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Jüdische Presse · 1926-07-16 · 29 (16.7.1926) · p. Seite 210

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Journal
Jüdische Presse
Volume
12 (1926)
Issue
29 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
Seite 210 (sequence 4)
Language
German
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Seite 210 JÜDISCHE PRESSE Nr. 29 ••sniatotrassto•»■•! cs lm echo§l o ־w sa, k ® 5. Neue Wahnvorstellungen des ״Völkischen Beobachters“. Die antisemitisch-nationalistische Hetze in Deutsch- ,land scheint in eine neue ,Phase ihrer Entwicklung eingetreten zu ,sein. Nach der jahrelang betriebenen Aufpeitschung der nationalen Instinkte in sehr breiten Schichten des deutschen Volkes glauben nun die journalistischen Vertreter der ״völkischen“ Bestrebungen, das deutsche Volk sei tief genug gesunken, um ihm das alte und, •wie es aussieht, ewig neue Märchen vom ״jüdischen Ritualmord“ auftischcn zu können. Wir bedauern .vom tiefsten ׳Herzen das deutsche Volk wegen dieser Einschätzung seines geistigen und moralischen Zustandes■ durch Preßorgane, die sich ihm anheiten. Wir hätten aber keine Verenlassung, uns an dieser Stelle mit ■der niederträchtigen Verlogenheit der deutschen Antisemiten zu beschäftigen, wenn wir nicht die Wahrnehmung machten, daß die antisemitischen Zeitungen, zum Schauplatz ihrer erdichteten Ritual- .morde gerade Orte׳ aussuchen, die auf dem Gebiete unserer Republik liegen. Noch haben wir keinen Grund, anzunehmen, daß die neue Hetze mit dem Märchen des Ritualmordes von hier ausgeht. Wir vermuten vielmehr, daß die Urheber- Schaft ausschließlich den Redaktionen jener völkischen Zeitungen ,gebührt. Der Antisemitismus ist jedoch eine historische Voikskrankheit, die־ überall seuchenartig auftreten kann, wenn ihre Erreger nicht rechtzeitig vernichtet werden. Wir lenken deshalb die Aufmerksamkeit aller zuständigen Behörden auf eine Meldung, die in dem in München erscheinenden ״Völkischen!Beobachter“ vom 26.״ Juni ׳d. •J. mit der ■U eberschritt ״iE in ■An wachsen j'ü d is׳ch e r R i tu a 1 •m 0 r d e?“ veröffentlicht war. Im Interesse der Wahrheit und des Friedens unter den Einwohnern unseres Landes erscheint es geboten, daß •von seiten der Behörden schleunigst alle Maßnahmen getroffen werden, um den Wahrheitsgehalt in diesen antisemitischen Zeitungsnachrichten auf das genaueste ■festzustelle1K;und ־.die: näheren Umstände ■jener Kindermorde — wenn solche üb e r h a u p t .vorgefallen, sind, was ja an und für sich im Bereiche der Möglichkeit ist — der Oeffentlichkeit bekanntzugeben. Ebenso wie. wir unsere Republik ״ von der Seuche des Antisemitismus frei zu wissen ׳wünschen, ist. es ein selbstverständliches ööbo.f ■ d'C'r ■'Menschlichkeit, dafür zu sorgen, daß wahre oder erfundene Vorfälle in der' Tschechoslowakei, auch den Antisemiten ׳anderer Länder nicht die Unterlage für ihre; frevelhafte Volksvergiftimg verschaffen. Die ,Nachricht ■des ״Völkischen Beobachters“ lautet folgendermaßen: "׳־ ״ :Im . Zusammenhang mit dem Kindemord von Breslau יי gewinnt folgende •Meldung an Bedeutung, hei der ׳ es , sich . wahr soherinniBc h •um jiid'iiische . . Rlt.11 a 1 m 01־ d e .handeilt: ' .;:׳ ־. Ans •der T s a 11 e c 110 s 10 w־ake!