Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 22 (1.6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 138 JÜDISCHE PRESSE Nr. 22 dieser Welt, da der böse Trieb ihn überredete, er genüge schon damit seiner Pflicht, ein guter Jehudi zu sein, dass er nur etwas oberflächliches Wissen besitzt, dieser wird hiedurch grosse Schande haben. Und diese Schande wird nicht ein oder zwei oder mehrere Jahre währen, sondern immer. Das ist es, ,wenn wir sagen, ״lasse uns nicht für immer und ewig beschämt werden.“ Deshalb, meine Freunde,, bemühet Euch beim Thoralernen. Der Allgütige gebe Eurem Studium Erfolg, dass Ihr zum Ruhme und zur Zierde in dieser Welt in Deutschland werdet, besonders aber in der künftigen Welt vor dem Heiligen, — gelobt sei Er. Möge an Euch sich das Schriftwort erfflktm: ״Und ihr seiet stark, eure Hände mögen nicht ermatten, denn es gibt einen Lohn für euer Tun.“ ' Israel Meir Hakohen aus R a d in. (Aus dem Hebräischen überselzt. Vergl ״Jeschurun״ I/Il.) Agudas Jisroel. Von Oberrabbiner A. S. Onderwyzer in Amsterdam. Das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Stück Judentum, das von Zeit zu Zeit eingeschlummert, jedesmal aber wieder, meistens unsanft, er־־ wacht, hat sich öfters in der Gründung von Vereinen und Verbänden, die alle Juden umfassen wollen, geoffenbart. Es mussten diese Vereinigungen ebenso wie die Zerstreuung international sein. Jedesmal, wenn aus den membra disjekta ein Ganzes geboren wurde, stieg ein Jubel auf, als wäre der rettende Engel geschaffen, der die wahre Erlösung bringen würde. So haben hintereinander Alliance, Bene-Berith- Loge und Zionismus die Herzen erzittern lassen vor Begeisterung und Bewunderung, vor unbegrenzter Verehrung und glühender Energie; und sie waren für unendlich viele Leute die brennenden Fackeln, die für Isroel das Licht der Zukunft entzünden würden, nicht aber für die jüdische Welt-Orthodoxie, da diese ,Verbände, während sie den Idealen nachstrebten, die den Grundgedanken und die Endziele dieser Vereinigungen bildeten, die orthodox-jüdische Auffassung dabei höchstens toolerierten. Günstigstenfalls war die Thora Privatsache. Privatsache! Die heilige, das ganze Leben in allen seinen Verzweigungen durchströmende Religionsüberzeugung Privatsache? Die ,Wahrheiten des Judentums, die in Talmud und Codices bis ins Kleinste verkörpert sind, sind aöfer immer für den gläubigen Juden der Lebensinhalt, ohne welchen die Welt undenkbar und das Dasein eine Sinnlosigkeit wäre. Wohl fühlte sich der seiner Thora bewusste einzelne orthodoxe Jude den geistigen Angriffen gegenüber .unbesiegbar. Seine Glaubenstreue hatte gegen Wissenschaftliche, politische und ökonomische Gewalt sich behauptet. Aber die Masse als solche war weniger gut beschützt, ln verschiedenen Ländern kamen bedenkliche Erscheinungen von Abfall und Entfremdung zum Vorschein. Der Spuk von religiösem Nihilismus zeigte sich in Ost und West und brachte Schrecken und Entsetzen hervor. Erst allmählich wurde man sich bewusst, es mit einer epidemischen Krankheit zu tun zu haben, begriff man, dass hier ein Welt- Problem um Lösung rang. Das historische Judentum mit seinem unerbittliehen Anspruch auf Gehorsam gegen Thora und Tradition schien mit Untergang bedroht zu sein. Aber auch von aussen war die Judenheit stark gefährdet. Die mittelalterlichen Verfolgungen, die man beendet wähnte, feierten Orgien in den bestialischen Ausschreitungen, die sich wüste Horden in verschiedenen Judenzentren zuschulden kommen Hessen. Und da, wo eine