Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b.b JÜDISCHE PR UnlT. Bibiit (״JÜDISCHE KORRESPONDENZ») ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. — Telephon 49.054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich K 48.000, Ungarn u. K 5000, Tschecho-Slowakei Kö. 70, Deutschland Mk. 15.000, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 2C0 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 40.0C0 —. Einzelnummer d.-ö. K 1500. Zahlungen für Oesterreich: Posts! 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Das jüdische Schulwesen unserer Tage hat nur in seiher höchsten Blüte, in den Jeschiwohs, das letztere System beibehalten. ־ Ganz anders urteilt für den tiefer schürfenden Blick das Leben; dieses kennt eigentlich die scharfe Grenzlinie zwischen den Lehrenden und Lernenden nicht, unvermerkt wirkt der Empfangende auf den Gebenden zurück. Dies ist der Sinn des wunderbaren Bekenntnisses von F^önig David in den Worten ״mikol melamdai hiskalti", dass er von jedem Menschen belehrt wurde, durch jeden ihm Wissen zuwuchs. Darin besteht das Geheimnis der jüdischen Lebenskraft, die allen Erscheinungen des Daseins ,*gegenüber ein aufmerksam lauschender Zuschauer ist und in dem ständigen Versuch sich bewegt, jedem neu auftretenden Gedanken gegenüber Empfänglichkeit an den Tag zu fegen. Dies aber ist ewige Jugend. Nur ein trüber Schatten ist'in diesem sonst vollkommenen Bild. Nicht immer sucht die Jugend in der ihr vorangehenden Generation die, Spuren der von der Zeit und von den Jahren unabhängigen ewigen Jugend, nicht immer findet sie dieselbe. Sie vergisst ganz daran, dass es in unserer Gesinnungs- und Gedankengemeinschaft keine an Jahren Und Tat noch so reiche Altersgrenze gibt, welche vom Lernen befreit wäre. Anderseits ist selbst das kaum gestammelte Wort des zartesten Kindes schonein Heiligtum, aus dem man neue Gesichtspunkte zu der Lösung der Daseinsaufgaben sucht. Aus diesen Voraussetzungen aber ergibt sich mit Notwendigkeit die stets sorgfältigst beobachtete Forderung, dass man dem Bedürfnisse der Jugend ein aufmerksames Ohr leiht. Im orthodoxen. Judentum hat es deshalb niemals eine so strenge Scheidung der Generationen gegeben, die geeignet gewesen wäre, die Jugend gegen das Alter zu den Waffen zu rufen. Voll Ehrfurcht suchen die an Jahren noch nicht Gereiften an den Erfahrungen der Bejahrten reif zu werden, und mit rührender väterlicher Liebe suchen selbst die Greise dem Sturm und Drang der Jüngeren zur blühenden Entfaltung zu verhelfen Das Wort des Rabbi Eliaser, dass jedem die Ehre des Schülers so wertvoll sein muss wie die eigene, gewinnt dadurch besondere Bedeutung. War doch jeder Schüler* und Lehrer zugleich! Es führt aber, um den Gedankengang des Rabbi Eliaser fortzuspinnen, dieser Respekt bis zu jener herzbezwingenden Ehrfurcht, mit der wir der Ewigkeit, dem lieberirdischen gegenüberstehen. Seilte es in dieser Hinsicht anders geworden sein oder sollte es gar in dieser Hinsicht anders werden? Hoffentlich sagt der Geschichtschreiber auf den ersten Teil dieser Doppelfrage ein entschiedenes Nein und hoffentlich schliesst sich dieser Verneinung mutig an die Schar der für den Sieg der Thora kämpfenden und strebenden Jugend. Wehe dem Geschlechte, das etwa in Angleichung an moderne Bestrebungen auch in unseren Reihen eine Grenzmarke errichten wollte zwischen jung " und alt. Wirklich, es ist nicht die wenigst wichtige Bedeutung der Kenessio Gedaulo, dass sie. eine