Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1927-09-09 · 36 (9.9.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
36 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2630197-2630232--2724-2634643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 220 JÜDISCHE PRESSE Nr. 36 Im Dienste der Verheißung. Dem neuesten Werke D r. Nathan 1Birnbaums, ״Im Dienste der Ver h e i ß u n g“, das, vom Hormon- Verlag in!Frankfurt a. M. schön ausgestattet, kürzlich die Druckpresse verließ, entnehmen wir nachstehendes!Kapitel, welches, wie wir glauben, die Tendenz des tiefsinnigen, •ausgezeichneten, mit frischem Temperament des ewigjungen!Autors!geschriebenen ,Buches getreu wiedergibt. Möge das strenge, manchmal überstrenge, •aber!immer einer reinen, heißen •Liebe entquillende Geißeln von unseren orthodoxen Brüdern liebevoll aufgenommen werden und heilsam wirken. D. R. Auch wir so laut? Die Unzufriedenen im eigenen!Lager begnügen sich nicht damit, der Orthodoxie die ״jüd׳isch׳e“ ׳״Fortschritts“־)Neurose, dieses Kind der Assimilation, das dann von den• Zionisten ׳auch für sich!beansprucht wurde, unterzuschieben, sie soll auch noch das Wesentliehe der zionistische« Mentalität selbst als Wesens bgreicherung erhalten. ** (Als der Zionismus entstand, war er fällig dm jüdisohen Volke. Die ׳großen!Enttäuschungen und Verfolgungen der ׳letzten Jahrzehnte, ,das!Beispiel!der nationalen .Bewegumgen!bei den ׳anderen Völkern, ׳die Anpassung eines großen (jüdischen Volksteiles an deren Art zu denken und die Tatsächlichkeit •des einstigen Vaterlandes ׳mußten ihn entstehen •lassen und mit jeder neuen Enttäuschung und Verfolgung,!jedem neuen Sieg der nationalen Idee in der Völkerwelt,!jedem ■Vordringen modern-europäischer Denk- •weise In der Judenheit!kam er voran. Ebenso förderte ihn, daß er einerseits, ־wie es sich ׳für eine noch so kühne Bewegung in unserem!kühlen Zeitalter schickt, ■mit dem Anspruch ׳auftrat, auf dem Boden der Wirklichkeit zu -stehen und andererseits auf die Phantasie und das Gefühl des Volkes wirkte: Ein Volk nach zwei Jahrtausenden• des Exils •in sein •Land zurückzuführen, ist wahrlich nicht nur nichts Alltägliches, sondern ein noch nicht Dagewesenes, ist ein Ziel, das liinreißt, Schwung :gibt. 'Und Leidenschaft ׳denen, für die es auch die ׳baldige!Erfüllung eines ■alten wunderbaren und heiligen WaJhrtraumes bedeutet. 1Es!hat also ׳gar keinen Sinti, den ׳guten und starken ,WlMlen ׳und den ehrlichen Enthusiasmus ׳der Zionisten nicht anzuenkennen, •ihre Arbeit um ׳jeden Preis •herabzusetzen, überhaupt das große!geschichtliche Ausmaß und die weit- ,gehende Folgerichtigkeit der Bewegung zu verkennen. Die Schichten des jüdischen Volkes, ׳aus denen heraus sie ent- .stand• und wuchs, und ׳diejenigen Elemente, die sie aus dem Lager der Assimilation• in ,immer größerer •Zahl anzieht, sind auf dem Wege der Analogie zu ihr ׳gekommen. Sie ׳sehen d׳m ׳jüdischen Volke ein Volk vor sich wie ׳jedes "andere. Daß das Volk ohne das Land und das Land ohne das ■Volk ist •und daß sie daher erst zusammengebracht werden müssen, ist .allerdings etwas ungewöhnlich. Aber das kann ja, sagen’ ,sie sich, nur einen Unterschied in der Menge der Leistung!machen, und dazu