Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 8 (22.2.1924)
- Date
- 1924-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 54 JÜDISCHE PRESSE Nr 8 sercs Beginnens ׳bewusst, ebenso wie wir uns bewusst sind, dass wir unsere Pflicht erfüllen müssen ohne Rücksicht auf den Erfolg und ohne Rücksicht auf all die vielen kleinen oder grösseren Begleitumstände. ׳Wir sind alle, die wir heute in dem zermürbten, kranken Europa leben, müde geworden. So müde, dass unsere Seele bei jedem geringsten Geräusch das Gleichgewicht verlieren kann und deshalb * *jeder Erschütterung instinktiv aus dem Wege zu gehen versucht. So ist es möglich, dass wir über Dinge zur Tagesordnung übergehen, die ein vitales Interesse nicht nur für die Gesamtheit und für die jüdische Gemeinschaft bilden, sondern brennendste Angelegenheit eines jeden einzelnen jüdischen Individuums sind; denn die Masse wird geschlagen, das einzelne Indlvidium aber wird getroffen. Die russische SowjetregieTung wurde *nun in die Gemeinschaft der Völker aufgenommen. Wenn es auch den Sowjets nicht gelang, ihr ursprüngliches Programm zu verwirklichen und besonders eine allgemeine europäische Revolution zu entfaohen, so hat sie doch durch ihre Tätigkeit und dank der Kunst des Ausnützens von entsprechenden Momenten erreicht, ihre Anerkennung durchzusetzien. Wir meinen diesmal nicht die Anerkennung durch Diplomatie und staatliche Macht, sondern die Anerkennung durch den einfachen europäischen Bürger, der, von den Kümmernissen und Sorgen des Alltags zermürbt, im Absurdesten eine Hoffnung auf Besserung sieht. Auch wir Juden gehören zu dieser Gruppe der mit schweren Sorgen ׳be* ladenen Kleinbürger Europas. Der Schwung des jiidisehen Menschen, der noch vor fünf Jahren auf eine ׳rasche und günstige Lösung sämtlicher Fragen des Judentums hoffte, ist verschwunden und hat einem mühseligen, dumpfen Hinbrüten und einer krankhaften Tatlosigkeit!Platz gemacht. Der praktische Antisemitismus aber ׳in aillien Ländern hat den Juden in eine Defensivstenu!ng gedrückt, in der er zufrieden ist, wenn der Trott des grauen Alltags nicht von neuem Schrecken unterbrochen wird. Auch dieser zermürbte Jude vollzieht heute die Anerkennung Sowjet-Russlands als eine unabänderliehe Tatsache. Der Jude, der noch vor Jahren mit dem grössten Opfermute den hungerndien Brüdern beigestanden ist, die jüdische Scöle, die *von den schreckliehen Tatsachen der körperlichen und geistigen Verfolgung und!Unterdrückung der Brüder in Russland fast bis zum Zenit des Leidens und Schmerzes aufgewühlt war, ist heute müde und still: geworden. Sogar das akademische, wenig Nutzen bringende Mittel von Protesten wird heute nicht mehr angewendet. Kein Schrei, kein Ruf, kein Mahnen, kein Bitten, kein Drohen, kein Protestieren, kein Anklagen und letzten Endes keine noch so kleine Tat. ׳Es herrscht in der jüdischen Welt die Stille des Todes. Die Atmosphäre des in Zersetzung sich befindenden Kadavers. Doch die Schmerzen unserer jüdisehen Brüder in!Russland und die Qualen jener ״Glücklichen“, die die russische Grenze bereits passieren konnten, sind heute grösser, brennender, quälvoller und unerträglicher denn je. Es kamen Männer aus diesem Lande zu uns. Wir baten sie, uns zu erzählen. Es׳ sind ernste, kluge, welterfahrene, reife Männer. Aber erzählen, sprechen konnten sie nicht. Sie schrien, sie weinten,!sie ■klagten an, sie!baten. Und der Höhepunkt war erreicht, als sie uns fragten, warum wir alle hier so stumpf geworden sind. Warum unser Ohr taub, unser Mund stumm denartigen Fällen zu erkennen vermöchte, selbst wenn diese mir »in allen Einzelheiten klar vor Augen lägen?