> treffen Nach- .richten über grauenvolle Lustmorde (?) an kleinen Mädchen ein. ׳ die d:iie ganze dortige Bevölkerung lin Schrecken versetzt haben. In Miskolcz wurde das dreijährige Töchter dien des Staatsbalmiinspektors Tarjan von einem Wüstling an״efal׳len, durdli Messerstiche •in den Hals getötet ׳und zerstiickeilt. Der Kreisarzt stellte־ fest; daß der Mörder vorher das Blut airs der Wunde gesogen ha׳tte. Die Nachforschungen ergaben, daß auch in Epe r- . j >e s. K a s c 11 a •u und L 0 s 0 n c z einige iKindermord? ■unter ganz ähnlichen Begleitumständen verübt worden sind. So wurde in Eperj.es die Leiche des vierjährigen Töchterdhens eilnes!dortigen Finanz-!beamten, bis zur Unkennblidikeit verstümmelt, ׳in einer Felshöhle aufgefunden. Auch in ׳diesem Falle wurde dem Opfer vorher das •B11111 ausgesogen. In Kascha 11 ,fiel ׳dem Mörder -ein fünfjähriges Mädchen, Tochter eines dortigen Kaufmanns, zum Opfer. Da auch an der Kindesleiche, die!in Losoncz laufgefunden wurde, Spuren der Zähne des Täters fcstgesteillt wer- ■den konnten׳, muß es sich hier um ein und dieselbe Person, eine ׳Bestie in Menschengestalt handeln. Die Gendarmerie des ganzen Bezirkes fahndet nach dem Täter. ׳D ie Vornahme des Bilu tiabzli'ehens!entsprächt jüdischem Ritus und weist daraufhin, wo der Verbrecher zu suchen ■!:■st . .•. “ ׳Es bedarf keiner Erwähnung, ׳daß. die Macher des ״Völkischen Beobachters“ und ähnlicher antisemitischer Zeitungen selber an den jüdischen Ritualmord oder an einen jüdischen Ritus der ,/Blutentziehung“ nicht im entferntesten glauben. In einem Staate, an dessen Spitze ein M a s a r y k steht, ist ■es jedenfalls nicht wahrscheinlich, daß die fluchwürdige ׳Ritualmordhetze, die sich vor Jahrzehnten an den Polnaer Mor dp r 0 ze ß anschloß, unter den Augen der 'Behörden eine Auferstehung feiern könnte. Wenn aber die tschechoslowakische Republik aus jenem Prozeß und ähnlichen Prozessen! in anderen Ländern in! Geiste Masaryks die richtigen Lehren ziehen will, so muß sie dafür Sorge tragen, daß auch der geringste Keim dieser antisemitischen Schmach ■in den ersten Anfängen vertilgt wird und Meldungen von der Art, wie Sie das Münchener antisemitische Blatt verbreitet, nicht gleichgültig aufgenommen werden. Jacob Joel Braun. Teirphon 47-1-79 Unerreicht billige Kaufgelegenheit! 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In dem Kommentar שערי חיים zu. ס' תהלים von Rabbi Cliajiim Sofer זי״ע wird im Namen des חתם סופר זצ״ל eine Erklärung dieser Verschiedenheit wiedcrgegebeti, die im Leserkreise dieser Zeitung besonderem Interesse begegnen dürfte. Der חח״ס — so berietet einer seiner ältesten׳ Schüler — deutete die Verse אם אשכחך ירושלם תשכח ימיני. תדבק לשוני לחכו אם לא אזכרכי אם לא אעלה את ירושלם על ראש שמחתי. (Wenn ich dein vergesse, Jerusalem vergesse meine Rechte. Es klebe mii.r die Zunge ׳am Gaumen, wenn!ich dein nicht gedenke, ׳wenn ich Jerusalem ■nicht über den Gipfel meiner Freude erhebe. Ps. 138 V. 5, 6.) ,in folgendem Sinne: Wenn Freunde sich für längere Zeit von einander trennen, so tanscihen sie Porträts aus, die 'n der Regel ■mit eigenhändigr Unterschrift versehen sind. Mittels dieser Bilder wollen sich die Freunde gegenseitig in Erinnerung behalten. Der Anblick des Porträts wird stets den einen davor bewahren, de:. ׳ anderen aus dem Gedächtnis zu verlieren und am Ende gämzlieh zu vergessen. Eine ganz andere Bestimmung hat jedoch das Bild, wo die Verbundenheit der beiden Freunde so innig und so stark ist, daß die Geifahr, ln Vergessenheit zu geraten, ausgeschlossen ist, wie etwa im Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Betrachtet etwa die Mutter das Bild ihres Sohnes ■und vice versa der Sohn das seiner Mutter, wenn sie fern von einander weilen, um ihr Gedächtnis mit Hilfe des Porträts aufaufrisohen״?