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Jüdische Presse · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 216 JÜDISCHE PRESSE Nr. 35 Wir müssen das Lager räumen der Erfolg 4er letzten Jahre scheint durch die Entwicklung der jüngsten Vergangenheit stark gemindert worden zu sein. Der 15. Zionistenkongreß ist ein Krisenkongreß. Aber wir glauben, daß die Energie der Zionistenführer diese Krise überwinden wird. Wir hoffen dies, schon mit Rücksicht auf jene großen Scharen der arbeitsunlustigen Orthodoxen, die bei jeder Krisennachricht aus dem zionistischen Lager leicht aufatmen, vollkommen in den amorphen Zustand eines tatenlosen Daseins zurücksinken würden, falls Herr Jizchak Grünbautn recht behielte mit seiner Prophezeiung: ״Die zionistische Organisation steht vor dem Absterben.“ P. VOM TAGE Eine neue Gefahr. Vorkriegszeit und Nachkriegszeit standen und stehen unter dem Zeichen der Meinung, daß es keine Dinge zwischen Himmel und Erde gäbe, von denen sich die Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Ideale, wenn das Wort überhaupt hier am Platze ist, liegen im Zentrum. Merkwürdigerweise — das Gesetz dieses Zusammenhanges ist noch nicht gefunden — bieten solche Zeitläufte den Nährboden für solche Ideen, die zum Abstrakten führen. . Nur müssen;solche Ideen neu sein oder zum mindesten sich in das Gewand des Neuen drapieren. Solche Perioden bedeuten eine Epoche von Religionsstiftungen. Damit ist durchaus nicht gesagt, daß wirklich eine neue Religion, ein wirklich neuer Weg für die Beziehung zum Ue'bersinnliehen vorgeschlagen wird; vielmehr verhält sich die Sache so, daß aus der bereits vorhandenen Religion irgend ein Gedanke, irgend eine Hoffnung entnommen und besonders betont wird. Dieser Gedanke, diese Hoffnung stellt immer das Extrem der Anschauung und Gemütsverfassung der jeweiligen Zeitgenossen dar. In diesem Gegensatz lag und liegt das Geheimnis der Anziehungskraft solcher Religionsstiftunge, auch dann, wenn sie politisch orientiert sind. Deshalb steht zu befürchten, wir sagen es ganz offen, daß auch ein gut Teil der europäischen Judenheit zu Adepten von Annie!Besaut und von dem von ihr chaperonierten ״Welteirlöser“ ׳Krishnamurtii zu werden droht. Annie Besaut und Krishnamurti ״verheißen“ alles, wonach die Menschheit im großen und ganzen sich sehnt, sehnt trotz rauschender Orgien betäubender Freuden. Annie Besant und Krishnamurti kommen auch dem Bedürfnis der Alltagsmenschen entgegen, indem •sie die Verheißungen in einem lebenden Menschen (dem sogenannten Welterlöser Krishnamurti) als bereits erfüllt darstellt. Wie gesagt, cs steht zu befürchten, daß speziell die jüdische Jugend, der man die echt jüdischen Ideale geraubt hat, in die man einen Gegenwartstraum rein materieller Art hineingepeitscht hat, sich in Massen zu Annie־ Besant wendet, namentlich die weibliche. Eine Statistik dürfte leicht ergeben, daß fast alle Zuhörer und Zuihörerinnen der Vorträge •jüdischen 1Blutes sind. •Das mag vielleicht zunächst aus Neugierde geschehen, aber wie nun einmal das jüdische Gemüt;ist, wird, namentlich da Zeitungsnrtikel genügend dafür gesorgt haben, daß man AnnfeBesant gesehen und gehört ״haben muß“, alsbald sich der Versuch eines tieferen Eindringens, wenn nicht gar eines Sichanschließens herausstellten. Da ׳ist es ׳nun Pflicht aller Organe, darauf aufmerksam zu machen, daß die wirklich beglückenden und befriedigenden Gedanken, welche in der Anschauungswelt Annie Besants zum Ausdruck kommen, klarer und deutlicher in unserem Schrifttum dargestellt sind. Es ist eben so, wie wir eingangs erwähnt haben, daß die ganze theosophische Schule aus der geoffenbarten Religion das entnommen hat, was den ernsten Beziehungen zwischen Mensch und Mensch den reinen Weg weist, daß Wir müssen das Lager räumen Seidenstoffe: SeidenfoulardB, herrliche Dessins . . . 