sogenannte Zivilisation eine derartige Barbarei nicht billigen konnte, trat an dessen Stelle ein raffinierter Antisemitismus, der durch Zurücksetzung und Ausschluss Juden und Judentum zu vernichten trachtete. Aus dem Verlangen, endlich für immer diesem ein Ziel zu setzen, wurde der Zionismus geboren. Der Zionismus, der Israel ein Land, sein heiliges Land, schenken wollte, wo es unter eigener Regierung die harte Oberherrschaft der Feinde nicht mehr zu fürchten brauchte, konnte trotzdem den grössten Teil der Orthodoxie keinesfalls befriedigen. Durch ihn wären wohl im günstigsten Falle Juden, aber nicht das Judentum gerettet worden. Für den glaubenstreuen Juden aber erhebt sich unendlich weit über alle materiellen Fragen das religiöse Ideal. Für ihn erreicht die Bedeutung seines Judentums ihren Höhepunkt nicht nur in dem nationalen Bewusstsein oder gemeinschaftlichen Rassegefühl, sondern in seiner religiösen Ueberzeugung, in den moralischen, ethischen und philosophischen Wahrheiten seines Glaubens. Die Seligkeit eines von Gottes Willen geheiligten Lebens geht ihm über alle Schätze seines materiellen Wohles. Er trägt die Lasten und Gefahren, die mit seinem Judentum verbunden sind, weil er an eine höhere Sendung glaubt, die ihm durch seine Religion anvertraut wurde. Vernachlässigt er diese Aufgabe, dann entsteht eine Luftleere, worin er nicht atmen kann. Judentum ist ihm Religion, keine politische oder geneologische Vagheit, die je nach Umständen, wie Zeit, Raum, Willen, Geschmack, Bedürfnis allerlei Formen annehmen kann. Eine Religion, die Dogmen und Theorien inbezug auf höhere oder einfachere Proobleme aufstellt, und sich in einem reichen, tausendfach schattierten Tatenleben manitestiert. Mit dieser Religion gewaffnet, trotzt er nicht nur dem Kampf, sondern er fühlt sich dabei auch unbesiegbar, sodass er in unverwüstlichem Optimismus immer Hoffnung hegt. Ohne Religion ist ihm das Judentum ein entseeltes Wesen, eine Scheingestalt, ein Zeichen verschwundener Grösse, die nur Erinnerungen weckt, aber keinen wirklichen Wert hat. Kein Wunder, dass der Zionismus im allgemeinen die Orthodoxie nicht nur kalt Hess, sondern ihr sogar gewissermassen gefährlich erschien. Sieb da, der Anlass, der die Agudas Jisroel ins Leben rief. Wie erhalten wir Judentum? war die brennende Frage, ^ie man sich, stellte. Vor allem dadurch, dass wir das Ansehen der Thora, das ewigbleibende Grundgesetz, da wo es zum Wanken gebracht wurde, wieder stützen. In allen Zentren, wo Juden ansässig sind, muss die Fahne von Bibel und Talmud, von Ehrfurcht für die Bibeltradition aufgepflanzt werden. Viele waren in ihrer Bewunderung für Wissenschaft und Kunst, in ihrem Streben nch allgemeiner Bildung und gesellschaftlichem Wohlstand auf Irrwege geraten und hatten ihr Judentum vergessen. Darum ging wie ein helleuchtender Blitzstrahl der Gedanke durch die Köpfe hervorragender Zeitgenossen, durch gemeinschaftliche Zusammenarbeit und mit vereinten Kräften das religiöse Eiement zu verstärken, damit es der Verführung widerstehen könne. Dieser Gedanke ist es, der zum Zusammenrufen der Konstitutionsversammlung der Agudas Jisroel am Dienstag den 28. Mai 1912 in Kattowitz geführt hat. In leidenschaftlichen Herzensergössen haben dort einige Führer des orthodoxen Judentums ihre Seelenfreunde geäussert über die Tatsache, dass die Zusammengehörigen endlich einander wiedergefunden hatten. Durch die organisatorische Vereinigung hoffte man das grosse, heilige Ziel, die Erhaltung des orthodoxen Judentums