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Jüdische Presse · 1932-03-04 · 9 (4.3.1932) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
18 (1932)
Issue
9 (4.3.1932)
Date
1932-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Zürich VIII. 4117! für die Tschechoslowakei t *Jfldische Presse*, Biatlsiava, Poatspk.-AmtPtag Konto Nr.53386 Nr. 9 Wien-Bratislava, 4. März 1932 •פד. וינא־םדעםבורנ פו אדו תדצ׳ב 18. Jahrg. Die neue Leitung der Orthodoxie in Transsylvanien. Nach dem Ableben des unvergeßlichen Oberrabbiners von Bist-:t5׳\ der seit der Schaffung der siebenbürgischen orthodoxen Gemeindeorganisation das Präsidium der Landeskanzlei innegehabt hatte, wurde allgemein befürchtet, daß die Diskrepanz der Elemente in der• transsylvanischen Orthodoxie, da es dort neben einer aschkenasischen Majorität eine sehr starke chassidische Minorität gibt, immer weiter um sich greifen werde, wie sie ja auch schon zu seinen. Lebzeiten nur durch die Autorität des Präsidenten ein wenig gemildert worden war. Die vorige Woche in Dej stattgefundene Konferenz der orthodoxen Gemeinden ■$tvar daher berufen, über das weitere Schicksal der Organisation zu entscheiden^ Schon vorher hatten viele Vorkonferenzen stattgefunden, um ein Zusammenarbeiten zu ermöglichen. Es war tt. a. auch in Frage gestellt, ob der Präsident ein Rabbiner, wo die Landeskanzlei ihren Sitz haben, ob der Präsident auf Lebensdauer gewählt werden soll, usw. Die offizielle Konferenz wurde Dienstag vormittags vom Alterspräsidenten Oberrabbiner Teitelbaum, M. Lapos, eröffnet. Auf seinen Antrag wurden Oberrabbiner Klein (Halmi) und die Herren Franz Ordentlieh (Dej) und Lipot Joszovits (Sziget) in das Präsidium gewählt. Nach einer: Xrauerkundgebung für den yerstoij benen Präsidenten wurden die Kommissionen gewählt und die Tagung bis zur Verifizierung der Mandate und Erstattung der Kommissionsberichte unterbrochen. In den Kommissionssitzungen wurde dann der große Kampf, der zeitweise den Zerfall der Organisation herbeizuführen drohte, ausgetragen. Endlich wurde eine Einigung über die Person des Präsidenten in der Weise erzielt, daß der allgemein als einsichtig itnd klug, als großer Talmid Chochom bekannte und auch bei den Chassidim angesehene Oberrabbiner Wesel aus Torda (Schwiegervater unseres geschätzten Mitarbeiters, des Oberrabbiners Josef Adler, Schäßburg) gewählt wurde. Bis zutni letzten Augenblick blieb es aber strittig, ob ein oder ' zwei Vizepräsidenten gewählt' werden sollten. Es war selbstverständlich, daß neben dem aschkenasischen Präsidenten ein chassidischer Vizepräsident gewählt werden müsse, die Aschkenasim kämpften aber noch um einen zweiten Vizepräsidenten. Ebenso strittig blieb die Frage des Sitzes, da die Kommission nicht zum Entschluß darüber kommen konnte, ob das aschkenasische Klausenbürg oder das chassidische Szatmar die Leitung aufnehmen solle. In gesteigerter Kampfstimmung wurde spät abends die Konferenz wieder eröffnet. Der großen Ueberredungskunst des Oberrabbiners Fuchs (Großwardein) gelang es, ein Kompromiß der Art herbeizuführen, daß Oberrabbiner Wesel auf fünf Jahre zum Präsidenten und Herr Chaim Freund aus Szatmar als | einziger Vizepräsident gewählt Wurden. I)cr Antrag des Oberrabbiners Fuchs wurde mit großem Jubel aufgenommen und der neugewähltc Präsident durch eine Deputation eingeholt. Nachdem er durch Oberrabbiner Fuchs und Oberrabbiner Teitelbaum (Karoly) begrüßt