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Jüdische Presse · 1931-05-15 · 19 (15.5.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
17 (1931)
Issue
19 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NoviftovG v<platn6 povolen6 riadit post a telegrafov v Bratislava 2is. 41572*11120־. Zeitungen vom Verleger versandet» Journal espadie par l’aditeut, V. b. b. OROJIN FUN DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion u. Administration: Wien. II., Leopolds* gasse 26, l. Stiege, 1. Stock. — Tel. A 94*0*49־. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Mittwoch Mittag ÄboGnesEentiprElacו Ginsjährigi Für Oesterrelcb S 16?scbechoBlowftkel tschech. K. 80, KlnzetaDtnmer öst. Gr. 50, d*1 übrige Umland 3 Dollar. Zahlungen auf Konto .Jüdische Presse־, Wien für Oester* reich: PostsparkassenkontoNr. D-93614; Deutschland!Post* Scheckkonto Berlin Nr. 122619; Jugoslawien: Postspk.־Arat Zagreb Nr. 40217; Polen : Postspk.-Amt Warschau Nr. 190409; Ungarn! Postspk.-Amt Budapest Nr.50170; Schweiz: Postscheckk. Zürich VIII. 4117; für die Tschechoslowakei: ,JÜdische Presse־, Biatlsiava, Postspk.-Amt Prag Konto Nr.53386 Nr. 19 | Wien-Bratislava, 15. Mai 1931 ביה וינא־סרעסבומ כ׳ח אייר תיצ׳א 17. Jahrg. Vor dem Zionisten-Kongreß. Der Tiic den Sommer nach Basel einberufene Zioni.stenkon־״rpfi wirft schon jrizt seine Schatten voraus. Die seit dem letzten KongreR vorgefallenen Dinge machen es begreiflich, da(? von dem kommenden Kongreß je nach der sonstigen Einstellung eine Acndernng oder Bestätigung der bisherigen Taktik erwartet wird. So schicken beide Uaiiptgrnppen schon jetzt ihre Wortfiihrcr in den Kampf mul werben in den jüdischen Zentren um die Stimmen der KongreRwähler. Tn der vergangenen Woche hat Wladimir jabotinskx, der sich auf einer Vortragstoiirnee durch Europa befindet, auch, in Wien in gewohnter Meisterschaft seine aktivistischen Forderungen vertreten. Das hinreiRende Temperament dieses Künstlers, dieses Meisters der Rede und der Schrift und, was von seinem Standpunkte aus das wesentlichste ist. dieses soldatischen Führers, dem man es gerne glaubt, daR er im Ernstfälle an der Spitze seiner Legionen marschieren würde, wirkt überzeugend. Aber gerade dies(' bis in die letzte Konsequenz durchdachte Formel von! jüdischen Volk als Volk, wie alle anderen Völker es sind, zeigt schon an einer AcuRcrlichkeit des Versammlungsbildes, dafi sie eigentlich doch nur Assimilation, und zwar Assimilation in höherer Potenz bedeutet. Die Braunhemden, die den Ordnerdienst in den Versammlungen Jabotinskvs besorgen, sind entweder als allzu plumpe Nachäffung ihrer hakeiikrenzgeschmückten Vorbilder lächerlich oder als Ausdruck einer bis ins Mark reichenden Durchdringung mit unjüdischer Denkweise bedauerlich. Sie sind Braunhemden, wenn sie auch das blauweific Bändchen ziert. Ein ganz anderes Bild bietet Jabotinskvs Antipode, der Realist oder, wie Jabotinsky ihn auffaßt, der Quietist Wcizinann. Da ist alles vorsichtiges Lavieren zwischen den brausenden Klippen einer durch die abnormalste Lage komplizierten Politik, ein Lavieren, das auch einem Jabotinsky, wenn er zur Leitung der Geschicke dev Organisation berufen würde, kaum erspart bleiben dürfte. Nur in einem Punkte sind beide, der Aktivist Jabotinsky und der Quietist Weizmann, einander vollkommen gleich, und das ist ihr negatives Verhalten gegenüber aller Religiosität. Allein, wenn sie beide auch von Religion nichts wissen wollen, werden sie um so häufiger und unangenehmer oft von Seiten, von denen sie sich's am wenigsten versehen, daran erinnert, dafi im Falle Palästina doch noch außer den Machtfragen, um die es sich bei dem einen, und um die Geldfragen, um die es sich dem anderen ausschliefilieh handelt, ganz andere Imponderabilien mitspielen. So ist von dem unter Teilnahme von Lloyd George und Dr. Weizmann stattgehabten grollen Bankett, das anläßlich der Einweihung der Kolonie ״Kfar David“ stattfand, über eine interessante Rede der Mrs. Snowden, der Gattin des englischen Sclmtzkanzlcrs, zu berichten. Mrs, Snowden ist eine begeisterte Freundin des Paltistina-Aufbaus, zugleich aber trotz ihres Sozialismus von echt englischer konservativer Religiosität beseelt. Sie beklagte in ihrer Rede lebhaft den Mangel