Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 30 (27.7.1923)
- Date
- 1923-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE PRESSE Grosser jüdischer Kinderhilfstag Baden—Vöslau Wenn der Reiche gibt — wer denn 11 heute — denn T! Baden—Vöslau Seite 218 Zentrale: Wien, II. Halzgasse 12a ■Telephon Nr. 49054 — Postsparkassen-Konto Nr. 49352 t: Bankkonto: Wr. Bankverein, II. Hollandstrasse :: Kriegswalsenhäuser Baden,!. Haus, Germergasse 48! 2. Haus, Gppsteingasse 10; Knaben• Internat, Wien, III., Schimmelgasse 6; Lehr- Werkstätten, Wien, XII., Edelsinngasse 5. :: Krankenfürsorge, Jugendfürsorge. :: Das Erwachen des Gewissens. Die Feder, die heute ergriffen ,wird, um einen Aufruf in letzter Stunde zur regen Beteiligung am Sammeltage zu schreiben, sträubt sich dagegen. Die abgebrauchten Worte von Pflicht und Schuldigkeit, von Verantwortlichkeit und moralischem Muss, .von unsühnbarem Vergehen im Falle der Entziehung, alle diese Worte bäumen sich auf und wollen nicht mehr durch die Spalten gehetzt werden. Denn tausendmal und mehr wurden sie gesprochen, geschrieben, gerufen und gedruckt. Diese Worte haben jede Schlagkraft ,verloren, sind nichts mehr als toter Schall und abgelebtes Gelegenheitsrequisit. Und diejenigen, die diese Worte vernehmen sollen, sind ihrer überdrüssig geworden und müde. Der Worte, die zur Tat auffordern, ebenso wie der Tat selbst, die schliesslich und endlich doch im Grenzteirke freiwilligen Entschlusses 1׳liegt. Und doch! O, es ist nicht Pflicht, nochmals zur Gabe und Unterstützung aufzufordern, ebenso wie diesmal nicht auf das Gebot der Mildtätigkeit gepocht werden soll. Auch der »Krieg, den wir alle vergessen wollen und nicht können, soll nicht nochmals in Erinnerung gebracht werden. Obzwar er uns Juden täglich und stündlich vor Augen stehen soll und wir Juden wenigstens, aus dieser blutigen Lehre etwas lernen sollten.; Nein —יי wir beabsichtigen etwas anderes. Wir wollen jetzt in letzter Stunde, wenn schon die Sammelnden mit den Büchsen umhergehen, das Gewissen aufrütteln und es aus einer vermaledeiten Lethargie auf wecken. Heisst es! denn heute etwas anderes, als ein brennendes .Stück Judenfrage? Wenn es ein anderes Mal heisst: Rechte des jüdischen Volkes, Erziehung der jüdischen 1Jugend, Kampf gegen die Hydra des Judenhasses, jüdische Zukunft usw. — heute heisst es jüdische Gegenwart, jüdische Kraft, jüdische Existenzen, heute heisst es. junges jüdisches Leben! Zwischen den ewig brennenden Schandsäulen, Weltkrieg und Pogrom, ist wahrlich Raum genug zur grossen Tat, zur Opferung und zur Realisation des Begriffes: jüdische Menschlichkeit! Das eingeschlafene Gewissen der jüdischen Oeffentlichkeit muss erwachen, sonst wird es bald kein jüdisches Gewissen mehr geben. Genügen Worte zur Aufrüttelung? Die Antwort wird heute erteilt v;;׳״1״! Unser Film. Am 24• d. M. fand' im Rötenturm-Kino in Anwe-;•enheit des offiziellen Vertreters des Ministeriums 'für soziale׳'Verwaltung, Herrn Sektionsoh'ef Doktor Wenzel, die Pressevorführung des grossen Propagandafilms ״Opfer des Hasses“ statt. Es war ein erschütternder Eindruck, den die einzelnen Szenen dieses Lebensbildes aus der zaristischen Zeit Russlands auf uns ausübte. An unseren schreckerfüllten1 Augen z0£ das