worden war, wobei diese Wortführer beider Richtungen ihn des großen Vertrauens aller Schichten der Orthodoxie versicherten, gab Präsident Oberrabbiner Wesel das ״Der Untergang Das orthodoxe Judentum ,ist in der ])©neidenswerten Lage, allen (Modetorheiten gegenüber eine bloß beobachtende Haltung einheitmen zu können. Wenn auch alle anderen, nicht ausschließlich von der Thora beherrschten Schichten! des jüdischen Volkes von Krämpfen aller Art diirchbebt werden, auf den Höhen des Sinai ist Ruhe. So War (es, als um die Jahrhundertwende unter dem Einfluß des ganz Europa beherrschenden Schlagwortes von der ׳Nationalität ins Judentum eine ihm bis dahin unbekannte Ueber- Schätzung und Hervorkebrung des rein nationalen Moments hineingetragen werden sollte, und nicht anders ist es jetzt, da ׳unter den (Nachwirkungen des Krieges und den Ausstrahlungen der Lehren von Moskau von den ״orthodoxen Marxisten“ alles auf den sozialen Nenner gebracht wird. Trotz dieser unangreifbaren '1Höhe iüüsliöü*t^^ 1־Lager., der Nichtreligiösen im Auge bebakten, und da ist es von besonderem Interesse, dem Meinungsaustausch zu folgen, den der am 22. v. M. in (Berlin .stattgefundene kontradiktorische Abend der Ereien Jüdischen Volksliodhscliiile zum Thema ״Judentum nud Kommunismus“ brachte. •Es diskutierten Otto Heller und Dr, J• ■Steinberg. Heller ist Mitglied der kommunistischen Jugend- ׳bewegung, Verfasser des. ׳Buches ״Der »Untergang des Judentums“, das an die jüdische Geschichte und die Judenfrage mit dem Rüstzeug des Marxismus herangellt, und Mitarbeiter der vor allem an der (Besiedlung des fernöstlichen Rayons iBiro-Bidschan mit Juden interessierten Gesellschaft Ozet (Geserd). Dr. Steinberg entstammt einer angesehenen litauischen Gelehrtenfamilie, war schon tim alten Rußland einer der!Führer der ״linken Sozialrevolutionäre“ und in den ersten Monaten des Sowjetregimes nach der Oktaberrevolution Volkskommissär für Justiz. Seine jüdische Weltanscliaiumg beruht auf einer eigenartigen Verbindung jüdischer Religiosität, nicht zionistisch gebundenen Nationalbewußtseins und ׳nicht marxistisch begründeten revolutionären Sozialismus. Er ist geistiger Führer der jüdischen religiösen Sozialisten. Der Andrang zu dieser Veranstaltung!war ein so starker, daß ■der große Saal des iLagenJmuses lange vor Beginn derselben überfüllt war und Polizei herangeholt werden mußte, um den weiteren Zustrom zurückzudämmen. Unter den Anwesenden waren alle Schichten der Berliner Juden vertreten. Man sah ,führende Intel-!aktuelle aus den Kreisen der Zionisten aller Riehtungen, des Liberalismus, C.-V., Hilfvereiiis, 01־t, Versprechen, daß er, von diesem Vertrauen getragen, die Orthodoxie irrt Geiste seines Vorgängers leiten und stets auf die Mitarbeit des Vizepräsidenten angewiesen sein werde. Ueber den Sitz der Landeskanzlei wird erst später Beschluß gefaßt werden. Es ist mit Freude zu begrüßen, daß durch die Wahl des neuen Präsidiums die Einigkeit wiederhergestellt und die Gewähr für gedeihliche Weiterarbeit gegeben ist. des Judentums“. Agudas Jisroel, der Adtiß Jisrocl, Dozenten und Studenten des Rabbinerseminars und der Hochschule für die (Wissenschaft dos Judentums, Gemeimlcrabbiner und zahlreiche Richter, ,Rechtsanwälte, Aerztc, Künstler und Verwaltungsbeamte. Audi die jüdische Jugendbewegung war in allen ihren Schattierungen vertreten. Die Disputation wurde durch eine Ansprache des