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Jüdische Presse · 1931-03-06 · 10 (6.3.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
17 (1931)
Issue
10 (6.3.1931)
Date
1931-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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März 1931 .כ״ה וינא־םרעםבוינ י׳ז אדר תרצ׳א 17. Jahr9> Demokratie und Schule. Bedeutsame Äußerungen des österreichischen Unterrichtsministers. Unterriditsniinistei• I )1־. Emmerich Czcr m a k hielt bei einem Sprechabend des Christlichsozialen Ver־ eines Neubau einen Vortrag über die Entwicklung■ des ■österreichischen S c. h u I w c s e n s und führte unter ande! m aus: ״Unser altes Oesterreich besaß zum Unterschied vom Deutschen Reich und. von Ungarn keine gesetzliche öffentliche konfessionelle Schule. Sie werden beobachten, da!.i im Parlament immer wieder Anträge gestellt werden, das österreichische Eherecht an das reichsdeutsehe anzu־ gleichem, datö aber niemals eine Angleicliung der Schul־ gesetzgebung an die des Deutschen Reiches verlangt Avird. Ich halte dafür, daß gesetzliche Einrichungeu, die die konfessionelle Schule als öffentliche Schule ausschalten, schlechtweg mit den Grundsätzen der Demokratie nicht vereinbar sind. Ich halte es für unmöglich, daß auf die Dauer der Zustand bestehen bleibt, daß die konfessio־ neilen Schulen ו01זג der Dotierung aus Steuergeldern aus־ geschlossen sind, daß sie sich ausschließlich aus Schulgeldern und Spenden erhalten müssen. Der josefinische Geist in_cincm großen Teil der Geistlichkeit einerseits und die typisch österreichische Simultanschule anderseits erscheinen mir. charakteristisch, für das absterbende Alt־ Österreich und sie beeinträchtigen nach meinem Dafür־ halten in ihrer Auswirkung heute noch sehr stark die Entwicklung eines ganz gesunden, lebendigen katlio־ lischen Volksbowußtsein.“ Diese obigen '* Aeußcruiigen des Unterrichtsmini־ sters Dr. Czermak, die dieser vor mehreren Tagen, wenn auch nicht offiziell, so doch im Verlaufe eines Vortrages, also in voller Ocffcntlichkeit, getan hat, sind geeignet, auch die Aufmerksamkeit der religiösen Juden Wiens zu erregen. Der Minister hatte allerdings nur die christliche Bevölkerung im Auge, als er die Entwicklung des öster# reichischen Schulwesens schilderte, aber mutatis mutandis gilt fast alles, Avas er im wesentlichen vorbrachte, auch für die jüdische Erziehung. Und wenn dazu noch in Betracht gezogen Avird, daß Oesterreich eben am Vorabend eines neuen Konkordats steht, gewinnen diese Aeuße־ rangen gewiß nur an Aktualität. Das neue Uebereinkommen zwischen dem Vatikan und Oesterreich, das jeder Könner der österreichischen Verhältnisse als Frucht jahrzehntelanger Kämpfe im Interesse der Beendigung des Eherechtswirrwarrs gewiß nur begrüßen wird, könnte uns als Juden sonst herzlich gleichgültig‘bleiben. Wir gehören ja nicht zu jenen Juden, deren Hauptsorge ausgerechnet die Not der katholisch Geschiedenen ist. Wir haben an unseren eigenen, den jüdischen Sorgen genug und sehen in dem neuen Konkor־ dat darum nur eine andere, auch für uns bedeutsame Mög־ lichkeit. Der Minister wies mit Recht darauf hin, daß Oesterreich im Gegensatz zu Ungarn und Deutschland keine öffentliche gesetzliche konfessionelle Schule be־ sitze. Wenn also immer Avieder Angleichung an das reichsdeutsehe Eherecht verlangt werde, müsse dasselbe auch in der Schulgesetzgebung der Fall sein, die in Deutschland viel mehr Spielraum für berechtigte Sonder־ interessen bietet. Wir können von unserem schon oft betonten Standpunkte aus dein Minister auch ferner nur bei־ pflichten, wenn