Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juli י■ ותא־פרעסבויג ח״ תמוז תר״׳ז ©893׳ 16. Jahrg. Schulschluss. I. Am 5. Juli geht das heurige Schuljahr zu Ende. Wiederum ist es ein Samstag, an welchem auch die jüdischen Schulkinder ihre Zeugnisse erhalten. Ein Sab« bat ist es, an welchem tausende und tausende Wiener jüdische Kinder, welche die öffentlichen Schulen, beson־ ders im II. und XX. Gemeindebezirk bis zu 90 Prozent der Schüler, bevölkern, empfinden müssen, daß der jüdi־ sehe Ruhetag in einen Werktag umgewandelt wird. Jahr für Jahr dulden es jüdische Eltern, daß die religiösen Ge־ fühle ihrer Kinder schon im zartesten Alter verdrängt werden und so in den jüdischen Kindern immer mehr und mehr das Bewußtsein platzgreift, daß eigentlich Sonntag der schöne, angenehme schulfreie Tag ist — und schul־ freie Tage sind für Kinder Festtage — und der Sabbat verliert bei ihnen, auch bei denen, für die er noch in vollem Glanze dastand, immer mehr von seiner Weihe, von seiner Kraft, die einst dem jüdischen Menschen eine große weite Seele gegeben hat. II. Der (Schulschluß bedeutet für die letzten Jahrgänge gleichzeitig den Abschied von der Schulbank auf immer. Das jüdische Kind tritt in das Leben hinaus. Und dieses Leben ist heute grausamer denn je. Haben die in nicht־ jüdischen Schulen verbrachten Schuljahre die Sabbatseele der jüdischen Kinder bedroht und angegriffen, so ist das Leben heute im Zeitalter der verschärften Wirtschaftsnot noch mehr danach angetan, den Rest eines Sabbatwillens in der Seele der jüdischen Jugend vollkommen zu zer־ stören. Bezeichnen doch alle Berufsberatungsstellen fast alle Berufszweige für aussichtslos. Man hört nur von Arbeitslosigkeit, von Ueberbevölkerung und Wirtschafts־ krise. Zu diesem Dreibund des Elends kommt bei den Juden noch der Antisemitismus und bei den religiösen Juden der ״Sabbat“ als Hindernis zu einem Fortkommen hinzu. III. Solche schwere Zeiten verlangen energische und zielbewußte Maßnahmen. Was tun wir, um unseren Kindern den Lebensweg auf jüdische Weise zu bereiten? Wie steht es um die jüdisch^ Schule? Wer kümmert sich um sie? Wer erhält sie? Sorgt etwa die Kultusgemeinde dafür, daß in diesem unge־ heuer schweren Kampf für die Erhaltung des Judentums in einer Großstadt wie Wien unsere Jugend in ihrem jüdischen Wissen gestärkt werde? Sorgt unsere Kultus־ gemeinde dafür, daß jedes jüdische Kind, das in eine jüdische Schule gehen möchte, diesen so überaus lobens־ werten Willen auch verwirklichen könne? Nein. Die Kultusgemeinde subventioniert wohl die in Wien bestehenden jüdischen Schulen und als Subventionen sind die Summen, welche die Kultusgemeinde zur Unter־ Stützung der jüdischen Schule in Wien aufwendet, ganz respektabel, aber die Pflicht, diese primäre Pflicht einer jüdischen Gemeinde, jüdische Schulen zu erhalten, anerkennt sie nicht. Eine Pflicht, die in vielen hunderten Kleingemeinden, in denen das jüdische Leben umfassend und lebenswarm ist, als selbstverständlich gilt, wird seitens der Wiener Kultusgemeinde, die so arm an religiösen Werten und so schwach an religiösem Willen ist, wo jüdische Schulen die einzige Möglichkeit darstellen, eine bessere religiöse Zukunft vorzubereiten, geleugnet. Wird diese primäre jüdische Pflicht von anderen Wiener Faktoren, etwa von der vielgerühmten Wiener Orthodoxie hoch und heilig