Schicksal eines russischen Fabriksdirektors vorüber, der durch brachiale Gewalt von blindem Hasse aufgepeitschter Arbeitermassen aus seiner ׳Stellung vertrieben, mit seiner Familie, bei freunden Zuflucht findet, von verfolgenden Kosakenhorden aufgespürt Zeuge davon wird, wie sein Weib den Mörderhänden zum Opfer fällt und seine Tochter davon geschleppt wird. Nur zwei Enkelkinder bleiben ihm, wie durch ein Wunder, erhalten und er macht sich nun, an Leib und Seele gebrochen, mit diesen armen Waisen auf den Weg, die Stätten cles Greuels zu verlassen und unter unsagbaren Mühseligkeiten und Entbehrungen das Land des Schreckens zu fliehen. Ganz herabgekommen und nahe dem Verschmachten gelangen diese Opfer menschlicher Bestialität nach Wien, wo sie die Liebe ihrer Stammesbrüder warm umfängt und ihyen eine zweite Heimat gewährt. Die beiden Kinder finden gütige Aufnahme hi dem Waisenhause in Baden und vergessen in ihrer Einfalt, glücklicherweise rasch, die furchtbaren Ertebnisse, die ihre jungen Seelen so tief aufrührten. Nun folgen im Filme Bilder aus den Waisenhäusern in Baden, aus clem ״Internate für verlassene Knaben“ in Wien, die uns in verschiedenen Genreszenen die Pfleglinge beim Spielen, Turnen, im Speise- und. Schlafsaal zeigen. Reizend sind die Bilder, die uns die Mädchen im ״Elisaethlieim für Lehrmädchen und Kriegswaisen“ vor Augen führen, wo diese nach Zurücklegung des 14. Lebensjahres in gewerlichen Berufen unterwiesen werden. Von nicht minderem Interesse sind die Bilder aus den ״Lehrwerkstätten“, die uns die ins LetrMngsalter getretend! ’Waisenknaben bei der Unterweisung in den verschiedenen Handwerksberufen zeigen. Ganz besonders fällt uns da die. Einrichtung der Tischlerei auf, deren maschineller Betrieb;einen Zug ins Grosse aufweist. Man gewinnt hier d'en Eindruck,• dass von dem Hilfswerke eine Arbeit imponierenden’ Kalibers geleistet wird, die sicherlich der Förderung weitester Kreise vollauf würdig erscheint. Wir empfinden es daher als selbstverständlich, dass der Film in der Apotheose gipfelt: Helfet, damit wir hoch mehr, noch Gewaltigeres schaffen können!! Eingeleitet wurde der Abend durch eine schwungvolle Ansprache des Präsidenteil des ״Jüdisehen Hilfswerk“, Herrn W. Pappenheim, der u. a. auch den offiziellen Vertreter des ‘Bundesministeriums für soziale Verwaltung ■herzlidhst begrüsste• Eine, grandiose Leistung von ergreifender. Realistik bietet. Herr Szöreghy in der Hauptrolle des Fabriksdirektors. Die ganze Skala inneren Erlebens spiegelt sich in seinem Mienenspiel, das ihn an die Seite der grössten Filmtragöden der Gegenwart stellt. Nicht minder, hervorragend ist'die technische Aufmachung dieses durch seine eigenartigen Szenenbildet reizvollen und zugleich herzbewegenden Filmdramas, eine ruhmreiche Tat Hans Marsch'alls, dessen Regietalent ihn für allergrösste Aufgaben prädestiniert erscheinen lässt. Hervorzuheben ist auch’ die phototeohnischb Exaktheit, mit der die einzelnen, wunderbar plastisch' wirkenden, Filmbilder in künstlerischer Weise von Gustav Kovacz hergestellt wurden. An besonderen Glanz gewann die Vorstellung durch die Mitwirkung des ehemaligen Hofopernsängers und gegenwärtigen Mitgliedes der Leipziger Oper, Max Kriener, der mit seinem volltönenden, weichen