tiefer gehender Gegensatz als zwischen dem Reformjudeiitura, dem ein großer Teil der Synagogengemeinden huldigt, und dem orthodoxen ,gesetzestreuen Judentum, ( dem ein nicht minder großer«: Teil derselben angehört. Ja, der Gegensatz zwischen dem Altkatholizismus und dem Neukatholizismus, zumal der Gegensatz zwischen der evangelischen und der reformierten Kirche reicht bei weitem nicht an die Gegensätze innerhalb des heutigen Judentums. ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.