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Jüdische Presse · 1927-01-14 · 2 (14.1.1927) · page 7

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Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
2 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nf. 2 iüjpitictiLjggjEÜI jSjj||J9 rates“ und der ״Jüdischen Partei“, des politischen Deckmantels der Zionisten, als Allerweltsprotektor sich geriert, den Chercm zum Auftakt eines allgemeinen Kampfes der 2iö1iisten gegen das orthodoxe judentühi ■gestalten möchte und nicht wenig Lust zeigt, mit dein Schreckensgespenst des Cherem auch die Behörden in seinen kurzsichtigen Parteikampf gegen die Orthodoxie hineinzuziehen. In Wahrheit ist es durchaus nicht etwa aufrichtige Entrüstung über das ״finstere Mittelalter“, die unsere zionistischen iKiilthrproizen so eifrig auf die!Beine brachte, sondern die ersehnte Gelegenheit, ihre Denunzia- ־tionen gegen!die orthodoxe Z e n t r a 1 k a.n z^ 0 e j in Bratislava und gegen die Gesamtheit der orthodoxen Rabbiner in der Slowakei mit einer freilich .trügerischen Hoffnung auf Erfolg wieder Vorbringen zu können. Das beweisen• sie schon in der ersten Phase ihres so lärmend eingeleiteten neuen Kampfes dadurch, daß sie künstlich einen Zusammenhang zu konstruieren sich bemühen zwischen der Versammlung im Munkacser Tempel und den von den Zionisten je nach Bedarf bald als ״Cherem“ und bald als ,,!Issur“, geflissentlieh aber niemals richtig bezeichneten, allerdings sehr bedeutsamen Kundgebungen der slowakischen Orthodoxie über die geistigen und organisatorischen Beziehungert des thoratreuen Judentums und seiner Gemeinden zu den zionistischen ■Bestrebungen und den Institutionen׳, deren Förderung der Zionismus unter den gläubigen Juden ,propagiert. ■Schon der erste Bericht des ״Prager Tagblatt“ (vom 29. Dezember), das trotz seiner zahlreichen *jüdischen Leser, den! Zionisten in ihren Verleumduiigskarnpagnen gegen das historische, religiöse Judentum (sicherlich nicht aus Liebe zum Judentum), stets offen steht, mündet in 'folgenden Sätzen aus: ״Es hat sich hiemit in der tschechoslowakischen {Republik eine neue, gleichsam inoffizielle Behörde ge-!bildet, die über tschechoslowakische Bürger urteilt und sie in katastrophales Unglück stürzt.!Fragt man, wie es soweit kommen konnte, so muß man den Behörden (und zwar diesmal den offiziellen,• staatlichen Behörden) die Schuld geben. Der ״große Bann“ mit allen Ritualgebrauchen in der Synagoge ist zwar bisher in der Tschechoslowakei noch nie ausgesprochen worden, ja es gibt überhaupt nur ganz wenige historische Beispiele für ihn, z. B. den Bann gegen Spinoza. Und gegen eine ganze Gemeinschaft ist er überhaupt niemals in . Anwendung gekommen, sondern stets nur gegen Einzel- Personen. Aber gerade bei uns hat der Bann ein Vorspiel in dem religiösen Ve rb o t (Iss u r) gehabt, dessen sich die orthodoxe Zentral kanzlei in Bratislava 1923 gegen ihre politischen Gegner bedient hat und der heuer bei der von dieser Kanzlei einberufenen Landesversammlung bekräftigt worden ist. Unter stillschweigender Duldung der Behörden, die allen Protesten gegen diese Kulturschande taube Ohren boten. Dabei ist ein solches ״Verbot“ zwar ohne Feierlichkeit, besteht nur in einer Druckschrift mit ׳ Unterschriften der Rabbiner. Aber im Wesen kommt formloses ״Verbot“ und formeller ״Bann“ auf ■das selbe hinaus und bedroht den Exkommunizierten in allen seinen wirtschaftlichen Positionen.