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Jüdische Presse · 1924-10-24 · 43 (24.10.1924) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
43 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 288 JÜDISCHE PRESSE Nr. 43 TSCHECHOWS LOWAKEL Abermals zum Kapitel ״Politik“. Von Herrn Dr. Karl Ferbstein in Presov er- 11׳i eitlen wir den nachfolgenden Brief: Presov, am 3. Oktober 1924. Till. Redaktion der ״Jüdischen Presse“! 13 r a t i s 1 a v a, Postfach 140. Ce ehrte Redaktion! ln ׳Ihrem w. Blatte Nr. 38 vom 19. September ׳ist ein Artikel erschienen mit dem Titel: ״Zuin Kapitel ״Politik.“ Als Verfasser steht der Pseudonym Civis Judaeus. Diese Blatfnummer ist erst heute in meine Hände gekommen. Ich ersuche die ilöbl. Redaktion, mir bekanatgeben zu wollen, wer unter dem Pseudonym ״Civis Juidaeus“ ,den Artikel verfasst hat und ob der verantwortliche Redakteur!die Verantwortung für diesen Artikel übernimmt. Ich ׳ersuche zugleich im Sinne des Pressgesetzes um Aufnähme folgender ׳Erklärung: Es ■ist unwahr, dass ich im Bureau der ortliodoxen Zeiitralkanzlei erschien, um ■die Unterstützaing und Protektion derselben für meine geplante Kandidatur in Podkarpatsko Russ zu erflehen, und es ist unwahr, dass ich so etwas überhaupt verlangt habe. Ich habe bloss gefragt, wie sich die Kanzlei hiezu verhalten ,wird. Dr. Karl Ferbstein. Ich ersuche Sie, diese Erklärung in der nächsten Nummer vcrönentlichen zu wollen. ihre gesell. Rückantwort erbittend, verbleibe!ich hochachtungsvoll Dr. Ferbstein. \Vir haben keine Ursache, die Eiiunziation des Herrn Dr. Ferbstein unseren Lesern vorzaienthalten. Bevor wir jedoch unserem Mitarbeiter zu einer Erwiderung das Wort geben, möchten wir feststellen, dass die betreffende Nnmnier unserer Zeitung Herrn Dr. Ferbstein noch am Ersclieinungstage, also nicht am 3. Oktober, sondern am 19. September, redaktionell zugesandt wurde. Zur Sache selbst diene folgende Antwort: Was Herr Doktor Ferbstein hier erklärt, ist ein S c 11 e i 11 d e m e n t i, dessen Unsachüclikoit ein jeder aufmerksame Leser von selbst merkt. Er will widerlegen und ungewollt bestätigt er im wesentlichen das, was ich behauptet habe. Was ist 11״ n w a 11 r“? Man steile sieh 0111 mal die Situation, in der Dr. Ferbstein׳, der N e o 1 0 g e u 11 d Z i o 11 i s t, im Weichbilde der orthodoxen Leitung erschien, deutlich vor. In Podkarpatsko Russ sollen Parlamentsvvahlen stattfiniden. 111׳ Podkarpatsko Russ sind zirka 35.000 Juden wahlberechtigt. Diese Juden sind zum allergrössten Teil orthodoxe Juden. Was ein orthodoxer Jude ist, das stanid nicht ׳in Frage. Alle Welt, Freund and Feind, rech- 111 etc ׳damit, dass ein orthodoxer Jude sein gesamtes Tun und Lassen׳, alle seine Lebensäusserungen und ׳Handlungen der Souveränität der Thora unter ordnet. Wenn ein orthodoxer Jade demnach eine wichtige ׳Bürgerpflicht erfüllt and a a s g e s p r 0 c 11 e 11 e r m a s s e 11 a 1 s Jude, zur Wahlurne .schreitet, so war zu erwarten, dass er seine Entsehliicssuiig von den Interessen des Judentums, seines Judentums, cntsclieidiend beeinflussen lässt. Vom allgemeinen .staatlichen Gesichtspunkte ist es in der Regel gleichgültig, welcher Jude 1111 Parlament sitzt. Eiiu jeder positiv denkende Jude ,ist ei 11 loyaler Politiker dem Staate gegenüber. Ist er ein ״Umstürzler“, so wird es ihm nicht schwer werden, 111 den Uinsturzparteieii Unterkunft zu finden. Anders verhält es sich vom Gesichtspunkte des Judentums. Für das Wohlergehen des Judentums, für den Schlitz seiner Interessen ist es durchaus nicht einerlei, welcher Richtung der jüdische Abgeordnete augehört, der um seine Stimme wirbt. Wir sind ein erlalirenes Volk. Wir wissen aus der Vergangenheit and aus den Vorgängen in anderen Ländern, wo Juden als Juden ins