Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1930-07-10 · 28 (10.7.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
16 (1930)
Issue
28 (10.7.1930)
Date
1930-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2629891-2630341-2630368--3678-2635711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 28 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 sprechung der halachischen Vorfragen zu den einzelneu Punkten der Tagesordnung. Diese enthielt als wichtig* sten Punkt die Vorlage eines Entwurfes zur Abänderung, beziehungsweise Ergänzung der Statuten der orthodoxen Konfession. Außerdem standen die Fragen der Kalenderreform und der Sonntagsruhe sowie die Aufnahme neuer Gemeinden in den Verband der orthodoxen Konfession und Ergänzungswahlen in das Rabbinerkomitee auf der Tagesordnung. Die Tagung war aus allen Teilen des Landes gut besucht. Den Vorsitz führte Präses Oberrabbiner Koloman Weber aus PieStany, der einen ausiiilivlichen Bericht über die Tätigkeit des Zentralbureaus zü£ Verlesung brachte. In der Hauptfrage, der Statutenergänzung, sind die Verhandlungen nicht vollendet worden. Sie sollen im Herbste wieder aufgenommen werden. Zur Kalenderreform ist eine Resolution einstimmig angenommen worden, in der eine Kalenderreform mit Biankotagen als eine Gefährdung der religiosen. moralischen und wirtschaftlichen Interessen des Judentums bezeichnet wird. Bezüglich der Sonntagsruhe wurde in einer Resolution die Beibehaltung des gegeuwärtigen Zustandes gefordert. Die bisherige Status-quo- Gemeinde Senica wurde nach Erfüllung der ihr gestellten Bedingungen in die orthodoxe Konfession aufgenommen. An Stelle des verstorbenen Oberrabbiners Katz in Nitra wurde das bisherige Ersatzmitglied Oberrabbiner Spitzer aus Spi§ske Podhradie zum ordentliehen Mitglied des Rabbinerkomitees und Oberrabbiner Reich aus Batorkesy zum Ersatzmitglied gewählt. An den Präsidenten der Republik sowie an Minister Doktor Derer und an den Landespräsidenten Drobny wurden Begrüßungen abgesandt. Dem Andenken des Oberrabbiners Katz ןצ״ל• Die Agudas JisroeLJugendorganisation in der Slowakei hat, wie bekanntgegeben wurde, angeregt, das Andenken des heimgegangenen Präses der slowakischen Agudas*Orga* nisation, Oberrabbiner :Rabbi Awrohom Aharon Katz in seinem Sinne dadurch kennzeichnend zu verewigen, •daß in dem Gebäude der orthodoxen Beth*Jakob*Schulc in Jerusalem ein Lehrsaal auf seinen Namen errichtet .werde. Der Baugrund zum Schulgebäude selbst ist aus den Erträgnissen der ״Kofer Nefcsch"*Sammlung er* worben worden. Es wird eine durchaus würdige Ehrung des großen Kämpfers für unentwegte jüdische Gesetzes־ treue und Agudas Jisroel, wenn der heranwachsenden Jugend in der heiligen Stadt Gelegenheit geschaffen wird, in ihm ein Vorbild zu erblicken, dem sie in Gesinnung und Tat nachstreben soll. Alle Freunde und Verehrer des heimgegangenen Führers und ebenso die Gruppen und Vereine, die mit "ihren Spenden für, diesen Zweck noch im Rückstände sind, werden gebeten, nicht zu säumen, damit die Voll־ •enchwg des Werkes keinen Aufschub erfahren soll. Zur Verhütung des Sonnenbrandes und Erzielunggleichmäßiger Hautbräune sowie bei Flechten, I I a u t j u c k 0 n. Brand w 1t n d e n u n d roten H ä nden leistet unschützbare Dienste die seit Jahren ärzt- Tieherseits anerkannte OBERMEYER-CREME, welche jede Apotheke führt. , . Jüdisches Aufblühen: in Straznice. Als vor einem Jahre die, Agudas Jisroel in der Slowakei einen großen Ausflug nach Nikolsbürg unternahm/ um •in dieser Ge* fncinde den hundertsten Jahrzeitstag des 2א1י ישר^ל לקדושה Rabbi Mordchaj Bencth in gehobener Stimmung zu be* gehen, da ragte unter