“ Wem die Tendenz dieser zionistischen Auslassung noch nicht klar genug ist, der lese den langen Artikel in der ״Selbstwehr“ vom 1. Jänner, worin eine ״autoritative Seite“ ihr ganzes zionistisches Herz ausschüttet. Wir können aus diesem Artikel hier nur einige Stellen zitieren: ״Die Machthaber der orthodoxen Zentralkanzlei in Bratislava dürfen für sich as Verdienst in Anspruch nehmen, als erste die rostigen Waffen herausgehoben zu haben. ״Mittelalter“ ist, was wir in der Slowakei erleben, worunter wir in der Slowakei seufszen... Freilich, die Herren in Bratislawa sind ״Diplomaten“, sie verkehren bei den höheren Behörden, sie sind oft gesehene Gäste in den Ministerien, besonders im Schulfninisterium, und da muß man als Kulturmensch erscheinen und das Dekorum wahren. Sie sind deshalb vorsichtig genug, ihren reaktionären Handlungen eine weniger verfängliche Form zu geben, ohne daß der Erfolg darunter leide. Im Jahre 1923 haben sie den berüchtigten Issur gegen Zionisten und Misrachisten herausgegeben. Ein Issur scheint dem Laien ein sehr unschuldiges Ding zu sein. Der Kundige weiß, daß dieses unschuldige Ding in seinen A u s w i rkungen einem kleinen Banne mit all seinen bösen Folgen gleichkommt. Im März dieses Jahres haben die Herren die Rabbiner zu einer Tagung nach Poprad einberufen. Dort sind den Versammelten zwei Resolutionen zur Annahme und Unterschrift vorgelegt worden, usw. ... Diese Resolutionen haben alle anwesenden Rabbiner unterschrieben, auch die dem Misrachi a n g e h ö r e n d e n (unseres Wissens gibt es in der Slowakei alles in allem einen einzigen misrachistischen Rabbiner, einen ganz jungen Menschen, und dieser war in Poprad nicht anwesend und ist auch unter der Kundgebung nicht unterschrieben. Red. d. ״J. P.“), weil sie fürchten mußten, daß sie selbst auf Grund dieser Be- Schlüsse um ihre Stellen, um ihr Brot kommen könnten. Die Folge dieser ״Poprader Beschlüsse“ ist eine heillose Verwirrung und Zerrüttung in den Gemeinden und besonders schwer wird es empfunden, daß man gegen dieses Treiben an keiner Stelle mit Erfolg e i n s c h r e i t c 11 kann. Ein großer Teil der slowakischen Juden hat die Empfindung, daß die Kanzleigewaltigen von Bratislava mit den Behörden ein frivoles Spiel treiben. Das ist eine Empfindung, wie sie nur in den Herzen von Menschen entstehen kann, die dem Schauplatze der Ereignisse ferne- . stehen und sich die Erscheinungen in ihrer Weise erklären. Tatsache aber ist, daß wirklich bisher niemals ein Protest gegen Beschlüsse oder Handlungen dieser Herren einen Erfolg brachte...“ Wir wissen jetzt also, weshalb den Zionisten der Lärm mit dem Cherem von Munkacs so willkommen ist. Sie wollen nichts anderes, als die strikte Ablehnung der zionistischen Ideologie und die Verweigerung jedweder Förderung der zionistischen religionswidrigen Institutionen f als eine Art **Cherem“ gegen ״politische Gegner“ denunzieren und die von der Poprarler Räbbinerversamnilung im Einklang mit der vorangegangenen Kosicer Versamm lung des Baale Öatim einhellig beschlossenen Schutzbestimm.ungen für den religiösen Chafakt e r der K u 11 u s g e m e i n d e n mit Hilfe der Behörderi zugunsten der zionistischen kultürreförmato:is:hen Nationalisierungsbestrebungen womöglich unwirksdm machen. Wie wenig sie dabei selbst vor den Skrupellosesten demagogischen Mitteln zurückschrecken, mag ein kurzes Zitat aus einem ״Der schwarze Terror“ überschriebenen lügenhaften und blasphemischen Artikel der ״Jüdischen V o 1 k s ze i t u n g“ vom 7. Jänner illustrieren: ״In Munkacevo arbeiten sie mit dem Cherem so wie sie vor kurzer Zeit ihr terroristisches Regiment in der Slowakei mit dem Issur