religiösen Sinns bei der jüdischen Jugend im heiligen Lande. ״Als ich“, so sagte sie, ״in Palästina gewisse historische Plätze besuchte, z. B. den Ort, an dem Gideon kämpfte, war ich erstaunt, dafi mein eigenes Herz viel stärker bewegt war, als das der jungen Menschen, die mich begleiteten. Diejenigen, die die Religion gcringschätzen, sollten daran denken, dafi die Freundschaft Grofibritanniens für den Zionismus vor allem auf der britischen Bibeltradition beruht,“ In seiner Erwiderung kam Weizmann auch auf die Mahnung der Mrs. Snowden zurück und verteidigte die von ihr kritisierten C'haluziin mit einem Gleichnis, das angeblich von Oberrabbiner Kuk stammt. Dieser habe, als man sich bei ihm über die Mißachtung der Tradition durch die Jugend beklagte, geantwortet: ״Als der Tempel gebaut war, durfte niemand das Allcrhciligsto betreten mit Ausnahme des Hohenpriesters am Jomkippt!r in besonderer Fcstkleidung — aber solange noch am Tempel gebaut wurde, bewegten sich an der Stelle des Allerheiligsteil die Bauleute in ihrer Arbeitskleidung an gewöhnlichen Wochentagen.“ Die Besucher, die nach Palästina kommen, betrachten dieses als ein Museum. Aber wenn sic ehrfürchtig die Plätze bewundern, wo z. B. Gideon gekämpft hat, dann sollten sic dessen eingedenk sein, clafi ■die, die dort jetzt leiten, Fleisch vom Fleisch Gideons sind. Man kann G-tt mit einem Spaten und mit Bearbeitung des Bodens dienen :und alle Betrachte!־ müssen sehen, dafi diese Arbeit im Grunde von religiöser Inbrunst beseelt ist. Es ist eine neue Art von Andacht. Diese Menschen treiben G-ttesdienst in ihrer eigenen Weise.“ Hiezu bemerkt der .,Israelit“: ״Soweit Weizmann. Er glaubt wohl selber nicht, dafi das Gleichnis von Rabbiner Kuk und seine eige ne damit im Einklang stehende Verherrlichung der von Nationalgefiihl getragenen •körperlichen Arbeit nls .,G-ttesdienst“ eine irgendwie sinnvolle Antwort auf die berechtigte Kritik von Mrs. Snowden darstellt. Idealistische Inbrunst, ist noch keine Religion und kein Juden- ,tum. Sonst könnte man ebenso gut die aus Idealismus erfolgenden bolschewistischen; Religionsverfolgungen in Rußland, wie den Chillnl Scjmbbos der Chaluzim im heiligen Lande als eine, ״neue.: Art von RoligiojVL.bezeichnen.“ Außerdem könnte aber — unseres Erachtens — Weizmann noch geantwortet werden, dafi der von ihm gebrauchte Vergleich, wie es ja Vergleiche in der Regel tun, sehr stark hinkt. Was vielleicht beim Bau des Heiligtums erlaubt oder gar geboten sein muß, ist noch immer nicht zulässig־ und zwingend notwendig beim Bau eine!־ Straße. Wenn wir aber dagegen sehen, wie der von Jabotinsky bis zur letzten Konsequenz verfolgte Juclenstaatsgedankc schließlich alle Realität aus dem Auge verliert, dann möchten wir doch diesem irrationalen Idealismus den vielleicht nicht weniger irrationalen Bekennermut des gesetzestreuen Judentums entgegenhalten, der es zwar auch mit einer Welt voll Feinden aufnimmt, dabei aber wenigstens einen posit;iven •Glauben als Stütze besitzt. :.VI. Wiener Spaziergänge. Mein Töchterchen war an Scharlach erkrankt und mußte einige Wochen im Wilhelmincnspital zubringen. Dort liegen die kleinen Patienten nicht mehr wie früher in weiten Sälen, aus denen einem der charakteristische Spitalsgeruch lange folgt, sondern in luftigen, von drei Seiten geschützten Veranden und atmen Tag und Nacht die unmittelbar von den Höhen des Wienerwaldes kom* mende Luft ein. Und diesem Heilfaktor, der noch durch die zwischen den Abteilungen liegenden Gruppen von Nadelbäumen verstärkt wird, ist es zuzuschreiben, daß den Kleinen ihre Krankheit meist kaum anzusehen ist. Der größte Vorteil dieser Heilmethode liegt aber darin, daß *botAs <u.2fiauph(£u&fürJwafiw, ■und. flädc&a, mdOfmt&Medsrecfit //. Malzgasse. 