Parlament gewählt wurden, nur zu gut, was ׳davon abliängt, wer uns nach aussen vertritt und wer als Jude in jüdischen oder allgemeinen sozialen oder kulturellen Fragen im Parlament das Wort ergreift. Der othodoxe Jude zumal, dem sein Judentum schlechtweg alles bedeutet, wird einem Kandidaten einer jiidisc 11 eil Partei seine Stimme nur geben, wenn er sbh zuvor Gewissheit darüber verschafft bat, dass sein Vertreter «nicht einer Weltanschauung huldigt, die dem Geist der Thora und der jüdischen Tradition widerspricht und in 1 n n c r j iid i s che n Fragen sieh nicht zu einem Progr.a'tnm bekennt, das vom Standpunkte des historischen, orthodoxen Judentums ׳als eine Gefahr angesehen werden muss. Vor den Wahlen in Podkarptsko Russ setzte man voraus, dass es völlig ausgeschlossen sei, dass ein Jude jemandem seine Stimme geben könnte, von dessen Wirken er die Gefährdung seiner heiligsten Güter befürehten musste. Alle jüdischen Kandidaten, die doch auftraten — auch der offizielle Kandidat der Zionisten, Dr. Singer — versuchten daher der orthodoxen Wählerscliaft einzureden, dass ihre Bestrebungen mit den geistigen ׳und materiellen Interessen des orthodoxen Judentums iibereinstimmen. Fast alle Kandidaten, die mit mehr oder weniger Aussicht in Kombination kamen, bemühten sich .auch sehr ■natürlicherweise, sich durch die G 11׳ n s t der orthodoxen Führer Zugang zum Herzen der Wähler zu schaffen. Denn es gab lagischerweise nur zwei Wege, das Vertrauen der orthodoxen Wähler zu gewinnen. Entweder durch offene Bekämpfung der Rabbiner und der Leiter der orthodoxen Gemeindeoriganisation als Autoritäten auf allen Gebieten des privaten und sozialen Lebens mild die programmatische Z c r b r öc k e 1 •irn g der jüdischen Weltanschauung in Telephon 57-7-78 Scheitel, Perücken Transformationen Br&utfrlaaren aus allerfeinstem dauergewellten Naturhaar liefert für die vorn eh ms ten orthodoxen Damen der bekannte Spezialist für individuelle Frisuren Carl Polak 1 D atnenf piseat» * Wien, IV״ Schleifmühlgasse 3 prompt und billigst für In• und Ausland en groi and •n d 61 a 11. Bei Bestellungen von auswärts erbitte genaues Haarmuater und Angabe des Masses von einem Obr zum anderen. Kostenlose Vorführung der neuesten Modelle. Beachten Sie gefälligst die Hausnummer 3 religiöse und 00111150110 Fragen. Für die religiösen Fragen Hess man die bisherigen Führer gelten. Für die aus der׳ religiösen Betrachtungsweise auszuisohaltenden politischen Aufgaben präsentierten sich dann die geehrten Herren Kandidaten ,als zukünftige Führer. Diese Methode wandten die offiziellen zionistischen Kandidaten an. Sie wiegelten das in solchen Dingen ungeschälte Volk mit dem Schlagwort ״Hie Religion — hie Politik“ gegen die E i :11!11 e i t und Geschlossenheit der j ii d is c 11׳ e n L e b e n s b e t ä t i g u 11 g a a f. O d e r :aber man wählte den zweiten, bequemeren Weg. Diese Kandidaten oder Kandidats-Kandidaten scherten sich nicht viel um die Philosophie der Politik oder ׳um die Wahlmoral. Das Judentum sei gut genug zum Sprungbrett. Man bewarb sieh um die Zustimmung der Führer, die nun einmal vom Volk als solche anerkannt wurden und bemühte sicli nicht, die Orthodoxen erst zu Halbortliodoxen zu .machen. Diese Kandidaten bauten mehr als die Tat- Sachen leider :nachträglich rechtfertigten auf die G cs i 11111111 g s t r e irc der orthodoxen Wühler in Karpathorussland und dachten, das Mandat auf Grund der Empfehlung der orthodoxen Führer za erlangen, obgleich diese sich aus verschiedenen Gründen die grösste Z'uriickhaltamg auf erlegten. Da erschien unter anderen auch Herr Dr. Karl Ferbstein auf dem Plan. Welchen der beiden Wege wollte er einsdilagen? Er wusste, dass die orthodoxe Landeskanzlei eine o r th 0 d 0x e Kanzlei ist. Was wollte er