den dort gehörten denkwürdigen Reden ein Vorschlag des Rabbiners Dr. B. Rose n* stein hervor. Er regte an, daß dieser Tag der Beginn einer Wandlung in der Jugenderziehung werden möge. Die Jugend in den mährischen Gemeinden soll fortab dem mreigentlichen Thoralernen im altjüdischen Sinne zuge* führt werden. Thora, das was Rabbi Mordchaj Bencth "זצ״ל unter Thora verstand, soll an die Stelle des neuen völlig unfruchtbaren ״Religionsunterrichtes״, wie er heute betrieben wird, treten. Wie zweckmäßig sein Vorschlag ist und wie ernst er gemeint war, hat mm Herr Rabbiner Dr. Rosenstein in seiner Gemeinde am praktischesten be* wiesen. Die am 22: Juni stattgehabten Schulprüfüngen zeigten, daß es bei gutem und zielbewußtem Willen tat* sächlich möglich ist, auch in den mährischer^ arg ver* nachlässigten Gemeinden Wandel zu schaffen. Die klei* nen Kinder von 6 bis 8 Jahren, ebenso wie die größeren Mittelschüler zeigten eine starke Aufwärtsbewegung in ihren Kenntnissen in יחומש “n Verständnis von חפלה und נזשגיות und erwiesen sich auch vorzüglich angeleitet zur praktischen Ausübung der המעשיות HT1KÖ, so daß auf •diesem Wcge m. G. H. eine Regeneration mit Sicherheit zu erwarten ist. Möchten doch viele Rabbiner in Mähren und Böhmen diesen ermutigenden־ Erfahrungen folgen! Keine Sommersprossen trotz Sonne bei weißem zarten Teint. Die ärztlich bestens empfohlene OBER- MEYER-CREME verhindert selbst bei grellsten Sonnenstrahlen Sommersprossen. Die Haut bleibt zart, weich und wird schnell gleichmäßig braun. Generalversammlung der Prager Chewra Kadischa. Bei der diesjährigen Generalversammlung der Prager Chewra Kadischa und der daran anschließenden ״Chewra* Seuda״ ging es gemäß den alten T'konos des Maharal Mi präg sehr’ feierlich zu. Der Obmann, Herr Pro* lessor Dr. Sal. Hugo Lieben, und die anderen Mit* glieder des Vorstandes wurden wiedergewählt. Der Alt* obmann, Herr David Lieben, wurde für Lebensdauer zum Ehrenobmann gewählt. Das Diplom über diese Wahl wurde ihm von den Herren Präses Prof. Dr. Lieben, Vizepräses David Tezner, Richard Brandeis und Sekretär Dr. Mimeles in feierlicher Weise überreicht. Bei der Mahlzeit sprachen die Herren Rabbiner Dr. Deutsch, Dr. Sicher, Prof. Knöpfelmacher, Dr. Arje, ferner die Herren Prof. Dr. Sal. H. Lieben, Dr. Kafka, Dr. Kohn und andere. Die Sonntagsruhe. Bei der am 2. d. M. stattgefun* •denen Enquete übet* die Sonntagsruhe waren die Handels* gremien gut vertreten. Es kam zu starken Auseinander* Setzungen zwischen den Vertretern des Status*quo und •den Anhängern einer vollständigen Sperrung. Leider war Bollinger-Eiskasten sind seil 1870 die besten Fabrik: Wien, XV., Staglgasse 10 (bei MariaWifen.tr. 148) Tel. R-35-8-47 und R-30-5-38 TUMe: WiM, W, Bweoanee IT, Tal. B 82-3*0 Lebensversteherangs - Gesellschaft ווווווווווווו!ווו1(וווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו Gegründet 1882 Gegründet 1882 IMenwMnil M Jan! 1930 M Million Hing MMtel M 1929 . 300 Millionen SAIIHdi Mm- und MniuialH 1 Jahre 1929 .RVA Mlllionsn SAIIling Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griecheniand, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten das Stimmenverhältnis für die Interessen der sabbathals tendcu Kaufleute und ihrer gleichgesinnten Angestellten im höchsten Grade ungünstig. Die Interessen un* zähligcr Schomrc Schabbos, besonders in Bratislava er*׳ scheinen bei dem gegenwärtigen Stand der Frage aufs schwerste bedroht, wenn nicht sogleich alle Schritte zur Abwendung der Gefahr unternommen werden. Generalversammlung der Nitraer orthodoxen Ge* meinde. Sonntag, den 20. Juli, hält die Nitraer orthodoxe Gemeinde eine Generalversammlung• zur