Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 12 (25.3.1932)
- Date
- 1932-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2629891-2630438-2630450--4126-2636237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
""“י• t&ÖMisÄ**י״י'"" Zeitungeö «tont Vörlcgef vetOiflÜei Journal e*pidte pm Ndlfet* V,b,b. JÜDISCHE PRESSE ORMUI PIM MC ttTERESIEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion u. Administration: Wien, II., Große Pfarrgasse 3/3. — Tel. A*4581־־3־. Tschechow Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag, — Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei tschech. K. 80, Einzelnummer öst. Gr. 50. das übrige Ausland 3 Dollar. 2*n1uu*en Auf Konto ,Jüdische Presse*, Wien für Ödster• reich i Postsparkasienkonto Nr. D-93614; Deutschland! Post• Scheckkonto Berlin Nr. 122619: Jugoslawien! Postspk.-Amt Zagreb Nr. 40217; Polen 1 Postspk.-Amt Warschau Nr. 190409; Ungarn! Postspk.-Amt Budapest Nr,50170; Schwelet Postscheekk, Zürich Vlli. 4117; für die Tschechoslowakei! ,Jfldische Presse*, Bi atlstava, Pöstspk.*Amt Prag Konto Nr. 53 »6 Nr. 12 Wien-Bratislava, 25. März 1932 .ביי■• וינא־פרעסבומ י״ז אדי ב׳ תרצ׳ב 18. Jahrg. Umschau 1,ebenswert und Lebensinhalt. — Raffen und SchafFen.— Umwertung* der Werte'auch in der weiblichen Berufs- * wähl. Es scheint :Mode geworden zu sein, daß Großherren der Industrie Selbstmord begehen. Kaum hatte in der ' Vorwoche der Freitod des Ziiticlholzkönigs Kr euger unsere an Sensationen wahrlich nicht armen Mitmenschen in Staunen versetzt, als auch schon der Multi* millionär!Eeastman seinem Leben ein Ende machte. Wahrend aber in jenem Falle, finanzieller Zusammen- ׳ f fKtich die Tat erklären konnte, ist es bei dem Kodakr0El'finder!Eastman reinster amerikanischer Spleen, der im das Leben wegwerfen hieß. Und dennoch kann man nu^t umhin, an diesem Manne, der ״seine Aufgabe in dieser Welt beendet sah und darum den Schlußpunkt unter srin Leben setzte“, manches, was uns zwar nicht seine letzte Tat, um so mehr aber seine früheren Handlängen sympathisch macht, zu verstehen. So z. B., wenn er seinen Arbeitern und Angestellten einen Anteil an den Erträgnissen der Fabriken, eine Art Lohndividende gewährte, und so •auch, wenn der Gedanke, der ihn zur Arbeit an der Amateurphotographie trieb, der war, daß Geldverdienen das Leben eines Menschen nicht ausfüllen könne. Denn das ist der Gedanke, der ihn — konsevpient weitergedacht — zu einem der Unseren hätte machen, können, da es der wahre Königsgedanke des religiösen Judentums ist. * ־ - Nicht :Raffen ist, wie mißverstanden in die Massen getragene volkswirtschaftliche Theorien seit Sombart glauben machen wollen,־ wahrhaft jüdisches'Lebensldeäl,‘ sondern Schaffen und Arbeit an der sittlichen Selbsterziehung*. Aber nicht nur der Jude, sondern auch die jüdische Fimu sieht sich immer mehr vor die Notwendigkeit beruflicher Arbeit gestellt. Auch im gesetzestreuen Judentum galt und gilt ehrliche Arbeit als das höchste Ideal und bei allem Abstand, der uns sonst weltanschaulieh von der soeben stattgefundenen vierten palästinensischen Arbeiterinnenkonferenz trennt, ist auch für uns bemerkenswert, was dort festgestellt wurde,, daß es nämlich noch nicht einmal ein Jahrzehnt her ist, da gab es nur ein Urteil unter den Arbeiterinnen: ״Wir wollen nicht'als Hausgehilfinnen in die Häuser. Das ist ,unproduktiv‘, das ist beschämend, das ist uninteressant, das widerspricht unserer gesamten Tendenz. Man muß allen davon abraten, sich so ihr Brot zu verdienen. Jeder soll selbst für seine eigenen Bedürfnisse sorgen, jeder selbst mit sich fertig werden. Aber ,persönliche Dienste‘, damit muß man aufräumen.