dort? Er behauptet, dort nur gewesen zu sein, ״u m zu fragen" und nicht, um zu ״verlangen“ oder :wie ich sagte, zu .,1fliehen". Wem wollen Sie das einreden? Wenn Sie über die orthodoxen Führer so vornehm denken und auch vor ׳den Wahlen in Podkarpatsko Russ so dachten wie i11׳ Ihrem brillanten Interview des ״B. Z. am Abend“, wozu ,kommen Sie dann überhaupt ״fragen“ zu ׳Männern, mit denen Sie weder in ״religiösen" noch in ״politischen“ Dingen eines Sinnes sind, ja ׳denen Sie sogar das Recht bestreiten, in der Frage mitzureden, auf die sich Ihre schlichte, unschuldige ״Anfrage“ bezog? .Und darf ich vielleicht auch wissen (nur um;in Zukimft nicht ״Unwahrheiten“ von Ihnen zu behaupten!, zu welchem Zwecke Sie, der Neologe und Zionist, einer so ausserordentlich warmen Empfehlung des Presover orthodoxe n Gemeindeprüses bedurften, wenn Sie in der ■orthodoxen Landeskanzlei nichts vorhatten als die Befriedigung einer Neugierde? Liegt da der Gedanke nicht sehr nahe, dass Sic den von mir oben beschriebenen zweiten Weg gehen wollten, nach den Sie auf dem ersten Weg bereits einen anderen (nämlich Dr. Singer) schreiten sahen? Ist also wirklich ״unwahr“, was ich von Ihnen behauptet habe? Und zum Schlüsse noch ein sehr ernstes Wort. Ich habe mir erlaubt, in einer Reihe von Artikeln meine engeren Gesinnungsgenossen, die Orthodoxen, auf die Notwendigkeit einer Verankerung der politischen Be- ■tät'igung in ein er G r 11 n da nsch an u,ng (in unserem Falle in der Thoratreue) hinzinversen. Wes- Wo erhält man den wirklien naturgetreuen SCHEITEL? Dem bekannten Spezialisten künstlicher Haararbeiten für orthodoxe Frauen, Franz B a 11 a, ist es nach Jahrzehntelangen Bemühungen endlich gelungen Scheitel herzustellen, die dem eigenen Haare mit verblüffendster Täuschung nachgeahmt sind. Nach einem Besuche in dem Atelier des Herrn Balla wird sich jede orth. Braut leichten und freudigen Herzens entschlossen, das eigene Haar abschneiden zu lassen und einen Scheitel zu tragen. Die Damen werden zum Besuche des nachstehenden Ateliers höflichst eingeladen, woselbst Modelle kostenlos ausprobiert werden. Franz Balla, Wien, IV., Gusshausstrasse 26 Telephon 68-9-12 halb t׳un Sie nicht ׳das gleiche ׳mit Ihren Gesinnungsgenossen? Vertiefen Sie die politische Moral Ihrer ׳Parteigenossen, wie 1011 mich bemühe, bei meinen Freunden den thoratreuen Ag׳uda - Gedanken zur Richtschnur für das ganze Leben zu machen. Bewerben Sin sicli um die Stimmen der Zionisten; was geilt Sie die Ortliodoxie an, die Ihnen— wie ich aus ihrem Interview sehe — ihrem ganzen Wesen nach fremd ist, obwohl sie noch lange nicht auf dem Mars interniert ist, wie Sie gerne sehen würden? Nehmen Sie’s doch endlich zur Kenntnis: Das alte historische, orthodoxe J u idcnt'um sc 11 m i e d ׳e t sich s e i 11e E i 11׳ h e i t auf Grundlage der g c 111 e i 11 s a m e 11 T h 0 r atreu e. DI e s e s J u td e ntnim v e r t v a 111 a u f G -11 e s H i 1 f e und geht seines Weges sicher. Wollen Sie Frieden und Eintracht sehen in Israel? Begraben Sie d 'i e Hoffnung, ii b e r d a s J 11׳ d e 111 u m 1e i n e z i o n ii s 11 s c 11 e Vor m 11 n ds c 11 a f t z *a v e r 11 ä n g e 11 u n d S i e 11 a b e 11 de n Friede n. Das ist der Sinn aller meiner Artikel. Würden S i e die Auseinandersetzung nicht auf das tiefe Niveau der per ,siö H1 i c h e n V>e r 11 n g(1 i m p f 11 n g herabgezerrt haben׳, so wäre es mir erspart gcbliebi.1, llindfi persönlich Unangenehmes zu sagen. Aber ich stehe für ■meine Worte ein. B r a t i s 1 a v a, den 24. Tisebri 5085. Civis Judaeus Jacob Joel Braun, Konventgasse 7. Ein Zionistenführer in Bratislava. Herr Menachem Mendel U s s i s c h k i n, früher Ingenieur in Ekaterinoslaw und zurzeit oberster Vertreter des zionistischen ״Nationalfonds“ in