Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 19 (1933)
- Issue
- 45 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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November 1933 .־rnjrjwn ב״ה ווינא־פרעםבורג כ״ח 19. Jahrg. Kulturkampf von gestern und heute. Von Dr. Arthur Bogner. Wir bringen den nachfolgenden Artikel, weil wir eine breite Diskussion über die sehr aktuelle Frage unserer Stellung innerhalb und zu der Umweltskultur für sehr wichtig halten. Es soll nicht unausgesprochen bleiben, daß wir uns mit diesen Ausführungen nicht ganz identifizieren. Wir behalten uns unsere Stellung־ nähme bis zur Veröffentlichung des zweiten ' Teiles des Artikels vor, in welchem der Autor die Schlußfolgerungen ziehen will. Die Redaktion. Vom Tage seiner Volkswerdung bis an den heutigen Tag hat das jüdische Volk auch in Zeiten größter wirtschaftlicher und politischer Bedrängnis seih Hauptaugenmerk dem Geiste zugewandt. Befand sich der wahrhaft jüdische Geist in Aktivität, waren die Glieder des Volkes von ihm erfüllt, von seinem Feuer durchglüht; dann blickte man vertrauensvoll in die Zukunft und alle übrigen Nöte erschienen belanglos. Umgekehrt aber konnte auch der größte politische und Wirtschaftliehe Erfolg niemals über das Sinken, die Verfälschung und Verwässerung dieses Geistes hinwegtrösten. Rückhaltslos haben die Führer des Volkes von den Newiim bis zu den Gedaulim unserer Zeit der Volksmasse die enge, unlösbare Verquickung von Thora und nationaler Existenz gezeigt und tausendfach hat. ihnen die Geschichte recht gegeben. Das ״Am-ha’Sefer“ war sich zu allen Zeiten der Tatsache bewußt gewesen, die• es mit seiner Eigenen Lebensgeschichte demonstriert hat, daß es. nämlich..— einzigartiges, merkwürdigste^ aller Völker!!— jahrtausendelang ohne Land, keineh1 Augenblick aber ohne. seine Thora leben kann. Um ■nichts, hat es daher, zu allen . Zeiten mit. solcher Zähigkeit und Beharrlichkeit, mit solcher Leidenschaftlichkeit und Erbitterung gekämpft als dort, wo es dieses sein Lebenselement in Gefahr sah. In diesem!Kampfe den Heldentod zu erdulden, erschien jedem wahrhaften Gliede dieses Volkskörpers ein Leichtes. In diesem Kampfe' . Sprach er von Vater und Mutter: Ich sah sie nicht, ’ . Seine Brüder erkannte er nicht Und von seinen Kindern wußte er nichts. Alle Familienbände zerreißen, alle Rücksicht und Liebe sich und anderen gegenüber erlöschen, wenn die Thora,- das Fundament. aller menschlichen Kultur und Gesittung, in Gefahr ist. Herrliches Schauspiel, wenn ein Volk nach siehzehn Jahrhunderte langer Verbannung y.on dem Böden seiner Heimat, über die Erde verstreut, von den Völkern gleich Parias behandelt, die Kraft findet^ die erste Bresche, die die neuzeitliche Kultur in sein eigenvölkisches Geistesleben schlagen will, mit solcher Intensität abzuwehren, wie es gegen die Haskala-ßewegung im vorigen Jahrhundert und gegen ihre Vorläufer aus dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts geschah. Der bisher allen von außen kommenden wirtschaftlichen und politischen Keulenschlägen gegenüber so unempfindliche Volkskörper, der auf den Fremden fast den Eindruck‘ von Totenstarre machen mußte, begann plötzlich auf die kleinsten Nadelstiche, die sein Geistesleben betrafen, mit einer mimosenhaften Empfindlichkeit zu reagieren, zeigte unerwartetes Leben, entwickelte unvermutete; Aktivität, betätigte ungeahnte Riesenkräfte. Männer . erstanden ihm in den engen, ärmlichen Judenvierteln vom Rhein bis zum Dnjestr, die dem Volke zu seiner Glanzzeit zur Ehre gereicht hätten. Und hinter diesen Männern stand Das schönste Geschenk sind REDLER-MÖBEL in Preis und Qualität / Gratisberatung durch erst׳• klassige Architekten / Beachten Sie die Adresse. 