Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 46 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(״JÜDISCHE KORRESPONDENZ“) OR&AN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich, Deutschland, Polen öst. K 80.000, Tschecho-Slowakei KÖ. 70, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Einzelnummer öst. K 1,500. Zahlungen für Oesterreich: PostsparkassenamtWien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.49׳ ׳; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-Slowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.-Amt Agram,Ko.N. 40.217;!.Rumänien: Banca Marmarosch Blanc & Co für Floren* &C0,Bukarest;fürdieSchwetz: Postscheckk. Luzern VII. 147V. Ni46 .״ Wieire-Bratisiava, 16. November 1923 ♦ב״ה ויענה־פרעססבומ ח" כשלו תי־פ״ד 9• Jahrp. Der Fortschritt der Menschheit. Es mag unseren Lesern seltsam bedünken, dass wir in einer so erregten Zeit eine so geruhsame Note artsdhlagen, allein gerade darin liegt die Grösse der jüdischen Weltanschauung beschlossen, dass man nie- «als verzweifelt und auch in dunkelster Stunde den Mut erhält, nach einem Lichtblick ziu spähen. Was die Qe®enw׳arfc uns versagte, das suchen wir in längst vergangenen Zeiten, indem wir das wiederbeleben, was uns als ein Ewigkeitsgut überantwortet ist. Es׳ ist weiter nichts, wie eine geschichtliche Er- Zahlung, deren Pointe wir unseren Lesern vortragen möchten. Als Jakob aus der Heimt ging, und von eineim Traum umfangen wurde, da bezeichnete er nach dem Erwachen die Stätte, an der er geruht hatte, als ein Haus des Allmächtigen. Als er aus der harten Schule des Lebens wieder heimwärts zog und seines Weges ging, da erschaute er die Engel des Heiligen Landes und sprach: das ist ein Lager des Allmächtigen. Unsere Weisen erzählen, dass es dieselben Engeln gewesen waren, die ihm bei der Au:sreise den letzten Gruss der Heimat gebracht hatten, nur schaute sie Jakob mit anderen Augen an. Er hatte schwere und gute Jahre hinter sich, Jahre voll Mühe und Enttäuschungen, aber auch Jahre voll Segen und Erfofe. Anders sieht der Mensch die Welt nach der Erfüllung, anders bei der Erwartung. Wenn Erwartung und Erfüllung sich decken, ist der Blick geklärt und der Weg ztum wahren Fortschritt geebnet; was uns dereinst nur erschien als ein Glück im Winkel, offenbarte sieb uns dann als der Aufschwung der ge- ®amten Menschheit• Wenn das Gute, das wir erfahren, strahlengleich• sich über die ganze Menschheit verbreiten lässt, wenn wir den ahnend heiligen Schauer der Ewigkeit zu einem Gemeingut der Menschheit machen, ist der wahre sittliche Fortschritt der Menschheit begründet. Es ist immer einzelnen Men- •sehen Vorbehalten, den Schritt vorwärts zu tun und die Menschheit mit sich zu reissen. Wenn es nach dein äusseren Anschein, und sagen wir einmal der ge- Schichthöhen Erfahrung nach, häufiger und leichter zu sein scheint, •die Menschen in den Abgrund zu reissen, so eigibt sich dem aufmerksamen Beobachter doch die Wahrnehmung, dass in katastrophalen Zeiten auch das Gute sich wieder durchsetzt und auch für den bedemklichsten Rückfall es einen Ausweg gibt, nur muss man es ,wie Jakob machen ״und seines Weges gehen“, d. h. auch durch die erschütternden Ereignisse sich nicht abdrängen lassen von dem Versuch, das Gute zu leben, und das Gute lernen. Es ist ein Trost für die Ein amerikanischer Jude spendet 100.000 Dollar für das notleidende Deutschland. Chicago: Der bekannte jüdische Philantroph Julius Rosenwald hat als Erster eine Spende von 100.000 Dollar zugunsten einer Sammlung für das notleidende Deutschland gegeben, die unter Führung des ehemaligen Kommandeurs der amerikanischen Besatzungstruppen in Koblenz, des Generals Allan, in Amerika durchgeführt wird, und die man auf über eine Million Dollar zu bringen hofft. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass Mr. Rosenwald im Jahre 1917, als das ״Joint Distribution Committe for Jewiph Suffers“ eine Zehn-Millionen-Dollar-Kampagne durchführte, allein eine Million Dollar spendete. Es dürfte auch interessieren, in welch vorbildlicher Weise Mr. Julius Rosenwald auf dem Gebiete der Lösung dds Rassenproblems wirkte. Auf seine Kosten wurden zahlreiche Volks- und Gewerbeschulen und sogar eine Hochschule für Neger errichtet. Fr stiftete ferner einen namhaften Beitrag zur Errichtung eiines Gebäudes der ״Joung Mans Christian Association“ für farbige, Männer, und anlässlich seines 50. Geburtstages spendete er zirka 700.000 Dollar für Wohlfahrtszwecke, davon einen grossen Teil zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Neger. Kardinal Faaihaber gegen den Antisemitismus. Der iMündhner 1Erzbischof!Kardinal Faulhaber hat in Beantwortung eines Schreibens **des Reichskanzlers ■an diesen eine Zuschrift gerichtet, in der er u. a. sagt: ״Wie sollen wir über ׳die ins riesenhafte gewachsene Wirtschaftliehe Not, •über •das mit der Arbeitslosigkeit •kommende Elend dieses Winters!Herr ׳werden, wenn nicht alle sittliehen iMäohte ohne Unterschied der Konfession und Partei •zusammen helfen•? Wie •wollen!wir sonst den Hass abbauen, der blindwütig üebr unsere israelitischen Mitbürger oder über •andere Volksgruppen in Bausch und Bogen, ohne Scbuldnachwets von Kopf •zu Kopf, den Stab bricht, oder Menschheit, dass ai?en Irrungen und Verfeindungen zu Trotz, Israel seines Weges geht und mit freudvoller Hingabe verkündet: Hier ist für die Menschheit bereit das Lager, in dein der Allmächtige wohnt. ן den Bürgerkrieg nährt, der unabsehbare neue Ver Wüstungen Ein Todesopfer der Vorfälle in Berlin. Der Schlächtermeister Silberberg, der ebenso wie sein Schwiegersohn am Montag schwer misshandelt und verletzt wurde, •als er einen in seinen La- 'den flüchtenden Verfolgten schützte, ist seinen Verletzungen erlegen. Deutschnationaler Antrag auf Ausweisung der Ost- Juden aus Berlin. Berlin: In der Berliner Stadtverordnetenver- Sammlung hat die deutschnationale Fraktion folgende gegen die eingewanderten Ostjuden gerichteten Antrag eingebracht: Der Magistrat soll ersucht werden, bei der Regierung dahin zu wirken, dass die seit 1914 zugezogenen Ausländer ausgewiesen und sofort in Sammellagern untergebracht werden. Hilfe für deutsche Kinder. Auf Ansuchen ׳der Agudas J'isroel hat Frau Baronin Oppenheimer •im Namen des Kuratoriums •das bekannt« ideal eingerichtete Heim der Baron Tedesco-Stiflung In Baden zur Unterbringung von deutschen Kindern giüffigst zur Verfügung gestellt. Herr iMedizinalrat Schreiber hat sich bereit erklärt, dem Heim!mit Rat und Tat beizustehen, was die Aufgabe ungewöhnlich erleichtert bat. Fräulein Eichner, die ׳Inhaberin •der bekannten kosdneren Restauration, will in dankenswerter Weise auf ihre Spesen verzichten und für!Mitttagessen sorgen. Die Agudas Jisroel ,ist somit in der Lage, eine weitere Anzahl /.'.von Kindern vorzüglich unterzubringen. An allen Freunden wirklicher Wohltätigkeit ist es nun, die bedeutenden Mittel, die die Deutschlands- Aktion der Aguda benötigt, derselben zur Verfügung ®u stellen. Die Not der deutschen Juden. Wiener Kinder — Kinder nach Wien. Als ich vor wenigen Monaten zuletzt nach Wien fuhr, stieg in Aschaffenburg ein Kindertransport ein. Ein paar Dutzend munterer, rotwangiger Jungens und Mädels mit Fähnchen österreichischer Farbe in der Hand und Liedern österreichischen Klanges im Munde. Es waren Wiener Kinder, die sich ein paar Monate im Bayernlande rote, runde Backen gegessen hatten und mm zurück nach der Donauheimat