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Jüdische Presse · 1924-01-18 · 3 (18.1.1924) · page 10

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Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 2 BEILAGE DER JÜDISCHEN PRESSE Nr, 3 Aufruf! Das Komitee für den jüdischen Sammeltag erlässt den folgenden Aufruf: Ein erschreckend grosser Teil der jüdischen Jugend befindet sich in tiefster Not. Die alten und neuen Einrichtungen der Jugendfürsorge haben sich in den letzten Jahren auf jede nur denkbare Weise bemüht, die verwaisten und verwahrlosten Kinder, die der Krieg geschaffen, dem körperlichen und sittlichen Verfall zu ent• ziehen und *tätige, tüchtige Glieder der Gesellschaft aus ihnen heranzubilden. Nur planmässige Arbeit kann gründ• liehe Abhilfe schaffen, nur Organisation bedeutet wirkliche Rettung. Aber für den Ausbau der Organisation zur Be• hebung der furchtbaren Kindernot fehlten die Mittel. In Erkenntnis dieser Notlage und der sozialen Ziele unserer Bestrebungen hat der Herr Bürgermeister von Wien der notleidenden jüdischen Jugendfürsorge einen Sammeltag bewilligt. Wir werden unsere Glaubensgenossen am Sonntag den 20. d. M. in ihren Wohnungen und am Montag den 21. d. M. in ihren Geschäften aufsuchen. Unser Aufruf richtet sich an alle, die es nicht dulden wollen, dass in unserer, nun wieder glücklich auflebenden Stadt schuldlose Kinder im Elend versinken. Spendet reichlich, jeder von ganzem Herzen, jeder nach seinem Vermögen! In Mizwoh einig. Das Judentum unserer Zeit ist zerklüftet und zerrissen. Grosse Teile des Volkes stehen fremd abseits, grosse Teile bekämpfen und befehden sieh untereinander. Die Unterschiede der Weltanschauungen der vielen Parteien sind gross und schwer zu überbrüoken. Wie traurig es auch klingen mag — es muss doch ausgesprochen werden: Das einigende Band fehlt bis zum heutigen Tage. Der grosse Sammeltag bildet eine Ausnahme. Von der Not getrieben, wurde jetzt ein Versuch gemacht, dort wo keine prinzipiellen Bedenken entgegentreten, sich zur einheitlichen Tätigkeit zusammenzuschliessen. Die Not des Volkes ist ins Unermessliche gestiegen. Tausende Hände regen sich in unermüdlichem Schaffen, tausende sind bemüht, die Not zu lindern. Aber es sind nur kleinere oder grössere Teile, die isoliert sich mit dem barmherzigen Werke befassen. ln unserer Stadt ist heute der kleine Anfang gemacht worden. Der Jüdische Sammeltag wird von allen Institutionen für soziale Fürsorge gemeinsam verans t a 11 e t. Es geschieht uns zu besonderer Freude, dass diese Einigkeit in der Erfüllung eines Gebotes der Thora erreicht wird und im Zeichen einer Mizwah steht. _ Was ist das ״Jüdische Hilfswerk“? Von *Um rv׳ersitä1t׳ST>rofessor Dr. Max Eisler. Das. ״Jüdische Hilfswerk“ in Wien ist eine völlig unpolitische, ist eine soziale Einrichtung. Es *dient keiner Partei. Es gilbt jedem und darf deshalb von jedem nehmen. Da alle Elinrichtungen auch dem strengsten rituellen Anspruch genügen, lassen sich die Bedürfnisse aller hilfesuchenden Juden hier befriedigen. Das ״Jüdische Hilfswerk“ umfasst zweli Arten von Einrichtungen: die eigenen und die subventionierten Institute. Erst durch die Kontrolle über beide Kategorien, womit es gleichzeitig die Verantwortung für deren zweckmässige Führung trägt, wird das ״Jüdische Hilfswerk“ ein Zentrialorgan der sozialen Fürsorge. Den Auftakt zur eigenen Arbeit brachte das ״Waisenhaus in Baden“ (Germergasse 48). Schon während des Krieges von seinem Besitzer dem ״Kriegswaisefondls“ der Aguda geplant, ist es im Frühjahr 1921 eröffnet worden und birgt seither 42 Knaben, die in dem schönen und gesunden Gartenhause am Weinhügel