Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 34 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Noviaov* viplätni povoleöi ftttÖf Pöit fl i«f«f!flf*f S BratlsW 21s. 41572*111*5). Zeifäftgeft Vcttcpf vifitftdü Journal itfritlli pät OHttAM flM MflL '• Redaktion u. Administration: Wien, 11., Große Pfarrgasse 3/3. — Tel׳. A81*3־45־. Tscheche!» Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. -*־ Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag AbonnementspreiSe: Ganzjährig: Für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei tschech. K. 80, Einzelnummer öst. Gr. 50, das übrige Ausland 3 Dollar. Zauiuuyen auf Konto *Jüdische Fresse*, Wien tat־ Oester relchi Postsparkas-enkonto Nr. D-P3614; Deutschland! Post• scheckkonto Beilin Nt. 122619: Jugoslawien! Postspk.-Ami Zagreb Nr. 40217; Polen i Posispk.-Amt Warschau Nr. 190409. Ungarn! PoStspk.-Amt Budapest Nr.50170; Schwele! Post■ scheckk. Zürich VIII. 4117; für die Tschechoslowakei 1 .40• dische Presse*, Btatlslava, Postspk.-Amt Prag Konto Nr.53160 Nr. 34 Wien-Bratislava, 26. August 1932 .נ׳ה וינא*םדעםבורנ כ״ד אב תרצ״ב 18. Jahrg. f Altbundeskanzler Schober gestorben. Die Lajge der luden in Polen Das Hinscheiden des ehemaligen Bundeskanzlers und langjährigen Polizeipräsidenten von Wien. Doktor Johann Schober, der nach längerer Krankheit im Alter von 58 Jahren verstorben ist, wird von weiten Kreisen der österreichischen Judensclnift aufrichtig bedauert. Obwohl Dr. Schober der antisemitischen• grofideutschen Partei nuhestaud, hat er persönlich und in seinen amtliehen Funktionen der jüdischen Bevölkerung nicht nur stets eine durchaus gerechte Behandlung zuteil werden lassen, sondern vielfach auch tieFcs Verständnis/ für ihre besonderen Wünsche und Forderungen gezeigt. Wieder- 1101t ließ er sich von jüdischen Führern über innerjüdisehe Vorgänge und Zustände informieren und hat jedesmal, wenn in Oesterreich, und insbesondere in Wien, autijüdische Exzesse drohten, in energischester Weise Vorkehrungen zum Schutz der persönlichen Sicherheit und׳ des Eigentums der Juden getroffen. Zur Zeit, als die Heimwehrbewegung in Oesterreich sich in bedrohlicher Weise entwickelte, war es das Verdienst Schobers,• eine Radikalisierung der staatlichen Exekutivkräfte und damit ׳Entwicklungen, die zu katastrophalen Folgen für die österreichische Judenheit hätten führen können, verhindert zu haben. Auch Flüchtlingen und Emigranten gegenüber legte ״ die ''׳•Wiertig^,wPÜ'lföer1^‘׳MSf^^eirienv Kommando in verständnisvoller Zusammenarbeit mit den jüdischen Organisationen, namentlich mit Agudas Jisroel, viel Takt an den Tag. Nach dem Sturz des stank antisemitisch eingestellten Meimwehrkabiuetts Vaugoin- Starhemberg wurde Schober zum dritten Male Kanzler, mußte jedoch nach der mißglückten Zollunionskampagne demissionieren und ist seither im öffentlichen Leben nicht mehr hervorgetreten. Dank der orthodoxen Rabbiner Amerikas .an Hindenburg. Die soeben.in New York aibgehaltene 15. Jahrestagung des Verbandes der orthodoxen Rabbiner der Vereinigten Staaten und Kanadas hat an Reichspräsident von Hindenburg ein Telegramm gerichtet, in dem ihm der Dank für seine gerechte und freundliche Ilaltung gegenüber den Juden ausgesprochen und er gebeten wird, ,den deutschen Juden weiterhin seinen Beistand gegen ungerechte Angriffe der Judengegner zu gewähren. In einer Resolution wird das Bedauern über die Benachteiligung der Juden in Rumänien ausgesprochen. ׳Entgegen der bisherigen Gepflogenheit des Verbandes, sieh jeder Einmengung