aufzurichten versuchten, so wie sie in Bratislava mit brutalen Wahlschwindeleien Staatsbürger um die primitivsten Rechte ihrer Selbstbestimmung betrogen haben ■und wie sie eben jetzt wieder in Trend n-T eplice unter Gendarmerieassi׳stenz die klassische Wahl des Führers der Zentralkanzlei durchgeführt haben. Die Masse wird als Stimmvieh vergewaltigt, die ehrlichen Baale- Bathim terrorisiert und ■vor den Kopf gestoßen und der Oeffentlichkeit und den Behörden die lächerliche Komödie einer Wahl vorgespielt. Und dem ganzen Lande wieder ein politischer Abenteurer als Führer der höchsten religiösen Institutionen aufoktroyiert . . .“ So wagt das Organ einer Partei, die ihre Anhänger noch als Juden betrachtet wissen will, von der organisierten religiösen Gemeinschaft des Judentums und ihren gewählten-Führern zu schreiben, nur weil diese Gemeinschaft immer noch Lebenskraft genug besitzt, auf Grund der Bestimmungen ihrer religiösen Magna Charta selber darüber zu entscheiden, welche neuen Strömungen im ■Einklänge und welche im Widerspruch zu ihren Prinzipien stehen und weil bisher alle Versuche der Zionisten, eine Verfolgung der Orthodoxie durch die staatlichen Behörden heraufzubeschwören, an dem Liberalismus und dem nüchternen Urteil unserer Staatslenker so vollständig gescheitert sind Fragt man unsere Zionisten oder sucht man in den zionistischen Schriften nach dem W e ste n des Zionismus. so fällt die Antwort sehr verschieden aus. Einmal ist er eine weltpolitische, das anderemal eine soziale, das drittemal eine kolonisatorische, das viertemal eine 1 and es- und wahlpolitische, das fünftemal eine weltanschauliche, das sechstemal eine * k u 11 u r e 1 1 e, manchmal eine r e 1 i g׳i o n s r e f 0 r m atorische und schließlich auch (namentlich wenn man von nichtzionistischen ״GIaubens“-Genossen Spenden für zionistische Zwecke herauslocken will) eine rein philanthropische Bewegung unter den Abkömmlingen des ״hebräischen Stammes“. Den Zionisten kommt diese Vielfältigkeit, Buntscheckigkeit und Regenbogenfarbigkeit ihrer Organisation in der Agitation sehr zu statten und es ist einer ihrer Tricks, auch ihren Gegnern immer eine andere Tendenz ihrer Partei v.orzuhalten, .wenn der einen wirksam abgewehrt wird. Das orthodoxe Judentum i n der Slowakei lehnt in Uebereinstimmung mit den maßgebenden religiösen Autoritäten aller Länder den Zionismus vom Standpunkte , der Religion und der religiösen jüdischen Kultur (ganz abgesehen von anderen Gründen, die noch dazu kommen) als Abfallbewegung entschieden ab. Diese Ablehnung haben die Rabbiner des! Landes, denen in den Fragen der jüdischen Religion selbstverständlich das Recht der Entscheidung zusteht, in verschiedenen Kundgebungen deutlich und klar zum Ausdruck gebracht. So wurde im Jahre 1923 die ״Warnung“ der religiösen ,Autoritäten vom Jahre 1904 gegen den Zionismus als 0נועה קולטורית (Kulturbewegung) aufs neue in Erinnerung gebracht und ■die Unvereinbarkeit des r ab bini ■ sehen Berufes oder eines religiösen Amtes mit der gleichzeitigen Zugehörigkeit zu einer religiösen Abfalls beweg ung ausgesprochen. Die Resolutionen der Paprader Rabbinerversammlung vom vorigen Jahre über die Gegensätzlichkeit zwischen religiöser Thoratreue •und zionistischer Ideologie und über die Unabänderlichkeit des religiös-traditionellen Charakters der Kultusgemeinden sind noch gut im Gedächtnis. Den Zionisten sind solch klare Entscheidungen natürlich wider den Strich. Das kann aber an der Feststellung von Tatsachen nicht das geringste ändern. Daß die Stellungnahme ■der slowakischen