Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 44 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Universitätsbibliothek B 1•י E'ransensring (״JÜDISCHE KORRESPORDENZ«) ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUH& Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.Ö54. Tschecho-SIowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Ffir Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Oanzjährig: Ffir Oesterreich, Deutschland, Polen öst. K 80.000, Tschecho-SIowakei Kö. 70, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Einzelnummer öst. K 1.600. Zahlungen für Oesterreich: PostsparkassenamtWien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-SIowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postap.-Amt A gram, Ko. if. 40.217: f.Rumänien :BancaMarmarosch Blanc & Co für Florenz & Co, Bukarest;für die Schweiz: Postacheckk. Luzern VII. 1470. Nr. 44 ב״ה ויענה״פרעססבורג כ״ג חשון תיפ״ד♦ 1923 wien»Bratis1ava9 2• November 9. Jahrg. Das Haus des Lebens. Dasjenige, was wir eingangs des dieswöchentliehen Thoraabschnittes lesen, führt uns über die Grenze des Lebens hinaus in die heilige Halle der ewigen Ruhe. Ein berühmter Forscher der Kulturffeachichte machte einmal den ernsten Versuch, die sittliche Höhe eines Volkes darnach zu bemessen, wie es «eine Toten bestattet Während diese bei den Juden fast zweitausend Jahre in der unangetasteten gleichen Form geübt worden war, hat die sogenannte jüdische Neologie versucht, auch dieses Gebiet in den Bereich ihrer zerstörenden Tätigkeit einzubeziehen. Die bisher geübte Form der Bestattung ging von zwei Gesichtspunkten aus. Man wollte zunächst dafür Sorge tragen, dass wenigstens auf dem Friedhofe die Norm der Religion einheitlich und unverletzt beachtet wh־d, dass sogar das äussere Bild des Friedhofes ein geschlossenes Zeugnis für das Streben ablegt, dass da» Religionsgesetz von Geschlecht zu Geschlecht unangetastet vererbt werden konnte. Ferner war das Bestreben massgebend, dass vom Augenblick des Todes an nichts in Erscheinung trete, was sonst an grausamen sozialen Unterschieden im Leben den Menschen vom Menschen trennt und reisst. Schmucklos das Totengewand, schmucklos und prunklos Sarg und Grabesstätte, das sind die Normen der jüdischen Tradition in bezug aut den Fried- 110?, wozu noch als oberste Norm die Unantastbarkeit des Grabes selbst kommt, welche nach der Auffassung des jüdischen religiösen Rechtes Eigentum des Gestorbenen ist und infolgedessen jeder Nutzniessung durch Lebende und jeder Verletzung entzogen bleiben muss. (Es darf hier wohl in Klammer bemerkt werden, dass wir furchtbaren Schmerz darüber empfinden, dass das an und für sich rühmenswerte Streben der Wissenschaft, möglichst Klarheit über das Leben der alten Zeiten zu gewinnen, auch vor den Gräbern nicht halt macht und dass nun sogar der grausame Spaten in die alten, ehrwürdigen Königsgräber Jerusalems einzudringen versucht. Wir ersuchen alle religiös pietätvoll denkenden Kreise des Judentums und Förderer, nichts unversucht zu lassen, um diese Entweihung hintanzuhalten.) Es war aber durchaus kein Uebermut und durchaus kein Separatismus, wenn im vorigen Jahrhunderte, wahrlich nicht ohne schwere innere Kämpfe, die thoratreuen Kreise sich entschlossen mussten, sich eigene Friedhöfe zu errichten und so sich und den Ihrigen die Möglichkeit zu schaffen, angesichts des Todes wenigstens die eine Gewissheit haben zu dürfen, dass die Grabesstätte nicht durch sich selbst oder durch ihre Umgebung eine ständige, nicht wieder gutzumachende Verletzung des Religionsgesetzes darstelle. Man darf heute konstatieren, dass in ernst denkenden Kreisen der auch religiös indifferenten Juden dieses Bestreben auf ein gewisses Verständnis stösst. Dieses Verständnis würde erweitert werden, wenn man r sich stets vor Augen hielte, mit welch rührender Fürsorge einst Abraham für das erste jüdische Grab Sorge trug. In dieser Achtung vor dem Toten selbst und vor der Tatsache, dass sein Grab ein Denkmal der Religionstreue sein kann und soll, liegt der Grund dafür beschlossen, dass der Friedhof im