“ ״Ihr weioht mir aus, Rabbi. Ich frage Euch: Haltet Ihr es für möglich, dass ein Jude sich nur zum Schein als Christ bekennt?“ ״Gewiss, Majestät. Das halte ich allerdings für möglich, insbesondere wenn die Beweggründe für diesen Glaubenswechsel nicht ׳in dem freien, durch keine äusserliohen Zwangsmittel beeinfhissten Willen zu suchen sind.“ ״Das ist offen gesprochen — meinte der König — aber sagt, billigt Ihr dfiese Unehrlichkeit?“ Der Rabbi schwieg einen Moment, dann sagte er, ruhfig dem König ins Auge blickend: ״Nein, Majestät, ich billige sfie ebensowenig als dfie äusserliohen Zwangsmittel, durch welche unglückliche Menschen in einen Konflikt zwischen Gewissen •und Vorteil getrieben werden.“ ״Kühn gesprochen, Rabbi! Ihr wollt, so dünkt mich, anstatt Euoh zu begnügen, die Tat Eurer abtrünnigen Glaubensgenossen irgendwie zu verteidigen, Euch zum Ankläger gegen die höchsten Autoritäten des Staates und der Kirche aufwerfen?“ Der Oberrabbiner senkte das Haupt vor dem zürnenden 'Blick des Königs, sagte aber dann in bescheidenem, jedoch aber festem Tone: ״Majestät haben mir zu sprechen und nicht zu schweigen geboten.“ ״HADERECH“ erscheint nach kurzer Unterbrechung in bedeutend verbesserter und vergrösferler Form wieder. Ab nächsten Monat werden diejenigen, die bis 1״. Februar (10 Adar 1) den Bezugspreis von K 1Q0.0QP für ein Jahr bezahlt haben, das Blatt regelmässig monatlich zugestelli erhalten. Da der ,Hactarocll1 eine Zeitung ist, die über die ganze Welt in vielen Tausenden Exemplaren ver• breitet, eignet er sich speziell als Insertionsorgan, jj Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. I und ■unsere ׳Hand gelähmt ist. Was sollten wir diesen Männern antworten? Wir können hier nicht Einzelheiten bringen. 11! diesem ׳HöUenring dler Quäler( ist kein Anfang und kein!Ende zu sehen. Und zu übermenschlichem Höllenieid steigert sich unsere grenzenlose Verzweiflung, wenn wir uns zugestehen müssen, dass nicht die Fremden, nicht die Feinde es sind, •die uns und unsere Brüder mit grösstem Leid überziehen, sondern dass es einigen wenigen eigenen Brüdern gelingt, dieses grenzenlose Unglück in die Welt zu tragen. ׳Hunderte, tausende jüdischer Menschen wurden in dem schrecklichen Pogromjahr ausgeschlacivtet. Hunderte, tausende nach den Abertausenden Gefallenen des Weltkrieges. Und niemals wird die jüdische Weit zur Ruhe kommen können, wenn über die ganze Weit zerstreut •die Witwen und Waisen dieser Märtyrer herumirren. Ebenso wie die jüdische Weit nicht zur Ruhe kommen kann und darf, so ׳lange die Verhältnisse •in Russland herrschen, die heute das ■gesamte russische Judentum am leiblichen und geistigen Sein bedrohen. Die Jew-Sekcija, das heisst die jüdischkommunistische!Gruppe im Rahmen der Sowjet- Regierung ist ärger als alle bisherigen Peiniger .und Mörder des jüdischen Volkes von Pharao ׳bis Purischkiewicz. Heute, wo die Sowjet-Regierung von den Staaten Europas anerkannt wird, muss endlich der unverantwortlich en Tatlosigkeit gegenüber den Verfolgungen in Russland1 einerseits und gegenüber der Jcw- Sekcija andererseits •ein rasches Ende gemacht werden. In den polnisch-litauischen Grenzstädten haben sich über 2000 junge jüdische Menschen angesammelt, die aus Russland flüchten mussten, weil sie zu Staats- Verbrechern geworden sirfJ dadurch, dass sie am *Sabbat nicht arbeiteten, dass man in ihrer Rocktasche einzelne Blätter der Bibel gefunden hat, dass sie vom Studium der heiligen Lehre nicht lassen konnten, dass sie *ihre Kinder beschnitten!haben, dass sie die Kinder statt Marx nur *Moses nannten, dass die Juden bleiben wollten, auch wenn die Tote, blutige Nageika in den Händen