er meint, daß gesetzliche Einrichungen, die die konfessionelle Schule als öffentliche Schule aus־ schalten, schlechtweg mit den Grundsätzen der Demokratie nicht vereinbar sind, und wenn er es für unmöglich hält, daß auf die Dauer der Zustand bestehen bleibt, daß die konfessio־ hellen Schulen von der Dotierung aus Steuergeldern aus־ geschlossen sind, .... . daß sie sich ausschließlich aus Schulgeldern und Spenden erhalten müssen. Damit hat endlich einmal ein österreichischer Minister auch uns als Juden aus der Seele gesprochen. Auch wir empfinden, vielleicht sogar in vielfacher Potenz, schmerz־ liehst am eigenen Leihe, die Unhaltbarkcit dieser Zu־ stände, da wir in unserem Eintreten für die jüdische Schule einen Kampf nach mehreren Fronten führen müssen. Uns trifft es nicht nur bitter, daß die Avenigen jüdischen Schulen gar keine Förderung aus öffentlichen Mitteln erfahren, sondern wir müssen ebenso schmerzlich auch anseheu, Avie Kreise, die dem religiösen Judentum nahe.־, zunächst־, ja mitten in ■ihm stehen, kühl bis ans Herz hinan zuseHen, wie diese Schulen ringen. In unseren eigenen Reihen ist man von der Bedeutung der jüdischen Schule noch zu wenig durchdrungen, und während in Deutschland darüber debattiert wird, ob jüdische Ge־ meindeschule oder jüdisch־konfcssio11elle Schule vorzu־ ziehen sei, herrscht in unseren maßgebenden jüdischen Kreisen noch das vor, was Minister Dr. Czermak den josefinischen Geist nennt. Man begnügt sich in eitler Selbstgefälligkeit mit den sehr imposant anmutenden Ziffern des Verwaltungsberichtes der israelitischen Kul־ tusgemeinde. Diese Ziffern enthüllen aber, wenn man sie Avirklich mit etwas Sachkenntnis zu prüfen unter־ nimmt, sofort die ganze Hohlheit des Systems. Dann sicht man, daß von rund 19.000 jüdischen Volks־, Haupt־ und Mittelschülern Wien nicht mehr als 3400 — voraus־ gesetzt, daß auch diese Ziffer richtig ist —, die Bibel־ und hebräischen Schulen besuchen. Alle übrigen genießen nicht einmal dieses schAvächlichc Surrogat einer jüdischen Er־ ziehung und sind ganz dem sattsam bekannten Religions־ unterricht überlassen. Was dieser aber Avert ist, zeigen — bei aller Anerkennung der .namhaften .Besserung in den letzten Jahren — seine Früchte. Frühere Genera־ tionen kannten überhaupt keinen Religionsunterricht und doch waren sie entschieden religiöser als unsere heutigen Generationen, die so viel ״Religion“ gelernt hatten. Dem jüdischen Kinde tut eben ein Hinabsteigen zu den Quellen not, aus denen Religion von selbst sich ergibt. Und dieses Hinabsteigen können weder Religionsstunden noch Bibelschulen vermitteln, •dazu ist intensivstes Stu־ dium in einer Schule erforderlich, die ganz auf Judentum eingestellt ist. Wenn dazu aber noch Rücksichten auf Milieu, auf die jüdischen Fest־ und Feiertage kommen, dann dürfte kaum noch ein denkender Mensch die Behauptung wagen, daß die jüdische Schule nicht ein dringendes Bedürfnis der jüdischen Erziehung, ja die Existenzfrage des jüdischen Volkes überhaupt darstelle. Oder meint vielleicht im Ernste jemand, daß die an 32 Sabbathen des Jahres stattfinden־ den Jugendgottesdienste, an denen im Vorjahre 59.400 Schüler und Schülerinnen teilgcnommcn hatten, irgendein greifbares Resultat ergeben können? Man vergleiche doch einmal diese Ziffern Avirklich kritisch! Dann ergibt sich die grandiose Leistung, daß es in Wien mit Aufbic־ lutig eines gewaltigen Apparates an Beamten, Lehrern, Kantoren und Chorsängern gelungen ist, jeden jüdischen Schüler und jede jüdische Schülerin sage und schreibe dreimal im Jahre in die Synagoge zu bringen. Das ist fürwahr ein