Vornahme der Dajamvahl ab. Religionsprüfungen in Bratislava. Wahrend der letzten Woche wurden au den Schulen der Prcßhnrgcr orthodoxen Gemeinde die Prüfungen in den religiösen Lehrgegenständen vorgenommen. Dank dem größeren Interesse, das in den letzten Jahren in Ellernkreisen der religiösen Erziehungder Kinder entgegongobraeht wird, stehen gerade diese Gegenstände im Mittelpunkte der allgemeinen Aufinerksamkeit. Mit aufrichtiger Genugtuung konnte besonders in der Knaben- und: Mädchen Volksschule sowie in der Mädcbenbürgerschiile sowohl in der Beherrschung des Lehrstoffes als auch in der ITinJeitungde]׳ Schüler zur religiösen Tat eine stetig au!steigende Linie festgestellt werden. Die Herren Schuldirektoren K o h n und Fische 1־ leiten zum Teil persönlich den Religionsunterrieht und haben das beglückende Bewußtsein, von einer Lehrer- und Lehrerinnengarde unterstützt zu sein, die über das ideale Ziel einer orthodoxen Schule und über die große Verantwortung, die-dev Lehrer heute mehr als in früheren Zeiten für die!,jüdische Zukunft der ihrer Unterweisung auvertrauteu Jugend vor G-tf und Mensehen trägt, mit ihnen eines Sinnes ist. Die diesjährigen Schulprüfüngen zeigten ',deutlich, daß der Großteil der Eltern ihren Kindern freudig einen ausgedehnteren Unterricht in den Lehrfächern der Glaubenstrene augedeihen lassen will, wenn überzeugungsstarke und zielsichere Lehrkräfte den Klassen vorstehen; sie zeigten ferner, daß dk,,.heutige Kindergeneration, namentlich sofern sie unmittelbar oder mittelbar unter Agudaeinfiuß steht, ihr Ohr gern dem Thoraworte hinneigt, und zeigte schließlich — und das ist das Wertvollste —, daß es G-tt sei Dank orthodoxe Lehrer gibt, die die Größe unserer Zeit erfassen und mit warmer Seele ihre Pflicht erfüllen, wenn äußere Umstände ihre Kraft nicht schwächen. Von diesem Geiste ist noch mancher Segen für das Judeutum zu orwarten. Das Schlußfest am Donnerstag 'zeichnete sich durch schönes Arrangement und gehobene Stimmung aus. Gastvortrag in Kosice. Aus Kosice berichtet man uns: ,Auf Einladung des hiesigen Jugendverei'nes ״Bne Emunim“ hielt am ש״ק פ׳ שלח Herr David Lissauer aus- Michal'ovce im Vereinslokale einen großangelcgten Vortrag, zu dem sich zahlreiche Vereinsmitglicder und Balebatim eingefunden haben. Die Zuhörerschaft lauschte mit Spannung den be*; sonders schönen, •geistreichen und scharfsinnigen Ausfiih* rungen. Der durchwegs auf hohem Niveau sich bewegende Vortrag bot dem Publikum einen nicht alltäglichen gei* stigen Hochgenuß. Der Rednev analysiert mit Scharfblick die aktuellen Probleme des jüdischen Lebens. Für die über* aus fesselnden Ausführungen zollte inan dem ausgezeich* neten Redner frenetischen, begeisterten Beifall. Der Ver* ein drückt dem geehrten Redner auf diesem Wege seinen wärmsten Dank aus. Bücher. Austria-Hotelbuch 1930. Der V. Jahrgang dieses offiziellen Führers durch die österreichischen Hotels, Gastihöfe, Pensionen, Kuranstalten und Sanatorien ist erschienen und durch das Oesierreichische Verkehrsbüro, Wien, I., Friedrichstraße 7, soiwie durch jede Budbhandhing zum Preise von S 3 (Porto 45 g) zu beziehen. Derselbe gibt nicht bloß erschöpfen de Auskünfte über die Preise und Einrichtungen dor österreichischen Fremdenbetriebe, sondern ist in seiner Gänze ein Nach sch lägewerk über den!gesamten Reise-, Touristenand H e i J b ä d e r v e 1• k e 111 r Oesterreichs. Der fünfte Band des Großen Brockhaus. (Doc—>Ez). (784 Seiten, Preis in Ganzleinen GM. 26.