ist doch weiter nichts als ein beharrlicherer Wille nötig und gerade an ׳Willen ,lassen ja die Juden nichts -zu wünschen übrig. Diese ganze gerundete Anschauung. entspricht den Voraussetzungen, welche die Zionisten und die zu ganzen oder halben Zionisten ׳gewordenen Assimilanten für ihre iGesinnuingsbildung •mitbringen. Sie ׳geben ihr Bestes und man kann von ihnen mehr nicht erwaren. Aber wie!ist es mit!uns, die wir doch von ganz anderen ■Voraussetzungen ausgehen, ׳die wir ׳die Analogie, die für jene das Fundament ihrer •Gesinnungen :ist, ablehnen!müssen? Gewiß, wl i r hangen m 1i t lunverbrüch- Sicher Liebe an *unserem Volke, oder b esser, unser Leben ist Treue ׳gegen das Volkstum, wir sind seine e i n!z ii ׳g e n wirk-!1 liehen Erhalter und Bürgen. Gewiß, Zion ist .kein leerer •Wahn ׳für das Herz ■und •das •Gewissen ׳des frommen, d. h. des jüdischesten Juden. Nie hat ׳das Land ,Israel für uns seine!Rolle i n. der Ge-!Schicht e •I s r a e׳i s ausgespielt1, nie wi rd es für!ulns sie au ssp leien. Uns ist ׳Palästina Lrrimer ■Erez Jisroel geblieben. W׳ir haben den Anspruch darauf nie auf gegeben und wir haben tauge Jahrhunderte mit einer Ausdauer und Treue sondergleichen für ■jüdische Positionen in diesem Lände gesorgt. Das Land, das ׳Israel verheißen, gegeben, genommen wurde und ihm verheißen blieb und bleibt; ׳das Land, in dem es nach langem Ringen mit seinen■ ׳heid- ׳uisohen Gelüsten sich schließlich doch zum einig einzigen Gotte fand; das Land, in dem die Steine Gottes Sprache sprechen — war ■uns stets gegenwärtig, war stets Gegenstand unseres ׳.heißen Strebens, uns mit ihm zu verknüpfen, immer mehr zu verknüpfen. Gewiß, wir haben in IHinsii c׳h t a׳u f d-i es es Land auch ein schweres Versäumnis ׳zu bereuen und g!u׳t zumache« — eines der schwersten unter den vielen Versäumnissen׳ infolge unterer langen Nichtaktivität, von dem •noch zu sprechen sein wird. Aber weder unsere Liebe zum jüdischen Volk, ׳noch unser Sehne « nach Erez Jisroe 1, noch ׳Unsere Reue über das Versäumnis ׳darf uns bestimmen, einen Wieg zu gehen, ׳den wir für bedenklich ,halten ׳müssen. So sollte man wenigstens meinen. Denn wie sollten wir ein aus der Zeiten Schwere und Dialektik geborenes Palästina- und •Staatsideal anerkennen, das!sich das Judentum zu ersetzen oder aufzusaugen anschickt? Wie sollten wir!zugeben, daß Israel nicht mehr das Volk der G o 11 e.s w a •h 1, Erez JisToel nicht mehr das heilige Land; daß ׳nun ׳plötzlich ׳nicht mehr die T׳hor׳a, das Judentum, das Lebenszentrum des jüdischen Volkes, die anmittelbare;Hingabe ׳an ■Gottes Wille nicht in&hr der Sinn der jüdischen •Geschichte sei, sondern das Land in den Mittelpunkt des •jüdischen Bewußtseins gerückt werde und das bloße Leben und Schaffen in diesem Lande, die nackte Freude an der nackten Sonderexistenz den Sinn der jüdisehen iGesohichte bilde? Wie sollten wir so töricht sein, zu glauben, daß die beiden Gedankenwelten, die der Ueberlieferungstreuen!und die zionistische, friedlich nebeneinander leben können? Wie sollten wir uns darüber täuschen können, daß!jeder darauf gerichtete theoretische oder praktische Versuch, auch in der •ehrlichsten Absicht und von den tüchtigsten und tatkräftigsten Menschen