Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 19 (1933)
- Issue
- 3 (20.1.1933)
- Date
- 1933-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. iniit Verleger vefseftdet י ׳ *ar vmm lovoleitetiadit post a telegfölov [ttfc gis. 4l5?2־nt>20. NötiftöVe vyplötft£ öi * Bfätlsli •ilr Redaktion u. Administration: Wien, II., Malzgasse Nr. 12 a, —* ,Tel. A-48-4-15. Tschecho- Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei tschech. K 80, das übrige Ausland 3 Dollar. Einzelnummer öst. Gr. 40. Zahlungen auf Konto ,Jüdische Presse‘, Wien lür Oeat er reich 1 Postsparkastenkonto Nr. D-93614: Deutschlandi Postseheckkouto Berlin Nr. 122619; Jugoslawien! Postspk.-Amt Zagreb Nr. 40217; Polen t Postspk.-Amt Warschau Nr. 190409; Ungarn * Postspk.-Amt Budapest Nr. 60170; Schweiz t Post* scheckk. Zürich VIII. 4117; lüf die Tschechoslowakei i ,Jü• dlsche Presse*, Bratislava, Postspk.-Amt Prag Konto Nr. 63386 Nr. 3 | Wien-Bratislava, 20. Jänner 1933 ביה וינא-פרעסמיג כ״ב טבת תרצ׳ג. 19. Jahrg. Wahlrechtsdebatte in der Wiener Die zionistische Mehrheit für das aktive und passive Wahlrecht der FraUen. Es kam wie es kommen mußte. Ein blindwütiger Wahlkampf hat den zionistischen Parteien die Mehrheit im Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde gebracht, die die Kultusgemeinde in eine ,;Volksgemeinde“ umwandeln wollen. Sie haben nun eine durchgreifende Wahlrechtsreform und die Wählbarkeit von Frauen in den Kultusvorstand beschlossen. Wir richten die Frage an das Rabbinat der israelitisehen Kultusgemeinde, ob es gewillt ist, gegen den Be- Schluß des Kultusvorstandes auf Einführung des p a s s iven Frauenwahlrechts, der eine schwere Verletzung des Religionsgesetzes beinhaltet, mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität aufzutreten Und״ die Durchführung dieses Beschlusses unter allen Umständen zu verhindern? Wir richten die Frage an jene religiösen Juden Wiens, die in der Wahlbewegung sich von den Phrasen der zionistischen Parteien einfangen ließen , und ihre Stimmen diesen Parteien gaben, ob sie den schweren Mißbrauch billigen oder sich in die Reihen der gegen diese Religionsverletzung Kämpfenden stellen wollen? Wir richten die Frage an den Vorstand der Kultusgemeinde, ob er sich über die schweren Bedenken, die von tiefster Liebe zur jüdischen Religion getragen sind, und über die klaren Bestimmungen unseres Religionsgesetzes glatt hinwegsetzen und auf diese Weise die Kultusgemeinde ihrer ureigensten Aufgabe, der Sorge für die religiösen Bedürfnisse der Wiener Judenheit, entziehen will? * Die erste öffentliche Plenarsitzung des neuen Kultus- Vorstandes mit einer zionistischen Mehrheit hat nun stattgefunden. Daß die Zionisten nicht verabsäumen werden, diese Gelegenheit weidlich zu ihren propagandistischen Zwecken auszunützen, war vorauszusehen. Daß sie aber gleich bei der ersten Gelegenheit so tief einschneidende und Entscheidungen in Fragen von grundlegender religiöser Bedeutung treffen werden, wollte man doch selbst diesen Protagonisten einer ״Volksgemeinde“ nicht zumuten. ■Um so weniger, als der neugewähite zionistische Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Friedmann, in seiner Programmrede eine tiefe Verbeugung vor den religiösen Postulaten einer jüdischen Gemeinde machte und die Rücksichtnahme auf die religiösen Wünsche aller. Schichten der Wiener jüdischen Bevölkerung verkündete. Nun, in der ersten öffentlichen Sitzung unter seiner Präsidentschaft haben seine Parteigenossen einen