Vorsitzenden, »Dr. Eduard Lesezynski, eingeleitet, in der er die!Bedeutung dieser Art von Veranstaltungen erläuterte und die Themenwahl gegenüber manchen in den letzten Tagen erhobenen Einwänden rechtfertigte. Die nun folgende fast dreistündige, von den Zuhörern mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte Aussprache vollzog sich in drei Etappen. Zunächst wurden Problome der jüdischen Geschichte behandelt, alsdann jüdisch-religiöse und -politische Weltanschauungsfragen (und znletzi die Lage von Juden und Judentum in SowjetrüßlÄrid.‘; - - ־ Heller definiert den!Kommunismus alsden marxistisch' begründeten revolutionären iKlassenkampf des Proletariats zu seiner und des!Bauerntums iBefreiung mit dem Ziele der Errichtung einer iklassen- und staatenlosen Gesellschaft. Das Judentum, definierte er als die Summe der jüdischen Individuen, mit‘bestimmten sazialgeschiobtlich bedingten ׳Inhalten. Die historische Bedeutung des Judentums sieht er in der monopolartigen ׳Stellung seiner Glieder als Träger der Warenzirkulation, aus der er auch den Monotheismus dialektisch ■abzuleiten sucht 1(?! Die Red;), seine Erhaltung sei »bedingt durch das Festhalten, sein Untergang begründet durch den Verlust'dieser Funktion infolge der Uebernalime der Warenzirkulation einerseits durch ■die moderne (Bourgeoisie׳ im Westen, andererseits durch den gesellschaftlichen Produktions- und »Konsumtioiisplan im sozialistischen Rußland. Für ihn gibt es keine einheitliche jüdische Nation iiieh r, sondern nur noch Reste nationalen Lebens in Osteuropa. Steinberg wendet sich gegen diese!Darstellung der jüdischen Gescliiclite. Die Stellung der Juden in der Warenzirkulation sei weder ■ursprünglich noch sei; sie Bedingung für die Erhaltung des Judentums, sondern eine aufgezwiiiigenc, wie sich schon aus der, Spiegelung des sozialen Lebens ini klassischen jüdischen; Schrifttum (Mischnah, Genuirah, Mainionides, Söliulchan Arudi) und seinen Trägern ergebe, lind werde bei jeder Emanzipation ohne Gefahr für den ׳Bestand deis Judentums zugunsten von jeder Art geistiger und!Handarbeit verlassen. Der Jude griff zu jedem ihm. ermöglichten Lebensunterhalt, um nur das iii die Verbannung4 mitgenommene ״Lebensprograinm“ zu verwirklichen. Steinberg fragt; (Warum waren die Juden schon unter Cäsar hceresdienstuntauglich infolge ihrer Treue zum Sabbat? Was zwang sic zur Erhaltung des Monotheismus als Grundlage ihres ״Lebensprogranims“ wenn' sie sich durch sie sehenden Auges der Vertreibung, dem Scheiterhaufen und der Aechtung ausliefertem, und zwar gleicherweise unter Heidentum, Christentum und Islam, wenn sie doch gleichsam mit , einem Federstrich,, der Taufe, die Sicherung ihrer sozialen Funktion erkaufen konnten, zumal bei der angeblichen Unterordnung der Ideenwelt ■unter die!soziale Funktion der Warenzirkulation auch Ideen ihnen hätten Kauf- Objekte werden können und müssen? * Heller gibt auf die Frage nach der Fortexistenz des Judentums vom Standpunkt der marxistischen Weltanschauung folgende Antwort:, Jede nationale Gruppe prätendiert eine Sondermission für sich in..der Welt.!Die Religion ist eine Form der Ideenwelt einer Gemeinschaft, die Form der!Religion!hängt von den ICH 'LEBE N S G E S y ö H I X VERS I C H ERUNGS־ E L L S CH A F T Modernste BreutperCIcken derweltbekanntenPerllckenwerkstätte Wien I. Kärntnerring 6 (&&'»*&) Tel. II16■ 1־47׳

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