Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 3 (18.1.1924)
- Date
- 1924-01-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 BEILAGE DER JÜDISCHEN PRESSE Seite 3 Was das* jüdische Herz im Dienste seines eigenen Volkes getan hat, wäre unmöglich und auch überflüssig zu erzählen. Mit der Milch der Mutter wird hier ein Gefühl eingesogen, das das ganze Leben lang in derselben intensiven Stärke fortwirkt. Mizwah heisst Gebot! Die Erfüllung dieses Gebotes ist ein integrierender Teil: jüdischen Lebens. Und weit über die Grenzen dieses Gebotes hat das jüdische Herz Werke geschaffen, die den jüdischen Volkscharakter mit einer Aureole gleissender Güte- Pracht umgeben. Und heute, wo wieder ein Appell an das goldene jüdische Herz ergeht, wäre es Blasphemie, zu zweifeln oder die Sicherheit zu verlieren. Warufn sollte es gerade heute anders sein wie tausend Jahre hindurch? Warum sollte man den Ausgang gerade dieser Aktion bezweifeln, wenn man von der grenzenlosen Güte des jüdischen Herzens abertausende Beweise einerseits kennt, und andererseits die brennende Notwendigkeit dieser Aktion anerkannt hat. Wir sind, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ruhig und sicher. Das goldene jüdische Herz wird auch diesmal seine lebenschaffende Wärme riickhaltslos verschenken. Die Judenheit Wiens wird auch diesmal ihre Pflicht tun und mehr als das! Wie sammelt man? Die erste Tugend beim Sammeln heisst Höflichkeit. Sie fällt ja manchmal recht schwer, aber gerade in solchen schwierigen Fällen bewirkt sie, bis ans Ende durohgeführf, wahre Wunder. Es ist ja wahr. Es ist Pflicht, es ist Gebot! Aber wie dem auch sein mag, eine freiwillige Pflicht. Eine Wohltat, zu der man niemanden zwingen kann. Kürze aber keine Barschheit beim Vorbringen der Bitte: Wir sind Sammler für diesen und diesen Zweck! Und dann heisst es warten. Nicht eilen und nicht aufbrausen. Nicht mit dem Worte .,muss“ operieren, ln Ruhe lind Höflichkeit alle Gegeneinwendüngen zerstreuen. Genügt dies nicht — auf die herrsehende grosse Not die Aufmerksamkeit des Spenders lenken. Auf den Einwand, dass jetzt viel zu viel und zu oft gesammelt wird, die Antwort bereit haben, dass die Zeit auch besonders schlecht ist und dass gerade durch eine reichliche Spende dem ewigen Sammeln ein rasches, alle befriedigendes Ende bereitet werden kann. Ausdauer heisst die zweite Tugend. Keine einzige Wohnung, kein einziges Geschäft darf übergangen werden. Auch die geringste Gabe spielt eine grosse Rolle. Höflich, ruhig, ausdauernd muss gesammelt werden — dann ist der Erfolg sicher. Wie spendet man? Auch dies ist eine grosse Kunst. Und eine sehr schöne Kunst. Jedenfalls schöner als das Spendensammeln. Es läutet oder es klopft. Wer mag dies sein? Man erwartet vielleicht niemanden, vielleicht auch jemand Bestimmten, und ist enttäuscht, dass es nur Sammler sind. Man hat gearbeitet, wird in dringender Angelegenheit gestört. Diese Umstände erzeugen begreiflicherweise eine gewisse Nervosität. Doch man darf nie vergessen, w 0 r u m es sich handelt. Die Sammler kommen ja nur, um die' Intentionen aller in die Tat umzusetzen. Sie unterziehen sich der Mühe der Uebernahme. Man halte die Sammler nicht auf. Schon Tage vorher haben Zeitungen, Plakate und Aufrufe über den Zweck und die Bedeutung des Sammeltages informiert. Es ist die letzte mühsalschwere Aktion: die Spende. Jede Minute ist kostbar. Es sind Hunderttausende von Menschen zu besuchen, jede verschwendete Minute hindert am Einsammeln und verursacht Schaden. Denn geben wollen alle! Man muss nur von allen die Spende entgegennehmen. Darum