Demonstration bieten wird für die Eirtheitslinie von jung und alt. Gebende und Empfangende lehren in gegenseitiger Ehrfurcht und Liebe. So werden die Greise neben den Jünglingen tagen, so werden die Grossen des Wissens gemeinsam mit den Aufhorchenden arbeiten, dann werden sie sich noch als Schüler begreifen. Es ist aber wichtig, dass dieses Endziel von Menschen in jedem Stadium begriffen und erfasst werde. Nur so ist die grosse Linie möglich, welche, weit erhaben über kleinlichen Ehrgeiz und kleinliche Eifersucht, alles umfasst und alles trägt. Unsere Jugendbewegung ist ein Echo des rufenden Alters. Unsere Thoragrössen kommen als Freunde strebender Jugend. In der Ehre, die wir dem Worte G-ttes erweisen, verbrüdern wir uns lehrend und lernend. P. K. Weltkongress jüdischer Frauen von Recha Neurath. Keine Stadt der Welt war in Friedjenszeiten geeigneter zur Abhaltung von Kongressen wie die Residenzstadt am schönen Donaustrande. Wien war immer gastfreundlich, liebenswürdig und heiter. Eine Stadt der Lebenslust, in der Kunst und Natur sich zu harmonischer Einheit Verschmolzen. Das lachende, singende und tanzende Wien war das Ziel des, nie versiegenden Fremdenzustromes. Doch nicht dieses Wien finden die jüdischen Frauen Europas und Amerikas bei ihrem Weltkongress wieder, der vom 6. bis 13. Mai in Wien tagen wird. Die Amerikanerinnen und die anderen Ausländerinnen zieht es nach dieser Stadt, die der Krieg erniedrigte und demütigte zur Bettlerin. Und die jüdischen Frauen der ganzen Welt, die seit Jahren Geld sammelten, um das jüdische Massenelend zu bekämpfen, haben gerade diese Stadt gewählt, um das gelockerte Band in gemeinsamer Arbeit wieder fester und dichter zu knüpfen. Freudig begrüssen wir diese Frauen in unserer Stadt; Und in gastfreundlicher Liebe־ wollen wir sie empfangen und aufnehmen, denn die Gelder, die sie uns liebevoll an vertrauten, wir haben sie in Werken der Nächstenliebe wohl anzulegen verstanden. Sie legen Zeugnis ab, dass das grenzenlose jüdische Elend auch grenzenloses jüdisches Mitleid findet. Stolz können wir sie zeigen, all die Stätten, die jüdische Wohltätigkeit geschaffen. In diesem Kranze jüdischer Institutionen leuchten auch die Blüten besonders hervor, welche der verhältnismässig kleine Kreis gesetzestreuer Juden in Wien gegründet, geschaffen und ausgestaltet hat (Jüdisches Hilfswerk, Säuglings-, Kinder-und Jugendfürsorge, zwei Waisenhäuser in Baden, Knabeninternat, Jüdische Werk- Stätten in Wien, Schülerausspeisung, Elisabethheim, Soziale Fürsorge, Frauenhilfe, Einheit, Krankenunter- Stützung). Das Ausland wird nunmehr Gelegenheit haben, mit eigenen Augen zu sehen, dass wir mit unserer Rabbi Juda Aszöd s. z. I. (5556-5626.) (Fortsetzung.) Es ist kaum anzunehmen, dass Rabbi Juda Aszöd nicht genau gewusst habe, wer Dr. Adolf Jellinek sei. Man ersieht aus den Responsen Rabbi Juda Aszöds, dass er es sehr genau mit der Titulatur nimmt, — er wirft ganz und gar nicht verschwenderisch mit der Verleihung grosser, auszeichnender Titel um sich — und da es ihm einerseits, widerstrebt, dem radikalen Prediger überhaupt die rabbinische Würde zuzuerkennen, er aber andererseits die Pflichten der Höflichkeit nicht verletzen möchte, stellt er sich als ob ihm Stellung und Amt Jellineks völlig unbekannt wären. Er schreibt ihm, als ob er ihn für einen talmudisch versierten Privatgelehrten hielte und bittet um Entschuldigung dafür, dass er dem Fragesteller nicht die ihm gebührenden Titel zu