׳Kanin sine Mutter ihr Kind vergessen?“ Oder bedarf der Sohn des Bildes seiner Mutter, um sie nicht zu vergessen? In diesem Falle dient das BiM zur Linderung des Schmerzes iiiber die Trennung. Beim Anblick des Bildes wird die ieniwi-lende Person in der Vorstellung des Betrachters vergegenwärtig!, als ob sie .in Wirklichkeit vor ihm stiinde, und diese Illusion birgt für Momente einen wohltuenden Trost in sich. Können wir, einfache Juden des Alltags — so fragt der חתם סופר —, von uns behaupten, daß unsere Verknüpft-' heit mit dem Heiligen Lande, mit de!m zerstörten Heiligtum so. anhaltend ist, daß wir des, Bildes der Verwüstung und Verödung nicht bedürfen, um ihrer an diesem Trauersahbath■ nicht zu vergessen? Van einem Manne, wie der ר״י הקדוש es war, kann dies vorausgesetzt werden. E r hatte den Verlust des Heiligtums ununterbrochen in Erinnerung: d׳e Trauer um den Sturz Israels wich niemals aus seinem Herzen und hielt auch am ,שבת חזו sein Gemüt in ihrem Banne. Weshalb sollte ■er also den heilig an Sabbath nicht durch■ Anziehen der Festeskleider ehren, wie jeeden anderen שבת? W i r hingegen, die uns dessen bewußt Sind, daß wir i!n den Feierkleidern des Säbbaths ■oder im Jubelgepräiige der iHodi'zei'tsfreude nicht stets die Trauer u׳m Jerusaholajiims Fall im Herzen wach erhalten, w i r bedürfen wohl dieser ä u s s ׳.- ren Erinnerungszeichen an die Zerstörung und versagen uns am שבת חזון die Saibbafchkleider und streueil Asche auf das Haupt des חתן an seinem Hochzeitstage. Ketieses Jisioel, die jüdische Gesamtheit, will Ihre Gefühlswelt in ihrer reichstem und reinsten Entfaltung wissen. Dor Psalmist .läßt sie sich selber verwünschen, wenn die Erinnerung an Jerusalem In■ ihrem Herzen so geschwächt sein sollte, daß sie äußerer Bilder und Eriinnerungsizeichen des חורבן bedürfte, um Jerusalems nicht zu vergessen, ״Vergesse mieline Rechte, wenn Ich dein, Jerusalem, zu. vergesse« vermöchte.“ ״Dde Zunge k 1 ebec mir a 11 d em G a u m e n, ■wenn Ich dein (und sei■ es auch nur in Taigen des Festes und der Freude) nicht gedächte, selbst wenn ich cs 11111 e 11 ־ i'e ß e, a ■u f m e i n t r c 11׳ d e n e r f ■ti Utes Haupt die äußeren Zeichen der Trauer zu legen.“ Viortragstournee des Rabbi Mosche Blau. Auf seiner Vortragsreise berührte Rabbi Mosche Blau am 25. Tamus Samoryn. Er hien vor Minchah im Tempel^bei An- Wesenheit fast aller Qemeindemitglieder eine geistreiche Deroschoh und nahm im Zusammenhänge mit treffenden Ausdeutungen zahlreicher Talmud- und Midrasch-Stelien die Gelegenheit wahr, in scharfen Umrissen die Verhältnisse in Erez Jisroel zu schildern. Seine eingehenden 111'■׳ formationen über Land und Leben in Erez Jisroel wurden mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Auf Anregung angesehener Baale Batim wurde sogleich eine Sammlung zur Förderung der Talmud Thora-Schulen und des orthodoxen Genieindewesens in Erez Jisroel mit gutem Erfolge eingeleitet. Donnerstag, den 2G. Tamus gelangte Rabbi Mosche Blau nach V.rbove. Von führenden. Persönlichkeiten der Gemeinde wurde er an. der Bahnstation freundlich