gehalten? Mit nichten, auch in diesen Kreisen ist man nicht über ein Subven־ tionssystem hinausgekommen. Die Verpflichtung, eine jüdische Schule zu erhalten, ist auch bei der Wiener Orthodoxie noch keine Selbstverständlichkeit geworden. Und diese Orthodoxie hat es erst recht nötig, ihre Kinder in jüdischen Schulen zu erziehen, da diese schwer be־ drohte Orthodoxie in der Großstadt glücklicherweise noch große, wertvolle, unangegänzte religiöse Werte zu vertei־ digen hätte. Diese Wiener Orthodoxie erleidet aber durch jedes ihrer Mitglieder, dessen Kinder unter dem locken־ den Beispiel der Schulkameraden dem Sabbat die Treue brechen, durch jedes ihrer Mitglieder, dessen heran־ wachsende Söhne und Töchter unter dem ungeheueren Druck der Not dem Sabbat den Rücken kehren — und solche Fälle kommen leider häufig genug vor — ganz unermeßliche Verluste. Was tut diese Wiener Orthodoxie? Was machen ihre ■» Führer? Kämpfen sie etwa mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte für die jüdische Schule? Nein, sie nehmen sie im besten Falle zur Kenntnis^-sie sind nicht gegen sie, sie subventionieren sie, aber von einem heiligen Kampf für ihre Existenz, der alle Mitglieder dieser Orthodoxie er־ fassen sollte, dessen heiße Wogen über die Orthodoxie hinaus die Indifferenten, die Flauen, die Abgefallenen, die Areligiösen ergreifen und zu einem heiligen Willen für die jüdische Schule emporheben sollten, ist in unserer Stadt nichts zu verspüren. Oder dort, wo es nicht mehr um die Schule, son־ dern um das Leben, um das alltägliche Brot geht, wo es gilt, jüdischen Angestellten solche Dienststellen zu verschaffen, daß sie Schabbos halten können. Wie steht es mit dem Eifer auf diesem Gebiete? Es besteht in Wien ein eigener Verein — ״Schomre Schab־ bos“, ״Der Sabbatfreund“ nennt er sich — konzentrieren sich vielleicht in diesem Verein alle guten Geister der Wiener Orthodoxie mit edlem Wetteifer um den Schutz des schwer bedrohten Sabbat in der Großstadt? Nein. Ein Verein, wie noch hunderte andere in Wien, mit schönen Vereinszielen, und. einige brave Leute betätigen sich im Rahmen dieses Vereines, wie das in Wien schon üblich ist. Daß hier aber um das Schicksal von Generationen gekämpft werden sollte, daß es hier um das Heiligste geht, was das Judentum als Lehre und was der jüdische Mensch an Aufgaben besitzt, nein, das verspürt man auch im ״Schomre Schabbos'Werein nicht. Nicht einmal jene, die am persönlichsten an der Sache interessiert sind, die sabbathaltenden Kaufleute und Ange» stellten haben es zu einer Organisation gebracht, die den modernen Ansprüchen in bezug auf Organisation irgendwie entsprechen würde. So kommt es, daß mangels eines modernen Stellennachweises und einer Organisation der Arbeitskräfte selbst bei der Wiener Kultusgemeinde noch immer Beamte angestellt werden, die mit dem Sabbat nichts gemein haben. Und was erst in Privat־ betrieben auf diesem Gebiete geschieht, kann gewiß noch weniger als Ehrcnpu'nkt der Wiener Orthodoxie betrachtet werden. no m DEUTSCHER ILOYD 5821/30 Der schnellste Dienst der Welt Mit den Expreßdampfern ״BREMST ״EUROPA“ ״COLUMBUr 51.656 t 51.656 t 32.354 t von Bremen nach New York Schnelldampferdiensfi nach Argentinien, Uruguay, Brasilien, Kanada und anderen Weltteilen Studienreisen nach U. S. A. 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