Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NovlnovG v^pinne povolend rladlt post n telegrafo* י Br9tlsl*ve iis. 41572-I1I-20. Zeitungen vom Verfeger versendet, Journal exp€dle par!‘editear. fe m 9* ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion n. Administration. Wien,!!.,Leopoldsgatte 26, i. Stiege, 1. Stock. — Tel. R 45-4*94. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. 3»scheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Mittwoch Mittag. Abonnementspreise 1 Ganzjährig; Für Oesterreich S 14 Tschechoslowakei tsebeeb. K. 70, Einzelnummer Ost. Gr. 40, das übrige Ausland 2 Dollar. Zahlungen auf Konto ״Jfldische Presse“, Wien für Oesterreich: Postspaikassenkonto Nr. 0-93614; Deutschland: Post- Scheckkonto Berlin Nr. 122619; Jugoslawien: Post-pk.-Amt Zagreb Nr. 402)7; Polen : Postspk.-Aml Warschau Nr. H0409; Ungarn: Postspk.-Amt Budapest Nr.50170; Schweiz: Postscheckk. Zürich VIII. 4117; für die Tschechoslowakei: ״Jüdi sehe Presse", Bratislava, Post spk. •Amt Prag Konto Nr. 03 S6 Np. 6 Wien-Bratislava, 8. Februar 1929 x׳B־r ב*ף; וינו־דפרעסבויג כ״ח שבט 15. Jahrg• Der Wiener Frieden. Neukonstituierung des Präsidiums der israelitischen Kultusgemeinde Wien. ״In der letzten Zeit ist ׳das Wort ״Kampf“ ein beliebter Begriff geworden; es wird als 'Naturgesetz aufgefaßt, welches in den gegenseitigen Beziehungen zwischen den Völkern mit unetbiiriliCher Konsequenz als ein Fatum herrscht, das sie zwingt, unaufhörlich miteinander zu ringen. ״Kampf‘ ist jedoch ein unlküarer, verwirrender, geradezu chaotischer!Begriff. Alls Ziel ist der Kampf unsachlich, vernichtend, verheerend: als!Mittel!kann er notwendig sein, lösend, rettend, ■׳aber er ist auch manchmal überflüssig, schädlich und vergeudend. Kampf schafft Bewegnng, aber!zwischen einer ׳Bewegung ■schlechthin und einer!begründeten und organisierten Bewegung besteht .ein ■Unterschied, wie ׳zwischen Krawalilen ■und einem Krieg, wie »wischen der organisierten Gemeinschaft ■und ־ dem Mob, der aus dem ׳Gesetz ■der Trägheit heraus ׳zusammeri'häh. Kampf kann Ausfluß hohen!Mutes ■und edlen Heidentums für ein ■erhabenes ■Ideal sein; aber er ׳kann auch eine Fanifaronade, Abenteuer turn, Unbekümmertheit und ׳Donquichoterie sein. Eine naive ,und unkritische Meinung •ist geneigt, jede Erscheinung eines 'kecken Vor- Stoßes mit Weihrauch zu ׳umgeben und ■jeden einsichtsvollen Akt der Eintracht als feig zu!bezeichnen, ohne auf die tieferen Zusammenhänge einzugehen, .und ohne zu be׳:־ greifen, id׳aß ein Zursohautragen einer ,wichtigen Miene, ein ■He rum werfen!mit großen Worten ■und tönenden ,Parclen sehr oft nicht ■Mut!beweisen, ■sondern im Gegenteül einen. :kurzsichtigen Opportunismus ,und eine feige Umschmeichcllung d׳er herrschenden Mode ׳zur Erlangung billigen Beifalles. Es mag paradox 1klingen, ■aber cs ist doch so: das größte Heldentum beweisen die, die in der Stile wirken, die Unentwegten, welche nicht nach ■den populären Kamptfparolen langen, sondern vor sich ihr Ziel klar sehen