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Jüdische Presse · 1927-09-23 · 38 (23.9.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
38 (23.9.1927)
Date
1927-09-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE Nr. 38 Seite 234 Wir müssen das Lager räumen Zu Rosch-Haschono. Gemeinsam beten wir und gemeinsam hoffen wir;!deshalb gilt cs, eine gemeinsame Linie zu finden für Gedanken und Empfindungen, von denen diese Gebete und!Hoffnungen getragen sind. Denn es ist ja nicht zu ver- Hennen, da in jedem einzelnen jüdischen Metischen dieser Tag eine unabsehbare Reihe rein persönlicher Erinnerungen und Gefühle auslöst. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weiseti, daß gerade diese tage, die doch vor allem dazu bestimmt sind, Ehrfurcht zu erzeugen, (Jomim üauroim), dem Gemeinschaftsgefühl abträglich werden. Deshalb hat altjüdisches Gesetz und Sitte in Thoralind Prophetenwort uns den Weg zu zeigen, das Geheimnis z!11 deuten versucht, wie ein Einzelcrlebnis, sei es das glückliche •Lächeln der Mutter, sei cs die Größe des opferbereiten Vaters, sei es die Träne eines verlassenen, vereinsamten 1Mutterherzens, sei es die Opferhandlung des Priesters oder sei es endlich der!Dornenpfad des Propheten, zu der Höhe einer allgemeinen Bedeutung, eines für alle geltenden Wertes gehoben werden kann. Zu den Gebieten, für die uns diese Tage Ehrfurcht lehren sollen, gehört das!Leben. Es ist geradezu eine Symphonie der Lebensbejahung, die aus allen Gebeten wiederklingt, und, das ist eine Kontrastwirkung sondergleichen, wenn am Schluß der Haftarahreihe dieser Zeit uns ein Mensch, allerdings ein grosser!Mensch, ein Prophet gezeigt wird, dem das Loben nichts mehr bedeutet. Zweimal!verwünschte Jona sein Leben, das einemal, als das Ereignis der •Büßfertigkeit Ninives die Gnade des Allmächtigen erwirkte und dadurch der Anschein erweckt wurde, als ob des Propheten Verkündungswort auf Un- Wahrheit beruht hatte, das zweitemal als heißer Sonnenbratid den Strauch hatte verdorren lassen, •der Jona Schutz und Schatten gewährt hatte. In beiden Fällen wünschte er sich den Tod, beidemal sprach zu ihm der Allmächtige mit den milden Worten des erziehenden Vaters. ״Tut es dir sehr leid?“ Wer würde es leugnen, daß ein •Uebermaß des Leides, ein vollständiges Versagen' der Lebensbetätigung so manchem vielleicht die Ehrfurcht vor seinem Leben vergessen läßt, so daß er kampfesmiide, freudlos seinen Tod ersehnt. So seltsam ist das Innenweben von Herz und Seele, daß manchmal der brausende Strom des Leides, manchmal aber nur eine kleine Verdrießlichkeit geniigt, um sich seinem Leben zu versagen. So erhebt sich auch dieses Doippelerlebnis!des!Propheten Jona zii einer gewaltigen, allgemein gültigen Lehre, und knappe Stunden, 1bevor der jüdische Mensch aus der Schule der Ehrfurcht in den Wirbel •des Alltags tritt, wird er gezwungen, seine Stellung zum Leben an den Erfahrungen des Propheten!und — an!der Antwort des Allmächtigen zu messen. Solche Stunden treten aber nur dann ein, wenn man in dem Irrtum befangen ist, als ob die Gesetze •der Ewigkeit gleichbedeutend wären mit dem Gesetz, das Menschen, sterbliche, vergängliche Menschen, ihrem eigenen Dasein lind dem Leben der anderen gesetzt haben. Wir haben uns gewöhnt, alle unsere Beziehungen auf dem Grundsatz von Leistung und Gegenleistung ׳ aufzubauen und haben •eines vergessen: die bezwingende Macht der Liebe. Es ist •aber die höchste Bedeutung dieser Jomim nauroim, uns einmal klar vor Augen ,zu führen, wie die ganze Welt und wir selbst aussehen würden, wenn die!Ewigkeit dasselbe Gesetz walten ließe wie die sterblichen Menschen, und wie andererseits die Welt und wir aussehen, weil die Ewigkeit über all diese Gesetze die Gnade und Liebe gestellt hat, und wenn wir deshalb glauben, daß unser Leben des Wertes enträt, weil wir verkannt werden, verkannt auch dann, wenn wir uns in den Dienst der hochsten Ideale gestellt haben oder weil körperliches und seelisches Leid!uns ttbermannt, so klingt immer wieder in!unser Öhr die Frage der!Ewigkeit: ״Weißt Du es nicht und tut es Dir leid, kann cs Dir leid tun, daß mein!Gesetz der Liebe und der Gnade allüberall obwaltet? Und wenn Du glaubst, daß gerade Dir sich •diese Liebe versagt, meinst Du nicht, daß e׳s deshalb geschehen ist, weil Du, gerade Du, dieses Gesetz der Liebe vergessen hast?