Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 19 (1933)
- Issue
- 18 (5.5.1933)
- Date
- 1933-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 n*a ווינא־־פרעםבורג ט׳ אייר תרצ-ג••; '! 1933 Wien-Bratislava, 5. Hai; 19. Jahrs• .. י . ■ . ־; ־ ־ r; i ■ ־י; ■ v-, «r... ,-V•*•; Glück Und was ihr mochtet, wird nimmer sein, wenn ihr sprechet: wir wollen sein wie die Völker,; wie die' Familien, der Länder... ״Fürwalir“. spricht G-tt, der Herr, ״mit stärker Hand uhd mit erhobenem Arme und mit sich ergießendem Grimme werde ich über euch König sein. Und ich werde euch hinausführen von den Völkern und euch' sammeln von ־ den Ländern, wohin ihr zerstreut seid, mit starker Hand, mit erhobenem Arme und mit sich ergießendem Grimme." . (Jecheskiel 120, 32 ff.) Raw Nachman!' sagt hiezu: ״Spich einen Zorn m ö g e der Allgütige über una kommen lassen und uns nur erlösen!“ (Sanhedrin 105 ä.) Als unter dem gewaltigen Eindruck der französisehen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom Jahre 1789 der von Nordamerika herüberwehende Geist der Freiheit und Gleichheit aller Menschen 41ich auch im übrigen Europa zu regen begapn und ein halbes Jahrhundert später in den Verfassungen und Staatsgrundgesetzen der meisten /europäischen Staaten auch, die Freiheit und' Gleichheit, die Emanzipation der Juden ausgesprochen wurde,> bemächtigte sich eines großen Teiles unseres; Volkes! jener!beseligende Rausch, Richtung^ getrieben worden war, und die nun plötzlich Land erblickt. Wer sollte es ihnen verdenken, daß sie im grenzenlosen Glücksgefühl nicht erst fragen, w e 1 c h e Küste, es sei; ob sie das Ziel sei oder nicht, es ist doch Land! Und man, steuert auf sie zu, man. legt an, glücklich, dem schwankenden Schiffe "entstiegen, dem grauenvollen Ozean entronnen zu sein. Dieser frisch emanzipierte Jude aus dem vorigen Jahrhundert mußte versuchen, auf dem neuen Boden heimisch zu werden, sich ihm zu akklimatisieren, ihm entgegenzukommen, wie ’ dieser Boden ihm v entgegengekommen war; er mußte viel! aufgeben, viel über Bord werfen, um nach der 18 Jahrhunderte. langen Seefahrt wieder Landbewohner werden zu können. Und zu diesen Dingen, die aus dem Inventar seiner Persönlichkeit verschwinden müßten, wenn er seßhaft werden wollte, gehörte in erster Linie das Bewußtsein j enes Reisezie 1 s, dem sein ianges Umherwandern gegolten hatte und welches er nun beendet glaubte. Das Ziel, das man 18 Jahrhunderte lang allen Stürmen zum Trotz nicht aufgegeben hatte, das seinen Suchern vielmehr fortwährend und immer aufs neue die Kraft zur Fort- Setzung des Weges gegeben hatte, dieses Ziel war hinfällig, war utopisch geworden, da man ja eine neue Heimat gefunden hatte. Es war nun nutzlos, ja schlimmer, es war schädlieh, es war gefährlich, denn <jie neuen Aufgaben erforderten ganze Kräfte und durften nicht mit halbem Herzen und seitwärts schielendem Blicke getan werden. Und so haben diese emanzipierten Juden mit dem ganzen Eifer und Fanatismus junger Kolonisten die Schiffe, die sie an den neuen Strand gebracht hatten, hinter sich verbrannt und so die Brücke, die sie mit ihrer Vergangenheit und Zukunft, mit ihrem einstigen Ausgangspunkt und Ziele verband, abgebrochen. An der Wiege des jüdischen Liberalismus —: so nannte sich diese über nahezu alle west-, und mitteleuropäischen Staaten sich erstreckende und auch nach dem Osten hinübergreifende Erscheinung — standen also nicht idealistische, sondern utilitaristische Mot i v e. Was hier vor sich ging, war ein bewußtes Aufgeben alter, teurer, heiliger Ideale, es war ein Versagen in charakterücher Hinsicht,׳ weil man durch all die Leiden und , Mühen der ewigen Wanderschaft zu erschöpft, zu ermüdet, zu resigniert war, um den Lockungen widerstehen zu können, die in der Aussicht auf einen ruhigen Hafen Ingen. : Erschöpfung, Ermüdung, Resignation und grenzenloses Ruhebedürfnis sind die wesentlichen Begründer־ des jüdischen Liberalismus; jedes einzelne dieser Momente ist typische Alterserscheiriung, Ein Volk, dae ans solcher Initiative Ideale, preisgibt und Kompromisse schließt, hat unjugendlich gehandelt, und wenn wahre Jugend zu allen' Liberalismus Zeiten ein Ideal benötigt, ׳.'hachVjgvelchem' sie streben und für welches sie kämpfen kann, 'so, hätte sich diese Bewegung nie und nimmer auch nur eine Generation lang in dieser Form behaupten können. Das alte Ideal war aufgegeben* Wenn diese Bewegung ,־ eine Jugend, wenn sie eine Zukunft haben sollte, i müßte ein neues gefunden werden!’ ,..1■ ־׳: . Dieses Problem wurde in den verschiedenen Ländern verschieden gelöst. Der deutsch!jüdische Liberalismus geriet seit den Siebzigerjahren — 1871 waren erst die letzten Schranken der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der Juden in Deutschland beseitigt worden — immer mehr in das n'at't p־n'a i'd’eütacjifif Fahrwasser1. Das Eigen-völkische, das die Generation der Vierzigerjahre kühl berechnend beiseite geschoben hatte, begann man jetzt mit Ueberz'eugungy abzuleugnen und zu bekämpfen. Hatten die Väterdie Assimilation im wesentliehen nur deshalb gefördert,!weil! sie ihnen eine Gewähr und Sicherungder Emanzipation?.,zu':fielen' schien,: so' schlossen sich ihre Söhne nun. ,begeistert an die Kultur ihres Wirtsvolkes an. Sprache, Umgangsform und Geisteskultur des Wirtsvölkes Cr^cU^mVitüttläcm!;l!fimbus;-'einer derart absoluten< Vollkommenheit! umgeben, daß demgegenüber die jüdischen Lebensf'örmen als zurückgeblieben, , schief und minderwertig erschienen und dieiFührer jener Bewegung• ihren jüdischen,Stsümmesgen^ci^^b^d^ing-ts restlose Dürchdringung ihrer se 1 bst mit deutschem Wesen., Nicht aus Opportunitätsgründen wie. die Väter, sondern aus Begeisterung für die herrliche Kultur des Volkes, in dessen Mitte sie wohnten, mußte, mit dem lebendigen Judentum gebrochen werden oder, wie. Walter Rattienau, einer der;bedeutendsten Exponenten dieser Richtung, es;!,'formuliert. hat: ״Nicht imitierte Germanen, sondern deütschgeartete Juden wollen wir sein." Das orthodoxe Judentum im Osten, das ohne Möglichkeit einer Hilfeleistung mit tiefer Bekümmernis den geistigen Niedergang ihrer westlichen Brüder verfolgte, erhob sich . bald zu einem ■ entschlossenen A b w e h r- . k a m p f, als sich die ersten Spuren dieser Bewegung in der eigenen Mitte zeigten. Dem Gebot der Stunde gehörchend, haben die Führer der ungarischen Orthodoxie blu- ־ tenden Herzens damals jenen Trennungsstrich gezogen, der zur Sicherung des Fortbestandes des lebendigen Judentums nötig erschien. Aber eine nicht minder scharfe Ablehnung wie durch das orthodoxe Judentum des Ostens erfuhr der deutschjüdische Liberalismus durch die deütschchristliche Bevölkerung im eigenen 7Lande. Mit richtigem Instinkt, der hier durch den schon seit jeher, vorhandenen, Antisemitismus geschärft worden war, hatte man das Abnormale, das Krankhafte dieser Bewegung erkannt. Stellt doch diese pseüdodeütsche Jugend, die hier mit rasendem Eifer bemüht war, die alten Spuren ihrer Herkunft aus §ich auszumerzen, eine der größten Stil- und Geschmacklosigkeiten■ in der Kulturgeschichte aller Zeiten dar. Hervorragendste Männer des deutschen Geisteslebens, wie etwa Bismarck, die einer modernierten Assimilation der Juden durchaus nicht ablehnend gegenüberstanden, fühlten sich von dieser Begeisterung auf )das äußerste abgestoßen. Daß dieser Weg des Anbiederns an das Wirtsvolk nicht, zum erwünschten Ziele führte, hätten die liberalen Juden Deutschlands schon von Anfang an einsehen müssen. Ganz unzweideutig war die Gesinnung der Mehrzahl der deutschen Bevölkerung seit jeher gewesen. Der Ruf: ״Juda verrecke!" ist keine^ moderne nationalsoziali- IN- UND AUSL. MODENEUHEITEN g” SS??״ s E IDE OLLE , mm mm GEGR. 1669 TEf-, U-21-Q-54 FRANZ NEUMANN,!י CON0QRD!APLATZ 5 Das schönste Geschenk sind '׳•י? * *v ־׳';* ״*• .. in diiWftf '^0$^ klasSige Architekten / Beachten Sie die Adresse Wiei!0י1>$.ו ttenring Nr- 35 * *• **,?