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Die Führer jener Zeit erkannten das treue Bewahren der Tradition als durch die freie Kulturautonomie in der jüdischen Gasse garantiert, letztere aber war nur zu erhalten durph sorgfältige Abschließung gegenüber allen fremden Kultureinflüssen. Abschließen war die Parole der ersten Phase des Kulturkampfes, den die europäische Judenheit seit 150 Jahren zu führen hat. Wo immer in Mittel- und Osteuropa sich größere jüdische Zentren befanden, umgaben sich dieselben zunächst mit einem dicken, undürchdringlichen Wall, an welchem alle Versuche der Neuerer, modernes Wissensgut und .damit zugleich auch moderne Denkungsart in die jüdische Gemeinschaft hineinzutragen,; scheiterten. Alle großen Führer des jüdisclien Volkes jener. Frühzeit des Kampfes, da die Orthodoxie .nicht einen Teil des jüdischen Volkes, sondern noch dessen Gesamtheit repräsentierte, reichten sich trotz sonstiger Meinungsverschiedenheiten hier die Hand. . Diese Taktik des bedingungslosen, Abschließend setzte voraus, daß . der RäUriTVörhäriden• war, der י abgeschlossen wörden sollte, setzte eben die Sonderexistenz der' jüdischen Bevölkerung, setzte die jüdische Gasse voraus. Die jüdische Gasse aber, dieses Bollwerk jüdischen . Eigenlebens . war. der Zer- Störung preisgegeben an dem Tage, da die Em.anzipation deri Juden.in den Kreis der anderen Staatsbürger als gleichberechtigt einführte. Konsequentes Durchführen der Emanzipation mußte, . indem . sie die durch Konfession und Herkunft errichteten Schranken, aufhob, dem jüdischen Individuum ebenso wie der Gemeinschaft den Weg zur Anteilnahme an der Kultur seines ’Wirtsvolkes ebnen und damit die Isoliertheit der jüdischen Gasse sprengen. Daß man diese Gefahr schon damals recht deutlich sah, zeigt die Tatsache, daß trotz des furchtbaren materiellen Druckes, der auf den mittel- und osteuropäischen Juden lastete, dennoch die ׳ Emanzipation vielfach recht mißtrauisch angesehen und nur widerwillig angenommen wurde; man denke etwa an das Verhalten des ״Nauda Bijehuda“ gegenüber dem Toleranzpatent Josefs II. -Die Emanzipation also war es, die eine vollkommen neue Situation schuf. Denn indem sie dort, wo sie sich voll auswirkte, die politische und wirtschaftliche Isoliertheit der jüdischen Bevölkerung auf hob, zwang sie auch im Kulturkämpfe zu neuqp•,Wegen; die Methode des Sich-Abschließens mußte praktisch dort Undurchführbar werden, •wo der neue Geist ununterbrochen und hemmungslos in Wort und Schrift wie ein verheerender Strom in das Herz des Volkes sich ergoß. Abschließen war hier unmöglich, wo der schützende Damm durchbrochen war und die Hochflut hereinbrauste. Das Opfer jener Uebergangszeit, in der die bisher geübte Methode nicht mehr anwendbar, die neue noch nicht geboren war, ist die Judenheit jenes Landen, in welchem sich die Frühemanzipation des beginnenden XIX. Jahrhunderts infolge-kultureller Gegebenheiten am stärksten auswirkte: Deutschland. Beispiellos ist die geistige Kata- Strophe; die sich hier ,besonders in den Großstädten innerhalb weniger Jahre vollzog. Aber eben diese deutsche Judenheit stellte in der