“ In dieser Welt gibt es nichts Kleines und nichts Großes, gibt es nur die heiße Sehnsucht nach beglückender Liebe, und darum konnten einst •Führer des jüdischen Volkes der Gesamtheit Israels, die an diesem Tage weinte, belebend und beseeligend zurufen: ״Weinet ■nicht und zaget nicht, denn die Freude in dem Ewigen ist die Quelle Eures Daseins, und Euer Leben ist ein!Heiligtum!“ P. •K. Sorgfältigste Lieferung in plombierten Säcken von 1 Sack SO kg angefangen franko Haus, ebenso in Fuhren und Waggons 5* JULIUS HABER Kohlen- und Koksgroßhandlung Nordbahnrutschen 3. 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Fast täglich lesen wir in den Zeitungen Berichte über große Weltkatastrophen, grauenerregende Schilderungen von Massen- Überschwemmungen, die an Schrecken und Schaden einer Sintflut nahekommen; Beschreibungen von Erdbeben, bei denen unser Innerstes mächtig erzittert ״vor der wehklagenden Stimme der Tochtere meines Volkes“ aus dem •Heiligen •Lande. Epidemien und!Blut und Tränen fordernde Umsturzbewegungen in nie geahntem Ausmaß und nie gekannter Schärfe erlebten wir zum Teil mit und erlebten sie zum Teil noch •durch ■die in der Weltpresse darüber gelesenen farbenreichen Skizzierungen. Und vollends jetzt, da wir an der Grenzscheide des zur Neige gehenden und des am Horizonte äuftauchenden neuen Jahres alle jene!Erlebnisse vor unserem Geiste noch einmal Revue passieren lassen, da stehen wir wie festgebannt unter ihrem erschütternden Eindrücke, aus dem uns erst der unser Innerstes tief aufwühlende Schofarruf befreit, der uns über das Alltägliche und also auch über uns selbst emporhebend und wieder zur Selbstbesinnung, zur fruchtbringenden Selbsterkenntnis und zur Erkenntnis unserer Stellung und unseres Berufes •inmitten des Stürmens und Drängens im Leben bringt. Wir erkennen, durch den schmetternden Schofarton aus unseren Träumen aufgescheucht, die vergessene Wahrheit wieder, daß im Weltgeschehen große ■Zusammenhänge sind, indem sich alles nach strenger, ineinändergreifender Gesetzlichkeit ab■׳ wickelt. Um dies erfassen und verstehen zu können, müssen wir uns vertiefen, müssen Einkehr in uns selbst halten, uns bewußt werden, was wir Menschen wirklich sind und eigentlich sein sollen. Ein einziger tiefempfundener Blick empor zum Sternenhimmel lehrt uns gar bald, wenn wir ihn nur mit dem Auge des Königs David oder, mit dem des redegewaltigen Propheten Jeschajohus betrachten, das Gleichmaß und die Harmonie aller Tätigkeit des Weltalls erfassen, den Einklang der Lebenssymphonie alles Seins erkennen. ■ ׳*<! ln majestätisch, g-ttlicher Hoheit vollzieht jeder Weltkörper seinen •Lauf. Wie Sterngebilde und Nebelflecken im endlosen Raume, so vollzieht sich auch auf dem •Boden unserer Erde alles Sein nach ewigem götllichen Gesetz. Pflanzen ünd Tiefe nehmen teil an dem Kreislauf •des Unsterblichen Daseins und ein jedes erfüllt auf seinem Platze den Zweck, den die Harmonie des Ganzen verlangt, die sich in der Brust des fühlenden Menschen zu einem so herrlichen Gemälde gestaltet. Und ein Weltkörper, wie die kreisenden Sterne am Himmel, wie die 'duftenden Blumen, die Kinder der Sonne, auf Erden, ist auch der Mensoh. Auch sein Leben, mag es' uns noch so schwach und armselig dünken, knüpft