vortrefflich gedeihen, ln ihrem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist. Selbst das. überaus schwierige Erziehungsproblem, das sonst den jüdischen Eltern soviel Schwierigkeiten macht, wurde hier glücklich gelöst. Einen Teil des Tages beschäftigt man die Kleinen mit jiidi-'clieii Lehrfächern, der übrige 'Feil wird dazu verwendet, aus den Kindern nützliche Menschen zu machen, damit sie einst produktive Arbeit leisten und einen Erwerb haben. Um die Unzahl der obdachlosen Waisen, namentlich solcher aus den Pogromfeldern der Ukriane, wenigstens teilweise unterzubringen, haben wir mit Hilfe des ״Schweizer Kriegswaisenfonds der Agudas Isroel“, der uns dafür einen Betrag von 40.000 Franken zur Vefügung gestellt hat, ein zweites geräumiges Haus in Baden (Eppsteingasse 10) erworben. Es geht seinem Umbau und einer gründlichen Adaptierung entgegen, und so dürfen wir hoffen, in kurzer Zeit weiteren 100 Knaben, Kindern von erschlagenen Vätern und geschändeten Müttern, dieselbe Erziehung und Pflege gewähren zu können wie den Schützlingen des ersten Badener Waisenhauses. Aber ausser den unversorgten Waisen stehen noch andere Elenldskinder einlassheischend vor unserer Tür. Wie jene Opfer des Krieges, sind diese wicht minder unschuldige Opfer der Gosstadt. Von ihren Elten verlassen, schwärmen sie verwahrlost in den Gassen, werden gelegentlich von der Polizei aufgefangen und in Samelstellen gebracht, die bei ׳ihrem völlig: unzureichenden Mitteln den körperliehen Verfall der Kinder nur noch beschleunigen, oder sie geraten auf irgendwelchen Wegen in eine dürftige Privatpflege — gehen aber jedenfalls dem Judentum verloren. Wir haben ein erstes und ein zweites Mal mit Erfolg versucht, diese Aermsten, im ganzen etwa hundert, ihrem Untergange zu entziehen und sie dem Schutz von Menschenfreunden zugeführt. Aber auf die Dauer erwies stich diese Privathilfe den laufenden Ansprüchen nicht gewachsen und entsprach ׳auch nicht mehr *unseren strengeren Zielen. So haben v ir auch hier an Stelle der Nothilfe die Organisation gesetzt. Wlir haben in Wien ein Haus mit einem frendlichen Gartenhof erworben, das schon bisher als Kinderkrippe ähnlichen Zwecken gedient hatte und so nur einer neuen Einrichtung bedurfte. Dieses ״Knabeninternat“, Wien, III., Schimmelgasise 0, gibt fürs erste die Möglichkeit, jeweils 40 verlassene Kinder solange bei uns heranzupflegen, btis wir für sie dauernde und verlässliche Unterkunft in jüdischen Häusern des In- und Auslandes gefunden haben und sie ihren Platz anderen kleinen Leidensgenosseii räumen können. Die Verfassung ist — bis auf den öffentlichen Schulbesuch — dieselbe wie in unseren Waisenhäusern: Wirtschaft und religiöser Unterricht im Hause. Aber das ״Knaibeninternat“ dlient nur zu einem Teile als Sammel- und Durchgangsstelle für verlassene Kinder, zum anderen Teil dient es Lehrlingsheim. Denn — wir wollen aufbauen, wir wollen n/icht helfen, sondern retten. Wir müssen also konsequenterweise für die Verlassenen und Verwaisten auch nach der Ueberschreitung ihres schulpflichtigen Alters: Sorge tragen. Nun ist nur ein geringer Teil dieser Kinder für eine höhere Bildung geegnet, den w!ir dann den jüdischen Schulen im Burgenland lind in der Slowakei überantworten können. Die weitaus überwiegende Mehrzahl aber müssen wir — denn auch das ist din Ziel unserer Organisation — praktisehen Berufen zufüliren. Das ״Lehrlingsheim“ gibt ihnen ein Dach, das Brot, die Pflege, den fortlaufenden Abendunterricht und die verantwortliche Aufsicht. Aber es gibt ihnen nicht die Erziehung zur Arbeit. Das geben ihnen die ״Jüdischen Werkstätten“. W!ir haben in Wien, XII., Bdelsinngasse 