Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 234 J0M8C1B PRESSE Nr. 34 notwendig. Die tschechoslowakische Verfassungsurkunde enthalte keine taxative Aufzählung der Nationalen Mindenheiten, so. dass es den Jaden freiste!)«, za welchem Volkstum sie sich bekennen wollen. In bezug auf die Schulfragen werde in der Veitiassungsurkunäe für das Kriterium einer Nationalität die Sprache gehalten, so (dass jüdische Schulen nur dann aus öf f e ntl i c׳h en Mitteln bewilligt werden könnten, wenn säe entweder hebräisch oder jiddisch als Unterrichtssprache annehmen würden. Forderungen nach öifentliehen jüdischen Schulen mit deutscher, teiheethischer, slowakischer und anderer Unterrichtssprache würden daher der Verfassung widersprechen, wenn es sich umkeinekonfessionellenSch ulenhandelt. In der ganzen Verfassung sei kein Wort von einer jüdischen Nationalität enthalten, wohl aber enthalte der 1M o t i v e n 1b e r i c;h t einige Stellen über die Juden als nationale Minderheit. Die Verfassung erkläre vor allem, alle Staatsbürger seien vor dem Gesetze gleich, ohne Rücksicht auf Rasse, Sprache oder Konfession. Der Motivenbericht mache darauf aufinerksam, dass sioh diie Juden zur jüdischen Na t io na- 1 i t ä t bekennen dürfen, nicht aber b e k e nnen müssen. Die Verfassungsurkunde kenne offiziell keine jüdische Nationalität. Man habe es in der Tschechoslowakei mit Zionisten und Assimilanten zu tun, ausserdem werde die Judenfrage noch durch das religiöse Moment kompliziert. Ausser tsohechisoh-deutschnmagyarisch-jüdischen Assimilanten gebe es in der Tschechoslowakei noen nachstehende Gruppen: Die Jüdisch-Nationalen, die zwar die jüdische Nationalität anerkennen, das Palästina- Programm der Zionisten aber abweisen. Auch unter den Zionisten gebe es aber Gruppen; neben dem politischen stehe der Kulturzionismus. Dann gebe es sogenannte Ghowewezionisten, die das Palästinaprogramm nicht vom politischen, sondern vom sozial-philanthropischen Standpunkt auffassen: als Kolonisatäonsmögliohkeit für »das jüdische Proletariat des Ostens. Eine religiöse Gruppe unter den Zionisten bilden die Misrachisten, die die Kolonisation nach den Grundsätzen der heiligen Schrift durchführen wollen, damit also auf theokratischer Basis stehen. Geschworene Gegner der Zionisten seien aber nicht nur die Assimilanten, sondern auch die Orthodoxen. Wie ersichtlich, bilde schon die politische Judenfrage ein sehr kompliziertes Problem, da die soziologisehe Einzigartigkeit des Judenproblems jeder einheitliehen Formulierung widerstrebe, ein Umstand, der sich auch in der tschechoslowakischen Verfassungsurkunde wMerspiegle. Die Tschechoslowakei sei zu keiner eigenen ״Judenklausel“ verpflichtet worden, weil mau an massgebender Stelle gewusst habe, dass eine solche Verpflichtung der Tschechoslowakei gegenüber überfiüssig war. Dies treffe auch tatsächlich zu. Die tschechoslowakische Verfassung biete allen Bevölkerungsgiuppen die Möglichkeit, ihre politischen Ansichten auf rechtlichem Baden zu vertreten.“ In diesen ergänzenden Ausführungen ist also auf das deutlichste nachgewiesen, dass es sich unserem Staatsmanne keineswegs um eine zwangsweise und legislativ -durchzuführende Nationalisierung des jüdischen Schulwesens oder irgendwelcher anderer Institutionen des Judentums handelt, sondern um die Feststellung der Tatsache, dass unsere Republik keinerlei Verpflichtung für die Erteilung von ״nationalen Mindeheitsrechten“ an die tschechoslowakische Judenheit übernommen hat, wenn die Juden dies nicht selber wünschen. Es wird auch an dem Exempel der ״nationaljü<Jischen“ Schule recht augenfällig dargetan, welch unersetzlicher Schaden für das Judentum entstehen würde, wenn es ihm — im Verfolg der zionisti■ sehen Propaganda — beifallen würde, seine gegenwärtige günstige rechtliche Stellung als religiöse Minderheit um die einer zweifelhaften ״nationalen Minderheit“ umzutauschen. Um jedem Missverständnis und jeder Missdeutung vorzubeugen, sei ausdrücklich erwähnt, dass wir natürlich nicht der Assimilation das Wort reden oder sie auch nur billigen. Wir lehnen den