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Jüdische Presse · 1931-01-30 · 5 (30.1.1931) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
17 (1931)
Issue
5 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Jänner 1931 ב*ה וינא-סרעסבורג י״ב שבט תרצ׳א 17. Jahrg. חמשה עשר בשבט. Tiefer Winter ist draußen, die Natur liegt eirtge* bettet in ihre weiße Hülle, die, wenn sie auch manchmal zu schmelzen droht, noch monatelang halten, sich er* neuern wird und die Armen, hei denen sich des Winters Sorge eingenistet hat, noch lange auf Befreiung von diesen Sorgen warten läßt. Lange, bange Wintermonatc stehen uns noch bevor und dennoch feiern wir unseren חמשה עשר* — Wir feiern jetzt inmitten der Eises* kälte und der Strenge des Winters den Geburtstag der Bäume — und diese Bäume stehen doch noch so lange kahl, und kaum wissen wir mehr, welch köstlichen Blätterschmuck sie trugen, welch schattiges Laubdach •sie uns in des Sommers Hitze boten. Sollte der Geburtstag der Bäume nicht besser in den Frühling verlegt werden, da sich die Natur mit frischem Grün schmückt? Aber der Blick unserer Weisen blieb nicht an der Oberfläche, nicht am Aeußeren haften. Sie sahen viel tiefer und drangen bis zur Wurzel vor. Wohl zog der Herbstr mit seinen: Stürmen über die Bäume und beraubte sie der Zweige, Aeste und Blätter. Wohl beugte der Wind die Bäume nach allen Himmelsrichtungen, wohl nagte der Frost mit eisigen!• Zahn an ihnen; aber die .Wurzel ruht •warm in der Erde. Sie blieb vom Sturm, ׳Wind• und Frost unberührt, iag wohlgeborgen in den! ihr bereiteten Erdreich, und kein Sturm konnte sie lockern, kein ,Wind sie ihrem Boden entreißen, kein Frost sie zerstören. Mitten im Winter gibt sie dem Baume neue!Kraft und Festigkeit, daß er sich rüste, den Blätterschmuck anzulegen und Früchte zu reifen. Eine lange Vorbereitungszeit, denn zur Fruchtreife muß erst die. Blüte sich entfalten und die Sonne ihre segenspendende Wärme ausstrahlen. Aber vor allem muß die Wurzel gesund sein und sich in dem ihr angepaßten Erdreich heimisch fühlen, dann ist der Weg bereitet zur vollen Kraftentfaltung. Der Geburtstag der Bäume mitten im Winter! Spricht er nicht eine beredte Sprache? Verstehen wir recht, was uns unsere Weisen lehren wollten, als sie uns den Geburtstag der Bäume am חמשה עשר בשבט feiern hießen? Ist unser Geschick doch einem Baume zu vergleichen. Auch Jisroel wird vom Winde in alle Himmelsrichtungen zerstreut, von Stürmen gepeitscht und der frostige Hauch des Judenhasses nagt an unserem Volkskörper. Und viele Blätter fallen ab und viele Zweige sind uns gebrochen. Aber diese wurzelten ,doch schon lange nicht mehr in ihrem Erdreich. Sie wären früher oder später ohnehin abgefallen und bedeuten daher keinen Verlust für den Stamm unseres Volkes. Der Stamm aber und vor allem die Wurzel, sie müssen gesund sein und ihnen kann kein Wind, Sturm oder Frost etwas anhaben, wenn sie nur fest in ihrem Erd־־ reich verankert sind. Unser Erdreich die ת 1 ר ח, unser Stamm die יראים. Sie gebet! uns Kraft und Festig־־ keit, wem! auch scheinbar viele Blätter welken und ab* fallen, auch mancher Zweig geknickt ist; der Stamm und die Wurzel sind gesund. Jisroels Volk wurzelt fest in der תורךן und weiß, daß unter der eisigen Hülle I bereits neues Leben ersteht, das zwar für das Auge noch nicht sichtbar, aber dennoch schon jetzt sich