Beschluß gefaßt, der nach Ansicht aller religiösen Autoritäten mit den Religionsgesetzen unvereinbar ist. Es* ist nicht unsere Sache, über Wert und Wichtigkeit des allgemeinen Wahlrechtes hier zu diskutieren. Die Mitglieder der Union haben in einer von Dr. Josef Ticho verlesenen Erklärung die Verantwortung für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes feierlich abgelehnt und die volle Verantwortung hiefür den Zionisten angelastet. Wir wollen uns auch mit Voraussagen und Prophezeiungen nicht beschäftigen. Tatsache ist, daß die Frage des allgemeinen Wahlrechtes in der Kultusgemeinde eine rein politische ist, und uns interessiert die Politik sehr wenig. Um so mehr bildet aber die religiöse Frage, welche durch das im allgemeinen Wahlrecht eingeschlossene Frauenwahlrecht außerordentlich tief berührt wird, einen Gegenstand von vitalem Interesse. Die zionistische Mehrheit, die selbstverständlich rein völkisch, im besten Falle areligiös, vielfach leider auch antireligiös eingestellt ist, hat absolut kein Verständnis dafür, , daß nach den religiösen Entscheidungen des Schulchan Aruch, daß nach dem sittlichen Gefühl jüdischreligiöser Menschen die jüdische Frau auf passives und aktives Wahlrecht keinen' Anspruch hat. Wir können mit apodiktischer Sicherheit erklären, daß es nie eine jüdisch-religiöse theologische Autorität gab noch einezeitgenössische halachische Autorität, die noch irgendwie am Standpunkt des Schulchan Aruch steht, gibt, welche der Frau das passive Wahlrecht in jüdischen öffentlichen Körperschäften zuerkennen »würdet Wir wissen, daß wir umsonst mit jüdisch-orthodoxen Autoritäten' der Vergangenheit und Gegenwart den jetzigen Herren der Majorität kommen. Wir verweisen aber auf die Stellungnahme des zionistischen Oberrabbinats in Erez Jisroel, wo Oberrabbiner K u k, also eine Persönlichkeit, die auch Herrn Stricker und Plaschkes etwas zu sagen hat, anläßlich der Wahl in die Asefath Haniwcharim feierlich erklärt hat, daß das Frauenwahlrecht weder mit den jüdischen Religionsgesetzen noch mit der Würde der jüdischen Frau und mit ihrer ureigentlichen Bestimmung in Haus und Familie vereinbar ist. Zunächst ist noch das Statut der Kultusgemeinde in Geltung, weiches als Grundsatz proklamiert, daß in allen religiösen Fragen mit dem Rabbinat das Einvernehmen zu pflegen ist. Und die jüdische . Oeffentlichkeit in Wien, soweit sie religiös orientiert st, wird es nicht unterlassen, mit allem Nachdruck zu fordern, daß ein Gutachten über die Zulässigkeit des aktiven und passiven Frauenwahlrechtes von maßgebender rabbinischer Seite yibverlangt wird. Wir orthodoxen Juden, die wir leider zunächst noch zwangsweise dieser Kultusgemeinde angehören, müssen noch außerdem fordern, daß dieses Gutachten veröffentlicht wird. Die traurige Erfahrung, die man beim Gutachten des Rabbinats anläßlich der Feuerverbrennungsfrage gemacht hat, hat die Orthodoxie belehrt, daß solche Gutachten nicht immer das Merkmal der inneren Unabhängigkeit tragen und daß sie nach Wunsch hervorgeholt und nach Wunsch in den Archiven versenkt werden. Die Orthodoxie muß daher fordern, daß auch unabhängige orthodoxe Autoritäten zu dieser überaus wichtigen und religiös tief einschnei7 denden Frage gehört werden. Die Orthodoxie hat wohl zurzeit keine Vertreter im Kultusvorstand, sie ist aber doch nicht ganz wehrlos solchen Angriffen gegenüber. Es ist unseres Erachtens die Aufgabe der orthodoxen Bethausvereine und der REDLER-MÖBEL behalten dauernd Schönheit