Zionismus doch auch deshalb ab, weil er, vom Gesichtspunkte des historischen Judentums betrachtet, nichts anderes als eine höhere und deswegen gefährlichere Form der Assimilation ■bedeutet. Statt der Assimilation des jüdischen I n d ividuums an die nicht jüdische Umgebung würde bei einem etwaigen Siege der zionistischen Ideologie — Gtt behüte — die totale kollektive Assimilation der jiidi־ sehen Gemeinschaft an die nichtjüdischen Völker gemeinschaften eintreten. Wir wollen vielmehr darauf hingewiesen haben, dass wir einen verhängnisvollen Schritt tun würden, wenn wir die Tatsache unserer Zugehörigkeit zur jüdischen und nur zur jüdischen Nation, zum politischen Problem und zum Ausgangspunkt von ״nationalen“ Minderheitsforderungen gestalten würden. Das nationale Bekenntnis des Einzelnen hat mit dieser ganzen Frage nicht das' geringste zu tun. In dieser Beziehung kommt es für das Judentum ausschliesslich darauf an, wie wir leben, weleben Geist und welche Lebensart wir in unserer Familie und in unserer Gesellschaft walten lassen, Dem ״Bekenntnis“ zur jüdischen ״Nationalität“ allein messen wir keinerlei Wert bei. Hat do#ch noch jüngst der ״C e c h“ in einem ausführlichen Artikel dargelegt, dass dem Bekenntnis zur jüdischen Nationalität unter gleichzeitiger Zugehörigkeit zur evangelischen tschechisehen Kirche keine Anomalie innewohnt, und wir wissen, dass konsequente nationalistische Zionisten der gleichen Anschauung huldigen. Das Gedeihen und die -Wahrung der Interessen des Judentums liegt auf einer ganz anderen Linie. Wir haben sie oben im einzelnen beschrieben. Wenn Minister Dr. Benes den jüdischen Bürgern und den jüdischen Gemeinschaften unserer Republik in vollem Ausmass Gerechtigkeit zuteil werden lassen will!׳ wie es ganz zweifellos sein aufrichtiges Bestreben ist*( so wird er der Ideenwelt des nichtzionistischen historisehen Judentums auch in Zukunft jenes hohe Mass von Aufmerksamkeit widmen müssen, das von einem so weitblickenden Staatsmann beansprucht werden darf. Denn auch nach der Richtigstellung der ״Tschechoslow. Korresp.“ kann man sich eines gewissen verstimmenden Begleitgefühles nicht erwehren, dass manche nicht genügend präzise Wendungen in seinen Aeusserungen — gegen seine Absicht — der zionistischen nationalistischen Propaganda Vorschub leisten könnten. Die westliche Orientierung unseres ganzen Staatswesens sollte auch in der Behändlung der rechtlichen Beziehungen des Judentums eindeutig zur Auswirkung kommen. Die tschechoslowakische Republik wird das ״Judenproblem“ nicht lösen; siebraucht nicht mit der ״Nationalisierung“ der jüdischen religiösen Guneinsczhaft allen westlichen Staaten voran zuschreiten. Wie sehr unsere Befürchtung eines Missbrauches der Aeusserungen von Dr. Benes für die Zwecke der, zionistischen Agitation berechtigt sind, beiweißt beispielsweise die Art, wie die Bratislavaer, im zionistischen Fahrwasser segelnde ״B. Z. am Abend“ von den Mitteilungen der ״Tschechoslow. Korresp.“ Notiz nimmt. In ihrer Nummer 176 vom 3. Agust bringt sie aus der Korre-1 spondenz die Stelle, wonach ״jüdische Schulen nur dann aus öffentlichen Mitteln bewilligt werden können» wenn sie entweder Hebräisch oder Jüdisch als Unterrichtsspräche annehmen würden“, und unterschlägt den sehr wichtigen und die Stellung fast aller jüdischen Unterrichtsanstalten ausschlaggebenden Nachsatz: wenn es sich um keine konfessionellen Schulen handelt“. pie jüdischen Schulen sind eben konfessionelle Schulen. Wie diese Zeitung diese Frage dann in ihrem Leitartikel vom 7. August behandelt, kann man sich dieser Probe leicht vorstellen. Bedenken wir, dass jüngst auch der Herr P r ä s ident Masaryk sich gegenüber einem anderen Korrespondenten des oben erwähnten ״Der Tog“, A. S. Lirik, über die ״Minderheits“frage der Juden in unserer Republik zart tastend und sehr vorsichtig geäussert hat, so ergibt sich aus dem Gesagten auch für die gesamte Judenheit eine grosse und laute Forderung: Aufpassen! Civis Judaeus. NACHTRAG. Obiger Artikel war bereits für die vorwöchige Nummer gesetzt und musste nur wegen Raummangel zurückgestellt