leichter erreichen können. Unter den Mitteln dazu wurde das Studium der Thora vorangestellt. Ehrfurcht, Liebe und Bewunderung für die jüdische Literatur sollen den Eckstein des Gebäudes bilden. Die Tradition des täglichen Thorastudiums, die Israel sittlich und geistig zu einer beneidenswerten Höhe geführt hat, sollte für die Aelteren wieder in Ehre gesetzt werden, während auf die religiöse Ausbildung der Jugend die meiste Sorgfalt verwendet werden sollte. Die grosse Unwissenheit in der jüdischen Literatur, die in Westeuropa mehr und mehr zugenommen hat, und dadurch dem Unglauben freie Zügel gelassen hatte, musste in allererster Reihe überwunden werden. Zu dieser nach innen gerichteten Arbeit kam die apologetische Betätigung hiezu: die Thora und ihre treuen Anhänger zu schützen gegen die Angriffe, die sie zu ertragen hatten. Die gemeine Verleumdung, das unsinnige Geschwätz, die durch Hass und Stumpf- Innigkeit in Bezug auf unsere Religion und ihre Anhänger verbreitet wurden, sollten auf kräftige Weise an den Pranger gestellt werden, um das wahre Bild des Judentums zu reinigen von all dem Schmutz, mit dem es durch den Antisemitismus besudelt wurde. Natürlich konnte der Weltbund nicht versäumen, auch auf die materiellen Bedürfnisse der Judenheit zu achten. In den Ländern, wo die ökonomischen Existenzbedingungen für Juden ausserordentlich schwer und drückend wären, sollte die Aguda durch politische und finanzielle Hilfe ihre brüderlichen Gefühle betätigen und durch energisches Auftreten urid tatkräftige Unterstützung dem Solidaritätsgefühl des jüdischen Volkes Ausdruck verleihen. (Schluss folgt.) Zur Ken^^^Oedaulo. Im Deutschen Reich ist die^M^H||^^^^h| lieh organisiert. Die Aguda hat sich macffl^^^| faltet und ein überaus reges Leben herrsoht im Landesverband und in allen Ortsgruppen der Organisation. Kein Wunder, denn Deutschland ist das Land der grossen Organisationen par excellence. Und die Vorliebe für straffe Organisation und unbedingte Ordnung hat der deutsche Jude mit seinem nichtjüdischen Landsmann gemeinsam. So werden die Angelegenheiten der Aguda in mustergültiger Weise geordnet und die Arbeiten mit Zielbewusstsein und Energie durchgeführt. Dabei hat der ׳deutsche Landesverband das Glück, dass sich seine Mitglieder durchwegs aus sowohl in geistlicher wie in weltlicher Wissenschaft aufgewachsenen Männern rekrutieren, von denen die anregendsten Ideen und Initiativen ausgehen. So wird in organisatorischer wie in produktiver Hinsicht Vorzügliches geleistet. Städte wie Berlin, Frankfurt a. M. u. a. sind jüdische Zentren im schönsten Sinne des Wortes geworden. Ein so kräftig pulsierendes jüdisches Leben wie in Frankfurt a. M. z. B. ist vielleicht nur noch in den grossen jüdischen Zentren des Ostens zu finden. War nun die Betätigung im Rahmen der Agudaarbeit auch bisher schon eine überaus rege, so erhielt sie neuen Ansporn durch das bevorstehende grosse Ereignis in der orthodoxen Welt, die Kenessio nichts unbedingt Neues. Wenn man aber die Verfassung berücksichtigt, in der sich zu der Zeit der Gründung der ohassidischen Gemeinde das Judentum des Ostens befand und die heilsame Wirkung die eben dieser Gedanke auslöste, wird man sich der Be- ,wunderung für diesen Grossen Israels nicht entziehen können. Er ist in der Tat einer der hervorragendsten Männer der jüdischen Geschichte zu nennen. Israel ben Elieser lebte in der Zeit von 1698 bis 1760^ einer Zeit, die voll Stürme und Gefahren für die 'Juden des Ostens war. Es war die blutige Zeit des