unternommen, an der Unmöglichkeit ■zweier Mittelpunkte in einem Lebenskreise scheitern muß? Und wie sollte esuns entgehen, daß bei jedem solchen Versuche der alte Mittelpunkt von dem neuen als neuen, ׳aktuellen, verblendenjden, in der Linie der Zeit liegenden verdrängt wird,!ja ■als schon •von dem Augenblick verdrängt gelten kann, da der Versuch für nötig gehalten wird, und daß ׳daran die schönste und ehrlichst •konstruierte Ideologie nichts zu ändern vermag? Aber selbst, wenn wir uns einbilden wollten, das Unvereinbarliche ließe sich schließlich doch vereinbaren, •müßten wir dann nicht in eine strengere Prüfung der Frage ־der •Verwirklichbarkeit des zionisischen!Ideales eingehen, als die Zionisten? Wenn sie von ihrer sicheren Analogie •aus über die Ungewöhnlichkeit, ,Volk ׳und Land •erst zusammenbringen zu müssen, mit einem kühnen. Sprunge sich hinwegsetzen, so!ist das bei ihnen• eine sympathische Kühnheit und begreiflich. •Wir ׳aber, die wir ihre Analogie. nicht ׳anerkennen :und infolge des Risikos für unser ,hochstes Gut doppelt auf der!Hut ■sein müßten: wie sollten wir aus jerter allzugroßen ׳Bedächtigkeit, die in der Judenheit so lange!herrschend w׳ar und die Vorsorge und Sorge um das Wohl ׳der jüdischen Gesamtheit in •allen ihren Teilen so gut wie gar nicht kannte, plötzlich in jenes unbändige Losgelassensein hinüber, das die ׳zuerst aktiv ■gewordenen nicht •überl'ieferungstreuen Schichten unseres Volkes kennzeichnet? Wie sollten wir, endlich auch aktiv geworden, ■יwenn wir es wirklich geworden sind —, nioht die geduldige voraussehende Art des kultivierten und konservativen Tatmenschen zur Geltung bringen? Wie sollten wir da — •angesichts aller der schweren •gesahichtsorganischen Tatsachen, die dem Zionismus entgegenstellen, die er schon zu!berücksichtigen vermeint, wenn *er sie nicht!ganz leugnet, und die er •mit seinem Elan überwinden zu ׳können glaubt — seine •Erwartungen teilen? Wie sollten wir uns so leicht davon überzeugt halten. daß er mit seinen •Bestrebungen tatsächlich auf •dem Boden der Wirklichkeit steht? W,as der Zionismus ׳von Anfang an zu erreichen sich vornahm,. ist klar: ein ׳nationales ׳jüdisches Gemeinwesen in Palästina von staatlichem, staiatsähnlichem oder vorstaatlichem Charakter. Zu diesem Ziele konnte er keinen anderen Weg einschlagen als ׳den der Manifestationen und Forderungen. Und er ist auch, von gewissen unerwarteten Wleltereignissen begünstigt,!ziemlich weit gekommen.!Seit der Ballonr-Deklaration, wird •die Zuversicht, daß er sein Ziel erreichen werde, immer stärker ׳und verbreiteter. Und gerade in ■der letzten Zeit ist — trotz mancherlei Krise und Kriiselns — unter dem Eindruck der regelmäßigen Zuwanderung, einzelner Siedlungserfolge, eines Siedler-, heroismus. der sich sehen •lassen darf, des gehobenen Selbst- und Lebensgefühles ׳der palästinensischen Juden überhaupt, gewisser Effekte (Tel-Awiw, Universität, •usw,) und einer zweckentsprechenden Propaganda die Ueber־ zeugung von dem ״großen Geschehen“ fast allgemein geworden. Selbstverständlich huldigt!auch die zionistische Parteiregierung diesem Optimismus. Aber es ist be- •merkens- und lobenswert, daß ׳sie inmitten der großen hoffnungsfreudigen Erregung