und sich von diesem durch nichts ׳ab'len'ken lassen. ■Eine Aureole umstrahlt die Stirne dieser Unentwegten, ’felsharten Arbeiter; die Sensationslust, gierig nach ,blendenden Effekten, wendet sich ■unwillig von diesen uninteressanten!Gestalten ׳ab.; ■die Liebhaber rauschender, leidenschaftlicher und scharfer ■Dispute meiden die Stillen gelangweilt ,und ■wenden sich dahin, wo das ״Leben“ kocht, wo man!geräuschvoll ״!kämpft“, ohne Beziehung zur Vergangenheit, ohne Verantwortlichkeit vor der Zukunft — zu der Fata Morgana wahren ׳Lebens und echten Kampfes.“ Diese Worte haben wir einem ,;Gesegnet sind die Stillen . . .“ überschriebenen, in der jüngsten Nummer den Berliner zionistischen ,Jüdischen Rundschau“ erschienenen Aufsatz Nahum Sokolaws entnommen. Der ,kampfgeübte Führer der Zionisten segnet nun auf einmal die stillen kampfabgewandten Arbeiter, da ihm nach dem Agency- Abkommen mit den Nichtzionisten der Kampüärm einiger . radikaler Zionisten unbequem geworden ist. Seine Worte finden aber auch lehrreiche ׳Anwendung bei seinen Gesimningsgenossen im Wiener K chill aparlam ent, die nach einigem Kriegsgeschrei es!doch für vernünftiger hielten, die Streitaxt zu begraben ■und mit der unionistischen Hälfte des neuen Gemeindevorstandes Frieden;zu schließen. Dieser ■Friede ist, und das wellen w.ir ׳kurzerhand vorwegnehmen, ehrlicher und ehrenvoller als d׳er Berliner Friede, den die ,Berliner Zionisten ■mit den dortigen Liberalen nach , Verrat und Verleugnung der eigenen Bundesgenossen geschlossen ,haben. Zunächst was •die Sache der Gesetxestreuen betrifft. Die Berliner Zionisten haben ihre ׳konservativen ■Bundesgenossen schnöde im Stiche gelassen und für ein;!Linsengericht, ■dem Bau einer Reformsynagoge ■aus Gemeindemitteln, ihre Stimmen verschrieben. Aber auch ansonsten .bleibt der Berliner •Friede ein ,Musterbeispiel der Zweideutigkeit und Unaufrichtigkeit, ■sowohl den Wählern wie den •Bundesgenossen gegenüber. Ganiz anders ist die Situation in!Wien. Wenn hier überhaupt ein Verzicht auf ׳Prinzipien ׳beim Zustandekommen des Kompromisses nötig war, so besteht er darin, daß man die Forderung nach ■dem allgemeinen Wahlrecht, di׳e ■von /zionistischer und sozialistischer Seite ׳als Conditio sine qua non betrachtet wurde, einstweilen, es heißt bis nach Erledigung ■des 1Gemeindebudgets vom Jahre 1930, zuriiokgestelilt hat. Wir wollen bei dieser Sachläge zu der Wahl rech tsifrage keine grundsätzliche Steilung nehmen, aber es muß gesagt werden, daß die ganze Wahlrechtsfrage ihrem Ursprünge nach ■aus der allgemeinen politischen Welt stammt, wo ■das ■allgemeine Wahlrecht heute fast überall durchgeführt!ist, ohne aber jene segensreiche Wirkung und Sanierung der Seelen gebracht zu haben, •die allgemein von ihm erwartet wurden. In der Wiener Kultusgemeinde bedeutet die Aufbauschung ■des allgemeinen Wahlrechtes .zu ׳einer Lebensfrage der Ge- ■meinde eine׳ geradezu tragische Verkennung der Not- Wendigkeiten einer ,jüdischen ׳Gemeinde. Von den nahezu 60.000 Zensiten, denen das Wahlrecht schon nach dem heutigen ׳Gerneindestatut zukommt, waren tatsächlich nur . 