Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 45 (9.11.1923)
- Date
- 1923-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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m וי• y ■JET ־ I uU ^T I Univer8it&tat>iUiothelc Hfl fl g| | x., Franzensring (״JÜDISCHE KORRESPONDENZ«) ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS« Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. — Telephon 49 054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise! Oanzjährig: Für Oesterreich, Deutschland, Polen öst. K 80.000, Tschecho-Slowakei Kö. 70, Schweiz Frcs. 10. Amerika 2 Dollar. Italien 20 Llrfe, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Einzelnummer öst. K 1.500. Zahlungen für Oesterreich: PostsparkassenamtWien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.41-9; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-Slowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.-Amt Agram,Ko. N. 40.217: f. Rumänien: Banca Marmarosch Blanc & Co für Florenz & Co, Bukarest; für die Schweiz: Postscheckk. Luzern VII. 1470. Mr. 45 Wien-Bratislava, 9. November 1923 .ב״ה ויענה־םרעססבורג א* כסלו תיפ״ד 9• Jahrg. Segen. Die Wissenschaft der Menschen beschäftigt sich, man kann fast sagen, seit den Tagen Kains mit den Vorgängen im Leben der Seele des Menschen. Dass der Mensch imstande ist, dasjenige, was er weiss, auf andere Menschen zu übertragen, wird nicht bestritten ■und ist die einfachste Voraussetzung jedes Unterrichtes. Verwickelter wird das Gebiet an dem Punkt, an dem es sich darum handelt, unser Wollen auf andere Menschen zu übertragen; deshalb ist ja eben die Erziehung eine viel schwerere Aufgabe als der Unterrieht. Im weiteren Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende, hatte man sich bemüht, die Gesetze zu ergründen, nach denen ein Mensch bestimmend den Willen eines anderen Menschen lenkt. Man hat dafür gewisse Worte gefunden, wie zum Beispiel Suggestion, Hypnose, kann.aber nicht sagen, dass die Prägung der Worte sehr viel zur Klärung beigetragen hat. Diie heilige Schrift gibt oft Anlass, sich in dieses Gebiet zu vertiefen, -und in der Tat gbt es eine weitverzweigte Richtung in der Bibe-lerklärung, welche diese Frage berührt und zu lösen versucht. Ein Grenzgebiet dieses Bereiche^ ist der Segen, den die sterbliehen Menschen ihren Kindern oder Schülern erteilen• Das ist, um mit den Worten unserer Weisen zu sprechen, ■ein g-ttliches Privilegium, welches der Allmächtige selbst unseren Ahnen gegeben hat und wel- •dies die Ahnen auf die spätesten Enkel vererbt haben. Zur besondern ■Höhe gelingt dieser Akt, wenn ein ster- ■bender Vater oder eine sterbende Mutter segnend von den Kindern Abschied nimmt, da ist e!3 so, als ob sie mit geheimnisvoller Kraft das Beste ihres Lebens, das mühsam erworbene innere Gut eines langen, langen Erdenpfades mit den letzten flüsternd gehauchten Worten ihrer Lippen den Kindern überantworten möchten. Dass dies im Bereich der Möglichkeit liegt, geht klar hervor aus der Weisung, mit welcher der allmächtige Moses befahl, sein Können auf Josua zu übertragen. Man sollte es deshalb für nichts Geringes erachten, wenn in der Stunde,'in der uns eine Ahnung der Ewigkeit durchglüht und erhebt, dass zu Beginn des Sabbat unsere Kinder von uns einen Segen erheischen. Man soll wissen, dass man dann da Gelegenheit hat, einen Teil unseres Wollens auf unsere Kinder zu übertragen. Wo wäre der Vater, der angesichts dieser Möglichkeit nicht wirklich das Beste aus seinem inneren Leben seinem Kinde übergeben möchte? In dieser Kraft des Segens liegt der Angel- Punkt der Erziehung des Menschengeschlechtes. Das ist der Augenblick, in dem wir alle unmittelbar eine Tat als Ausfluss der g-ttlichen Vollmacht vollziehen. »• Die Not der deutschen Juden. Gerusch Bayern. Der Wandel der Zeit. Wer da weiss, wie das alte Bayern geartet war, ilat in diesen Tagen gelernt, sich zu