entarteter Brüder sie von diesem sträflichen, unverzeihlichen Willen zum Judeblieiben abbringen wollte. Sie alle!1eben in grösster Not und gehen langsam zugrunde. Im Interesse dieser armen Opfer des antireligiösen Fanatismus, für diese Märtyrer jüdischer Treue fahren nun Abgesandte nach allen jüdisehen Zentren, um diesen Armen Rechtsschutz und ein Leben׳sminimum zu erwirken. Sie passieren die europäischen Grosstädte •in einem Augenblick, in dem die Sowjet-Regierung von den Parlamenten und von der öffentlichen Meinung mit grosser Befriedigung anerkannt wird. Auch der Jude ist dieser öffentlichen Meinung unterworfen. Doch ein Vergessen ist in diesem Falte ein Verbrechen, ein Verbrechen unseren Brüdern in Russland gegenüber, die sich der bittersten Gefühle nicht erwehren können werden, das:׳ all ihre Opfer umsonst gewesen, und dass sie von ihren Brüdern verlassen sind. Ein Verbrechen den unglücklichen ■Flüchtlinigen gegenüber, die einsehen müssen, dass sie aus einer Hölle in eine andere geflüchtet sind. Ein Verbrechen unserem Volke gegenüber, dem dadurch der grösste und wertvollste Teil verloren geht. :Ein Verbrechen dem jüdischen Glauben und dem jüdischen Geiste gegenüber, der, tausend Jahre lang strahlend, in unseren Tagen zu erlöschen beginnen wird. An den Wassern B'abe’s sassen sie und weinten und schwuren den fürchterlichsten Schwur, der jemals gegen den Hammel hallte. Es möge ihre Rechte verdorren ׳und ihre Zunge am Gaumen kleben bleiben, es möge ihr ׳Name auisgelöscht sein, wenn sie jemals einen Augenblick lang deiner vergessen würden, 0, Jerusalem. In aller Demut vor der Majestät jüdischer Geschichte, im vollsten Bewusstsein der ungeheuren Bedeutung dieses! Ausspruches, wagen wir zu behaupten: Ebenso gross wie einst Jerusalem gegenüber, ebenso Rote Freiheit. Die iMD.gliedet der •durch Wien reisenden!Delegation, diie sich in alle grossen europäischen ׳Städte •begibt, um dort •füir die Flüchtlinge aus Russland!, die wegen der religiösen Verfolgungen■ Russland]!verlassen mussten, zu ׳interfvenjieren, haben ein reiches iBeweismaoerfel mit, das - ein grauenhaftes Kapitel aus ׳der Jüdischen iMartyniologis der letzten ׳Zeit, bildet. Ohne (jedes!Kommentar bringen wir nachfolgend ein einziges Beispiel dieser Vorfälle in Form eines Protokolls.!Dieses •Protokoll führ:■ die Nr. 25. Diese Zahl ist nur ©i׳n geringer!Bruchteil d׳er Sammlung, ebenso wie •der bereifende Fall zu •den mildesten •gehört im Gegensatz zu viel schrecklicheren und krasseren!, die wir mit Rücksicht auf verschiedene Umstände nicht bringen wollen. Protokoll Nr.!26, aufgenomnien mit Josef, Sohn des ■Abraham Schön- ■Schneider, geh. zu litauisch-ßrfek (Polen), 21 Jahne alt. Das!Protokoll hat folgenden Wortlaut: Am 6. Se.ptember 1922׳ sass ich in Minsk im Lehrhause Kozowysdrcr Synagoge, Samkovergasse״ mit vier •Schülern im Alter •von 12 bis 15 Jahren beim Studium ■des!Talmudtraktates Nedarlm. Gleichzeitig lernte!!• abgesondert drei junge Leute mit Namen: ■Aron •Lewi, 26 Jahre alt, Leib ßarosch, 27, Jak .b Sandrowitz, ,17 Jahre alt. ׳Plötzlich ׳drangen Beamte der Gepov ׳(russischen Geheimpolizei ähnlich der Tscheku) in ׳das Lehrhaus •ein und verhafteten uns. worauf wir On d!as Gefängnis der Gepov in der ׳Serechcvskygasse ■überstell: wurden. Wir wurden nun ׳zwei Wochen in Haft behalten und einem ׳peinlichen Verhör unterzogen, das ■darauf hinauslief, um zu erfahren; ■ob die Synagoge, ׳in der wir ■angetroffen wurden, ein Lehrhaus (Jeschiwah) im engeren Sinne gewesen sei, ob •der Synagoge Funktionäre vergestanden wären, wie deren Namen lauteten., und ob wir *von •dem seinerzeiti'gen Oberrabbiner Rabinowitz unterstützt