יך'*י י■ vTי». #:־. w* 1* •;״י-■«'‘*, w.j \ JvT*■,.T-v/1*־*■ f' / y?: Samstag geschlossen (,Schomra'-Mitglieaj Kinderheim in SAUERBRUNN 5 ך״:■'"':,. «v-׳'' '**'!■,■■־ .;■‘;■?*ז■'.־»*: . neu. eröffnet! / Großer, herrlicher Garten / Spiel- Plätze / Geschultes Personal / Mäßige Preise . 0. w EI S S, Restaurateur, Sait-rbrunn,,lind AUSKUIllt* h. SCHOTTEN, Wien II, Qr. Monreng. 26 stische Erfindung, sondern war bereits den Zeitgenossen der beiden vormärzlichen deutschen Professoren Rühs und Fries ebenso bekannt wie denen des Berliner 'Hofpastors. Stöcker aus den Neunzigerjahren des vorigen Jährhunderts. Man hätte erkennen müssen, daß die vielen sozialen Erfolge, die' man trotz der herrschenden Animosität errang, kein Konzedieren und Anerkennen/ sondern nur ein rein praktisches Gewährenlassen war, zu dem sich als Reaktion eine immpr gesteigertere Abneig un g gesellte. Man hätte erkennen .müssen, daß,hier alle Liehe־ vergebens sei, und daß der Boden, auf dem man; so sicheren Schrittes sich■ bewegte, in .-Wirklichkeit; ein Lyr.-.n^■ .1': ׳•a־£i •־ nis %üch tatsächlich^^;vörhähdeii” war, zeigt : daß der Gedanke eines national jüdischen ‘ Staates im' Öinhe: der zionist jscheh Ideologie hier seihe frühesten!Anhänger; gefunden hatte. D»aß indes der Zionismus gegenüber dem' Liberäiismus keine durchgreifenden Erfolge erzielte und seine Anhänger bis zur NoyemberreydlutiÖn nur•: sppra-i disch waren, geht auf verschiedene Momente zurück;" oberflächliche Masse hätte der_:.;^rtschaftÜche'rWpMstand’ des Landes bis zum Zusammenbruch im Jahre 1918 vor einer Störung der gewohnten Lebensform durch geistige’ Neuorientierung zurückschrecken ,lassen. Ernstere Naturen jedoch fühlten sich vom Zionismus abgestoßen, weil ihnen, die das Band der jüdischen Tradition , verloren hatten, . das leere Phantasma eines nationalen Staates, dem jeder ideelle Inhalt fehlt, nichts bieten konnte. Sie klamm sich daher an die ihnen liebgewordene deutsche Kultur mit allen Kräften und versuchten, vor den Tatsachen nach Möglichkeit die Augen zu schließen. Daß das orthodoxe Judentum schon damals, wenn es am Posten gestanden hätte, Großes' zu leisten gehabt hätte, daß es manchem suchenden Brüder den Weg zur wahren jüdischen Heimat hätte, weisen können, istfklär. Wer die liberalen Stimmen, besonders aus. der Kriegs,zeit, mit Aufmerksamkeit verfolgt, hört unerwartet oft Töne der Sehnsucht nach dem alten, unverfälschten, lehensstarken Judentum anschlagen, aufnahmsbereite Ohren und Herzen! . Die Entwicklung der Nachkriegszeit ging rasch vor sich. Hunger und Elend haben die Mässe des deutschen Volkes immer klarer und; deutlicher, das aussprechen lassen, was sie schon längst empfunden hätten: zu Haß gesteigertes Fremdheitsgefühl gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern, die dank der verschiedensten Anbiederungs- und Assimilationsmanöver hohe soziale Stellungen erreicht hatten und dennoch fremder als je empfunden wurden. Auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst, des Handels und des Gewerbes, im Krieg und im Frieden, hatte man dem Vaterlande gedient, 12.000 Söhne hatte man am Felde der Ehre geopfert und dennoch wär man der Land- und Volks f r e m d q geblieben, auf den sich jetzt in der Zeit "erhöhter Wirtschaftiicher Not der Haß des Volkes unheimlich zu richten begann. Wahrhaftig, man hätte nicht (auf die Ereignisse der letzten Monate warten müssen, um das unaufhaltbare Ende dieser * Bewegung zu erkennen, die einer verhängnisvollen Verirrung eines unglücklichen Geschlechtes entsprungen war.! Die Kugel, die ira Jahre 1922 Walter Rätbenau meuchlings niederstreckte, scheint im Zusämmenhäng mit den Ereignissen der darauffolgenden letzten Jahre den Scblüßpunkt dieser Bewegung därsusteüen; Das deutsche Volk hat sie a h g e 1 e h h t, abgelebht mit einer Deutlichkeit und Entschlossenheit, die nichts zu wünschen Übrig läßt,. Die alte, längst tot geglaubte Formel ״Juda verm«s 5*»*/« mr’ ~vrw׳.vfür,«.Vt* schon InnotjhsiiD־ stuviciovi ■■ Wien I, י' *