25. geräumige Fabriksobjekte auf einem ,Areal von 20.000 Qudratweter erworben, sind eben daran, nebst der bereits in Betrieb *gesetzten Tischlerei liier unterschiedliche Werkstätten, zunächst für Schlosser, Mechaniker, Tapezierer, Schuster uud Schneider, jede unter Lei* tung eines tüchtigen Meisters, einzurichten und ihnen im Hause ein zweites Lehrlingsheim samt Küche und Schuie anzugliedern. Die dem schulpflichtig•:־:! Alter entwachsenen Kinder auf dem Badener Waisenhaus und aus dem Wiener Kna'beninternat, aber aucli andere Ankömmlinge sollen hier je nach ihrer Eignung einem redlicenh Handwerk zugeführt werden. Weitläufige Schrebergärten geben ihnen Gelegenheit, auch von der Bodenkultur das Wichtigste unmittelbar zu erlernen. Die ״Werkstätten“ sind also ein Teil unserer schon seit Jahren bestehenden ״Gewerbeförderung“, die durch Bereitstellung von Werkzeugen und Gewährung von Darlehen notleidenden jüdischen Handwerkern planmässig aushilft. Durch beides meinen wir nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch moralischen Zielen zu dienen. Denn wir dienen der sittlichen Aufrichtung 1111 •eres Volkes, indem wir möglichst viele seiner Krätfe der produkfciven Arbeit gewinnen. Das ist die bisherige Leistung des ״Jüdischen Helfswerkcs“ im Bereiche seiner eigenen Instit.11ttionen und das Programm für unsere künftige Tätigkeit. Es beginnt mit dem vereinsamten Kinde und es endet mit dem geschulten und arbeitsfähigen jüdisehen Manne. Aber darüber hinaus hat das ״Jüdische Mills - werk“ als eine Zentrale der sozialen Fürsorge seinen Wirkungskreis folgerecht erweitert, dass es die Fürderung einer Reihe von bewährten lebenswichtigen Einrichtungen — Anstalten für die Erziehung der jüdischen Jugend, Armen-, Mittelstandsküclion, endlieh den ״Krankenhausverein“ für die Beköstigung der jüdischen Kranken in den Wienern Spitälern -- auf sich genommen iiat. Das ״Jüdische Hilfswerk“ steht mit den genannten Institutionen in fortlaufender Verbindung, beleih sie nach Massgabe seiner Mittel mit Subventionen und sorgt dafür, dass diese sinn- und zweckmässig verwendet werden, Ausserdem hat das ״Jüdische Hilfswerk“ von der sozialen Fürsorge der Aguda eine Reihe von Hilfsstellen iibernomeii und sie zu regulären Einrichtuugen ausgebaut. Das sind: die ״Kranken״ ,“־Säuglings-״ ,״Wöchnerinnen׳“ und ״Kurfürsorge“, aie schon erwähnte ״Abteilung für Gewerbeförderung“ und mit ihr verbunden das ״Stellenvermittlungs- und Rechtschutzbureau“, ferner die ״Abteilung für Repatriierung“ und endlich jene ״Hilfskasse für durchreisende• Auswanderer“, an die jeweils bei Oeffnung der palästinen.• ischen und amerikanischen Grenzen Immer wieder plötzliche und enorme Anspriiehe gestellt werden. ln schwerer Zeit haben wir unsere Organisation begründet, in weit schwererer noch — in einer Zeit, da eiin Lafb Brot K. 7000, ein Kinderbett 3 Millionen kostete — haben wir sie auvgebaut. Das hätte ohne die brüderliche Hilfe des Aus- Landes nicht geschehen können. Aber auch nicht ohne die Hilfe unserer nächsten Wiener Umg e b 11 n *g. Zwei verschiedene Beispiele werden geniigen, um dieses Wiener Wohltun, welches seit jeher die Grundlage unserer Arbeit gewsen ist, für jedermann ins rechte Licht zu setzen. Der letzte Sammel• tag für das Badener Waisenhaus hatte an einem Tage, an einem Orte — ein Ergebnis von rund 100 Millionen: das stattliche Objekt für unsere Werkstatten verdanken wir einer Gruppe von nur drei Wiener Gesinnugn-sfreunden. Das Ausland hat Grosses für unser Werk getan, aber es soll wissen, dass auch Wien Grosses, dass es das Menschenmügliehe dafür tat. N o c h sind wir erst a m Beginne unseres Weges, und das Ziel ist