in die allgemeine amerikanische Innenpolitik zu enthalten, hat die Konferenz eine Resolution zugunsten der Kandidatur des 1bisherigen stellvertretenden Couver.neurs des Staates New York Oberst Herbert H. Lehman auf den Posten eines Gouverneurs dieses Staates angenommen. Eine weitere Resolution spricht sich für die Einfiihrung der Fünftagwoche, durch die die Beobachtung der Saibbatruihe erleichtert werde, aus. Schließlich wurde eine Sehächtsteuer von einem Cent pro Kilogramm Fleisch, ausgenommen Geflügel, beschlossen, deren Ertrag der Erhaltung religiöser Institutionen und der Schaffung eines Altersfonds für Rabbiner dienen soll.. Zum Vorsitzenden des Verbandes wurde Rabbi Wolf Märgolies wiedergewählt. An den Rabbiner der ״Adass Jisroel“• in Berlin, Dr. Meier Hildesheimer, wurde folgendes Telegramm gerichtet; Die Versammlung des Verbandes orthodoxer Rabbiner bittet Sie, unseren Brüdern in Deutschland unsere herzlichen Grüße zu übermitteln. Möge der Gott Israels ihre Hand stärken, ihren Mut aufrichteu und ihre Hoffnungen erstrahlen lassen. Oberrabbiner G. Wolf Margoiies, Präsident. Wir haben in der Vorwoche die jüdischen Kongiesse betrachtet. Aufwühlender aber als alle politisehen Erörterungen ist, was das dem Leben selbst berichtet werden muß. Es sind die neuesten Berichte über die seit Jahren fortschreitende Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben in Polen, ihre Ausschaltung aus dem Öffentlichen Leben und den Staatsbetrieben. Die Vernichtung des jüdischen Handels durch die Geuci^seutschaftebeiwegung •und die Arbeitdlesigikeit unter den jüdischen Intellektuellen, haben izu!einer Verelendüng der jüdischen!Masse 11 in ׳Polen geführt, deren Biiicikwif,klingen auf Volksgcisjindiheit und Volkswirtschaft 'heute bereits eine ernste Gefahr für den Staat acilbst!bedeuten. ׳Besonder« kraß;i׳st das Elend׳ unter ׳den jüdischen Intellciktiielijcin. Abgesehen davon, daß versucht!wird, ׳durch den ׳Numerus clausus den Juden d־ie Ergreifung akademischer!Berufe zu . erschweren,!werden auch jüdische!Akademiker,. die im Inland: oder an ausländischen J lochschulen ,ihre ,Studien, vollendet haben, bei der Vergebung־ von iSteillen grundsätzlich nicht berücksichtig,t. iBe,zeichnend für!diese Verhältnisse äst dev Fall!der jungen sehr begabten Aerztm ״Fra« Dr.; •FiiTthoiwna, die Y-orflpihiger-Zeit im Städtchen Wllocla.wek Selbstmord begangen bat, weil sie überall, wo sie sich -um eine Ansteil Innig־ bewarb, als Jüdin abgewiesen!worden!war.!Unter a.nderem •war sie bereits in Bialystolk nach •einer strengen sachlichen Prüfung als Assisitenizürztin akzeptiert worden, als sich aber bei Vorlage der Dokumente herniisstcflte , ,daß sie Jüdin war, winidc der Anstellungsvertraig!nicht abgeschlossen. Zuletzt war säe bei der Krankenkasse־. ׳in Wloclawek aus dem selben Grunde ab ge wiesen ׳worden. Zu den äußeren Zeichen der fortsahreitcinden ,Pa11:pe1־:isiei11.11־g in Pollen .ist in!letzter •Zeit ein neues l1J1m1gctr-cto.il: /Massonexmittieningen in den ׳Städten und ״vor allein in Warschau. /Ein großer Teil der ׳Mieter in den ■jüdischen Vierteln ist nicht mehr in ׳dev Lage, die Wohnuings,miete auf/ziibringen. Die!Exmittierungen haben ■in iletztcr!Zeit .cd neu ■erschreckenden Umfang angenommen, so!daß daran gedacht wind, du reih eine organisierte soziale Aktion Abhilfe gegen diese Zustände zu schaffen. Seit Tagen spielen sich!im Warschauer Juden vierteil wahre Scbreckcnsszcnen ab, Familien ׳werden mit'!ihrem äum liehen Hausrat auf die Straße gesetzt, ׳Frauen und Kinder schutzlos