fuhren. Vorgestern stand ich auf dem Perron vor einem endlosen durchgehenden Wagen, der wiederum österreichische Fähnchen trug, und erlebte.manche rührende Abschiedsszene: Kinder nach Wien! Nie trat mir der talmudische Ausspruch vorn ״Galgal hachoser“, vom rollenden Rad der sozialen Geschickesbildung so augenscheinlich, so handgreif- Iteh entgegen, wie bei diesem Kinderzuge nach Wien. Wiener Kinder! und — Kinder nach Wien! In einer Zeitdistanz von wenigen Monaten. Es ist geradezu ein Symbol für die von der Unnatur der Zeit auf den Kopf gestellten Begriffe und Synthesen. Ungarisehe Juden flüchten nach Rumänien, wo sie Rechtsschütz suchen und finden, die Warschauer Gemeinde verwendet sich für die Rechte der posenischen Juden, Flüchtlinge aus Bayern gehen über die Grenze nach Oesterreich und Galizien, und deutsche Kindertrans- Porte gehen nach Wien. Die kleinen Gäste unserer Wiener Glaubens- und Gesinnungsgenossen, aus den besten Mittelstandsfamilien kommend, kennen das Elend nicht. — Weil sie in dasselbe hineingeboren sind ... Sie können nicht wissen, dass zum Morgenkaffee etwas Milch gehöre, womöglich auch ein weisses Brötchen dazu. Sie können nicht wissen, was wir als Kinder alle wussten, dass man auch ausser am Sabbat Fleisch essen kann und dass der Märchenvogel ״Gans“ auch zum Genuss Sterblicher dieser Welt bestimmt ist . . . Wie können sie es beispielsweise wissen, dass es längliche, grüngelbliche Dinger gibt, die man ״Bananen“ heisst, und die so schmecken, als läge darin alle Süssigkeit und Fettigkeit der Erde, mit der Isaak seinen Sohn Jakob gesegnet hat? Was werden sie für Augen machen, wenn sie in den Auslagen und auf den Ständen an jeder Strassenecke die blonden und die schwarzen Trauben und die angeschnittenen saftigen und fleischigen Melonen sehen werden! Wirkliches, hartes Geld werden sie auch dort nicht sehen, aber Scheine mit hübschen Frauenköpfen, die nur Hundert- und Tausendzahlen tragen und für die man dennoch ״etwas kriegt“. Die so hart und hässlich gewordenen Worte Million und Milliarde — in ihrer Abwesenheit kam zu diesen noch die Billion — kommen ihnen ein paar Wochen aus dem kleinen Gedankenkreise .... Sie kennen kein Elend diese Kleinen! In den Häusern, wo sie bei schwarzem, dünnem Kaffee und Wassersuppen ״heranblühen“, wird nicht viel davon gesprochen, da wird nicht die Not auf die Strasse hinausgetragen, sondern ins tiefste Innere versteckt, mit Würde und Humor sogar getragen, so• dass der berechtigte Anspruch auf die kleinen Genüsse des Lebens gar nicht aufkommt. Aber es ist ihrem klaren Kindesauge zu gönnen der Blick auf die Welt, wie sie ungefähr sein soll, es ist ihnen zu gönnen die Erfahrung, dass nicht die ganze Welt aus kummervollen, sorgenverzerrten Gesichtern besteht, dass es noch Lachen auf Erden gibt, und andere Gespräche, als ״Dollarstand“ und ״Kartoffelpreis’‘ .... Und wenn unsere Kleinen dort einmal durch die Zirkusgasse gehen sollten, so bleiben sie einen Moment vor dem barocken Säulengebäude stehen und lassen sich erzählen, dass da vor wenigen Monaten unsere Besten gesessen und hier die schönsten Worte erklungen sind, die unseres Gedenkens aus Judenmund zu Judenherzen über Judentum gesprochen wurden. Mögen sie mit Verehrung zu dem jetzt leerstehenden Hause heraufsehen, in dem der Geist der jüdischen Gemeinschaft seinen vollsten, hellsten Ausdruck bekam, auch der Geist, aus dem heraus der Gedanke entstanden ist: Kinder nach Wien! (Israelit.) Pessi Wien I. Erstes und grösstes Wiener Haus Kärntnerstrasse 28 Gegründet 1894 ffür künstlerisch ausgeführte Scheitel, Perücken und Transformationen aus allerbestem, dauernd gewelltem Naturhaar. Versand der reich illustrierten Frisurenmappe kostenlos.