noch fern. An allen Brüdern ist es, uns zu helfen! Das goldene jüdische Herz. Eigenlob? Es wäre schon komisch, diese Frage zu beantworten• Im vollen Bewusstsein einer Eigenschalt, die selten, oder genauer gesagt, fast niie, bei anderen Nationen, bei anderen Gemeinschaften, bei anderen Individuen vorkommt, kann man sich die Verantwortung für Worte, die wlie Eigenlob aussehen, ersparen. Das jüdische Herz ist golden, wenn Gold eine Eigenschaft grenzenloser, ja manchmal sogar zu weit gehender Herzensgute sein kann. Denn was geschieht? Mit Hundepeitschen unter Geheul wtilder Hörden, treibt inan die Brüder dieses Volkes aus einem Lande, wo sie nur Gutes geschaffen, welches sie mit emsigster Arbeit reich und gross gemacht haben. Man raubt ohne Rücksicht auf Gesetz und Gesittung den Brüdern die Früchte langjähriger 'Mühe und Arbeitsqual. Man prügelt sie wie den Auswurf der Menschheit auf den Strassen bei hellem Tage. Man behandelt sie ärger, als man je Sklaven behandelt hat. Und was für eine Antwort geben darauf die Brüder der Vertriebenen in anderen Ländern, in anderen Städten? Sie spenden selbst und sammeln Gelder! Sie richten Küchen ein und Ausspeisungen, in denen die Hetzer und Schläger Speise und Trank erhalten, sie spannen alle Kräfte an, um der Not der Peiniger ihrer Brüder, Linderung zu schaffen. Und haben gleichzeitig im selben Momente, als sie die Nachricht erhielten von der unmenschlichen, unwürdigen, bestialischen Vertreibung und Pogromierung ihrer Brüder, schon auf!ihren Lippen das lächelnde Verzeihen und die gütige, allzu gütige Entschuldigung: jene taten es ja nur, wdil sie in grösster Not, in Elend und Marter von unverantwortlichen Quertreibern verhetzt worden sind. Oder: Aus Angst und aus Neid, aus Untüchtigkeit oder aus Dummheit führen unreife, ebenso verhetzte Knaben monatelang Skandale an den Hochschulen• Es wurde ihnen gesagt, dass die jüdischen Studenten daran schuld sind, dass sie selbst unfällig sind. Sie glauben daran gerne. Es ist ja angenehmer, zu randalieren, als in hartem Wettkampf den Sieg zu erringen. Und deshalb schreien sie so lange, bis die jüdischeu Studenten die Hochschulen räumen. Wie lautet die Antwort auf diese Tat? Ein Jude und nur ein Jude meldet sieh freiwillig und nimmt auf sich die kolossale Last der Sorge der Beschaffung der Mittel für den wissenscliaftlichen Betrieb. Das heisst: er gibt setin Geld her, damit die jungen verhetzten Schreier weiter die Juden nicht 011 die Hochschulen lassen können. Denn täte er es nicht, so würden die randalierenden Burschen selbst nichts an den Hochschulen zu suchen haben. Aber er tut es doch. Und es ist gut, dass er es tut. Wenn sich solche Antworten häufen, werden die verhetzenden Fragen verstummen müssen. Oder: Ein Theater, eine, wie dem auch sei, doch schliesslich nicht zum Leben notwendige Institution, an dem aber die Gefühle einer ganzen Bevölkerung hängen, gellt zugrunde. Jahrelang versucht man Hülfe zu schaffen. Aber alles misslingt, bis plötzlich eine rettende Idee geboren wird. Zwölf Herren werden vom Staate eingeladen, um das Theater am Leben zu erhalten. Mehr als der überwiegende Teil siind Juden. Und man ist vollkommen zufrieden, denn man weiss: jetzt, wo der überwiegende Teil dieser zwölf Herren aus Juden besteht, wird das Theater und dessen grosse Kultur dem Volke erhalten bleiben. Wir wollen bescheiden sein. Nur diese wenigen Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit mögen geniigen, um aufzuzeigen, wie das jüdische Herz ist. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Nämlich die Seite, die nach aussenhin gekehrt ist.

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