doch unmittelbar an die Unendlichkeit an, auch er ist ein Teil des Ganzen, der nicht ungestraft sein Glied aus der unendlichen Kette des g-ttlichen Universums lösen darf. •Doch von allem, was lebt in Raum und Zeit, scheint gerade der Mensoh seinem eigenen, ihm, seinem ganzen Wesen angepaßten Gesetz zu widersprechen. ■Nicht in majestätischer Ruhe, sondern in aufgeregter Hast fließt sein Leben dahin, nicht im Gleichmaß, sondern in auflöslich scheinendem Irrgang. ■Die Harmonie, die den Kosmos so wohltuend durchklingt, in •der •Brust und im Leben des Menschen sohallt sie wie die zerrissene Saite einer Harfe, ein schriller Mißton in dem ■herrlichen Einklang g-ttlicher Schöpfung. •Allein ״G-tt schuf den Menschen gerade“, auch sein Leben sollte harmonisch ergänzend und vervollkommnend einklingen in den G-tt den Schöpfer und Ordner der Welt huldigenden Choral aller Atome, dem Menschen ging bloß auf seiner Irrfahrt auf dem Lebensmeere die Harmonie mit dem Unendlichen verloren. Der g-ttliche Funke, der seit Ewigkeit dem Menschen in •die Brust gelegt war, wurde von rein Materiellem erstickt. So das Leben der einzelnen Menschen,, so aber auch dasjenige ganzer Völker, und darum muß so oft das Blut in Strömen fließen, sowohl auf dem Felde der Ehre wie auch auf der Wallstatt der Schande, auf dem offenen Markte des Lebens nur so wie in den schattenverdunkelten Räumen der Privathäuser. Und mit dein Blute vermischt rinnen auch die Tränen dahin. Tausendfältig tönt der gellende Schmerzensschrei der Menschheit durch alle Lande und Zeiten, ein 'Klageton, den die g-ttgeschaffene Natur nicht kennt, den sie nicht verschuldet, nie gewollt und beabsichtigt hat. Wie ein unheilbringendes Wetter zog ein großer Irrtum durch die Geschichte der Menschheit. An die Stelle des g-ttlichen Gesetzes stellte der sich verg-ttlichende Mensch seinen schwachen und kindischen Willen. Er mißbrauchte seine ihm von G-tt gegebene Willensfreiheit und geriet in das Labyrinth der •Dunkelheit, eines Zustandes, in dem er trotz seiner hohen Kultur, trotz gigantischer Erfindungen keine Befriedigung, kein Heil und keine Glück- Seligkeit fand. Es war ein Abfall von G-tt und ein solcher Abfall konnte niemals einen Aufstieg bedeuten. Ein Abfall von G-tt ist gleichzeitig ein Riß in der Natur, ein Zwieshält ih der Eiüheit, ein Mißton in der Harmonie, eine Zerklüftung der Vollkommenheit, eine Entfremdung mit dem Ureigenen Wesen, eine Untergrabung des auf den Einklang des ganzen Universums aufgebauten Lebensglückcs und der Lebensfreude jedes Geschöpfes. Den Abfall von G-tt mußte darum die Menschheit stets büßen, seit die Welt bestellt. Im Gerassel der Fabriksräder und im Taumel des Vergnügens sind die Menschen verflacht, sie haben G-tt verloren und an seine Stelle den Mammon gesetzt. Durch das Hasten und Treiben nach Geld und Besitz wurden Haß und Neid immer größer, der Egoismus blüht in uneingeschränkter Pracht, er wurde sogar schon heilig gesprochen, die Grenzen zwischen Gut und Böse sind verwischt und Unzufriedenheit im Herzen und Nervosität im Hirne war die natürliche Folge auf diesem Wege des Abfallcs von G-tt. Das Suchen und Ringen der Menschheit nach Glück und Wohlergehen hat sie in falsche Bahnen gelenkt und trieb immer mehr dem Abgründe zu. Es fehlten eben die Mußestunden der inneren Einkehr in dem Abhaspeln des Lebens. Diese Mußestunden ringen wir unserem immer vorwärts drängenden Triebe aber beim Erklingen der Schofarschaltneien ab, die uns einen kleinen Stillstand gebieten im ewigen Drauflosstürmen und uns zur •Rcchenscliaftsablegung gebieterisch auffordern. •Wenn wir da das Fazit ziehen und die niederschmetternde Wahrnehmung machen, daß wir im Gaukelwahne eines gepriesenen Fortschrittes die Nüchternheit eines fluchbeladenen Rückschrittes erreicht haben, so