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Jeder, dem eine ׳jüdische Seele zur Wartung und Pflege anvertraut ist, achte darauf, daß nicht wieder eimal soundsovie'le jüdische Seelen uns entrissen werden, um in dunklen, verschwommenen und nebelhaften Erscheinungen zu verschwinden! P. K. Unentwegt dieselben! Während des Kongresses bestand ich ,auch einen׳ geheimen Kampf ■mit den!Rabbinern von der schwärzesten Couleur, die gekommen waren, >um sich der Bewegung anzusohließen. Sie wollten!Zugeständnisse, die ich verweigerte. Ich fühlte, daß sie sich verloren geben ׳und ׳noch •aus ihrer Niederlage ׳heraussohlagen wollten, was möglich ist. Als ,ich ihnen keine Konzessionen .machte, gingen ■sie ohne ׳solche mit. (Herzls Tagebücher, Bd. II, S. 105.) Rabbi Melr Berlin übt scharfe Kritik an der Leitung der Bewegung. (J. T. ,A.)!In einem!Gespräch!mit dem J. T. A.-Vertreter gab der Präsident ׳des ׳Misrachi, Rabbi Meir :Berlin, seiner Meinung über ,die jetzige Krisis i׳m Zionismus in den folgenden Ausführungen Ausdruck: Oie Krisis ist nicht , zu .!Ende, ,im Gegenteil, wir stehen vor einer 'rieuen,־ noch .schwereren’ Krisis■, die nicht in ,der eigemtlichen PalästinanArbeit, •sondern in der ׳allgemeinen ׳zionistischen Lage!ihren Ausgangspunkt hat. Die zionistische Führung bat sich in den letzten Jahren immer,!mehr von den jüdischen Massen entfernt. Der iHauptmotor in der inneren: Politik des Zionismus war Dr. Weizmann, kein Mitglied ׳der Exekutive vermochte es, ׳sich!neben ihm. durchzusetzen. Dr. Weizmann erwartete die Erfüllung seiner 'Hoffnungen von Kreisen, die!außerhalb!des Zio.nis- ׳mws ׳stehen: von amerikanischen ,Millionären. So mußte die Idee der Erweiterung!der Jewish Agency zu einer Ein- Schrumpfung der zionistischen׳ Bewegung ■führen. Ich ■für ׳mein Teil glaube nicht an eine radikale Aenderung zum Guten in Verbindung mit dem kommenden Kongreß. Ich glaube vielmehr, daß das verkürzte Budget!zur Einstellung wichtiger Arbeiten in Palästina führen wird; •aber man wird iiieht einmal das verminderte Budget aufbringen kön- •nen. Neue Arbeitslosigkeit, neue Schwächung der Organisation ׳wird die Folge sein. Der ׳Misrac-hi, fuhr ׳Rabbi Meir Berlin fort, hat schon •v9r J.ahreii seine Warnende Stimme erhoben ■und erklärt, daß der Zionismus nur dann ,leben, sich entwickeln und ■ver-W.I׳rKalcht werden .fcarni, wenn ׳die Organisation und die Palästina-Arbeit vom Geiste der Jüdischkeit und Volkstumiichkeit beherrscht sein wird. Die Revisionisten haben!in ihrer allgemeinen Kritik!in einem ,gewissen Maße recht, besonders aber in ihrer Kritik an der Exekutive und dem Präsidenten ׳der Organisation, der immer -wieder erklärt, daß!England seinen Verpflichtungen nachgekommen ist!und daß — wenn es auch •anders wäre — wir kein ׳Recht ,und keine ׳Macht haben,!mehr zu verlangen. Was!aber das positive Programm der Revisionisten betrifft, so!berücksichtigt dieses nicht genug ,die Forderung auf Erneuerung!der zionistischen :Bewegung; dies -ist mit die!Ursache ihrer 1Niederlage ,bei den Korigreßwahlen. 