Kosakenaufstandes unter Chmielnicki, der furchtbare Wunden im Judentum geschlagen hatte, und dem Hunderttausende zum Opfer gefallen waren. Auch;von Seite der Polen hatten die Juden furchtbare Drangsalierungen zu erleiden. Der ״Schlachta“, dem polnischen Adel wehrlos ausgeliefert, mussten sie ohne zu murren die brutalsten Misshandlungen über sich ergehen lassen. Keine Hilfe schien zu winken, die Regierung, die seinerzeit die Juden ins Land gerufen hatte, vergass ihrer Versprechungen und gab sie ihren Peinigern preis. Zu dieser äusseren Unterdrückung kam noch eine heftige Krisis im Innern des Judentums. Der Schrei nach dem Messias, der endlich Israel aus seiner Not erlösen sollte, war in den Tagen der Bedrängnis naturgemäss doppelt so stark geworden, und diese Stimmung hatte ein Abenteurer, Sabbathai Zewi ausgenützt, um sich die Messiaskrone aufzusetzen und als Heilbringer Israels verehren zu lassen. Zehntausende jubelten ihm zu und wie ein Donnerschlag traf sie die Nachricht, der ״Messias“ sei abtrünnig geworden und dem Islam beigetreten. Und doch genügte dieser schmähliche Verrat eines Grössenwahnsinnigen nicht, um seinen Anhängern seine Gottgesandheit auszureden. Unter der Führung Jakob Franks und nach ihm benannt entstand in Polen eine neue Sekte Sabbathianer, und das Unheil, das diese Frankisten, die sich schliesslich taufen Hessen, anrichteten, war verheerend. In dieser Zeit äusserer Drangsal und inneren Zwiespaltes trat nun der Baalschem mit seiner Lehre auf. Sohn eines einfachen Mannes, wurde er in einem kleinen Städtchen, Okup an der galizisch-russischen Grenze geboren. Früh verwaist, wurde er auf Gemeindekosten erzogen und in den Cheder geschickt. Aber den Knaben zog es aus der dumpfen Stube hinaus ins .Freie, in Gottes herrliche Natur. Stunden- und tagelang pflegte er in Wäldern und im Gebirge umherzuschweifen, mit liebevollen Augen Gottes Werke betrachtend, und wenn später seine Jünger von ihm behaupteten, er verstünde die Sprachen aller Tiere und Vögel, so war dies in einem gewissen Sinne sicher wahr. Auch als er schon den Kinderjahren entwachsen und mit seiner Gattin, der | Tochter des Rabbi Hirsch, in einem kleinen Karpathendörfchen sich niederliess, kümmerte er sich nicht um seine Hausangelegenheiten, die sein treffliches Weib besorgte, sondern verbrachte die ganze Woche, von Sabbath zu Sabbath im Gebirge, in den Felsenhöhlen schlafend, in den Quellen täglich badend. 1■ dieser Einsamkeit erwuchs eine glühende, übermenschliche Liebe zu Gott, und oft kam es vor, dass seine Frau am Freitag mittags, wenn er zurückkehrte, in seinem Sacke den ganzen Vorrat, den er mitgenommen hatte, unberührt vorfand und erkannte, dass ihr Mann über seine göttliche Verzückung seine leiblichen Bedürfnisse vergessen hatte... So war der Mann beschaffen, der einen gewaltigen Namen im jüdischen Volke sich sicherte. Nicht im Studium der Bücher und Urkunden fand er seinen Weg zu Gott, seine Liebe, seine Verehrung für den Allmächtigen suchte er an der Quelle selbst, in Gottes gewaltiger Natur. Es war bereits am Ende der Dreissiger, als er eine göttliche Stimme zu vernehmen glaubte, die ihm zurief: ״Durch Israel will ich verherrlicht werden.“ Und er Hess sich in Miedrzyborz, einem kleinen Ort in Podolien nieder, und bald pilgerten Tausende und Abertausende zu dem Zaddik, um seine Lehre zu vernehmen und ihr zu folgen. (Schluss folgt.) PERÜCKEN •us dauergewalltam Naturhaar! flarant. uaalchtbar Im Trag••, liafart kurzfristig RUDOLF SCHIFF cEX-ESSs: um dla ■ckaO