und Wert Beachten Sie meine neue Adresse: Wien I, Schottenring Nr. 35 Samstag geschlossen (;Schomra'-Mitglied) Frauenwahlrecht in Angriff zu nehmen und zu führen. Einen Kampf der Aufklärung und Belehrung. Der Aufklärung und der Belehrung, daß nach den ewigen Satzungen unserer heiligen Religion der jüdischen Frau ein anderes, sicherlich nicht minderwertiges Gebiet zur Betätigung zugewiesen ist als die Kultusstube. Wir bezweifeln gar nicht, daß die Stellungnahme der orthodoxen Bethausvereine und Rabbiner von vollem Erfolg gekrönt sein wird, denn in ׳ diesem Kampfe werden alle jene in Wien, die in der Kultusgemeinde eine religiöse und nicht eine politische Vertretung erblicken, auf Seite der Orthodoxie sein. Dieser Kampf wird erfolgreich sein, weil damit die Lücken in der Organisation der Wiener Orthodoxie ausgefülit werden und die Grundlagen einer selbständigen orthodoxen Gemeinde in Wien geschaffen werden können, einer orthodoxen Gemeinde, welche nicht von Zeit zu Zeit vor neue Üeberraschun-... gen gestellt werden muß, wenn, es irgendeinem zionistischen Politiker einfällt, sein der tausend- . jährigen jüdischen Tradition hohnsprechendes Ideal zu verwirklichen. . Eine selbständige, unabhängige orthodoxe Gemeinde, wo unsere ewige Thora im Mittelpunkt des jüdisehen Lebens steht und alle Lebensäußerungen der Gemeinde beherrscht. Es kann der Orthodoxie nur willkommen sein, .daß die neue zionistische Majortät des Kultusvorstandes gleicham. Beginne i.h re r T ä t i gkeit offen Farbe bekennt. Heute ist es die Frage des Frauenwahlrechtes, morgen wird es irgendeine andere religiöse Frage sein, welche der restlosen Verwirklichung - der Volksgemeinde im Wege steht. Die Wiener Orthodoxie wird aber diesen Verweltlichungsprozeß der religiösen Gemeinde nicht ohne i Widerspruch, nicht ohne ehrlichen offenen, aber zähen und, wie wir hoffen, auch siegreichen Kampf hinnehmen. # L. Am Montag, den 36. d. M., fand die öffentliche Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes statt, auf deren Tagesordnung der Dringlichkeitsantrag der zionistischen Parteien auf Einführung des allgemeinen, gleichen ünd direkten Wahlrechts, einschließlieh der Frauen Wählbarkeit, stand. Herr Doktor Ehrlich, namens der Zionistischen Partei, und Herr Mendel Singer, im Namen der ״Poale Zion“, begründeten in ausführlichen Reden den Antrag. Der misrachistische Kultusvorsteher, Dr. Rosenberg, er■: klärte aus religiösen Gründen das passive Wahlrecht der Frauen ablehnen zu müssen, während er zu dem anderen Teil der Wahlrechtsreform, also auch zur Frage des aktiven Wahlrechts für sämtliche jüdische Frauen, nicht Stellung nahm, Dr. Josef Ticho erklärte im Namen der ״Union“, daß seine Partei den Antrag zur Gänze ablehne, während der Führer der mit der ״Union“ zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossenen ״Werktätigen“, Dok: tor Löwy, sich f ür die Wahlrechtsreform, aber gegen die Frauen Wählbarkeit aussprach. Dr. Plaschk.es versuchte die' religiösen Bedenken seines misrachistischen Kollegen mit angeblichen Aeußerungen des verstorbenen Oberrabbiners der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Chajes, zu widerlegen. Nach der Debatte erfolgte die Abstimmung, die die Annahme des gesam t en An t rag.es•■ mi t den Stimmen der zionistischen Mehrheit s- ... _ . parteien ergab. Dr. Mendel Rosenberg und Dr. Leo orthodoxen Rabbiner in Wien, den Kampf gegen das I :Landau enthielten sich der Abstimmung, s«11o« innerhalb 6 Stunden eine individuell m