140 jüdische Lehrer In Palästina gekündigt. ln denl letzten Tagen ..erhielten HO ׳jüdische!Lehrer an Palästina!von der zionistischen' Leitung die offizielle Mitteilung,!daß infolge von Budgetschwierigkeiten vorläufig von einer ׳Erneuerung des Dienstvertrages für das kommende Schuljahr abgesehen werden müsse. Durch diese Verfügung bleiben HO Lehrerfamilien׳, etwa 700 Seelen, ohne Einkommen. Die betroffenen Lehrer erhalten! mit Berufun-g •auf das Lehrergesetz, wonach Lehrpersonen; die weniger als drei Jahre hindurch Dienst ׳gemacht haben, ohne jede Entschädigung entlassen werden können, keinerlei Abfertigung. Damit wurde unmittelbar vor der Eröffnung des 15. Zionistenkongresses das ganze schwierige Erziehungs- Problem in Palästina!in seiner ganzen' Brutalität aufgerollt. Die brotlos gewordenen Lehrer wandten sieh in ihrer Ver- Sammlung mit scharfer Kritik gegen die bisher geübte Schulpolitik der!Zionistischen Exekutive. Es wurde die Forderung gestellt, daß ׳das Schulproblem ,auf dem ,׳Baseler Kongreß eine ,der Wichtigkeit ׳der ■Frage für den Aufbau in Palästina entsprechende Behandlung ־und!Lösung finde. i« *dg *4 Sm V»»«« •"יי*׳•* **ufTiHnnrinii*•*? ‘ י IK'JvjUi ioslicbt Hi Seit vielen Jahren das anerkannt beste נשמודליבט Man achte auf die ges. gesch. Marke ״Hygien. Königslicht“ u.Name Schulz. Fabrik und Bureau: XIV., Braunhirschengasse 3 Rabbi Jecheskel Landau. (1713—1793.) VI. Der Tod des Rabbi Eybenschütz, dessen Wechselvolle Lebensschicksale .ihn ,so lange Zeit zum Gegenstand des allgemeinen gespanntesten Interesses gemacht hatten, war ein .sensationelles Ereignis für die ganze Judenheit. Aber vielleicht nirgends erweckte der!Heimgang des berühmten Mannes so große und tiefgehende Teilnahme wie in Prag, wo Rabbi Jonathan durch seine Persönlichkeit ׳eine außerordentliche Popularität errungen batte und wo die größten Talmudisten wie ׳Rabbi ■Sarach Endlitz, Rabbi Meir Fippel — seine einstmaligen.Amtskollegen — und noch viele andere neben der!Bewunderung für die geistige Bedeutung des großen Gelehrten auch von den Gefühlen persöniieher Freundschaft für den Verblichenen geleitet waren. Wie in ■den meisten großen Gemeinden wurden daher auch in Prag bald zu Ehren Rabbi Jonathans die üblichen Trauerfeiern v-eranstaltet. Aber nicht der Prager Oberräbbiner Rabbi Jecheskel Landau war es, der sich als erster beilte, dem Verblichenen einen Nachruf zu widmen. Die erste Trauerrede hielt ihm Rabbi Sarach Eidlitz während der zehn Bußtage in der Pinkassynagoge. Als einstiger Schüler Rabbi Jonathans, der ihm mit väterlicher Liebe zugetan gewesen, hatte sich Rabbi Sarach um die Ehre beworben, seinen gefeierten Meister ehestens die Trauerrede zu halten, •in welcher er in beredten, die Zuhör-er zu Tränen rührenden Worten seinen persönlichen Schmerz und der Verehrung für die Geistesgröße und die Frömmigkeit Rabbi Jonathans Ausdruck verlieh. Nun wartete man in Prag natürlich mit erhöhtem Interesse auf die Trauerrede!Rabbi Jecheskel Landaus. In Prag war es üblich, daß der Synagogendiener durch lautes Ausrufen in der Gasse die bevorstehende Trauerrede des Oberrabbiners ankündigte. Aber die Ungeduld, mit der man in der Gemeinde diesem ״Hesped“ entgegensah, wurde auf eine׳ schwere Probe gestellt, denn Rabbi Jecheskel Landau zögerte, den Schammes mit der Ankündigung der Trauerrede zu beauftragen. Der Gattin des Oberrabbiners, der Sorgfältigste Lieferung in plombierten Säcken von 1 Sack 50 kg angefangen franko Haus, ebenso in Fuhren und Waggons JULIUS HABER Kohlen- und Koksgroßhandlung Nordbahnrutschen 3. Kohlenhof Nr. 372-376 Wien, II., Taborstraße 9 Fernsprecher Nr. 41-0-22 durch alle weiblichen Tugenden und nicht am wenigsten durch Klugheit ausgezeichneten Libe — sie war die einzige Tochter aus einer der angesehensten Brodyer Familien — war es nicht entgangen, daß das ׳Zögern des Oberrabbiners, diesen ■Hesped