vorbereitet, um in! Frühjahr und Sommer, in den Zeiten, da Juden* haß und Judenverfolgung geschwunden sein werden, zur vollen Blüte und Fruchtentfaltung zu gelangen. Schwere Stürme gehen allenthalben über die Welt und das jüdische Volk, das Herz der Menschheit fühlt sie zuerst und zutiefst. Aber diese Stürme läutern und reinigen das Volk von den Schlacken. Wurzel und Stamm haben ihre Geltung und werden nach voller Blüte reiche Früchte reifen lassen, und die jungen, ge* sttfiden Zweige verteilen diese Früchte nach allen Seiten. Sie bringen dereinst der Gesamtmenschheit Heilung von allen Stürmen der Jetztzeit, wenn .die Zeit heranbricht, da Jisroel wieder die Führung unter deii Nationen der Erde hat. Zuvor aber müssen wir selbst ein williges Ohr für die Sprache unserer Weisen haben und die uns gegebenen Feierstunden unter Verständnis* voller Würdigung ihrer Veranlassungen begehen. Sollen wir also nicht mit gutem Recht den Geburtstag der Bäume mitten im Winter feiern? J. R. , Die Religionsverfolonngen. Blättermeldungen zufolge hat vor einigen Tagen der aus Rußland geflüchtete Bischof von Charkow in einer von allen christlichen Bekenntnissen in Wien einberufenen Versammlung über den Terror berichtet, den die Bolschc* wiken zur Vernichtung des Christentums in Rußland tiben. Der Bischof teilte mit, daß die russischen Machthaber im letzten Jahr zur gewaltsamen Ausrottung des Christen* tums geschritten sind. Religiöse Betätigung wurde den Geistliehen al's ״revolutionsfeindliche Propaganda“ ver* boten. Die Kirchen werden systematisch aufgehoben, enteignet, zerstört oder unter verschiedenen Vorwänden geschlossen. Die Umwandlung der Gotteshäuser in Klubs, Kinos oder Lokale der ״Gottlosen“ steht auf der Tages* Ordnung. Geistliche bekommen als ,,Nichtarbeiter“, keine Zuweisung von Nahrungsmitteln; dagegen werden ihnen Steuern auf erlegt, die größer sind als ihre. Gehalte, mit der Erklärung, daß diese Quälereien nur andauern, so* lange sic der Kirche treu bleiben. Auch die Vertreter der anderen christlichen ße* kenntnisse berichteten über die Verfolgungen, denen ihre Geistlichen in Rußland ausgesetzt seien,. Merkwürdiger* weise waren zu dieser Versammlung aber unseres Wissens — wie wir zu unserem Bedauern konstatieren müssen — Vertreter des Judentums nicht geladen, so daß in den Be* suchen! die aus politischen Gründen nur allzu häufig verbreitete Meinung noch gefestigt worden sein dürfte, als wären Juden und Bolschewiken identisch. Anders als hier hat gelegentlich einer in München stattgefundenen ähnlichen Versammlung Kardinal Faulhaber .ausdrücklich hervorgehöben, daß auch die Synagoge in ihrem Bestand bedroht ist. Daß den! so ist, kann nicht oft und nicht nachdrücklich genug betont werden, und cs genügt, die nachstehenden Teile eines von Herrn David Lemberger vor kurzen! gelegentlich einer Sitzung des Wiener Komitees für Rußlandhilfe gehaltenen Referats anzuführen,, um die verzweifelte ,Situation zu kennzeichnen, in der sich das religiöse J u d e 111 u ni, dem die großen Massen des jüdischen Volkes in Rußland mit der Ueb e r* zeugungstreue von Märtyrern nach wie vor unbeirrt angehören, befindet. Wir erschauern heute noch, wenn wir an die Blut* opfer der spanischen Inquisition vor vielen Jahrhunderten "(SoCks 41.1ßaupl־s(fiu&.farjftnaSe/i, denken, wir verlebendigen uns die Schrecken eines Dreißig* jährigen Krieges, wir wissen genau Bescheid um die Opfer der französischen Revolution vor so und soviel Jahren, aber wir wissen nicht, daß'•jetzt; ׳in dem Augenblick, indem wir leben und atmen, Tausende von Menschen unsäglich leiden und zugrunde gehen. Die Sowjetmacht ist ein Götze, vor dem jedes innerhalb der russischen Grenzen wohnende Lebewesen auf die Knie gezwungen wird.