schämen. Es war einst die Tat bayerischer Staatskunst, bei streng konservativer Riehtung eine ebenso tiefe Achtung vor den Rechten des einzelnen Menschen an den Tag zu legen. Aus dieser Grundstimmung rührt es, d^ss die bayerischen Behörden es mit den verfassungsmässigen Rechten der Juden ernstnahmen, dass der bayerische Mensch jede Spur des Hasses weit von sich wies• Das ist nun alles anders geworden. Bayern wandelt in den Spuren des finsteren Mittelalters, grundloser Hass feiert seine Orgien und wahllos zerstört man Hab und Gut, Glück und Hoffnung; das alles gegen Menschen, die sonst in hingebungsvollem Vertrauen auf Bayerns sittliche Grösse dort eine neue Heimat gesucht und gefunden haben. Die allgemeine Grundstimmung der Verzweiflung ist bewusst auf jene Verrohung hingelenkt, in der man eben durch eine Beschämung der Schwachen sich Stärke suggeriert, in dem Hieb auf die Wehrlosen sein Menschentum preis gibt. Es ist zum Verzweifeln, dass selbst der. starke reliitöse Uriterton, der sonst im bayerischen Volke herrschte, dieser g-ttfremden und g-ttlosen Haltung keinen Einhalt mehr zu bieten vermochte. Wenn irgendwo ein Staat in der Welt wäre, der sittliche Ideale zum Gegenstand des Staatsbewusstseins -und des Staatswollems gemacht, so müsste es die Aufgabe dieses Staates sein, diesem furchtbaren Niedergang Einhalt zu bieten. Dieser Staat ist nicht vorhanden. Und abermals ziehen jüdische Kinder wandernd, und vertrieben durch die Welt. Der einzige Trost, den man ihnen in diesem Augenblick bieten kann, ist die Liebe und die Achtung vor dem Unglück, die man ihnen allenthalben entgegenbringt. München. Dre ganze Verantwortungslosigkeit, der Kahrschen Politik tritt besonders typisch in den Judenausweisungsukas des Generalkommissärs von Bayern zutage. Neuerdings mehrte sich in Amerika die Zahl derjenigen, die bereit sind, Deutschland (hilfreich beizustehen. Das stammesverwandte Oesterreich, das mit so vielerlei Fäden mit Deutschland verbunden ist, zeigt, obwohl es selbst eine ausserordentlich schwere Krise kaum überstanden!hat, seltene Opferfreudigkeit und leitet ein grossartiges Liebeswerk ein. Unter den Spendern Amerikas und Oesterreichs sind viele begüterte Juden. Wird es -deren Sympathien für Deutschland heben, wenn sie lesen, dass Kahr Hunderte von Familien, darunter alteingesessene, aus ■dem Lande -jagt? Nur einige krasse Fälle seien angeführt, die den Mangel jeglichen sozialen Verantwortlichkeitsigefühles beim obersten Machthaber Bayerns am deutlichsten dokumentieren. Sieben Zigarettenfabrikanten wurden ausgewiesen, weil sie jüdischer Konfession sind. Leute, die hunderten rassenreiner Bajuvaren Brot und Arbeit geben und von ihnen!geschätzt und geachtet sind. -Sie werden^ dem ungastlichen Bayern den Rücken kehren, ihre Betriebe verlegen, die Maschinen abtransportieren.־ Die Arbeiter und Angestellten bleiben in der wirtschaftlich ohnehin so -kritischen Zeit stellenlos zurück. Dr. v. Kahr wurde auf diese Gefahr aufmerksam gemacht, worauf er die typische Antwort gegeben haben soll: ״Lieber 100 Erwerbslose, für die ohnehin das Reich Unter- Stützung zu zahlen ■hat, als ein halbes Dutzend jüdischer Fabrikanten!“ Der österreichische ״Phönix“ unterhält eine Filiale in München, ■die mit starker Unterbilanz arbeitet. Da Angestellte dieses Unternehmens durah Kahr ausgewiesen werden, herrscht die Absicht, die Münchener Filiale überhaupt aufzulassen, wodurch 35 christliche Münchener Angestellte mns Brot kommen. Ahasver. Flüchtlinge aus München in Wien. In •der Wiener ״Netuen Freien Presse“ finden wir folgende Schilderung der jüdischen Flüchtling^ aus Münohen: Schauerlich war es vor neun Jahren, als friedliehe Menschen, von Haus -und Hof verscheucht, mit entsetztem Blick, in dem eine irrsinnige Angst flackerte, aus den Grenzgebieten nach Wien flohen. Greise, Kinder, schwangere Frauen wanderten wie gehetzt ■in Nacht und Kälte