16 die jü6isc^e .Schule זוג sie es den Eltern ermöglicht, ihr Teuerstes täglich zu sehen und zu sprechen. Ja, wenn so ein Kind krank ist, merkt man erst, daß es einem das Liebste auf Erden ist. Um so schmerz» lichcr aber muß cs einen — wenn man dazu noch gläu* biger Jude ist — berühren, daß für dieses Maximum an Lebenswerten, das unseve Kinder uns bedeuten, nicht ein» mal ein Minimum an Vorsorge besteht. Es ist ja doch nicht so ganz gleichgültig, wenn ein Kind, das in reli» giösem Milieu herangewachsen ist, im Krankenhaus auf einmal dazu überredet werden soll, unerlaubte Speisen zu genießen, da es in Wien nicht in ein jüdisches Kinder» spital gebracht werden kann. In so einem Fall ist sehr zu befürchten, daß ein Kind zumindest eine gewisse Lax* heit des religiösen Gefühls fürs Leben davonträgt und dann auch in anderen Fällen dem äußeren Zwang viel* leicht allzu leicht nachgeben lernt. Das Spital der Wiener Kultusgemeinde ist für die Verpflegung von Kindern nicht eingerichtet und ein jüdisches Kinderspital, wie es sogar Budapest besitzt, hat Wien, trotzdem sich schon vor mehr als zwei Jahrzehnten das Bedürfnis nach einer sol* chcn Institution geltend machte, auch heute noch nicht. Der Baugrund für dieses Kinderspital (im Augarten) war bereits erworben und auch die finanzielle Grundlage für den Bau durch große Stiftungen gegeben, als der Krieg und mit ihm die Entwertung der ,Stiftungsvermögen kam. So konnten nur mehr ein Ambulatorium und ein Sonnen* tagesheim auf diesem Baugrunde geschaffen werden. Das sind gewiß auch Anstalten, die dringendem Bedarf ab* helfen, aber sie sind noch lange nicht das Spital, das an der Grenze der judenreichsten Bezirke, des zweiten und des zwanzigsten, so recht an der geeignetsten Stelle ge* standen hätte. Bei aller Würdigung der schwierigen Fi* nanzla^e der Gemeinde muß "aber doch gefragt werden, ob es angemessen ist, an solchen Lebensnotwendigkeiten zu sparen, wenn eine kleine Einschränkung an dem Luxus* bau der Zeremonicnhalle, einiger Rigorismus gegenüber der zum großen Teil leerl,aufenden Maschinerie des Chor* bctricbes in den Synagogen und noch einige Sparmaß* nahmen ähnlicher Art oder auch etwas mehr Opferfreudig* keit der jüdischen Bevölkerung leicht den Ausfall decken könnten. Wie die Dinge jetzt liegen, kann den jüdischen Kranken in den vielen Spitälern Wiens nur die im Allge* meinen Krankenhaus untergebrachte Küche des ״Vereins zur Unterstützung armer kranker Israeliten“ ein wenig bei* stehen. Der Verein, eine Gründung orthodoxer Juden, unterhält nicht nur diese musterhaft eingerichtete Küche, von der aus in allen Abteilungen des ungeheuren Kran* kenhauses die jüdischen Patienten mit der ihnen angc* messenen, rituell zubereiteten Diätkost versehen werden können, sondern er versorgt auch die in weit draußen an der Stadtgrenze liegenden Spitälern befindlichen jiidi* sehen Kranken gegen mäßiges Entgelt oder, wenn es sein muß, auch ohne dieses. Dieser Liebesdienst, Gemilus Chassodim in seiner edelsten Form, da er oft das einzige Zeichen darstellt, das ein von der Außenwelt abge* schnittenes Menschenkind von seinen jüdischen Brüdern empfängt, ein Liebeszeichen, das ihn oft den Glauben ah das Leben bewahren, Hoffnung auf Heil nicht verlieren läßt, wird dabei mit so wahrhaft jüdischem Zartgefühl ausgeübt, wie es im Betrieb einer Gemeinde nicht denk* bar wäre. Und dennoch wäre es im Interesse der Siche* rung dieses so wohltätigen Wirkens nur zu begrüßen, wenn auch diese Krankenhausküche als eine gewisse Er* gänzung des vorhandenen Spitalsbetriebes in die Verwal* tung der Kultusgemcinde übernommen würde. Bikur Cholim, eine der heiligsten Pflichten, die das Judentum im Verhalten zum Mitmenschen kennt, erschöpft sich nicht nur im Krankenbesuch, sondern es liegt darin auch die Verpflichtung zur Sorge um das leibliche und das seelische Wohl des Hilflosen. Hilflos und krank sind aber nicht nur die Patienten in den Spitälern, auch das Alter ist so eine Art von Krankheit, und darum wird auch seitens unserer Gemeinde in so mustergültiger Weise für die Alten gesorgt. So oft ich das Versorgungshaus in der Seegasse besuche, muß ich an den Stoßseufzer des Psal* misten denken, der da ausruft: ״Al taschlicheni Feth siknoh“ די Liefere mich nicht dem Alter aus, und wenn meine Kraft mich verlassen will, verlaß du mich nicht! Hier hat die Schwäche des Alters eine Stütze, soweit sie Menschenkraft verleihen kann, gefunden — aber wenn ich so sehe, wie da um eine Kochstelle ein paar alte Männer und Frauen sich scharen und eine Schale Tee wärmen. ^msnm Modernste Brautperücken der weltbekannten Perilckenwerkstätte SCHIFF m I 111 ■ Wien I, Kärnfnerring 6 ( Hotel Bristol ) Tel. U-41 -3-62

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