“ Wie gesagt, es ist noch nicht lange her, daß diese Ansicht die herrschende war; damals'mußte die Frau .eines, Arbeiterführers, die eine Reihe von Kindern hatU und mit ihnen und dem Haushalt nicht mehr allein Fertig werden konnte, eine spezielle Erlaubnis von des Arbeiterorganisation einholen, damit man ihr eine Hilfe zubilligte. Heute klingt das schon wie ein Märchen aus der heroischen Zeit. Heute •schätzt man, daß von den Arbeiterinnen de;• Stadt ungefülu־ fünfzig Prozent im Haushalt arbeiten. Heute gibt es keine Propaganda mehr gegen diese Arbeit. Man hat es hart genug• bewiesen bekommen, daß solche Propaganda nichts hilft. Wer keine Arbeit anderer Art finden kann, geht eben in einen Privathaushalt, ob es mit seinen Ansichten übereinstimmt. oder nicht. Und solange nicht eine weitgehende Technisierung der Haushalte durchgeführt ist, kommt eine Frau mit mehreren Kindern oder mit Außenarbeit nicht ohne Hilfe aus.!Das weiß man jetzt, läßt die Propaganda liegen .imd kümmert, sich jetzt um die Arbeitsbedingungen. Man macht Erhebungen, versucht zu organisieren, schafft Arbeitsämter für Hausgehilfen und lernt nach und nach dieses wichtige Arbeitsgebiet kennen. Wenn auf irgendeinem Felde Organisatio1P?wif,htig ist, so ist es hier. Vielfach hat man mit Kinderarbeit zu tun, mit schlechten Löhnen, länger Arbeitszeit. ,Die. ״orientalische“ Konkurrenz spielt eine entscheidende Bolle, Und es ist sicher; nicht leicht, die Bedingungen zu bessern. Aber immer- ( hin — man geht bereits praktisch an die Dinge heran : und läßt eine Theorie, die eben nur Theorie war, ruhig links liegen. ״Grau, lieber: Freund * ״ Diese .Erscheinung׳ bleibt aber glücklicherweise1 nicht auf Erez Jisroel beschränkt und zur selben Zeit; befaßt sich auch ein interessanter Aufsatz der ״Central- Vereins-Zeitung“ (vom 11. d. M.) mit dem Thema ״Weibliehe Jugend vor der Berufswahl“. Diesem Aufsatz entnehmen wir u. a., daß es eine staatlich genehmigte Wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande in Wolfratshausen, Gründung der Ortsgruppe München des Jiidisehen Frauenbundes, gibt, die sich auf Mittelschulbildung aufbaut. Alle Unterrichtsfächer, praktische wie theoretische, Gartenbau und Geflügelzucht, bilden die Grundläge für eine .Reihe’ von sozialen, wirtschaftlichen und Lehrberufen. ‘ Für das junge Mädchen mit Volksschulbiklung, das genötigt ist, möglichst bald Verdienst zu finden, besteht seit 1926 die Abteilung für Haushaltlehrlinge im Heim der Israelitischen Jugendhilfe, München, Antonienstraße. Tn Kursen von ein bis zwei Jahren unter Leitung einer geprüften Wirtschaftslehrerin, einer Jugendleiterin und einer Säuglingsschwester arbeiten hier die zukünftigen Hausfrauen oder Hausangestellten in folgenden Sparten: Küche, Hausarbeit, Gartenarbeit, Waschen, Bügeln, Flicken, Säuglings- und Kleinkinderpflege und Kindergarten. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, daß die jungen Mädchen vor keiner Arbeit zu nickscheuen. Ein Hausexameu beschließt die Ausbildungszeit. Aber auch bei uns in Wien ist die Frage der Berufswahl und der Berufsumschichtung der jüdischen Mädchen äußerst aktuell. Auch hier gehört cs schon zu den abgetanen Anschauungen, daß die Betätigung im Haushalt etwas Erniedrigendes enthielte, ünd darum ist es auch zu begrüßen, daß dem Mädchen aus orthodoxjüdischem Hause durch die Koch-' und Haushalttings- .kursc!des ״Dp. - K!r ii g e 1• - H e i m s“ .1Gelegenheit geboten wird, sich für den eigenen Haushalt oder für den Beruf der Wirtschaftsleitern! usw., für den oft schwer geeignete und intelligente Bewerberinnen zu finden sind, vorzubereiten. Gutes Auskommen und Sicherheit aber sind die Hauptvorteile, die sich als Lohn für das Aufgeben eines veralteten Vorurteils bieten. Und so kann, was die jüdische Frau zu jeder Zeit geleistet hat, auch jetzt in modernen Formen oft wieder zur Tat werden — zum Segen vieler jüdischer Familien. Gegen das Schlagwort Im Laufe eines von den Berliner Frauengruppen des ״Zentralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ veranstalteten Vortragszyklus sprachen Rektor Dr. H. Stern über den ,yKampf..gegen