—, bei Umtausch eines alten Lexikonä GM. 23.50.) — Man wird heute für die Beurteilung der Notwendigkeit und Brauchbarkeit eines großen Nachschlagewerks einen wichtigen Maßstab darin finden, wieweit es uns bei den Fragen, die uns täglich begegnen, hilft und weiterbringt. Es muß dem Großen Brockhaus immer wieder bestätigt werden, daß er gerade in dieser Richtung’ Vorbildliches leistet. Der fünfte Band bringt eine ganze Reihe von Stichwörtern, die im täglichen Leben eine Rolle spielen, und unter diesen fällt vor allem der Artikel ״Elektrizität“ auf. Wer bisher als Laie ohne Verständnis vor den geheimnisvollen Vorgängen im Innern einer elektrischen Klingel oder eines Elefctrdmotors gestanden hat, kann sich hier einen genauen und erschöpfenden Einblick in das ganze Stoffgebiet verschaffen. Alle mit dem Grundbegriff ״Elektrizität" zusammenhängenden Artikel — von ״Elektrische Bahnen“ bis zu ״Elektrotherapie“ — umfassen nicht weniger als 56 Spalten und werden von 142 einprägsamen Abbildungen im Text und auf Tafeln unterstützt. Sehen wir uns diese Bilder näher an, erkennen wir, wie bedeutungsvoll und wichtig der Große Brockhaus für das praktische Leben ist: auf der Texttafel ״Elektrische Beleuchtung“ finden wir eine Dar- Stellung der Handgriffe und Ratschläge für Anlage und Ausbesserung einer elektrischen Leitung, die wir im Haushalt nützlich anwenden können, die Tafel ״Elekirische Heiz- und Kochapparate“ ist besonders für die moderne Hausfrau wichtig und willkommen, zumal der Text hierzu in übersichtlicher Kürze alles Wissenswerte sagt. Es wäre jedoch eine Ungerechtigkeit gegenüber den vielen tausend anderen Artikeln des Bandes, wollte man zu lange bei einem Stichwort verweilen. Wer von .«ns hat eine Ahnung davon, wie ein Eisenbahnfahrplan aufgestellt wird? Ein Blick auf den dargestellten ״bildliehen Eisenbahnfahrpau" vermittelt einen Begriff hiervon. Unter ״Eisenbahnsicherungswesen“ erfahren wir von den neuesten Sicherungsmaßnahmen gegen Eisenbahnunfälle und wissen nun, was ״elektrische und optische Zugbeeinflussung“ ist — ein besonders aktuelles Thema. ״Englische Kunst“ bringt prächtige Bildtafeln, die Zeittafel ״Englische Literatur“ reicht von Beowulf bis zu Shaws ״Apple Cart“ (Der Kaiser von Amerika), dessen deutsche Uraufführung in dei־ letzten Spielzeit viel Aufsehen erregt hat. Wichtig ist der Artikel ״Erste Hilfe“, der durch seine Texttafeln einen hervorragenden Anschauungsunterricht gewährt. Artikel wie Erbschaft, Erbrecht, Ernährungstherapie, Elektrotechnik, Einkominensteuer, Eigentum, Ehe, Eheprozeß, eheliches Güterrecht werden vielbefragte Ratgeber sein. Zu den Stadtartikeln Dortmund, Düsseldorf, Dresden, und Erfurt finden wir farbige Stadtpläne mit Straßenverzeichnissen, im Artikel ״Druckverfahren“ wird uns auch darüber berichtet, wie die schönen׳ Bildbeigaben entstehen, die wir in den ersten fünf Bänden dieses für den modernen Menschen unentbehrlichen Nachschlagewerks bewundem können. Alles im allem ein Band, der sich mit Stolz gleichberechtigt neben seine früher erschienenen vier Brüder stellen kann. Nachdem die ersten fünf Bände in überraschend schneller Folge lierausgekommen sind, können wir mit Genugtuung feststellen, daß der Große Brockbaus dem österreichischen Staate die gleiche Beachtung schenkt wie den Verhältnissen innerhalb des Reichsgebietes, so daß wir auch in dieser Beziehung das Werk aufs wärmste empfehlen können. Gerade hier blieben ja bei früheren Saclnvörterbüchern oft viele Wünsche offen. Einige Stichproben aus dem neuesten Band zeigen, daß sich auch der Oesterreicher auf den Großen Brockhaus verlassen kann: so schließt sich zum Beispiel bei der Behandlung von Rechtsfragen an das deutsche stets das österreichische Recht an (Artikel: Erbschaftssteuer, Ehrengericht, Erbrecht, Ehe, Ehescheidungsstrafen, Enteignung). Auch die