40.000 in der Wählerliste verzeichnet, und zur Wahlurne gingen am 2. ׳Dezember ,bloß 20.000. Statt ■nun Zeit und Kraft mit Wahlrechtsdebatten zu vertrödeln, ■wäre es unseres!Erachtens äi׳e dringendste;Aufgabe gewesen, eine kräftige I n 11 e n׳m i s s i 0-n ׳unter ׳jenen zu entfalten, die bereits Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde sind, •denen aber ,zum überwiegenden Teile sowohl ■die Kuiltusgemeinde •wie ii!re Institutionen, wie fast ׳jede jüdische Sache überhaupt, allmählich fremd geworden sind. Infolge dieser Entfremdung ,verdorrt das jüdische Leben in Wien, ■unsere WoMfahrtsinstitutionen und!Kultura 11stalten!leiden furcht- ■bare Not und׳■die Wirtschaftskrise zehrt ,in erschreckender Weise an ihren ■Grundlagen. Der einfache Jude, ob zionistischer oder unionistischer Anschauung, konnte es nicht begreifen, daß nach •der mit großem Aplomib geführten WaMpropaganda, in welcher die Führer beider großen Parteien sich in ,Liebe für ■das ׳positive Judentum, für seine Institutionen Überboten, nun zwei wertvolle ׳Monate mit parteipolitischen ,Balgereien verstreichen!mußten, in denen oift ■die ,Existenz von wertvollen Institutionen in Gefahr kam. Nun, glauben wir, ist ׳diese häßliche Periode •vorüber und •die neue Konstituierung des Präsidiums bildet den TEMrVO Y כשר. (תחת השנחח הרב ח ישעי סודסט שיסשוהי) Erzeugt unter Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Jesaia Fürst (Adas Jisroel) Ueberall erhältlich! Auftakt zu einer!Arbeit, in der der ,Segen auf ■den Stillen ruht, ■die ohne 'Rücksicht auf Schlagworte und Kampfgeschrei dara.ngehen, die Existenzgrundlagen der Wiener Judengemeinde zu festigen. Diese ׳Existenzgrundlagen sind: Synagoge und ׳Schule, in denen unsere Jugend zu ׳mutigen, glaubensslarken. ׳״u!rechten Juden erzogen■ werden möge. P. Streiflichter. Ich habe ׳di׳e ׳unangenehme ■Gewohnheit, meine art.hodoxen Brillen nie aibzuJegen, auch dann .nicht, ,wenn ,ich im Kaffeehaus oder auf irgend einer Fahrt meine Zeitungen lese. ■Und da erkenne ich ■durch diese ,Brille so manches, was anderen ■Leuten gar nicht auffällt, und ich ׳muß so manches niederschreiben, was!mir meine orthodoxe Brille zeigt. ,Da ist zunächst der Tod des armen 'Studenten Isaac Tisch, der ein solch tragisches Ende gefunden ■hat. Tisch war Chargierter ■der akademischen Verbindung ״L ibanonia“. Isaac Tisch, ״,Li'banonia“; also sicherlich ein jüdischer Student :und eine!jüdische Verbindung. Isaac Tisch schreibt die ׳Adressen, mittels welcher •die Verbindung die Einladungen zur ,Feier ihres vollendeten 70. Semesters versendet. Isaac Tisch schreibt die Adressen ■der jüdischen Verbindung ׳״Libanonia“ in der 'Bude ■der Verbindung, er schreibt diese Adressen a!m Sabbat; Und da geschieht das Gräßliche. Mitten im ■Schreiben sinkt Isaac Tisch, überwältigt von giftigen ,Gasen, die dem Gasofen entströmen, leblos •zusammen■. Mit seiner letzten Kraft kritzelt