worden wären. Auf diese Fragen antworteten wir, dass eine Jeschiwah nicht bestanden hätte, dass infolgedessen es auch keine Vorsteher gegeben ׳habe,!und dass wir ivon •einem 'Rabbiner Ra.bimowi'.z nichts wüssten•. Diese!Antwort war darauf berechnet, u׳m einen!Ausweg aus dieser Situation zu finden. Nach zwei!Wochen *wurden •wir nun in ׳das Hauptgeiäng.niis überführt, ־wo wir in einer gesonderten Zelle untergebracht wurden. Das ׳Gefängnis ׳beherbergte ansonsten schwere Verbrecher, sowie wegen ver sch iedener schwerer!Delikte ab gestrafte Personen!, mit ■denen■ ׳wir ■in unmittelbarer Gemeinschaft leben mussten. Während unserer Haft ward es auch uns untersagt, •sich etwa Talmud- oder Bibelexemplare zu beschaffen. Die ■sonstige Behandlung wer keine ׳besonders ׳gute, sondern ■eine alles eher denn Gesetzen: der;Menschlichkeit entsprechende. In diesem Zustande *verbrachten wir!10 Wochen. •Der letzte Tag unseres Aufentihaltes war ■der 12. Oktober 1923. Der Untersuchungsrichter Burak ■unterzog u׳n׳s •einem neuerliehen■ Verhör, worauf ■die iHauptverhandlung für den 10. Dezember 1922, einen Sabbat, ungeordnet •wurde. Die Verhandlung fand vor einem revolutionären Tribunal statt, •dem angehörten:!Der Vorsitzende ׳Kart, der Staatsanwalt iPryss, die Richter Mariasin •und Rubinstein, sowie •die Verteidiger Zeitlln und Gu re witsch. Auf ׳der Anklagebank sassen w!ir, Rabbiner Rabinowitz und •die tatsächlichen Vorsteher der ■Synagoge, zwei Brüder ׳Zertow, Ruiben Rabinscbik ■und Samule iPerlmann- Die Ver,handlung dauerte von 11 Uhr vormittags bis •1!2 Uhr nachts. Das Urteil! ׳giimg ■dahin, ■dass die Requisition ׳der ׳Schul •und deren •Umwandlung in einen Sprelklub ausgesprochen ■wurde, dass über die Vorstände der •Synagoge •eine Geldstrafe von 200!Goldrubel verhängt wurde und dass wir über die Dauer von eineinhalb Jahren *in ein Konzen- ׳;׳rationslager :im Innern ׳Russlands evakuiert werden sollen. Rabbiner Rabinowitz wurde!Mangels •an!Beweisen freigesprochen. Durch die Oktoberamnestie •wurden wir auf freien Fuss gesetzt, jedoch uns das Verdikt ausgesprochen׳, im *Innern Russlands Zwangsaufen'ihait zu nehmen. Jakob Sendorowitz wurde seiner Jugend wegen davon ׳befreit. Barosch musste ebenfalls aus!Krankheit Zurückbleiben, 1hatte jedoch die Pf!!Bäht, •in den׳ von der!Sowjetregierung eingerichteten Schulen ein Lehramt auszuüben. Ich und Aron Lewi ׳wurden in das •Innere Russlands verwiesen. Als wir aber in Aussicht stellten•, an die höchste Instanz zu appellieren, wurde •uns gedroht, nach Sibirien oder Archangelsk evakuiert zu werden. ׳Darauf wurden wir weitere 6 Wochen in Haft behalten. Bisher zusammen 16 Wochen. Nur rnit schwerster Mühe gelang es uns, die ursprüngliche Strafe, nämlich die Verschickung!in. das Innere Russlands, zu erlangen. Zur Vorbereitung hiefür wurden wir auf 7 Tage frei-gelassen, und zwar am 3. •März 1923. Meine Verurteilung vensbiess zwar gegen das Gesetz״ nachdem ich polnischer Untertan bin, jedoch wurde mir erklärt, dass bei •einem solch schwerwiegenden Delikt kein Unterschied zwischen In- und Ausländern gemacht werden könne. Um de׳r Verbannung zu entgehen, flüchtete ■ich nach Polen, und zwar nach iRakow. Aron •Lewi wurde nach Moskau verschickt. Die Synajgogen!vors:änd׳e •mussten■ die Ihnen auf er legte ׳Kontribution von 200 Goldrubel bezahlen. ׳Dies alles bezeuge ich durch meine ׳Unterschrift usw. (Fortsetzung folgt.) gross ist das Gebot der nächsten Stunden. Das Gebot, welches lautet: Rettet das russische Judentum! (Felgen die *Unterschriften.) IWMtulMi Perücken aus dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrasse 8 (nächst dem Stefansplatz, um die Ecke)