den Ein- Wirkungen von!Regen und Nachtfrösten preis,gegeben. Dieser Tage winden in einem •einzigen illaiise in Warschau sechs!jüdische iFamilieii gleichzeitig gezwungen, ihre Wehn.uIlgen ,zu verlassen.!Hiebei spielten׳ sich herzzerreißende Szenen ab. 1,11 vielen Fällen versuchen auch die־ Nachbarn der .Betroffenen, diesen im letzten Augenblick beiiziistehen,, und leisten den lExckutions- Organen Widerstand. Die .Folge bievo!u sind erregte Auftritte, ׳welche die allgemeine Unruhe in den jüdisehen Vierteln ,noch steigern. Die Jüdische Gemeinde Warschau ,plant jetzt d'ie ׳Einsetzung von Schied«״ gerichtcn zur Schlichtung von Streitigkeiten ,zwischen Hauswirten und Mietern. Daneben soll eine!; U׳ntc1־- stiitzuugsaktioiii für bedürftige Mieter eiiige/leitet wenden. Die Folgen des unter der jüdischen Beivcillikerung herrsche,ndcMi Wohnungsolends zeigen sich in diel* rupiden Ausbreitung der Tuberkulose. Wie der Leiter der ׳Gcsundhcitsorganisation To׳z Dr. L. Wulliiiminii mitteilt, macht die Zahl der akuten T 11berk.11 loscfäMe bei den Juden derzeit über 90 Prozent aus, das ist der hüchsite Prozentsatz, der •überhaupt jemals zu verzeichnen war.!Es handelt sich allerdings!nicht tim tödlieh ausgehende Fälle, sondern um eine iminier weiter um sich!greifende .Degeneration der gesamten Bevölke ning. Obiwohl die Lebe«s1nittel in Polen billig sind, sind ,weite Schichten der jüdischen!Bevölkerung ,un!ter- .ernährt. Wie vom 9. August au« Lodz gemeldet wird, wurde!d1־01׳t auf der Straße eine vor Hunger oihnrmichtige jüdische Frau gefunden,, an deren Brust ׳ein vor- 11'tingei‘ter Säugling lag. Die verzweifelte!Lage der ׳polnisch'cn Judenheit kommt in der Zunahme der Seihstmordfülle izmm Ausdruck. In Lemberg ist die Zahl der• Selbstmorde von Juden in den!drei ilctziten Jahren’ um' 280 ,Prozent gestiegen. Die Lemberger Statistiken zeig'cn, daß 98 Prozent der versuchten Selbstmorde tödlieh endigen, daß also ein ahseluter Vernichtuinigsiwille besteht. In Lodz is!t der Prozentsatz der tödlich ausgegangenen Selbstmorde von Juden, ׳von 12 Prozent.im Jahre 1926 a/uif .16 iProizciiit im Jalrrc 1929 und auf 242•,׳ Prozent im Jahre. 1951 gestiegen.!Für das Jahr11952 rechnet •man damit, daß •der Prozentsatz der iBeteiligu-ng •der Juden an den tödlich aiisgeganigeineii •Selbstmorcliversliehen fast 30 Prozent betragen ׳wird־. 1111 Warschau erwägt man gegenwärtig in jüdisehen Kreisen die Schaffung einer Beratungsstelle fü/r Lebensmüde, da insbesondere uinter •den orthodoxen Juden trotz ihrer den •Selbstmordentschloß׳•erschwerenden tiefen Religiosität die Selbstn10n־d׳zi:HI'er in .ra!pidem Anwüchsen ist. Wen,11 inan!nun aber trotzdem •erfährt, •daß im' י polnischen Judentum bei allem Elend ein gewaltiger Aufschwung des Beth-Jakob-Schulwesens und der Ar״ beit für die Jcsohiiwoth zu verzeichne« •ist, da um muß 1mm sieh wollt sage«״ •daß!hier jene Kräfte liegen, die■ — von den jüdischen Kongressen lind Konferenzen meist ver.ka«, 11t. oder vernachlässigt — den!Bestand*des. Judentums für i,m!mcnwäll1 rende Zeiten sichern -und daß darum in •dieser iRiehtiimg das ideale Ziel für alle jüdisehen!Bestrebungen voirgezeicihmet ist. * Ein charakteristisches Symptom der jüdischen Wirtschaftsnot in Polen ist der fortschreitende Uebei־־ gang jüdischen Hausbesitzes in!nichtjüdische Hände. Aus einer soeben veröffentlichten Statistik geht hervor,. ,®oCAs u.täaupbdu&/ürXnaSen, «3^ Modernste Brautperiieken . _ der weltbekannten Perückenwerkstätte OTHMAR SCHIFF Wien I, Kärntnerring 6 Tel. U-47-1-16 L- ~\ V V v