Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 50 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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rfputo♦ potoim* rirüi poit 1 tilivrii•« Die nächste Nummer der ״Jüdischen Presse“ erscheint Anfang Jänner 1931. V intimv• £1«. 41172-111-21. . £«1taneeo vom Vertagst vtrssndot Journal txttadta Dir 1‘edlt•«» V. b. b. JÜDISCHE r sitätobibUothok•™^; (.3Ex ) י•1 lcn ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES OR1HODOXEN JUDENTUMS. Mdaktlcn a. Admlntattttlon» Wien, ״•.Leopold«־ •*ne 26 1. stiege, 1. Stock. — Tel. R 4584*4־. facbechoilowtkelt Bratislava, Postfach 140. Snchelnt laden Freitag. - Redaktionitchlui«: Mittwoch Mittag. Abooncmentsprelie 1 Ganzjährig 1 Für Oesterreich S 16 Tscbechoslowakel tichech. K. 80, Einzelnummer öst. Gr. 50, das übrige Ausland 3 Dollar. Zahtungen auf Konto ״Jüdische Presse״, Wien für Oesterreich: PostsparkassenkontoNr.D-93614; Deutschland:Postscheckkonto Berlin Nr. 122619; Jugoslawien: Postspk.-Amt Zagreb Nr. 40217; Polen : Postspk.-Amt Warschau Nr. 190409; Ungarn: Postspk.-Amt Budapest Nr.50170; Schweiz: Postscheckk. Zürich VIII. 4117; für die Tschechoslowakei: ״Jüdische Presse״, Biatlslava, Postspk.-Amt Prag Konto Nr.53386 Nr. 50 Wien-Bratislava, 19. Dezember 1930 ב*ה וינא־פרעסבורג כ״ט כסלו תיצ׳א 16. Jahrg. UMSCHAU Kaiser Adolf und wir. — Ist das deutscher Anstand? — Die seelische Not der Juden- Christen. In ei tu; m gediegenen Aufsatz der neugerüudeten Zeit- -schrift ■der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft ״Nuchlath-Zwi“ unternimmt Isaak Breuer den Versuch einer Auseinander- ־ setzung• mit dem ungekrönten Kaiser der Deutschen A d od f II i t l e r. Deutschlands Juden fühlen, wie Breuer meint, seit den Wühlen' den Boden unter ihren Füßen wanken, wie bei einem fortdauernden, leisen und dennoch immer spürbaren Erdbeben. Deutschlands Juden .denken, zum ersten Male seit einem Jahrhundert, an den — Wanderstab der Urahnen, den sie längst im ‘Museum für jüdische Altertümer hinterlegt hatten. Man kann die Beziehungen der deutschen Juden zum deutschen Volk mit den Beziehungen keines anderen jüdischen Volksteiles zu seinem Wirtsvolk vergleichen, du keinem anderen europäischen Lande wohnen die .Juden so .lange wie in Deutschland . . . Die deutschen Juden haben die deutsche Sprache zur Sprache des tal- :mudischeu Lernens erhoben -und ihr in :mittelalterlicher Prägung bis tief in den Osten Europas hinein fast eine;religiöse Weihe verliehen. Bre.ucr.kennzeichnet sehr gut die Situation nach *den Wahlen, aber die ganze Bedeutung des Geschehenen kann man erst ermessen, wenn mau nicht nur negative 'Erscheinungen festhält, sondern sich einmal die Mühe :nimmt, den Gegner selbst kritisch zu betrachten. Ist das .noch das Volk Goethes und Schillers, dem ein Agitationsre.duer vor ■den Wahlen mit Argumenten aufwarten kann, "vvj.e •wir sic in holdester U.u geniert heit •im ״Kampfruf“ — bei nachfolgender gründlicher Reinigung ■der Hände — verzeichnet finden? ״Wenn man uns sagt, daß der Jude auch ein Mensch ist, so ist uns diese bedauerliche Tatsuche auch bekannt. Wenn mau sagt, daß das kleine Judenlünd so herzig sei, so ist ein junges Ferkel auch herzig und es wird doch eine alte Sau daraus.“ Ja, wenn man uns sagt, daß solchen Redeblüten sogar große Heiterkeit folgte, dann kann inan nur bedauern, dieselbe Sprache als Muttersprache zu .bekennen und zu lieben, in der solches gedacht, gesprochen und wirksam werden kann. Dann muß inan aber auch mit der ״C. V.-Zeitung“ fragen: ״Ist das deutscher Anstand?