Jerusalem, avisiert für die nächsten Tage seine Ankunft in Bratislava, um eine Sammlung für seinep ״Fonds“ zu veranstalten, u״d die Zionisten aller Schattierungen schicken sich an, seine Anwesenheit in unserer Stadt auf ihre Weise zu einem ״grossen Ereignis“ für die gesamte Gemeinde zu gestalten. Die Zionisten haben allen Grund, ihm alle Ehren zu erweisen, die einem verdienstvollen Parteiführer von seiten seiner Parteigenossen gebührt. Es wäre im höchsten Grade unhöflich und ״disziplinlos“, wenn einem Mitglied der zionistischen Organisation beifallen sollte, ihm seinc^ Feindseligkeit gegen die Orthodoxie übelzunehmen und gerade seinen Besuch in einer orthodoxen Gemeinde wie Pressburg etwa deshalb für nicht sehr angebracht zu halten. Er ist eben eine der stärksten und rücksichtslosesten Persönlichkeiten in der zionistischen Organisation. Wenn er hasst, hasst er g a n z. Er war — nachdem die Rabbiner Russlands sich von dem Verein aus religiösen Bedenken zurückgezogen hatten — Leiter des Odessaer Chowewe-Zioii-Komitees und als solcher einer der ersten Verfechter des jetzt unter Weizmann in der Partei zur Alleinherrschaft gelangten ״K u 11 u r z i o n i sm u s“ (das ist das Bestreben, die gesamte Kultur des' Judentums nach dem nationalistischen Dogma zu reformieren). Er trat später, in den Neunzigerjahren, auch in die zionistische Organisation ein, obwohl er eigentlich ein Gegner des politischen Zionismus war. Er hat seinerzeit Dr. H e r z 1, wie alle politischen Zionisten, die den h a s k a 1 i s t i s c h e n ״K u 11 u r z i o n i 5 m u s“ entweder (wie damals noch die Misrachisten) grundsätzlich oder (wie Herzl, Nordau, Marmorek, Wolfsolin u. a.) aus propagandistischen Gründen aus der zionistischen Organisation ausgeschaltet wissen wollten, befehdet und hat auch nach dem Tode Herzis einen vollen Sieg errungen. Er wurde nun der Abgott der Zionisten, wie es kurz zuvor sein Gegenpart Herzl gewesen war. Sein a n t i politischer Zionismus wurde das neue Dogma, Kulturzionismus das neue Ideal und sogar der (von neuen Menschen neu aufgenommene) M i s r a c h i schwor fortan auf nationalistischc ״Kultur“ ... Als dann während des Krieges infolge der Kriegscreignisse eben dieser von Ussischkin, Mossinsoi:י und Genossen bekämpfte und mit allen Mitteln de! Demagogie verfolgte politische Zionismus der zionistis i .11 Organisation nie geahnte Vorteile verschafft hatte, übcrsiedelte Ussischkin nach Erez Jisroel und errang sich mit Hilfe seiner zahlreichen im hebräischen Gymnasium (eine Gründung seines engeren Kreises!) und^ in anderen An.acJten rechtzeitig gut placieren Getreuen auch dort eine führende, geradezu diktatorische Stellung, die ihm die Mö;,i 'hkeit gibt, peine reichen Fähigkeiten zum Nutzen seine! Organisation zu verwerten und seinen Willen mit einer erstaunlichen Geradheit und U11erbittlichkeit der zionistischen Organisation auf zuzwingen. Dieses Uebermass an Energie, gepaart mit der brutalen Derbheit seiner Wesensart, macht ihn auch innerhalb seiner Partei zu einer mehr gefürchteten als beliebten Persönlichkeit. Im übrigen Judentum weiss man von ihm so gut wie nichts; er hat niemals für irgend eine Sache, die nicht eine Machtfrage seiner Partei war oder eine solche zu werden verhiess, Interesse bekundet. Er ist der typische ״Parteimann“ nach russischer Art, dem jedes Mittel gut ist, um seine ״Ideale“ durchzusetzen, und alles, was ihm im Wege steht, niederzutreten, wenn er die Macht dazu hat. Davon haben auch die Ort li odoxen in Erez Jisroel zu spüren bekommen. Er tätschelt die terroristischen, radikalen ״Chaluzim“ nicht etwa, weil er mit ihnen in religiösen Dingen eines Sin :!es wäre, sondern weil er durch sie die frommen Juden, die nun

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