werden. Es scheint jedoch — so merkwürdig dies auch klingen mag —, dass auch die gesamte zionistische Presse diese Woche an dem gleichen Uebel litt. Während die erste, der zionistischen Propaganda scheinbar günstige Aeusserung des Ministers Doktor Benes sofort aufgegriffen und von einem dienstfertigen Presseapparat in alle Weltrichtungen hinausgesandt wurde» wird die zweite e r 1 ä u te r n de und ergänzende» durch die ״Tschechoslowakische Korrespondenz“ bekanntgegebene Mitteilung über den Standpunkt des Ministers in der Frage der ״j ü d is c h e n Mind e r h e it “ von den nationalistischen und zionistischen Zeitungen ganz einfach v e r s c h w i e g e n. Dies sei hier zunächst zur Kennzeichnung der zionistischen Partei- Politik festgenagelt. Diese Presse tummelt sich vor Entzücken, und wird byzantinisch liebedienerisch, wenn ein Minister oder sonst ein Nichtjude in hoher Position irgendwo und irgendwann eine aphoristische Aeusserung tut»■ die sie als Approbation ihrer nationalistischen ״Politik“ betrachten zu dürfen glaubt. Stellt sich aber heraus» dass diese Persönlichkeit denn doch noch mehr politische Einsicht und mehr Respekt vor den inneren Not- Wendigkeiten des historischen Judentums besitzt, als unsere nationalistischen Neujuden, so schenken sie seinen Anschauungen die gleiche Beachtung wie — den autoritativen religiösen Führern ihres eigenen Volkes, das heisst keine. Inzwischen bringt ״Der Tog“ vom 29. Juli einen weiteren Artikel aus der Feder seines bereits genannten Mitarbeiters A. S. Lirik, der ebenfalls den wesentlichen Die IV. Internationale Donau-Messe findet statt vom 23. August bis 2. September 1924. 18 Ausstellungsgruppen. 33%ige Ermässigung auf den Eisenbahnen. 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Dieses Gespräch scheint uns den Schlüssel zu der Auffassung Dr. Benes׳ über die Einordnung der Juden in die nationalen Verhältnisse unserer Republik zu entfalten unSymch die Anmerkungen des zionistischen Journalisten zu den Aeusserungen des Ministers sind so charakteristisch für die Irrealität der zionistischen Nationalitäten-Politik, dass wir eine publizistische Pflicht vernachlässigen würden, wenn wir den darauf bezüglichen Teil des Artikels in diesem Zusammenhange nicht vollinhaltlich unseren Lesern bekanntgeben würden; Mr. Lirik erzählt: ״Während einer langen Unterredung zwischen uns, den journalistischen Gästen und dem tschechischen Aussenminister Benes hatte ich Gelegenheit, mit dem Minister über die j׳ü d i s c h - n a t io n a 1 e n Rechte in der Tschechoslowakei zu sprechen und Benes gab mir folgende interessante Erklärung: ״Die ganze Angelegenheit der nationalen Minderheitsreehte wird meiner Meinung nach nicht richtig behandelt. Uns. den kleinen Staaten, wurden durch den ׳Friedensvertrug den Minderheiten gegenüber bestimmte Pilichten auferlegt, während die grossen Staaten, die bei sich ebenfalls nationale Minderheiten haben, von diesen Pflichten frei sind. Eine solche Lage ist nicht 11atürlich und nicht gerecht. Entweder müssen auch die grossen Staaten sich verpflichten, ihren Minderheiten Rechte zu geben, oder auch wir müssen von diesen Lasten befreit werden. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass die grossen Staaten damit einverstanden seien, sich unter die Kontrolle des Völkerbundes zu stellen. Es wird also der zweite Weg beschritten werden müssen, nämlich, dass auch die kleinen Staaten von ih.*en Verpflichtungen gegen die nationalen Minderheiten endlieh enthoben werden. Dann wird das ganze Problem der nationalen Minderheiten eine neue Basis erhalten, es wird eine eigene innere Angelegenheit eines 3 ,den Staates werden. Wir, die Tschechen, haben den nationalen Minderheiten viel mehr gegeben, als ihnen laut dem Traktat gebührt. Wir werden dies auch in Zukunft tun. Wir bedürfen keines Zwanges und keiner Kontrolle; wir tun es freiwillig, weil wir es als Grundlage für die ganze Existenz unseres Staates betrachten. Ob auch die anderen Staaten es so verstehen und mit gutem Willen ihren Minderheiten weitgehende nationale Rechte geben werden. — das ist ihre Sache. Was die J ud e :1 betrifft, so haben wir sie längst als Nation anerkannt und wir sind bereit, daraus alle Konsequenzen zu ziehen. Wir geben ihnen ihrem Verlangen entsprechend überall eigene Schulen und es gibt bei uns Orte, wo die Zahl der jüdischen Schulen viel grösser ist, als die der ischeduschen, so dass die tschechischen Kinder die jüdischen Schulen besuchen müssen.