gebe man rasch und reich — dann ist der Erfolg sicher. Erziehung zur Arbeit. Der Titel ist, es sei vornherein erklärt, verfehlt. Denn alle Juden arbeiten. Das 14 Millionen-Volk besteht 80 Prozent aus Proletariern. Aus unorganisierten Proletariern. Der Kampf dieses Volkes ums tägliche Brot ist schwerer und härter als eines anderen Volkes. Denn auch im täglichen Lebenskämpfe waltet das grausanm Judeuschicksal. Beschränkungen, Erschwerungen, unnütze Schikanen, hunderte von Berufszweigen, die wenn nicht ganz den Juden geschlosse!1, nur mit unendlicher Mühe für den Juden geöffnet werden können. Da hilft nicht Tüchtigkeit, Begabung, Talent. Im Gegenteil — diese Eigenschaften verwandein sich eher in Fehler, in Störungen, in Hemmnisse. Die kurze Zeitspanne in der den Juden der Eintritt ins beschränkte bürgerliche Lehen — wenigstens auf dem Papiere — möglich wurde, konnte nicht hinreichen, um das ganze Volk in sicheren Berufen festzusetzen. Die Not schrie und drängte, was unter die Hand kam, wurde ergriffen, um nur des Lebens Allernotwendigstes zu erhalten. So entstand der Jude — der Luftmensch. Dieser Typus des Juden ist bekannt. Die schwere Sorge um das Brot des Tages, um die Unterkunft für den nächsten Tag, um das arme Kleid, sitzt immer im fahlen Antlitz, gehetzt jagt er den ״Geschäften“ nach, die nie ein ״Geschäft“ sind, nur armselige Brocken und Abfälle ׳wirklicher kaufmännischer Transaktionen. Makler, Händler, Hausierer. Wieder- Verkäufer und Provisionär, das sind die Berufszweige, in denen grosse Massen des jüdischen Volke festgenagelt sind. Was fähiger, wissendurstiger ist, studiert. Studiert oft unter den schwersten Umständen. Bevölkert die Mensen, die Volksküchen, die öffentlichen Bibliotheken und Lernkurse, erträgt Not und Pein jahrelang, um dann fertig geworden, mit dem akademischen Grade geschmückt, mit Aspirationen erfüllt, als Bettler vor den verschlossenen Türen zu stehen. Und auch hier wird ergriffen, was nur zu fassen ist. Alle akademischen Berufe vom besseren Beamten angefangen bis zum Arzt, Jurist, Schriftsteller sind durch Juden ausgeführt. Und gegen beide grosse Gruppen gegen die Luftmenschen und gegen die Akademiker tobt die wüste Judenhetze, aufgesoheucht durch Angst vor der Tüchtigkeit, Neid auf die Genialität. Arbeiten all diese Menschen nicht? Arbeiten sie nicht schwerer wie alle anderen? Und doch wird die Arbeit nicht anerkannt, irgendwie glaubt der Verhetzte und Hassende, dass die Arbeit des Juden nicht reell, nicht ehrlich ist, dass sie nur auf einem Trick beruht, durch eine List maskiert wird. Abgesehen von der Bewertung jüdischer Arbeit durch andere ist die Berufsschichtung im jüdischen Volke sehr ungesund. Die akademischen Berufe sind überfüllt, der Kaufmannsberuf weist allerdings durch die Schuld der Verhältnisse eine krankhafte Hypertrophie auf. Alle, denen das Schicksal des Volkes am Herzen liegt, sehen ein, dass langsam eine Umgruppierung der Berufszweige eine grosse Notwendigkeit ist. Doch eine Berufsumschichtung ist eine gewaltige Aufgabe. Es geht nicht darum, dass Einzelne andere Berufe ergreifen. Ganze Volksklassen müssen in andere Berufe überführt werden. Diese anderen Berufe sind: Handwerker und Bauern. Es gibt!heute, besonders im Osten Europas, einen jüdischen Handwerkerstand. Bezeichnend ist, dass diese bei Feind und Freund beliebt und geachtet sind. Der jüdische Handwerker ist ein wunderbarer Typus. Durch die jüdische erzieherische Geistesbildüng veredelt, bildet der jüdiische Handwerker eine grosse Hoffnung für das Volk; die Führer der Bewegung des orthodoxen Judentums