Zeit der'höchsten Not den Mann, mit dessen Namen sich die Parole der zweiten Kampfesphase, Auseinander- Setzung, verbindet: Samson Raphael Hirsch. Hier in Deutschland würde in einer Zeit der höchsten Gefahr, da all.es zusammenzubrechen drohte und das jahrhundertelange Martyrium der Ahnen . vergeblich zu sein schien, der einzig mögliche Weg gefunden, der in' dieser veränderten Situation das bedrohte Volkstum von Völliger Vernichtung bewahren könnte: War es nicht möglich, die fremden .Kultureinflüsse auszuschalten, so sollten sie unschädlich gemacht, sollte ihnen die Spitze abgebrochen werden. Kunst und Wissenschaft, 30 wurde Nach Palästina mit dea vorzüglichen, großen;Salonschtffeh der direkten Eillinie TRIEST—JAFFA des LLOYD TRIESTINO Abfahrten Jeden Mit 4wo c hu m 13 Uh; Ferner: Luxuselllinlen nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Ceylon, Slngapore, Shanghai Schnellste Schiffe . . ’ Höchster Komfort Ausk.:'Lloyd Triestlno, Wien I, Kärntnerring 6, T.el. 4766־5־, gezeigt,. stehen wohl' nicht Tmi Zentrum ,des'; jüdischen Interesses, aber.sie widersprechendem :Judentumdurch- * aus nicht, ja, sie fördern es, wenn sie 'sich nur die gleichen Ziele wie dasselbe setzen, Wahrheit ■ und Selbst- Veredlung. In genialer Weise war es hier ־ gelungen, ׳ der Judenhei!, die durch die Emanzipation ihrer, letzten schützenden Hülle beraubt war, eine sichere Basis wiederzugeben, von der aus sie nun in den völlig veränderten Verhältnissen sich und ihrer. Thora weiter treubleiben konnte. .Ist auch — so rief Hirsch der köpf- und mutlos gewordenen deutschen Orthodoxie zu •— die idealste Lebensform für den Juden die überkommene, der;\ idealster Zustand der der völligen Unberührtheit von fremder Kultur, so hat er doch dort, wo er zur Anteilnähme an dem Wissensgute seiner Zeit und auch äußerlich zu anderen Lebensformen, gezwungen ist, durchaus' die unverminderte Möglichkeit, in seinem Denken und Handeln aufrechter, thoratreuer Jude zu bleiben. Die Überzeitliehen Ideen des Judentums, seine Forderungen an den Menschen und Juden, sie lassen sich in der Spräche und Ausdrucksform einer jeden Zeit wiedergeben und in ihrer Größe und Erhabenheit vor Augen führen. Sind wir nach dem unerforschlichen g-ttlichen Willen mitten, in das pulsierende Leben fremder Kulturen hineingestellt, . so können wir auch einer Aus ein an d er se tz.ung mit ihnen — sofern wir das Judentum nur wirklich begriffen haben •— ruhig entgegensehen. S ״ V Gelang es den in diesem Geiste wirkenden Führern jener Zeit, als deren . Exponent wohl י Samson Raphael Hirsch angesprochen werden darf, auch nicht, die Bresche, die die Reform in das deutsche Judentum geschlagen hätte, wieder zu reparieren, gelang es ihnen auch nicht, das furchtbare Unglück, daß der weitaus größte Teil der deutschen Judenheit sich •seiner Nätiön geistig vollkommen entfremdet hatte, rückgängig zu mächen, so haben sie, doch der Seuche ein Ende bereitet, sie haben den Rest, der geblieben ist, gesammelt und ihn, indem sie die Kampfesparole der veränderten Situation anzupassen verstanden, gerettet und zu neuem, reichem Leben befruchtet. (Fortsetzung folgt.) / F e ineD a m e n m o d en F. Borenstein, Wien II HolJandstraBe 1 Repruf; &4549י6ך Stets neueste Modelle in Kleidern, Mänteln u. Kostümen, Blusen, Schoßen, Schlaf rocken, Pyjamas etc. aus eigenen Werkstätten. Separate Maßabteilung. 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