Resultat, (las des Schweißes der Edelsten Avert ist. Einzig und allein die verhältnismäßig Avenigen Eltern, die unter den sclnvcrstcn Opfern ihre Kinder in die jüdischen Schulen schicken, erfassen die Tragweite dieses Zustandes, aber sie, die meist nicht den bemittelten Klassen angchörcn, erleiden dafür eine doppelte Strafe. Sie müssen nicht nur Schulgeld zahlen, während ihr Kind ganz gut unentgeltlich eine öffentliche Schule besuchen könnte, nein, sie müssen auch alle Lehrmittel anschaffen die ihnen sonst von der Gemeinde bcigcstellt würden. Die Wiener Stadtverwaltung ist auch dem Argument gegenüber unzugänglich, daß dieselben Kinder, wenn sie in die allgemeine Schule gingen, mindestens dieselben Kosten verursachen würden, als Avenn sic selbst, die jüdische Schule erhielte. Die jüdische Schule entlastet die allgemeinen, und das jetzige System, das der Unterrichts'־־ minister mit Recht als unhaltbar bezeichnet, verschafft;det Gemeinde solcherart einen Vorteil, den : sie nach dön Grundsätzen, wahrer Demokratie nicht annehmen dürfte. Denn im Geiste dieser Demokratie, in einem Geiste, der niemanden und nichts A'ergcwaltigen will, müßten für jedes Kind Schule und Lernmittel bereitstehen, gleichgültig in welcher Schule dieses Kind von diesen Mitteln Gebrauch macht. So aber Avird GcAvissenszwang ärgster Art auf Kinder, die oft die Kinder der Aermsten sind, von jenen aus־ geübt, die vorgeben, für die Armen und Aermsten einzu* stehen. Durch Verweigerung aller Unterstützung der jüdischen Schule soll der jüdische Schüler zum Besuch der allgemeinen Schule gezwungen, der Besuch der jüdi# sehen Schule aber ihm unmöglich gemacht werden. Dies mm ist unser Kampf nach der zweiten Front, in dem wir aber glücklichenveisc nicht ganz allein stehen. Hier Avcrden Avir uns bei allem sonst Trennenden in einer Linie mit allen jenen befinden, die im Prinzip für die fakultative konfessionelle Schule sind, und mit ihnen vereint Avird es hoffentlich auch gelingen, wenigstens die bereits bestehenden jüdischen Schulen endlich und end־ gültig vor dem Untergang zu retten. Metajel. Orthodoxie und konfessionelle Schule. Herr Unterrichtsminister Dr. Czermak, der auch für die Postulate der jüdischen Konfession oft feines Ver־ ständnis und Entgegenkommen bewiesen hat, hat sich! über die konfessionelle Schule in einer Weise geäußert, die hoffen läßt, daß der Staat auch die jüdische konfessio־ nelle Schule zu unterstützen geneigt sein wird. Der Kultusgemeinde Avird diese Tatsache hoffent־ lieh ein Memento sein, das konfessionelle Schulwerk besser zu fördern. Auch diejenigen Kultusvorsteher, die' aus ihrer politisch־liberalen Anschauung heraus Gegner der konfessionellen Schule sein zu müssen glauben, werden begreifen, daß eine streng religiös jüdische Erziehung nur in der konfessionellen Schule zu erzielen ist. Sie müssen daher erkennen, daß gerade echter Liberalismus auch den streng religiösen Juden' nach seiner Fasson selig werden lassen muß. Die Vertreter der Wiener Orthodoxen werden ge־ zwungen sein, für ihre Ansichten in Schulsachen einzu־ stehen. Wolf Pappenheim. Was bietet die führende Weltfit ma mar Wien I, Kärntnerring 6 (gegenüber Hotel Bristol) S^°-3°62 1. Modernste und individuellste Ausführung. 2. Tadellosen, mustergültigen Sitz. 3. Nur erste Qualität in Material und Arbeit zu mäßigen Preisen, Die Firma OTHMAR SCHIFF legt allergrößten Wert darauf, jede Kunde unter allen Umständen zufriedenzustellen. Setzen Sie sich daher, bevor Sie eine Perücke kaufen, in Ihrem ureigensten Interesse mit der Firma . 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