das Schlagwort“ ,und StudienräV Dr: Kurt' L e w i n über ״Rassenfragen“. Wir entnehmen diesen äußerst lehrreichen Vorträgen die folgenden markanten , Stellen: 1 .Man kann dem Schlagwort nachsagen, daß in seinen Behauptungen sehr oft ein wahrer Kern steckt. Es ist häufig ״etwas dran“. Unter diesem, Gesichtswinkel untersuchte der Redner dann einige landläufige antisemitische Schlagworte. Den ״jüdischen Materialismus“. Es gibt einen doppelten Materialismus: den praktischen und den philosophischen. Am praktischen Materialismus der Juden ist nun wirklich ״etwas dran“, insofern sie lebensbejahend sind und darum die Güter der Erde schätzen und würdigen. Aber wie sehr dieser; Materialismus idealistisch ergänzt ist, zeigt die’ jüdische Geschichte auf jedem Blatt: gibt es doch kaum eine zweite'Gemeinschäft,' die um ihrer Ideale willen so viel gelitten hat wie die jüdische. . Was nun den philosophischen, Materialismus an:־ betrifft, so braucht man sich hur die Mühe zu geben, das Standardwerk über diesen Problemkreis in, die Hand zu nehmen: Fr. A. Langes ״Geschichte des Materialismus“ Darin wird die Entwicklung dieser Weltanschauung von den alten Griechen bis zur Gegenwart geschildert; und. in dieser umfangreichen Darstellung findet man einen einzigen jüdischen Namen: Karl; Marx. Damit ist schon das zweite ’Schlagwort: gegeben: der j,jüdische Marxismus“. Das Wesentliche am Marxismus ist die Grundanschauung des philosophischen Materialis;- müs;: daß die Wertungen ' der'"1Nützlichkeit bzw. der Schädlichkeit, also Lust und Unlust, das. menschliche Denken, Fühlen und!Streben regulieren, nicht aber Ideen und Ideale. So lehrt der Marxismus, daß die Wirtschaftliehen Grundverhältnisse der Ausgangspunkt für alle weiteren, also auch ideellen Bewegungen in Religion, Ethik, Kunst und Wissenschaft seien. Wer das Judentum auch nur einigermaßen. aus seiner klassischen Literatur kennt, weiß, daß solche Gedankengängc. dem Judentum: so •fern׳! .liegen wie der Mars der Erde.' Nun gibt es bekanntlich nicht wenige Juden, die lätsächlich in Marx eine neue Ausprägung des echtesten jüdischen Geistes erblicken, und zwar wegen seines Kampfes um die soziale Gerechtigkeit. Aber grundsätzlich ist zu sagen, daß man soziale Gerechtigkeit auch anderwärts, außerhalb der Lehre von Marx findet.; Von diesen beiden ״ . . . isnien“ zum ״zersetzenden' jüdischen Geist“ ist ׳'nur ein kleiner Schritt. ״Dran“ ist an dem Vor.wurf nur insoweit etwas, als es unleugbar; jüdische Intellektuelle gibt, deren Wirken in weiten Kreisen, und durchaus auch ,von politisch andersgerich-: teten jüdischen Deutschen, als zersetzend, empfunden wird: Die Frage ist nur, ob dieser Geist zeitgenössischer Juden mit dem ״jüdischen Geist“, soweit man einen solchen anerkennt, überhaupt noch etwas gemein, hat. Meist handelt es sich zudem bei diesen Schriftstellern um Männer, die sich vom Judentum, freiwillig gelöst haben und deshalb irgendwelche Rücksichten auf. Grund des Judentums in keiner Weise' anerkennen. Auf die apologetische Seite der Frage eingehend, warnte der Redner davor, in den Fehler der Schlagwort- Antisemiten zu verfallen und schlagwortartig alles zu bestreiten, was der Antisemit mit dem Schlagwort behauptet. Man muß den Dingen nachgehen, den Komplex, den das Schlagwort andeutet, analysieren und das Falsche vom Wahren scheiden. Die Rassenfrage existiert nicht als selbständiges wissenschaftliches Problem; sie ist in Europa, insbesondere in Deutschland, fest verknüpft mit der Judenfrage. Es gibt zwar eine ernsthafte Rässenforschüng, aber deren Ergebnisse rechtfertigen keinesfalls die Folgerungen, die die völkische, antisemitische Bewegung daraus zieht. Es gibt keine ״jüdische Rasse“. Die Juden V ö H IX L E B E N S V E R S I C H E R U N GS- G E $ E L L S C HA F T Modernste Brautperdcken der weitbekannten PerUckenwerketätte Wien I, Kärntnerrina 6 (SS&rfl&I) Tel. U-47-1-16