haben auch die Bedeutung des jüdischen Handwerkers erkannt und haben dem thoratreuen jüdischen Arbeiter im Rahmen der Organisation Schlomej Poalej Isroel eine eigene Organisation geschaffen. Als nach dem Kriege und seinen für das jüdische Volk furchtbarem Nachspiel, den Pogromen und antisemitischen Ausschreitungen, das ״Jüdische Hilfswerk“ vor der Aufgabe gestellt wurde, Hunderte von Waisen, von verlassenen jüdischen Kindern zu ernähren und was! noch schwieriger ist, zu e rzie- 1: e n; dann rollte sich vor den Leitern des ״Jüdischen Hilfswerkes“ das ganze grosse ohwierige Problem der Bemfsumschiohtung auf. Sie haben das Richtigste gefunden. Sie schufen die j ü d i s c h en Lehrw e r k s t ä 11 e n! Dort werden junge jüdische Menschen gehegt und gepflegt, ernährt und erzogen. Und zu produktiven jüdischen Menschen ausgebildet. Erziehung zu Arbeit und jetzt korrigieren wir den Titel, heisst in diesem Falle Erziehung zu produktiver A r b e i t. Handwerker und Bauern — das bedeutet das Ende des Luftmensohen und des überflüssigen Akademikers. Das bildet das Fundament der neuen jüdisehen Gesellschaft! Deshalb ist die Erhaltung der Jüdischen Lehrwerkstätten von immenser Bedeutung. Nicht 40 oder 50 Kinder sollen dort erzogen und ausgebildet werden. Tausende müssen dort ihre Lehrjahre verbringen. Und es sind abertausende von Kindern, Waisen vorhanden, die sehnsüchtig harren, in diese Schulen aufgenommen zu werden. Es liegt an uns allen, diese Sehnsucht zu stillen. Wir verhelfen diesen jüdischen Kindern zu einem schönen produktiven Leben und retten uns sebst und unser Volk. Die Lehrwerkstätten im Dienste von Erez Jsroel. D!as Heilige Land war im Leben des jüdischen Volkes im Exil immer das Ziel der Hoffnung des Volkes. Die Verbundenlllit mit dem Lande hatte niemals׳ an Intensität e:ingebüsst, niemals hat das Streben nach dem Lande den wichtigsten Platz unter den Zielen des Volkes verlassen. Man kann die Bedeutung dieses Strebers ermessen, wenn man sich vorzustellen versucht, wie heute das Judentum aussehen würde, wenn diese Sehnsucht und dieses Streben verschwinden würden. In der furchtbar schweren und härtesten Periode, die das jüdische Volk in unserer Zeit erlebt, bildet das Streben nach dem Lande unserer Väter ein verbindendes und einigendes, ein veredelndes und klärer.des Element. So kann alles, was heute im jüdischen öffentliehen Leben geschieht, unter der Devise ״Für das He'ilige Land“ geschehen. Was für Riesenkräfte, was für Mittel zum Aufbau Erez Isroels notwendig sind, ist bekannt. Es. ist ein Werk, das wirklich' nur ein ganzes Volk, ein grosses Volk und ein jüdisches Volk leisten kann. Wenn die Kraft eines einzelnen Volksgenossen nicht auf dieses Ziel gerichtet ist, so fehlt diese Kraft dem grossen Werke ׳und gefährdet es. Ein grosses Glück wurde uns und unseren Zeitgenossen zuteil: Wir können das Land aufbauen. Wir können es, von den Fundamenten an begonnen, bis zu seiner Vollendung hin bauen. Was wir für das Land schaffen, wird bleiben, wie wir für das Land arbeiten, so wird es s e ii n. Deshalb müssen die Pläne für den Aufbau bis in die kleinsten Details/genau erdacht und erwogen werden, deshalb die Arbeit so tief gründlich gemacht werden. Keine Niete, die nicht mit dem Riesenbau unveresebiebbar.verwurzelt sein müsste. Es soll ein Bau für Ewigkeiten werden. Doch nicht nur für das Land selbst müssen wir volle grosse Arbeit leisten. Das Land mus angebaut, die Menschen, die dort wohnen, erzogen und ausgebildet werden. Und das letztere ist vielleicht schwfieriger als alles andere. Wir brauchen in Erez Isroel: Bauern und Arbeiter. Gute, solide, tüchtige Arbeiter. Jüdische Handwerker, die i׳m jüdischen Geiste erzogen, im Heiligen Lande das Fundament unserer neuen jüdisehen Gesellschaft bilden sollen. An Beispielen sind wir überreich. Als einst die Selbständigkeit unserer Nation verlorengegangen ist, als der grösste Ttlil des Volkes vernichtet wurde, und als es fast schien, dass den Feinden ihre Absicht gelungen ist, das Volk Juda vom Erdboden zu vertilgen, da rettete ein kleines Häuflein von Männern des Geistes das Volk und seinen Geist. Was waren aber diese Männer? Was waren zum grössten 'Peil unsere Retter, unsere Tanaim? Handwerker! Handwerker, Schuster, Tischler, Färber, Schmiede usw. Sie haben das Volk gerettet. In der einen Hand das Werkzeug, in der anderen das Buch! Das ist• das Bild unseres jüdischen Handwerkers׳. Den brauchen wir, den müssen wir haben. Die jüdischen Lehrwerkstätten erziehen und Hilden solche Handwerker aus. Dort lernen verlassen? jüdische Knaben oder Waisenkinder in der Werkstatt das Geiwerbe, im Garten die Erdarbeit, in den Lehrzimmern profanes und jüdisches Wissen. Aber ihrer sind viel zu wenig. Ihre Zahl muss sich vertausendfachen. Wlie alles, was im aufrechten, jüdischen öffentliehen Leben geschieht, geschieht auch in den Lehr- Werkstätten. Dort werden nicht nnr junge Juden zu produktiven jüdischen Menschen erzogen, dort vollzieht sich nicht nur der Beginn der Berufsumschlich־ tung im Volke, dort werden produktive, schaff e n d e Menschen für Erez Isroel herangebildet. Der jüdische Arbeiter, an den früher erwähnten Beispielen erzogen mit seinem gesunden Lebenssinn und echt jüdischer Weltanschauung, mit seiner schönen, reinen jüdischen Handwerkerfamilie, wird den Kern des neuen jüdischen Lebens in Erez Isroel bilden. Den Kern, um den sich alles in ebensolcher krystallenen Reinheit und ebensolcher Schönheit harmonisch gruppieren wird. Die jüdischen Lehrwerkstätten erziehen, und wollen tausende von solchen jüdischen Handwerkern für Erez Israel erziehen! Das ist der Dienst der jüdischen Lehrwerkstätten für Erez Isroel. Instruktionen für die einzelnen Sprengel des Sammeltages. Die Sprengel erhalten •von der Zentrale die numerierten und registrierten Sammelbogen,!welche nachher streng zu verrechnen sind. Die Leitungen der Sprengel müssen׳ in ihrem eigenen Wirkungskreise die geeigneten Sammelpaare auf schnellstem Wege aufbringen und diesen die Sammelbogen, versehen mi׳t den Namen der ׳Sammler und!mit dein Orte ׳der Sa1qjpe׳ltätigkei׳t, bis längstens Donnerstag ׳ausfolgen. Falls im Sprengel auswärtige Sammelpaare gewünscht werden, bitten• :wir, die Zentrale sofort zu •verständigen•. Die Leitungen der Sprengel werden dringend er- .sucht, an die Zentrale so bald als möglich ein Verzeichnis jener besonders wohlhabenden und wohltätigen Personen ihres Sprengels gelangen zu lassen, welche .i-n besonderer Weise besucht ׳werden sollen., und ׳dabei gleichzeitig bekanntzugeben, welche Sammler ihres S׳prengels für diesen Zweck!,besonders!in Betracht kommen. Die Sammler, mögen angewiesen werden, in •den Häusern vorerst jene ׳Parteien aufzusuchen, ׳von welchen die grösste Spende!zu erwarten• ist und die kleineren Spenden auf •der Rückseite des Bogens eiuzutragen. Die Samimetbogeni m'it den eingelaufenen Geldern müssen vom nächsten Sonntag an fortlaufend in der Zenträte abgegeben werden. Wir bitten in Anbetracht der Dringlichkeit des Sammeltages freundlicihst, alles auf schnellstem und bestem Wege zu veranlassen und in wichtigen Fällen •die ׳Hilfe der Zentrale (Tel. 67-0-72, 60-2-17, 65-0-89) an zu rufen- *