geben wisse, ״aber nicht an solchen findet der Weise sein Wohlgefallen". Diese Korrespondenz fand zu einer Zeit statt, wo Dr. Adolf Jellinek sich mit dem Titel eines Predigers begnügte. Wer weiss, in welche peinliche Verlegenheit aber Rabbi Juda Aszöd geraten wäre, wenn der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde schon damals Dr. Jellinek den Titel eines Wiener Oberrabbiners verliehen hätte. Die grosse Korrespondenz, eine Folge der Berühmtheit Rabbi Juda Aszöds, nahm bei der wissenschaftlichen Gründlichkeit, die seinen Antworten ihren Stempel aufdrückten, begreiflicherweise viel Zeit in Anspruch, und da Studium und Unterricht den ganzen Tag ausfüllten, musste für das Schreiben die Nacht herangezogen werden, Sabbat und Festtage ausgenommen, suchte der Gelehrte bis an sein Lebensende niemals vor drei Uhr nachts das Bett auf. Nur bei diesem Fleiss, bei dieser *unerschöpflichen Arbeitskraft konnte das unermessliche talmudische Wissen erworben werden, über das Rabbi Juda Aszöd verfügte. Im Jahre 5613 (1853) erhielt Rabbi Juda Aszöd die Berufung auf den Rabbinersitz in Duna-Szerdahely. So freudig und beglückt er auch dem Rufe diese grosse, mehr als 500 Mitglieder zählende Gemeinde folgte, in der er einen seinen Wünschen entsprechenden erhöhten Wirkungskreis vorfand, so schwer wurde ihm der Abschied von Szenitz, so schwer machte ihm diese Gemeinde, der er durch mehr als zwei Jahrzehnte Lehrer und väterlicher Führer gewesen, in der alle, von Jung bis Alt, mit schwärmerischer Liebe und Verehrung an ihm hingen, den Abschied. Bei seiner Abschiedsrede erscholl lautes Weinen in der Synagoge und auch Rabbi Juda Aszöd sprach mit tränenerstickter Stimme seinen letzten Segensspruch. So schmerzerfüllt man ihn in Szenitz ziehen Hess, mit so freudigem Jubel wurde er in seiner neuen Gemeinde empfangen, der nunmehr seine ( eifrige, hingebungsvolle Tätigkeit gewidmet war. Wieder war es in erster Reihe die Jeschibah, mit der gegen Szenitz fast verdoppelten Schülerschar, der sich sein Interesse zuwendete. Wie ein wahrer Vater sorgte er nicht nur für die Belehrung, die geistige Erziehung und Förderung seiner Jugend; mit seinem gütigen, warmfühlenden Herzen war er auch darauf bedacht, dass sie gegen Not geschützt waren. Die Hilfsbereitschaft der frommen Gemeinde ermöglichte dies, aber er selbst übte Wohltaten in dem Masse, dass er, trotz seines reichen Einkornmens immer arm blieb. Sein Streben war niemals auf irdische Vorteile gerichtet, es galt nur den idealen Interessen des Judentums, der Befestigung des religiösen Lebens, der Pflege des Talmud- Studiums, in welchem er den unversiegbaren Quell der jüdischen Lebenskraft erblickte. Bei aller Milde und Güte seines Wesens war Rabbi Juda Aszöd in Wahrung der Prinzipien, die er für die Grundlagen des gesetzestreuen Lebens erkannte, von unerschütterlicher Strenge und Konsequenz. Er war kein Zelot, der abgeschlossen und weltfremd, sich verständnislos den, vom religiösen Standpunkte aus berechtigten, Anforderungen der Zeit gegenüber in starrer Abwehr verhalten hätte. Er war in den Lehren und Gesinnungen seines grossen Lehrers und Vorbildes Rabbi Mordechai Benet herangewachsen. Er teilte dessen Ueberzeugung, dass Wissen und Glauben nicht als feindselige Mächte einander gegenüber stehen und er fürchtete nicht, dass in Thorakenntnis und Thoraliebe erzogene Rabbiner durch moderne Bildung dem gesetzestreuen, kon- ,servativen Judentum verloren gehen könnten. (Schluss folgt.)