zu halten, bereits Anstoß zu allerlei!Redereien, ja zu einer gewissen Verstimmung in der Gemeinde gebe. Rasch entschlossen brachte si׳e׳ die Ange- •legenheit ■durch einen kleinen;Handstreich in Ordnung. Sie ließ eines schönen Morgens den Schammes zu sich rufen und forderte ihn, wie dieser natürlich ohne weiteres annehmen durfte, im Aufträge des Oberrabbiners zu dieser Verlautbarung auf. Rabbi Jecheskel!Landau war nicht wenig überrascht, als e-r} ahnungslos bei seinen Folianten sitzend, die kräftige Stimme des Schammes vernahm, der auch vor ׳dem Rabbinerhaus laut ausrief: ״Heute abends wird der Raw Rabbi Jonathan Eybenschütz maspid sein.“ Bevor noch Rabbi Jecheskel sich von seiner Ueberraschung erholen konnte, hatte die kluge, zärtliche Gattin eine Verzeihung für ihren eigenmächtigen Schritt erbeten . und erhalten. Als Rabbi Jecheskel aber doch nicht umhin konnte, darüber zu ׳klagen, daß er jetzt auch gar keine Zeit •mehr habe, sich gehörig zu seiner Rede vorzubereiten, beruhigte ihn die Rebbezin mit der im Tone vollster Ueberzeugung gegebenen Versicherung, ,sie sei über diesen Punkt vollständig beruhigt; sie habe auch nicht den geringsten Zweifel darüber, daß er auch in den ihm noch zur Verfügung stehenden Stunden diese Aufgabe glänzend lösen werde. iRab.bi Jecheskel Landau hielt richtig am Abend desselben Tage,s die vom Schammes ebenso laut als offiziell angekündigte Trauerrede, mit der er zugleich ■einen Nachruf für den;kurz vprjier verblichenen alten Prager Rabbinatsassessor Rabbi Anschel Osers verband. Die Rebbezin hatte recht gehabt, mit B׳eruhigung der ■Rede entgegenzusehen. Rabbi Jecheskel Landau verstand es, mit der ihm eigenen Klugheit und maßhaltenden Besonnenheit die Bedeutung und die Größe Raibbi Jonathans zu feiern, ohne deshalb ein Verdammiingsurteil über den Urheber der gegen ihn erhobenen Verdächtigungen und Beschuldigungen zu fällen. Ganz •im Gedankengang der Rede Rabbis Sarach Eidlitz wies er darauf hin, daß auch der Angreifer nicht von unlauteren Motiven, sondern von eifervoller Frömmigkeit beseelt gewesen. Rabbi Jecheskel Landau hatte übrigens in dem!Nachruf, den er dem Toten widmete, nur den Standpunkt festgehalten, den er schon Jahre früher in dem berühmten Schreiben eingenommen, niit der er, frei von jeder Parteilichkeit, einst für die Ehrenrettung ■des Lebenden eingetreten war. Das ungemein herzliehe׳ Verhältnis, das sich zwischen Rabbi Jecheskel Landau und Rabbi Sarach Eidlitz gestaltet hatte, dürfte sicherlich auch dazu beigetragen haben, daß der Prager Oberrabbiner, durch ■die enthusiastische,!keinen Zweifel duldende Liebe und Verehrung, die dieser Schüler!Rabbi Jonathans für seinen Meister ■hegte, gleichfalls in seinem Glauben an diesen nur bestärkt wurde. Dafür zeugt auch der Umstand, daß Rabbi Jecheskel Landau sich später auch mit dem hingebendsten Eifer für die- Drucklegung des großen Eybenschützschen Werkes ״Urim Wetumim“ einsetzfre. In Prag hatte Rabbi Jonathan fast ■ausnahmslos die treuesten und begeistertsten Verehrer, von denen viele einst noch persönliche Zeugen seines ganz dem Heiligen zugewandten Lebens gewesen. Diesen Gefühlen entsprach auch der dritte Trauerredner, Rabbi Meir Fischei, ein früherer Amtsgenosse Rabbi Jonathans, der nach dem Oberrabbiner seinem Freund und Kollegen einen!Hesped hielt, in welchem er unter anderem sagte: ״In Rabbi Jonathan haben wir einen Mann verloren, der' in der Kenntnis des Nigleh dem Rambam, in der Kenntnis des Nistar dem Rabbi Isak ׳Luna gleichgestanden.“ , (Fortsetzung folgt.)

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