Orthodoxie vom Standpunkte der religiösen Wahrhaftigkeit die einzig richtige ist, wird jetzt von einer Seite bekräftigt, die wohl kein Kenner der Verhältnisse als fanatisch oder übertrieben orthodox bezeichnen wird. Der bedachtsame und gelehrte Professor am Berliner Rabbinerseminar (also an einer Anstalt,' die selbst in ihrem Dozentenkollegium Zionisten tolleriert!) Dr. Josef Wollige muth macht in der von ihm herausgegebenen wissenschaftlichen Monatsschrift ״Jeschurun“ (Jahrgang XIII, Heft 7-3, Seite 419)' folgende wichtige und für die Beurteilung des ■׳ ׳ üonalisli'c!! ׳. Zionismus vom Gesichtspunkte der Religion bedeutsame Feststellung: ״So sehr in praxi die nationaljüdische Bewegung vielfach •dem thoratreuen Judentum sich zu nähern sucht, so sehr bedeutet sie ln ihrer Theorie durch die Eliminierung des religiösen als konstituierenden Faktors des Judentums in ihren Grundprinzipien einen Abfall von der Lebens- und Weltanschauung des thoratreuen Judentums, wie ihn keine Sektenbildung und Reföftitoe^dguiig jehläls id der Geschichte des Judentums gezeitigt hat. Das ist so oft schon gesagt imd auch in diesen Blättern so eindringlich und wie mir Scheint, feiitleüchtend ausgeführt Worden, aäÖ Sich jedes weitere Wort erübrigt.“ ,Mau sieht, das ist ■fast ,wörtlich die Formulierung des Verhältnisses des thoratreuen Judentums zum Zionismus, die wir in dieser Zeitung urizähligemal gebraucht haben zürn Aerger der Propagätöreri des Zionismus und zur Veriegenheit äller ב 1 ע י ם!£ die es am liebsten alteh recht machen möchten und infolgedessen klaren Feststellungen aus dem Wege zu gehen suchen. Die orthodoxen Rabbiner in ■der Slowakei haben dasselbe föstgesteilt wie Dr. Wohtgehtuth. Hat diese Feststellung irgendwelche Bewandtnis mit einem Cherem? Organisierte religiöse Gemeinschaften, wie die Orgahisation der orthodox-jüdischen Konfession in der Slowakei und ihre Rabbinerversarnmlung, sind allerdings nicht Akademien für Wissenschaft und Kunst, die sich mit der Formulierung von ״Theorien“ begnügen dürfen. Ihr Verantwortungsgefühl und die schwere Sorge um die Auswirkung günstiger oder schädlicher Einflüsse auf das Leiben gebieten ihnen, den Gemeinden und den orthodox-traditionstreuen Gemeindemitgliedern klare Weisungen zu geben, die aus den theoretischen Erkenntnissen abzuleiten sind. Das tat die slowakische Orthodoxie. Deshalb der blinde Haß und der grimmige Zorn der Zionisten und deshalb greifen sie zu dem unsaubersten aller Abwehrmittel, zur Denunziation. Civis Judaeus. (Schluß folgt.) Zum Wochenabschnitt. שבת שירה. Die einzig in ihrer Art in der Welt dastehende Erlösung aus Sklaverei war in Aegypten erfolgt, eine Revolution, wie sie bis dahin und seitdem sich nicht wieder ereignet hat. Es war eine Revolution eigener Art. Die Aufständischen selbst waren nichts weniger als Empörer: im Gegenteil, sie mußten dazu angetrieben werden, das Joch von sich zu schütteln. Denn als die Zeit der Befreiung gekommen war, da hatte Israel nicht einmal Zeit, Wegzehrung mitzunehmen und als ungesäuerte Brote trugen sie ihren Teig auf der Schulter, weil ihnen nicht Zeit gelassen war, das Brot ■noch fertig zu backen. Aber mitten in ■ihrem Glück hatten sie der Väter Vermächtnis nicht vergessen. Trotz der in größter Eile vorgenommenen Reisevorbereitungen fand ihr Führer immer noch Zeit, die sterblichen Uebereste des Urahns mit hinaus zu!nehmen, um ihn, da sie wieder .in der Väter Erbland zurfickkehren durften, in heimatlicher Erde zu begraben und nicht in der Fremde vereinsamt zurückzulassen. Welche Gesinnung von tiefer