österreichischen Eisenbaimtarife finden wir verzeichnet. Das deutsche Judentum im Spiegel der Statistik. (J. T. A.) Im Rahmen seines von der Berliner Zio« nistischen Vereinigung veranstalteten .Vortragszyklus sprach Dr. Siegfried Kanawitz über ״Das deutsche Juden* tum im Spiegel .der Statistik“. Er stützte sich dabei auf die Uptersuchungsergebnisse •von Theilhaber, Koralnik, Birnbaum und Kaleko. Einleitend stellte er den Satz auf, daß die Zahlen das Schwinden der jüdischen Substanz beweisen und daß man als einzige wirksame Abwehr den Zonen des Verfalls solche des Aufbaues entgegensetzen müsse. So erhalte Palästina auch von dieser Seite her Bedeutung. In den Achtzigerjahren hat eine Aufwärtsent* Wicklung des deutschen Judentums eingesetzt. Aus den Ostprovinzen ging ein Strom nach dem Westen, gleich* zeitig kam die Einwanderung aus dem Osten, von der Kleinstadt ging der Zug in die Großstadt. Zugleich wer* den die wirtschaftlichen Positionen besetzt, die man bis zum Kriege besaß. Bestimmte Berufe gerieten unter jüdi* sehen Einfluß. Heute erfolgt der Abbau dieses Einflusses, teils durch Verdrängung, teils deshalb, weil diese Berufe heute an Bedeutung verloren haben. Hier liegt ein spe* zifisches jüdisches Wirtschaftsproblem vor. Trotzdem sind die Keime des Unterganges frühzeitig vorhanden gewesen. Ohne die Zuwanderung aus den Ostländern wäre ein rapider Verfall eingetreten. Von 1910 bis 1925 sank die Zähl der deutschen Juden von 615.000 auf 564.000! In etwa 50 Jahren wird allein Berlin zirka 75.000 Juden verloren haben, wenn kein Zuzug erfolgt. Von 1871 bis 1925 sank der prozentuale Anteil der Juden an der deutschen Bevölkerung von 1,2 Prozent auf 0,9 Prozent In dun Großstädten mit über 100.000 Einwohnern sind zwei Drittel, in Orten mit unter 10.000 Einwohnern nur 17 Prozent der Juden wohnhaft. 80 Prozent der zeugungs* fähigen Jahrgänge sind in Berlin konzentriert, stehen aber unter dem Einfluß der Weltstädte. Die Großstadt erzeugt nun Entjudung, Ehelosigkeit, Geburtenbeschrän* kung, Taufe und Mischehe. Während die berufliche Glie* derüng in. den östlichen Kleinstädten noch halbweg bodenständig war, änderte sich dies durch das Abströ» men aus PosenAVcstpreußen. Insgesamt sind 250.000 Juden von dort fortgegangen, davon 100.000 nach Berlin Aber auch manche größeren Gemeinden hatten schwere Verluste. Die Juden werden aus ihren Positionen in Finanz, Industrie und Großhandel verdrängt, da die Zei der individuellen Kapitalisten vom anonymen Kapitalis* was abgelöst wird. Besonders typisch hiefür Ist der Ver* lust des Metallgroßhandels für das deutsche Judentum Der Jude unterliegt im Kampf mit Gemeinwirtschaft und Volkskapital. Dabei nahm der Anteil der Juden an Han» del und Verkehr bis 1925 noch zu. Die Versuchung, einer gefährdeten Gruppe zu entfliehen, steigert sich dadurch natürlich. Aber auch der Versuch einer Produktivlerüng führt zur Assimilation, da das deutsche Judentum auf den Stil׳ des Kleinbürgertums zugeschnitten ist. Der Jude wird also zwischen Kapital und Arbeit zerrieben, er wird einerseits vom Kapital heute nicht mehr aufgenoramen, andererseits bezahlt er die Aufnahme in die Arbeiter* schaft sehr teuer. Die Anteilssteigerung an Handel und Verkehr bedeutet nicht ein Steigen der Selbständigen, sondern nur der jüdischen Angestelltenschaft. Der ver* mittelnde und verwaltende Charakter des deutschen Judentums hat sich so noch stärker ausgeprägt. Die jüdi* sehen Eheschließungen sind spärlich. Ein Viertel der Juden heiratet nicht, eia Viertel bleibt kinderlos ver* heiratet, ein Viertel hat ein Kind, nur ein Viertel mehf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.