“ Unter dieser Ueborschrift zitiert nämlich die genannte Zeitung einen mit .,llassenscluuide in Ingolstadt“ überschriebeuen Aufsatz im Ingolstädtei• ׳״Donauboten“, in dem es 11. aheißt: ״Derjenige, der die llnssenfrage kennt, weiß, daß die Vermischung deutschen Blutes mit dem Blute der jüdischen Köterrasse einer Verurteilung zum Tode gleichkommt . . . Es ist bekannt, daß •der Jude eine'angeborene Gier nach der blonden Frau• lud . . . Wir haben schon einmal im ״Dommboten‘* ■angedroht, solche Frauen öffentlich anzupi ungern, die sich gegen die Vollblutgemeinschafi vergehen und mit Juden anbandeln. In Ingolstadt ißt es eine gewisse Thon I.)., die es scheinbar sich zur Ehre nurechnet, als erste genannt zu werden. 111 ihrem eigenen Interesse warnen wir sie, denn das Ende ist meistens ■die Schande. Wird sie mit dem Juden noch einmal gesehen, wird sie gebrandniurkt . . . Wir bitten alle rassenbewußten Deutschen, auf christliche Judendiener zu achten und uns ihre Adressen und die der Juden einschließlich des Tatbestandes nutzuteilen. Ingolstadt muß von der jüdischen Kulturschandc gereinigt werden.“ Wie die ״C. V.-Zeitung“ erfährt, hat sich der Vorsitzende der Ortsgruppe Ingolstadt der N. S. D. A. P.,!Pcichsbahnobersekretiir Bergler, namens der Ortsgruppe der N. S. D. A. P. an die Eltern der betreffenden Dann! jnil .einer Art Drohbrief gewartdt. ln Berliner Gastwirtschaften werden — wie die ,iC. V,-/Jeitm1g“ weiter mitteilt — auf die Tische, au denen junge, christlich aitsseheude Damen mit jüdisch aussehenden Herren zusammcnsil/en. gedruckte Karten fol- .geudeu Inhalts gelegt: ..Sie verkehren mit, einem Juden! Wir nehmen an, daß •Sie sieh der Tragweite Ihres Tuns nicht bewußt sind. Da wir nicht wünschen, daß Sic in absehbarer Zeit moralisch und körperlich die Folgen zu tragen haben, werden Sie hi.cinit gewarnt. Es ist einer deutschen Frau unwürdig, überhaupt einen Juden zu beachten, geschweige gar, sich mit ihm zu vermischen. Falls unsere Beobachtungen ergeben, daß diese Warnung ohne Einfluß auf Sie geblieben ist, respektive Sie weiter verjuden, wird Ihr Name in das Register derjenigen Frauen aufgenommen, die keinen lla.ssestolz besaßen und sich an einen Juden wegwarfen. Raus Juden! Zur Kenn- Zeichnung für den deutschen Mann wird diesen Personen in einem neuen Deutschland ein sichtbares Zeichen ins Gesicht eingeätzt und tätowiert werden. Glauben Sie ja nicht, dies wäre ein Scherz oder leere Drohungen. Sie sind gewarnt — und werden weiter beobachtet.“ In einer Berliner Druckerei werden rote Klebezettel mit Haken kreuzen hergestellt, auf denen in weißer Prägung zu lesen ist: ״Deutsches Mädchen, schäme dich des Juden!“ Oder: ״Deutsches Mädchen, verweise den Juden au seine .schwarze Sarah und Rebekka!“ Das Organ des Zentralvereines bemerkt dazu: ״Wir fragen noch einmal: ״Ist das anständig?“ Wir sind der Ansicht, daß die Leute, die solche Zeitungsartikel und Karten drucken, schlechte Hüter der deutschen Kultur sind, und wir rufen die wahrhaft Anständigen auf, daß sie um des Anseliens des Deutschtums in der ganzen Welt willen gegen solche Mißhandlung deutscher Kultur und deutschen Anstandes 1n < uns kämpfen!“ Ja, auch wir möchten fragen, ob das deutscher Anstand ist. Noch näher liegt uns aber in diesem Falle die Frage, ob es jüdischer Anstand ist, sich speziell über solche Auswüchse auf/.iiregen. Denn wir Gesetzestreuen wissen, daß es auch jüdischer Mädchen unwürdig ist, sich an Nichtjudeu wegzuwerfen. Auch wir könnten ■unseren Mädchen raten, den Nichtjudeu au seine blonde Inge zu verweisen, aber nicht aus unhaltbaren Rasse- Vorurteilen, sondern im Interesse der Reinhaltung unseres Lebens und aus Furcht vor Rückfällen in Zu- Die Delikateft-Orange für den Kenner ist die Orang aus Jaffa Schutzmarke ,,Kamel“ stände, die für uns seit zweieinhalb Jahrtausenden endgültig überwunden sind und es auch!)leihen sollen. Auch wir wünschen keine Vermengung mit den ״nordischeu lieneniiHMiscIieu“. mit der ״blonden Bestie“, mit dem גוי עז פנים אשר לא ישא פנים da sie für uns ein OpFer an Intellekt und au Ethos bedeutet, an Dingen also, die ungleich höher stehen als