Pietät, welch’ hohes Verständnis für Tradition und Geschlecht tut sich in dieser einfachen Handlungsweise kund! Da zeigt sich zum ersten Male: dieses Volk sollte aus anderem •Holz geschnitzt werden als die Völker. Fürwahr, hartnäckig sollte es werden, im Guten wie im Bösen. Das zeigte sich gleich nach all dem Wunderbaren, das es noch erleben sollte. Ganz offensichtlich war mit ihm sein G-tt im Bunde. Aegypten selbst mußte es anerkennen, als es seinem Untergang entgegenfloh: So sprach MIzrajim: Ich muß fliehen vor Israel, denn sein G-tt selbst kämpft mit ihm gegen Aegypten. Plötzlich frei, des Bedrängers ledig, der vor Israels eigenen Augen den Tod gefunden, hätte dieses Volk doch nunmehr dankerfüllt zu seinem neuen-alten Herrn, dem G-tt seiner Väter, ■sich freudig unterordnen können, um so eher, als dessen Dienst im Vergleich zu dem soeben quittierten keine. Frohne, nicht ■mehr Dienst, sondern eine freie, das eigene Leben beglückende und vertiefende und sich selbst bereitete Freude war. Aber weder die Errettung aus der ägyptisehen Schmach noch der Untergang der feindlichen Streitmacht im Meer konnte dem Volk die Augen öffnen. Kaum war der Wettgesang, dieesr g-ttinnige Heldensang, verklungen, da heißt es: ״Da murrte ,das Volk wider Moses“, weil nicht gleich Süßwasser gefunden wurde, und sie sprachen: ״Um wieviel köstlicher waren die Fleischtöpfe Aegyptens als der Hungertod in dieser Einöde!“ So kleinlaut, so verzagt war das Geschlecht, das da alle die Wunder in Aegypten und am Meer geschaut, und diese waren noch — wie unsere alten Weisen sinnig bemerken — ■um ein Fünffaches eindrucksvoller als jene! Und was tut ■G-tt? Strafte er dieses Volk ,nicht für seinen Unglauben, seine Würdelosigkeit, seine Undankbarkeit, mit der es seinen Schöpfer jeden Tag von neuem kränkte? 0 nein! Er wußte, daß der Mensch es nicht verträgt, wenn er plötzlich von Nacht zum Licht, aus tiefer Finsternis in blühende Helle geführt wird. Was aber tat er? Er verlieh ihm einen Prüfstein, an dem er selbst ermessen konnte, wie weit es der Wohltaten seines himmlischen Vaters würdig war und ob es ihrer entraten konnte: er gab ihnen den Sabbat. Alle ihre Wünsche erfüllte er ihnen. Das köstliche Mannah, das als; reine Himmelspeise auch dem Ungläubigsten unter ihnen, ohne Unterschied der Würdigkeit, gereicht wurde — es fiel nicht am Sabbat. Einen Tag der Woche sollte jeder über alles das, was er erlebt, nachdenken. Die Zeit des Schreckens vor dem Feind und die Zeit des Wanderns und der Mühen ließ keine Muße, sich ganz allen den Erlebnissen hinzugeben, welche Israel widerfahren. Aber der. Sabbat, an welchem die Sorge ums tägliche Brot ausblieb, an welchem Israel sich allein überlassen blieb, ohne die sichtbare Nähe der g-ttlichen Nahrungsspende, er sollte ein Denkmal werden für ewige Zeiten, ertöten sollte er alle Sorgen und trübe Gedanken an Erdenlasten und -Mühen, und Sinnbild zugleich sein für G-ttes Nähe, die immerdar zu spüren ist, selbst wenn sie nicht von neuem ■das tägliche Brot jedem unter uns zuteilt; selbst wenn sie schon tags vorher unser Teil mit Maß uns zumißt und es an uns ist, voll Vertrauen auf die ewige, g-ttliche Hilfe, Nahrungssorgen und Tagesmühen zu vergessen und uns der Weihe und dem Gedanken der Sabbatruhe hinzugeben. Und ist’s heut anders geworden? Wer von uns könnte sagen, daß er des g-ttlichen Schutzes und seiner Hilfe nicht mehr ■bedarf und den Sabbat, jenes sichtbarunsichtbare Zeichen der g-ttlichen Vorsehung, missen könnte! Dr. Wilhelm Freyhan.

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