kühle Ruhe bewahrt und Mäßigung .predigt, vor zu viel!Illusionen warnt. Sie sitzt ja auch ׳an der!Quelle. Sie weiß-nicht nur die Erfolge auf das richtige ■Maß zurückzuführen und hat ׳nicht nur ihre großen Sorgen des Augenblicks, sondern sie steht ja auch unmittelbar so inhaltsschweren Tatsachen gegenüber wie dem arabischen Widerstande lind dem Eingebettetsein Palästinas in die ■erwachende!islajmitische Wielt; dem geographischen Charakter des •Landes, der es zum Land weltgeschichtlicher Zusammenstöße macht; dem Eigen- Interesse Englands; der päpstlichen Gegnerschaft; dem intensiven Judenhaß allerorten sowie überhaupt dem macht- und rechthaberischen Wiesen, das!Menschen und Völker im Verkehr mit den Schwächeren an den Tag legen; dem ,Problematischen allen Völkerrechts und der Wandelbarkeit :politischer Konstellation; der Verstrieutheit der Juden über die ganze Erde und der erst durch langsame Zuwanderung zu behebenden Geringfügigkeit der jüdischen •Bevölkerung Palästinas; dem fast vollständigen Maugel eines jüdischen!Bauernstandes und dem Ungeheuern Ueberfluß des jüdischen Volkes an Handelsleuten; endlich der deutlichen Neigung der ■neuerdings aktiv gewordenen;üdischen Kreise zu Radikalismen, Mechanismen und Einseitigkeiten aller Art. Allerdings die zionistische Parteiregierung hofft, muß hoffen, diese tragisch zusammentreffenden Tatsachen, vor denen die zionistischen ,Radikalen die Augen verschließen und• von •deren Schwere die zionistischen Massen keine Ahnung haben, durch Geduld, Klugheit, Arbeit und Begeisterung^ zu überwinden. Aber wir, die wir nicht mit unserer ganzen geistig-seelischen Existenz auf das zionistische Zion angewiesen sind, die wir keinen inneren Zusammenbruch ■zu fürchten brauchen, wenn wir nicht mit aller Kraft bei der zionistischen Hoffnung auf das baldige Golusende!bleiben: wir sollten •nicht den Mut haben, bei Tatsachen zu verweilen, die dieser Hoffnung entgegenstehen, und ihren Ernst zu würdigen? Wir sollten nicht die Ruhe :haben, um durch alles das hindurch, was vielen so verheißend scheint, die das Palästinawerk bedrohenden Gefahren zu sehen? Und wir ׳sollten nicht auch bei dieser Gelegenheit erkennen, daß ׳die wichtigsten von ihnen — diejenigen, die aus den Widerständen von alten und werdenden Machtfaktoren erwachsen — erst durch die Methode der Manifestationen und Forderungen geweckt wurden? Doch angenommen selbst, diese Methode wäre richtig und das Ziel des Zionismus wäre in absehbarer Zeit erreichbar, — es ist ihm. ja nicht bloß um das formelle Ziel zu tun. Das, was er im Grunde will, sind ja die Aus- Wirkungen der völkerrechtlichen Geltung, das heißt, außer Sorgfältigste Lieferung in plombierten Säcken von 1 Sack 50 kg angefangen franko Haus, ebenso in Fuhren und Waggons 5? JULIUS HABER Kohlen- und Koksgro&handlung Nordbahnrutschen 3. KohMof Nr. 372-376 Wien, II., TaborstraBe 9 FeraspfMlw Nr. 41-0-22 der souveränen nationalen Kultur —- die mit der jüdischen Kultur des Traditionsjuden nur sehr wenig Berührungspunkte hat — das Ende der materiellen und seelischen Golusnöte. Und auch dabei übersieht er in seiner Impulsivität wichtige Momente: Erstens, daß ein kleines iüdisches Gemeinwesen in Palästina, selbst die