-Es ist ein Regime der Knecht* schaft: Nicht nur jede private Handlung, sondern jeder Gedanke wird vorgeschrieben und kontrolliert. Nach dem .Grundsatz. ״Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“- wird jeder, der nicht einer sowjetistischen Organisation ange* hört und alles von ihr Anbefohlene mitmacht, als Konter* revolutionär betrachtet und mit den härtesten Maßnahmen zu vernichten gesucht. Um nur einige Streiflichter zu bringen, kein Mediziner oder Jurist wird zu seinem Beruf zugelassen, wenn er nicht vorher einen Kurs in ״Leninis* mus“ mit Erfolg durchgemacht hat. Jede Korrespondenz wird von den Agenten der G. P. U. zensuriert und wenn ein solcher nach den!׳ Ausland gerichteter Brief auch nur. ein Wort der Unzufriedenheit über das bestehende Regime enthält, so sind dem Absender mehrere Jahre Deportation nach Sibirien sicher. Daraus erklärt es sich, daß keinerlei Machrichten über all das namenlose Leid, das unser© Brüder zu ertragen haben, bis zu uns durchdringen. Nach dem sogenannten fünfjährigen Wirtschaftsplan werden Lebensmittel, Rohprodukte, die verschiedensten Materialien usw. nach dem Ausland exportiert, während für die Bevölkerung des Inlandes alles rationiert ist. Brot, Mehl, Schreibpapier, sogar Bindfaden, alles wird auf Karten ausgegeben und man steht in endlos langen Reihen, um oft mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Das Obengesagte gilt für alle Bürger Sowjetruß* lands. Unausdenkbar verzweiflungsvoll ist erst die Lage der Deklassierten, Deklassierte Bürger sind alle jene, die keine Arbeiter sind, gewesene Kaufleute und in erster Linie jene, die ehemals im Ritual* dienst welcher Konfession immer standen, also Rabbiner, Geistliche, Kantoren, Lehrer, Schächter usw. Die Kauf* leuto hatten unter dem Regime Lenin die Bewilligung für eine gewisse privatrechtliche Wirtschaft erhalten. In der Aera Stalin wurden vom ״Nep“ (Neue Oekonomische Partei) diese Dekrete aufgehoben und ihre Inhaber zu Bürgern zweiter Klasse erklärt. Die Deklassierten sind fast vogelfrei, haben nicht die primitivsten Bürgerrechte, kein Wahlrecht, kein An* recht auf spärliche, vonStaats wegen festgesetzte Brot* ration. Offiziell gibt es kein Ausnahmegesetz für die Juden, aber da diese sich zu 80 Prozent aus den oben* genannten Schichten rekrutieren, wird die jüdische Be* völkerung am härtesten von diesen Bestimmungen der Sowjetmacht betroffen. Auf Vorstellungen, wie sich die Behörde die Bebens* Was bietet dieführende Weltfit ma mar Wien I, Kärntnerring 6 (gegenüber Motel Bristol) 1. Modernste und individuellste Ausführung, * 2. Tadellosen, mustergültigen Sitz, 3. Nur erste Qualität in Material und Arbeit zu mäßigen Preisen* Oie Firma OTHMAR SCHIFF legt aUergrößteniWert darauf, jede Kunde unter allen Umständen zufriedenzustelleni Setzen Sie sieh daher, bevor Sl« elne PerUfkeJo ulen, in Ihrem ureigensten Interesse mit der Firma * OTHMAR SCHIFF in Verblndungl 38

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