auf der Landstrasse zur nächsten Eisenbahnstation, und mit scheuer Gebärde sahen sie sich alle paar Minuten zitternd um, ob nicht schon die waffenstarrenden Gestalten feindlicher Soldaten hinter ihnen auftauchten. Schauerlich war es damals. Aber was wir jetzt erleben, ist weitaus schauerlicher, denn es ist unnatürlieh. Die Flüchtlinge, die mit den Münchner Zügen auf dem Westbabnho-fe -in Wien eintreffen, sprechen die deutsche Muttersprache, haben ihr Leben in Deutschland verbracht, sind durch tausend unzerreissbare Fäden mit Deutschland verwachsen und wurden dennoch von Menschen, die sich Deutsche nennen, aus ihrer deutschen Heilmat hinausgepeitscht. Ein unheimliches, mittelalterliches Gespenst, das man im zwanzigsten Jahrhundert eigentlich nur noch im haibzivilisierten Osten Euro-pas vermutet hätte, geistert jetzt bei hellichtem Tage durch die Strassen einer deutschen Stadt: das Gespenst der Judenverfolgungen. Spricht man mit Flüchtlingen, die vor ein paar Tagen in München den Ausweisungsbefehl erhielten, bei den!Behörden verzweifelt und vergebens um einen Aufschub flehten, aus ihren Wohnungen auf die Strasse geworfen wurden und׳ dann, von' ■den Gas- ׳senlbuben verspottet und vom Pöbel bespien, zum Bahnhof eilten, spricht man mit diesen aus ihrer Heimat Verstos'seiien, so staunt man vor allem darüber, dass sie kein Wort der Verbitterung, der Anklage finden. ״Deutschland •ist schwer krank, es fiebert und weiss nicht, was es tut,“ sagt ein alter Mann, der sich durch dreis'sig Jahre kümmerlich genug als Hauslehrer in München fortgebracht hatte und jetzt mit seiner Schwiegertochter (sein Sohn ist im Kriege gefallen) und deren zwei Kindern aus München geflohen ist, weil er jeden Morgen die Tür seiner Woh- -nung mit der hakenkreuzverzierten Drohung: ״Tod den Juden!“ besudelt fand. Er bekam anonyme Briefe, die ihn als Wucherer und Landesverräter beschimpften. Wucherer? Landesverräter? Er ist ein armer, alter Privatlehrer, sein Sohn ist als deutscher Soldat im Kriege gefallen. Aber er ist ein Jude. ״Wie in der Hölle haben wir geleibt,“ erzählt seine Schwiegertochter mit vor verhaltenem Weinen bebenden Lippen. In den letzten Wochen hat niemand im Hause mit uns ein Wort gesprochen, Leute, mit denen wir früher freundschaftlich verkehrt hatten, sind uns plötzlich ausgewiohein, als ob wir Aussätzige wären. Wenn ich für den Haushalt Lebensmittel einkaufen wollte und in einem Geschäft als• Jüdin erkannt wurde, so hat man mir keine Ware gegeben, sondern mich verhöhnt: ״Gehen Sie nach Jerusalern!“ Oft genug sind wir ohne Mittagessen gebliieben, weil ich mich buchstäblich nicht getraut habe, auch nur die nötigsten Einkäufe zu besorgen. Neulich hat mir auf der Strasse ein junger Mensch von der Hitler-Garde aus Mutwillen eine schallende Ohrfeige gegeben und mich angespuckt, ■und der Schutzmann, den ich um Hilfe gebeten habe, hat mich ausgelacht. Am ärgsten aber ist es, wie sie die Kinder verhetzen. Meine zwei Kleinen sind Kriegskinder, das Mäderl ist acht, der Bub sieben Jahre alt- In der Schule kümmern sich die Lehrer nicht um sie. Die Mitschüler sagen meinem kleinen Jungen: ״Dein Vater wur ein Drückeberger“, und die Mädchen verspotten mein Töcbterchen: ״Du willst mit uns spielen? Schau dass du weiterkommist!“ Die Kinder sind eben verhetzt, sie können nichts dafür und wissen nicht, wie sie sich versündigen, aber mir tun diese De-mütigungen weh. Was haben wir denn getan! Mein Mann ist in Flandern gefallen...“ Auch die Schicksale der anderen Flüchtlinge sind von tiefer Tragik überschattet. Man glaubt, Geschichten aus der Zeit des finstersten Zarismus zu hören, wenn man von Hausdurchsuchungen in frühe- Wien E. Erstes und grösstes Wiener Haus Kärntnerstrasse 28 für künstlerisch ausgeführte Scheitel! Perücken und Transformationen aus allerm* bestem! dauernd gewelltem Naturhaar. 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