werden wir wieder erkennen, daß unser Heil und Glück, unser Friede und unsere ■Zufriedenheit nicht in dem Nachjagen nach selbstgeschaffenen Zielen und Idolen liegt, sondern ausschließlich ״auf dem Wege des Lebens“, zu dessen Bezeichnung und Bewachung G-tt vor 5688 Jahren am allerersten iRosch-Kaschono seine Cherubim bestellte, .damit sie mit ״dem flammenden, sich wälzenden Schwerte“ der Leiden und Erschütterungen, der Nöte und der Katastrophen die betörte und ernüchterte Menschheit ■vom Wege des Abfalles wieder zurück ״auf den Weg zum Baume des Lebens“ bringe. Wie nach •jedem Gewitter ein versöhnender!Strahl der himmlischen Lichter die schwergeprüfte Er'de zu neuem Leben erweckt, so erstrahlt auch unter dem Eindruck der tief ins •jüdische Herz sich einbahrenden Scho'farklänge durch alle Finsternis und Unklarheit der gequälten Menschheit ein sonniger Strahl der Erlösung und der richtigen Erkenntnis und Bewertung allen Weltgeschehens in der Erkenntnis G-ttes und des wahren Menschenzweckes. Mögen die in der vibrierenden Schofarstimme nachzitternden Ewigkeitslehren der elementareu Ereignisse, von denen 1das scheidende Jahr so reich heimgesucht war, mit erfolgreicher Macht mahnen, das Gute im ,Menschen der G־ttheit näher zu •bringen, den Weg des Abfalles zu verlassen und den Weg zu ■G-tt zurück finden und zu Ende gehen zu lassen. Der ewige Geist G-ttes in der Natur rüttelt stark an der Menschheit, möge sie, dem Schofarr.ufe Geltung verschaffend, aus dem Schlafe erwachen und G-tt ihr Antlitz zukehren, damit endlich auch der geplagte, elende!Mensch sich harmonisch in die Harmonie des Weltalls einfüge und der Wohltaten der g-ttgesegneten Erde würdig werde, wie einst das. erste Menschenpaar vor der Störung der Gesamtharmonie im Paradiese auf Erden. , . . Morgendämmerung im amerikanischen Judentum. Raumgewinn der Orthodoxie. Von S h e r i ■f. Was wird sein mit ■dem amerikanischen Judentum?!Dieser verdorrte Zweig — wird er noch!je!auf-!blühen? Wunderbar, ■mit welchem Gleichmut!die •jüdische öffentliche Meinung über diese Frage hinweggleitet ״Nicht •jenseits ■des Meeres!ist sie“ (die Thora) — sagt ■man — und man •geht raihig!zur Tagesordnung über. ln ■der Wirklichkeit aber handelt es sich, hier jum vier iMilliöüen!jüdischer!Seelen, u!m!mehr :als ein Drittel der Gesamtiju'debheit, um vier •Millloneh, die frei sind •und iuingestört ihre Eigenart entfalten •könnten, •die reich sind, viel reicher, als ■ihre übrigen iGlaubensbrüder!zusammen. iWas könnten sie nicht schaffen ■mit ׳der Macht ihrer Freiheit •lind Reichtümer, welche Werke •und Jnstitutianen?! — und welch •Riesenverlust wäre es, sie ganzlieh zu verlieren! ... fene zwei ehernen Ketten, ■die die!kontinentalen Juden' •miteinander und mit ׳der Zukunft verfeinden, existieren dort nicht, und dieser!Mängel verursacht den •langsamen, aber sicheren Untergang. Erstens: ■der Staat ■kennt und •anerkennt keine Kul- Insg emein den. Will jemand, so schließt er sich einer ■Kongregatiön — wie man ■dort die Kultusgemeinden nennt — an, will er,!verläßt er sie. Beliebt es ihm, so zahlt ■er die Kailtussteuer, wo •nicht — nicht.!Kultussteuer eintreiben kann!man nicht. Hat!jemand Lust, so gründet er eine Kongregation!und wirbt ihr!Mitglieder, ist er wegen etwas unzufrieden (ünd wer;ist es nicht?),• ■so sprengt er •das Ganze.!Zwei Millionen Juden leben!in New-York, •größtenteils reich, viele ׳unter ihnen sind!Krösuse,!sollten die alle einer, :höchstens!zweien 'Kultusgemeinden •angehören׳, welch eine!gigantische, noch nie dagewesene Organisrtion wäre hier entstanden! שומז 7\ כשר (תחת השגחת הרב ר ישעי פורסט שיפשוהל) Erzeugt unter Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Jesaia Fürst (Adas Jisroel) U e b e r a 11 e r h ä 11U c h!

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