Bariton otsjüdische Lieder mit tiefem Empfinden und grossem Verständnisse vortrug und die ganze Zuhörerschaft in den Bann seiner grandiosen Kunst zwang. Rührend war die Darbietung eines Zöglings aus dem Badner Waisenhause, dem die Aufgabe zugefallen war, das herzbewegende ״Joisemlied“ vorzutragen. In seiner sympathischen, ündlich-befangenen Art eroberte er im Fluge die Zuneigung des Publikums, das ihm freundlichen Beifall spendete. Der grosse Erfolg, den diese Pressevorführung erzielte, lässt darauf scliliessen, dass die anlässlich des Blutnentages in Baden am 29. d. M. im dortigen Waisenhausgarten, Epsteingasse 10, stattfindende Uraufführung dieses Propagandafilms, sich zu einem :reignisse allerersten Ranges gestalten wird. Anlässlich des Sammeltages, der am 29. Juli in Baden-Vöslau unter dem Protektorate des Bundesministerlums für Soziale Verwaltung stattfindet, liefen bisher folgende namhafte Spenden ein: Durch die Kronen Nene Freie Presse, Fred Horst . 1,000.000 M. Neuer. 1,500.000 Max Weinreb 1. 3,000.000 Artur Friedländer ........ 500.000 Begine Gross.. . . .1,000.000 Philipp Bergmann . 400.000 7,400.000 Wie alljährlich wurde auch diesmal der Jahrestag nach Herrn M 0 s c 11 e T h u m i m der auf den 13. d. M. fiel, würdig begangen. Das Andenken dieses Förderers der׳ Waisenhäuser sowie eines Mitbegründers des eisernen Fonds wurde das. Lernen eines פרק משניות Rechnung getragen. Ein Zögling sprach auch das Kadischgebet. Wir haben bereits in der vorigen Nummer, unseres Blattes berichtet, dass im Bureau des jüdischen Hiifswerkes, Wien, 2. Bez., Malzgasse 12 a, ©ine Steuerliste, auf liegen wifd,. in die sich alle jene eintragen werden, die überzeugt sind, dass ein Institution wie die unserige von unregelmässigen Spenden, die' überdies sehr spärlich einfliessen, nicht Heben kann,• sondern mit einer sicheren Einnahme rechnen muss'. Der jüdischen Oeffentlichkeit sei hiermit bekanntgegeben# dass die Eintragung in die Steuerliste offiziell am Donnerstag den 2. August erfolgt. Diejenigen'Freunde ■unserer Unternehmungen, welche Wert darauf legen, als einer der ersten eingetragen zu sein, werden höflichst ersucht, die Steuersumme sowie Namen und Adresse dem Sekretariat raschest beanntgeben zu wollen. ,In der zweitnächsten Nummer wird dann die Veröffentlichung der Steuertäger erfolgen. Kurse für Arbeiter und Angestellte. Ein Gast aus Jerusalem hat angeregt, Abendkurse für Arbeiter und Angestellte einzurichten. Die Anregung wurde in der Agudah freudig begriisst und beschlossen, die in der ,Jugendgruppe bereits vorhandenen Vorträge für Angestellte zu erweitern. Diese Kurse werden das jüdische Schrifttum im alten jüdischen Sinne umfassen מוסר, קיצור שילק ערוך und •sollen den angestrengt arbeitenden Klassen geistige Erholung im jüdischen Sinne bieten. Anmeldungen" werden in der Jugendgruppe der Agudas Jisroel von 8 bis 10 Uhr abends ejntgegengenommen. Der Anreger der Idee, der anonym bleiben will, hat dem Comite für einen namhaften Betrag Lehrmittel zur Verfügung gestellt —׳ Der Beginn der Kurse und das Lokal wird baldigst in geigneter Weise bekanntgegeben werden. H*!• 2u«chriKe11| diese Rubrik betiraf?find, sind an das Sekretariat des!Udischen Hiifswerkes! Wien! 11.* Malsgasse 12 a, zu richten.