Munde von Jahrtausenden den Namen trägt: das Haus des Lebens. P. K. Der Kongress in New York. Da hat sich verschießene,s in New York ereignet, und piancbeR Mdb.fe^tselhaft. Das letztere gilt nicht von der Begrussung, welche der amerikanische Präsident an den Kongress gerichtet hat. Dieses Begrüssungsschreiben stellt in Aussicht, dass die Beschwerden gegen amerikanische Konsulate, welche zu rigoros in bezug auf die Einwanderung der Juden vorgegangen seien, sorgfältig geprüft werden sollen. Wir glauben in der Tat, dass die amerikanischen Konsulate niemals ihre Befugnisse überschritten haben und dass der ganze Geist des arnerikanischen Einwanderungsgesetzes die Schuld an manchen Härten trägt. Sobald einmal in irgend einem Staat der Staatsegoismus grossen Raum einnimmt, müssen sich solche Konsequenzen ergeben. Vollkommen rätselhaft dagegen ist die Rede Zangwills. Wir beschäftigen uns mit derselben jetzt nicht nach ihrem Inhalt, welcher den politischen Bankrott des Zionismus und Nationalismus nach Menschen und Ideen umfasst, aber Zangwills Stand־ Punkt war doch nicht unbekannt. Was wollte man also, wenn man ihn nach New York einlud, und was wollte man, indem man nun in der Versammlung und in der Publizistik ihn angriii? War diese Kontrast־ Wirkung vorher ins Auge gefasst, so kann man nicht gerade behaupten, dass die Inszenierung geschickt war. Zu der blossen Konstatierunug, dass der Zionismus nach Taten und Ideen weit, sehr weit von seinen Stiftern und Vätern abgerückt ist, bedurfte es nicht erst einer Feststellung. Auch für ihn liegt die Tragik darin beschlossen, dass er, wie jeder Gedankenkreis, gleichzeitig mit der Verbreiterung eine Verflachung erfährt. Nun ist aber Amerika ein Land geworden, dessen Judenheit durch die drei Faktoren des Geldes, der Stellung und des Gemeinsinnes ein bedeutender Faktor für jede jüdische Frage geworden ist. Es wäre eine Unterlassungssünde sondergleichen, wenn nicht auch die Thoratreue, die ־wahrlich in einer grossen Anzahl von Menschen dort vertreten ist, der Idee nach zur Geltung gebracht würde. Wir erachten, dass von; allen Resolutionen, die auf dem 'Kongress 'angenommen' wurden, die‘bedenklichste diejenige ist, die sich mit der Weltkongressfrage beschäftigt. Diese;Frage, von der man irrtümlieh glaubt, dass sie nach dem Karlsbader Kongress für absehbare Zeit aus der öffentlichen Diskussion ausgeschaltet bleiben müsste, hat dadurch wieder an Aktualität gewonnen, und gerade deshalb ist es doppelt wichtig, festzustellen, dass in Amerika •mit ehrlicher und deshalb dankenswerter Offenheit be- ■ ■MUH, i laNaEaaNHJRa^TBffnwaiJNMtAPHNsgcHaBBaKxagBtfocgNrA.? Die Anfänge der uralten jüdischen Gemeinden in Mähren sind zumeist in tiefes Dunkel gehüllt, in welche« die historische Forschung oft nur mühsam mit einem Cichtstrahl hineinzuleuchten vermag. Sicherlich haben diese Gemeinden, kaum dass sie eine Mitgliedszahl erreicht hatten, die zur Abhaltung eines öffentlichen Gottesdienstes genügte, in allerdings primitiven Archivalien die ersten Bausteine für die Geschichte ihrer Gemeinde gelegt. Aber selbst von späteren reichhaltigen Materialien sind häufig kaum geringe Reste erhalten geblieben, denn immer wieder erfahren wir von dem traurigen Missgeschicke, dass bei den verheerenden Bränden, von denen die Judengassen heimgesucht wurden, auch der Verlust der alten schriftlichen Denkmale zu beklagen war. Auch die Gemeinde P u 11 i t z, die der Schauplatz des historisch denkwürdigen Mortara-Falles war, den wir im nachstehenden erzählen wollen, dürfte, nach glaubwürdigen Traditionen, ihre Entstehung bis ins 13., spätestens 14. Jahrhundert zurückdatieren, aber mit aller Bestimmtheit kann erst das Jahr 1523 als dasjenige bezeichnet werden, aus welchem unanzweifelhaft die Spuren eines bereits kräftig entwickelten jüdischen Gemeindelebens erhalten blieben. Die verwittertsten Steine auf den Gottesäckern sprechen oft noch eine beredte Sprache, wo schriftliche Auf- Zeichnungen ganz fehlen oder nur höchst mangelhaft vorhanden sind. *Im Jahre 1758 wurde die ״Judengasse“ in Pullitz das Opfer eines