empfangen. Vor Minchah hielt Rabbi Mosche Blau einen Vortrag über die Veranlassung seiner Reise nach der Slowakei. Zuvor schon waren die einzelnen Gruppen der Gemeinde über die Modalitäten der einzuleitenden Aktion übereingekommen. In seiner Deroschoh berichtete Rabbi Mosche Blau über den Stand der Ortho־ doxie in Erez Jisroel und entwarf mit meisterhafter Beredsamkeit ein Bild von der gesamten ,geistigen Lage des Judentums, wie sie sich seit der Erstarkung des zionistisehen Einflusses in Erez jisroel herausgebildet hat. Seine Rede rief bei allen Zuhörern einen tiefen Eindruck hervor und veranlaßte sie zu opferwilliger Anteilnahme an dem Erziehungswerk der Orthodoxie in Erez Jisroel. Am שבת פ' מו״מ sprach Rabbi Mosche Blau im Rahmen der üblichen Nachmittagsvorträge der A g u da s Jisroel-Jugendgruppe in Bratislava. Es fand sich ein großes Publikum ein, so daß der Vortragsraum nur einen kleinen;1 Teil fassen konnte. Diesmal wandte er sich in der Haupt- Sache an den engeren Kreis der agudistischen Gesinnungsgenossen und riet das Gewissen aller wahrhaft orthodoxen Juden an, nicht untätig zuzuschauen, wie im U r 1 a n d d der jüdischen Yhoratreue jede Regung echten religiösen Lebens 11 nterdriic kt o d e r doch bis zur Unerträglichkeit erschwert wird. Die Schuld daran trifft nicht zum geringen Teil die Orthodoxie in den Ländern des Exils, die die Vor-, gänge 1tn Heiligen Lande nicht mit dem' gebührenden Interesse verfolgt. Die Agudas Jisroel bewährt sich als einzige Organisation im Judentum, die eine Aktivität im Sinne der ח ו ה ״ ק und im Interesse der Erhaltung der Thoratreue, ebenso in Erez Jisroel, wie in allen anderen Teilen des jüdischen Klai entfaltet. Redner habe aber hier in der Slowakei den Eindruck gewonnen, daß die orthodoxen Kreise sich der Größe der Aufgabe und der Schwere׳ der Verantwortung gegenüber dem Klai und besonders gegenüber Erez Jisroel nicht im vollen Maße bewußt werden. Sonst würden sie für das Aufblühen einer s t a rl<9n und auch für Erez Jisroel 1 e i s t u n g s f ü 11 i g e r e n Agudas Jisroel mehr und mit größerem Eifer einsetzen, als dies bisher geschah. Die Zustände in Erez Jisroel en fordern das Aufgebot aller gesunden Kräfte im orthodoxen Judentum und gestatten nicht mehr die hier geübte Zurückhaltung und die Vorenthaltung der moralisehen und materiellen Unterstützung an diejenigen, die sich in die vorderste Reihe der Kämpfer gestellt haben. Der Redner schloß mit einem begeisterten Appell an; die Versammlung und besonders an die orthodoxe Jugend, sich geschlossen in den Dienst der orthodoxen Erez Jisroel- Arbeit zu stellen und die Aguda instand zu setzen, i.hreij großen . Aufgabe gerecht zu werden. Sonntag‘, den 29.' Tamus wurde in Sered eine_ Versammlung zur Fördei rung der Aktion einberufen. Nach den warmen Begrüßungs־! Worten des Herrn Oberrabbiners Eckstein gab Rabbi Mosche Blau in einem zusammenfassenden, alle Seiten des Lebens in Erez Jisroel behandelnden Referate eine Darstellung der Zustände, die es dem orthodoxen Juden־ turne zwingend gebieten, 'alle Kräfte anzuspannen, um das orthodoxe Erziehungswerk selbständig zu erhalten. Er bat die Sereder Judenschaft, an diesem Werke einen Anteil zu nehmen, wie ihn die Verhältnisse erfordern. Seine Ausführungen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Hie- | Gratis. 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