aller Rassestolz der Welt. Und wenn, wie die scheinbar ausgezeichnet informierten ,.Donauboten von Ingolstadt“ als bekannt voraussetzen, der Jude eine angeborene Gier nach der blonden Frau hat, können wir ihm nur angelegentlichst raten, sich an die sicherem Vernehmen nach massenhaft vorhandenen blonden jüdischen Mädchen zu •halten. Wir Gesetzestrcucu wissen, daß nicht umsonst der Talmud davor warnt, sich auf das Bett einer Aramiieriu zu setzen. Den hier angedeuteten glänzenden Kentuissen •der Herren vonlngolsladt und ihres Reichshahnsekretärs ist übrigens wahrseheinlich auch die bekannte unbedingte Sicherheit, des bayrischen Eisenbahnverkehrs zuzuschrciben. Am ernstesten aber, da ■kaum ,mehr restlos lösbar, scheint die seelische Not der Judenchristen, der Judenstümmlinge zu sein, die durch die neueste Entwicklung der Dinge — nicht nur in Deutschland — an die Halbheit ihrer Stellung in unliebsamster Weise erinnert werden. In der Zeitschrift ״Die christliche Welt“, Gotha, veröffentlicht Maxa Harden, die. Tochter Maximilian. Harden«, unter der Uebcrsehrift ״Wir Judenchristen tragen“ einen Aufsatz, der von der tiefen seelischen Not der Judenchristen in Deutschland zeugt, die es nicht verstehen können, daß die Kirche sich gegenüber den Judenverfolgungen ihrer Anhänger so gleichgültig vorhält. In dem Aufsatz wird u. a. ausgeführt: Wir Judenchristen, wir ״z w i s c h e 11 zwei Stühlen“, wir ״Untentsch.icdenen“ — wir auf der Grenze, in der Verwicklung der Dinge, sind dazu dä, zu sagen, was ist. Wir alle haben an G-ttesfurcht, an Neigung vor und zu dem absoluten und allwissen־ den Urteil so viel verloren, wie wir uns haben überschwemmen lassen von M e n s c!1 e n f u r c h -t. Nichts wird, wenn nicht Gottesfurcht uns leitet, und die Mcuschonfurcht schwindet, nichts — am wenigsten Menschenliebe. So reden wir frei. Nicht vom Judenhaß als solehern. Gäbe es Mittclchcn und Pillen dagegen, wir - Juden wollten sie uns nicht verschreiben. Er ist ein Zeichen, wie ein feuriges Himmclsscliwert über uns allen, wie frühere Jahrhunderte träumten, — ein Zeichen von Not und Zerbroehenheit, Wut und Zerstörung. Ein Zeichen ist der Judenhaß da: keine Hilfe, die nicht durch Fähnchen und Mäntelchen zurückgeleitet wer־• den muß in die Dunkelheit unserer Seelen, der Juden und •ihrer Verfolger, je allgemeiner aber so etwas versucht wird, um so mehr Auswege; und was hülfe uns. allen das? Wir reden ganz konkret von uns, eben als Juden- Christen. Wir stehen neben dem Judentum, dom wir uns durch Neigung, Geschichte, von Schicksals wegen eins fühlen, jetzt in Zeiten dev Verfolgung mehr denn je.!Frevelhaft, an der jüdischen Not vorbeizugeistern, weil sie einen zufällig nicht trifft. Tausende existenzlos: keiner ein unbestrittenes Heinmtsrecht; der Nährboden gesunder Kindheit, Selbstverständlichkeit, unauffällige Sicherheit, Zugehörigkeit, schwer gefährdet. Daneben müssen wir stehen, wie neben der jungen jüdischen Bewegung, die voll ist von Ansätzen neuwachsenden Lebens. Daneben. Denn es ist die hohe Ehre des Judentums, daß es schwer religiöses und profanes Leben trennen kann. Und es kann nicht im Christentum die Bruderreligion erkennen; der Wall von Qual und Unrecht ist noch lauge unüberwindlicher als selbst der der Dogmen; am wenigsten ‘kann er abgetragen werden von der jüdischen Gemeinde. Sie fragt uns wohl, warum wir nicht zu ihr zurückkehren? •Sic möge glauben, daß wir nicht wenig an dieser Frage tragen. Wir .müssen antworten: In religiosen Entscheidungen darf nichts maßgebend sein, als religiöse Motive, nichts. Wir wünschen nicht die dunkle Weis bietet die führende Weltfitma Othmar Schiff Damen«' Perücken? Wien!, Kärntnerring 6 (gegenüber Hotel Bristol) H?-3°62 1. Modernste und individuellste Ausführung. 2. Tadellosen, mustergültigen Sitz. 3. 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