furchtbaren Brandes. Dieses Ghetto konnte damals noch nicht auf ein hohes Alter zurückblicken; es bestand erst seit etwa vier Jahrzehnten. Ueber seine Entstehung zirkulieren zwei einander sich scharf widersprechende Versionen. Nach der einen, die in der jüdischen Gemeinde von den Vätern auf die Kinder überkommen war, hatte der damalige Besitzer der Herrschaft Pullitz, Graf Adam Berchtold, trotz des lebhaften Widerstrebens ■der jüdischen Bevölkerung, die bis dahin in freundlichem, ungestörtem Einvernehmen unter den christlichen Bewohnern gelebt hatte, einen eigenen, abgeschlossenen Platz angewiesen, auf welchem sich die 40 bi׳s 50 Personen zählende Judengemeinde ihre Häuser und auch ihre Synagoge erbauen lassen musste. Dass diese Tradition auch die innere Wahrscheinlichkeit für sich besitzt, ergibt sich auch aus den weiteren Details bei dieser Bauordnung: je zwei der Häuser durften nur ein Vorhaus, eine Küche und einen Schornstein haben. Es ist schwer, aus diesen raffiniert ausgeklügelten Be- Schränkungen ein besonderes Wohlwollen für die Juden herauszulesen. Nach der zweiten amtlich beglaubigten Version, die die von dem Grafen Adam Berchtold inspirierte offizielle Deutung vertreten dürfte, wäre die Errichtung des Ghetto sogar als eine Belohnung für die Judengemeinde zu betrachten gewesen. Da heisst es nämlich in einem amtlichen Berieht unter anderem: ״So verlebten sie (die Juden inmitten der Christen) viele Jahre ganz ruhig, bis im Jahre 1722 durch Ableben des Herrn Grafen Franz Karl Berchtold sein Nachfolger, Se. Exzellenz Herr Graf Adam Berchtold vermög Decretation ddo 1. August 1723 ihnen gnädigst bewilligte, obwohl erst im Jahre 1727 ein Hofdekret rücksichtlich der Absonderung von den christlichen Gemeinden allergnädigst erging, abgesondert von der christlichen östsüdlich an Pullitz eine eigene Gasse zu errichten, und dies zwar als ein Zeichen der Gewogenheit für ihre in der sächsischen Invasion gegen ihre Obrigkeit bewiesene Treue und Ergebenheit.“ Dass jüdischei Treue und Ergebenheit mit Hohn und Spott quittiert wurden, wäre schliesslich nicht etwas Ungewohntes oder gar Unerhörtes, aber dass Graf Adam Berchtold selbst die Errichtung von dieser Art von jüdischen Gemeinschafts-׳ kiiehen sich als Verdienst vindizierte, ist doch überraschend. Am 25. Juni 1758 verheerte das Feuer diese dem ״gnädigen Wohlwollen“ Berchtolds ihre Ent- Stellung verdankende .,Judengasse“ samt der aus Holz erbauten Synagoge. Der Jammer, den diese Kata- Strophe hervorrief, ist unbeschreiblich. Die meisten Familien hatten alles, ,was sie besessen, verloren und nur ihr nacktes Leben gerettet. Aber in ihrer grenzenlosen Not erstand ihneii ein Retter, dessen Güte und Hilfsbereitschaft gleichfalls keine Grenzen kannte. Bei dieser Rettungsaktion wird allerdings in keiner Version, weder in einer jüdischen noch in einer offiziell amtlichen, des Grafen Berchtold und seiner ״gnädigen Gewogenheit“ auch nur mit* einem Worte gedacht; der Retter der Armen und Verzweifelten hiess Isaak La ndesmann. Dieser Mann, Spross einer alten, angesehenen Familie, in der jüdisches Wissen, innige Frömmigkeit und Wohltätigkeitssinn seit jeher heimisch waren, widmete sich mit einer rührenden, keine Mühe und keine Opfer scheuenden Hingebung dem Rettungswerke. Er ruhte nicht, bevor die armen jüdischen Familien ihre in Schutt und Asche verfallenen Häuser wieder aufgebaut hatten, und dann liess er ganz auf eigene Kosten, ein Jahr nach dem Brande, eine neue Synagoge aus feuerfestem Material errichten. Auch die Thora mit heiligen Silbergeräten und alle übrigen zur inneren Ausstattung nötigen Utensilien waren Geschenke des grossmütigen Mannes, der die Synagoge in das Eigentum der Gemeinde unter der Bedingung übertrug, dass niemand einen gekauften oder gepachteten Sitz in ihr haben dürfe. (Fortsetzung folgt.) Pessl Wien I. Erstes und grösstes Wiener Haus Kärntnerstrasse 28 יי—י—י——^י- Gegründet 1894 für künstlerisch ausgeführte Scheitel, Perücken und Transformationen aus aller• bestem! dauernd gewelltem Naturhaar. Versand de? reich Illustrierten Frlsurenmappe kostenlos«