er noch ■auf den ׳Briefumschlag das Wort ״Mutter“. Dachte er vielleicht an seine treuherzige ■fromme jüdische Mutterin Galizien, ׳die nach •dem frommen Kinde sich sehnt, das •in Wien sich zu einem wackeren Juden und׳ tüchtigen Menschen heranbildete? Der Tod kam plötzlich ■und grausam und ereilte ihn am Schreibtisch — am Sabbatnachmittag. * Einige Spalten weiter. ■Ein Sensationsprozeß in Trencin in der ,Slowakei.!Eine Erzieherin christlicher Konfession steht ■vor den Geschwornen, um den Tod •des Juden; Arpad Diener, den sie ׳angeblich •durch 1fünf Schüsse getötet hat, zu verantworten. ׳Die z׳erknirschte Angeklagte zitiert einen ׳Brief ■des Toten, ■in ■dem es!heißt: ״Wie sehr' ich dich liebe, magst ׳du daraus ersehen, •daß ich am Versöhnungstag zu ■dir kommen ׳werde.“ Also dieser jüdische Mensch hat noch ׳etwas vom Versöhnungstage ge-■ wußt, er ■hat seine Größe und Bedeutung gefühlt ׳und ihn dennoch ■der christlichen Erzieherin!zuliebe preisgege'ben. — Der Versöhnungstag bringt ׳Frieden, Ruhe und ׳Reinheit für den jüdischen Menschen. Arpad!Diener hat ■den Versöhnungstag verschmäht, er fand seine Ruhe erst im Tod. * ׳Und wenn ich schon ,bei der Gerichtssaalirubrik halte, so will ich auch noch den einstweilen׳ ,zum Abschluß, gekommenen Erdelyi-Prozeß!betrachten. Das'!Budapester Gericht hat zu!Recht erkannt, daß Erdelyi seine Gattin aus gewinnsüchtigen ■Motiven ermordet hat. In den. Verbrecherstatistiken figurieren die Juden zumeist in; Delikten, die aus gewinnsüchtigen Motiven entspringen. Betrug, Wechselfälschung, Krida ■usw.. sind häufig. ׳Hingegen stellen w!ij Juden erfreulicherweise in Mordprozessen nicht einmal einen Bruchteil des Prozentes dar, der uns zahlenmäßig zukäme. Am a'Herseltensten ׳kommt es vor,‘ daß ein Jude ׳aus gewinnsüchtigen ׳ Motiven fremdes ׳Blut vergießen würde, geschweige denn, daß ein ׳Ehemann seine Gattin aus geldlichen Motiven in so ruchloser Weise umbringen würde, wie es ■das Budapester Gericht im ■Falle Erdelyi als erwiesen angenommen hat. Sowohl Erdelyi wie seine Gattin stammen aus sogenannten gutjüdischen Fa-: malien, die wohl noch manches von der gut jüdischen Tradition in ihren Lcbensgewöhnheiten verwirklichten. Doch die junge ■Generation lebte schon zügellos und unjüdisch •und war allen Lastern ergeben. Es ist ein erschlitterndes Bild, das sich in dem Mordprozeß ׳Erdelyi offenbart hat. Abschüssig ist der Weg, •der von Ver/• gnüguugs- und Genußsucht zu Sünde und Verbrechen führt. * •Zum Schluß fällt mein׳!Blick auf den vorn Chm ausgestattete Prospekt des Verbandes radikaler Zionisten — Vereinigung demokratischer Zionisten — in Wien über die erste Palästinareise im Jahre 5689 mit. dem lockenden Schlagwort ״Purim in Tel-Awiw“, 5689. also das ■jüdische Jahr, überaus sympathisch. Die HB Was biefet die führende Weltfirma Ottmar Schiff, Wien, X., BärntnerringG Brfsto? <^?el.'u-l41 >3?62) t. und tacividuelte fiu&führur׳g Bl. Tadellos?». mt׳s(ergüh'£cn Slts Bll. 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