“ Ich fragte den Minister: ״Ihrem Gesetze nach hat jede nationale Minderheit, welche 20 Prozent der allgemeinen Bevölkerung beträgt, das Recht, zu beanspruchen, dass auch ihre Sprache an amtlichen Stellen (Gericht, Polizei usw.) benützt wird. Sind Sie bereit, dieses Prinzip auch in bezug auf Juden anzuwenden?“ Der Minister antwortete mir darauf in bestimmtem Tone: ״Gut, wir sind dazu vollständig bereit. Aber erstens ist dies vorläufig bloss eine theoretische Frage, weil es keine Stadt gibt, wo die Juden 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen würden und zweitens müssten vor allem die Juden unter sich einig werden und zuvor d a rüber b e s c h 1׳ i e s s e n, welche Sprache die ihre ist. die hebräische, die jiddische oder gar die deutsch e.“!Diese Erklärung hat Benes mir erlaubt, in der Presse zu veröffentlichen, während er seine sonstigen Erklärungen bezüglich der Lage in Europa zum grossteil Bedauern der Kollegen bloss als Orientierung und nicht als Interview zu betrachten bat. Einer der Köllegen bemerkte dabei scherzweise, dass die Juden überall ein Privelegiuin haben ... Der kluge Benes weiss aber sicherlich, was er tut. Er kann es sich erlauben, in bezug auf die jüdisch nationalen Rechte öffentlich schöne Zu- Sicherungen zu machen, weil er ganz wohl weiss, dass es noch lange währen wird, bis die tschechischen Juden unter sich einig sein und zugleich mit den anderen Mind e r h e i t e n nationale Rechte verlangen werden. Denn we r von den tschechischen Juden sollte eigentlich nationale Rechte verlangen? Die jüdische A s s i m i 1 a t i on lebt jetzt ihre Honigmonde. Die assimilierten jüdischen Intelligenten sind bei allen Hochzei- •ten sehr gern gesehene Gäste. In der Politik, in der!Presse und im gesellschaftlichen Leben, überall werden sie gern aufgenommen. Während der wenigen Jahre der tschechischen Selbständigkeit gab es bereits zwei jiidisehe (??) Minister, die Sozialdemokraten Winter und (Meisner (׳beide getauft! Red.). Juden spielen bei den verschiedenen Richtungen eine Rolle als Parteiführer und selbst das offizielle Organ der katholischen klerikalen Partei hat einen Juden, einen glänzenden Journalisten und grossen jüdischen Gelehrten, Dreifuchs, zum Redakteur. Die Assimilanten schütteln natürlich jede Arbeit, die nach nationalen Rechten riecht, von sich ab und es ist nicht zu erwarten, dass sie ihre Anschauungen ändern werden. Was wieder die Orthodox i e und den M i tt e 1 s t a n d anbetrifft, so nehmen sic eine gute Ökorömische Position ein, fühlen wenig den Gescbmack des Antisemitismus und stecken tief in ihrer lokalen bürgerlichen Welt,, die vor Problemen und vor allem Neuen im Leben wie vor Feuer zittert. Bleiben nur die Zionisten übrig, die in der Tat den inneren Kampf für die Lösung des Problems der nationalen Rechte mutig aufgenommen haben und in der Tschecho- Slowakei mit eigenen Schulen, darunter zwei Gymnasien, einer jüdischen Volksbank und vielen jüdischen Turngesellschaften usw. eine intensive Arbeit entfalten. Aber welche Sprache sollen sie als jüdische nationale Sprache verlangen? Weder hebräisch und noch weniger jüdisch kann in der Tschechoslowakei ernstlich in Betracht kommen. Solange aber die Juden selber eine eigene Sprache nicht haben, sind alle Forderungen in bezug auf nationale Rechte nichts mehr als eine schöne Demonstration ohne jeden konkreten Inhalt. Den tschechoslowakischen Juden sollte ein Unglück zustossen,. da erhielten sie nationale Rechte und die Armen wissen nun nicht, wie man dies isst. Lächerlieh, aber traurig. Unter den tschechischen nationalen Juden gibt es indessen viele Optimisten, welche glauben, dass schliesslich das Leben selber die Juden zwingen