vorteilhafteste Art seiner Verwirklichung angenommen — nach den Erfahrungen der ganzen Menschheitsgeschichte, ganz besonders aber des letzten Krieges und der ihm folgenden Jahre — der Masse der draußen bleibenden Brüder einen irgendwie ausreichenden Schutz oder irgend eine nennenswerte Förderung angedetlhen zu lassen nicht imstande ist; zweitens, daß die wirtschaftliche und gesellschaftlich« Existenz der Juden nicht durch ein Unternehmen sicher-, gestellt werden kann, das im besten Falle nur einen kleinen' Bruchteil des Volkes befriedigt. Und nun sollten auch wir an diesen Momenten gleichgültig vorübergehen und uns insbesondere dafür mitverantwortlich machen, daß die ungeheure Mehrheit des Volkes den immer mehr sich steigernden Schrecken überlassen wird, ohne daß etwas Ernstliches für sie vorgekehrt wird? Wir sollten also auf der ganzen ׳Linie unseren Unzufriedenen Folge leisten, der zionistischen Denkweise lind Methode uns anpassen und darnach handeln? Fast unsinnig, es zu denken. Und doch ist das Unglaubliche Tatsache geworden. Während sich die traditionstreue Masse von den ■Befürwortern des ״Fortschritts“, für die sie die Schläge der erbitterten Völker einheimst, bloß ,imponieren ׳läßt, ihnen bloß Schlagworte ahnungslos nachplappert und gelegentlich ebenso ahnungslos Gefolgschaft leistet,!in ihren innersten Neigungen aber, in ihrer Gefühls- und Lebensweise konservativ geblieben ist, — steht sie. umgekehrt, dem Zionismus als organisierter Bewegung zum großen Teile ablehnend gegenüber, Ist jedoch von seiner ׳Mentalität schon in sehr, sehr weitem Umfange ergriffen. Es macht nämlich nur einen sehr geringen Unterschied, wo der fromme Jude diese neu erworbene ׳Mentalität zur Auswirkung ■bringt, ob außerhalb jeden Verbandes oder im Verbände der zionistischen Organisation, bezw. in deren gesetzestreu bleiben wollender Fraktion oder in einem selbständigen orthodoxen! Verband«., Ja, ׳die Durchschlagskraft des Zionismus erscheint in der letzten Variante noch stärker, sein Sieg noch •größer. Formale Opposition gegen den Zionismus oder auch publäzistischie Kriegführung wider ihn von Parteiwegen beweisen nichts dagegen. Entscheidend ist, was man seit kurzer Zeit trotz dieser Opposition, trotz dieser Kriegfiihrung in der ■Presse zu lesen, in den Versammlungen zu hören und im Leben zu sehen bekommt. Zwar hat man sich von offizieller Seite bemüßigt gefühlt, sich gegen die!Behauptung zu wehren, daß die selbständige Orthodoxie in der Palästinafrage einen neuen Kurs eingeschlagen habe; es sei immer so gewesen, wie es heute• ist. Aber ״wer sich entschuldigt, klagt sich an“.!Und es sind ja nur einige yergleichende!Blicke in die selbständig orthodoxen Blätter der letzten Zeit nötig, um die Größe und ׳Schnelligkeit der geschehenen Wandlung feststellen zu!können. Theoretische ׳Begründungen eines antizionistischen, ultraorthodoxen!Zionistnus gab es ja schon vor zwei, drei Jahren. In den ׳Blättern jedoch war noch nichts davon zu merken. Neben der selbstverständlichen weltanschaulichen Polemik gab es!bei allen möglichen und auch unmöglichen Gelegenheiten scharfe ׳kritische Bemerkungen gerade ■über die kennzeichnenden Praktika des Zionismus, seine große Politik, seine!Illusionen, seine Schwierigkeiten. ■Heute taucht ja auch noch manchmal solche Kritik auf. Aber nur für Augenblicke — dann nämlich, wenn gerade der Ernst der Sitaation, in der sich der Zionismus befindet, und die Sorgen sedn,er führenden Persönlichkeiten ׳besonders deutlich zh Tage treten, die selbständig-orthodoxen ■Publizisten stutzig werden und vorsichtig in ihre alte Mentalität zurückfallen. Allein ׳im allgemeinen hat man‘s jetzt selber mit der großen Politik und mit den Illusionen und muß selber Schwierigkeiten verschleiern. ׳Fast plötzlich Ist der Um- ■schwiKig gekommen. ׳Mit einem •Maie hatte man die Ueberzeugung, daß die Sache doch von Gott sein müsse. Mit!leidenschaftlichem Eifer -ging man daran, nicht etwa bloß die lange versäumte Pflicht gegen Erez Jisroel zu erfüllen, — d. h. ohne große Politik, ohne gefährliche Illusionen, ohne Leichtsinn, nur der alten, großen und heiligen Liebe folgend durch das!Land und im Lande zu arbeiten, zu arbeiten und wieder׳ zu arbeiten — sondern ׳den Zionisten den Wänd ■und die Windigkeit, die letztere mehr, als die erstere, aus den Segeln zu nehmen. Man fühlt nicht und will nicht fühlen, daß das Denken und Handeln einen neuen Mittelpunkt bekommen hat, um den es kreist, einen Mittel- Punkt, der den alten Mittelpunkt, Gott und seine Lehre, an den Rand riiekt, wo er kein Mittelpunkt mehr ist. Man zankt sich mit den Zionisten herum, aber man Iconkurriert mit ihnen auf ihrem Gebiet. Nicht mir kommt in ■den Zeitschriften der selbständigen Orthodoxie die zionistische Betrachtungsweise der Palästinasache von Nummer zu Nummer zu immer mehr Geltung und der zionistisch appret/erte Palästinastoff Immer mehr in den Vordergrund, sondern d!ie theoretische Einbeziehung des Palästinaprimats in das selbständig-orthodoxe Programm wird immer aasgesprochener und ,zugleich Immer dutzen׳dz׳ioniSt|ischer. In den Vereinen absorbiert aufgeregte Falästinaarbedt zionistischer ■Marke in immer wachsendem Maße die Tätigkeit der Vorstände und der!Mitglieder. Immer mehr Ver- Sammlungen sind ausschließlich״ der Palästinasache gewidmet, und die!Ideologie und Phraseologie, die in diesen Versammlungen und in der Presse verwendet werden, gleichen sich der entsprechenden zionistischen immer mehr an. So wird z. B. von der Arbeit in Erez Jisroel nicht mehr bescheiden als ׳von der Arbeit, sondern mit kühner Hyperbel als vom ״Aufbau“ gesprochen. Und damit auch nicht eine Farbe im Bilde fehle, wird mit recht dürftiger orthodoxer Retouche auch noch die hebraistische Forde- •rung der Zionisten dem ahnungslosen über liefe rungstreaen Publikum eingeflößt. So ist die ganze Orthodoxie — Misrachi, Agado und was es da ■sonst gibt — so sehr sie sonst in sich uneinig ist, heute wenigstens darin einig, daß sie nicht abseits von dem ״großen Geschehen“ ■stehen, gegenüber der ״weithistorischen Wende“ nicht gleichgültig bleiben dürfe. Abgesehen von einigen schwelgenden Kopfschüttlern, nirgends auch nur eine Spur von Vorsicht und Bedenken, von Verwunderung über das seltsame Treiben, in dem man sich so ungeheuerlich wichtig, so volkserlöserisch und fast raessiaszeitgenössiscli »nd obendrein ״j»ng“ wad moderu fühlt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.