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Jüdische Presse · 1923-03-16 · 11 (16.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
11 (16.3.1923)
Date
1923-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE V. b. b. (WaiTeMitatrttbiiotiwk •* "*M»8itiajti („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malsgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Sracheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag/ für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreich E48.000, Ungarn E 1500, Tschechoslowakei Eö. 70«—, Dentschland Mk. 5000*-, Schweiz Frcs. 10*-, Amerika 2 Dollar, Italien 20 "Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Hk. 10.000'—. Einzelnummer d.-ö. E 1000, Eö. 1'50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Kant« Kr. 13.458; für Polen: Postsparkaasenanit Warschau, Konto Hr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Xonto Hr. 58.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Hr. 40.917; für Rumänien: Banea Marmarosoh Blano * 0*. für Josef Florenz A Co., Bukarest. Mr. 11 i Wien-Bratislava, IG. März 1923 .:-Enn iik ro nnDDinB - nn n-jra I 9. Jahrg. Die Aufgabe des 1. Nissan. Am 1. Nissan wurde das erste Heiligtum in Israel gebaut. Steine waren es, wie andere Steine, gebrochen durch Hände von Menschen. Holz war es, wie anderes Holz, gefällt durch Hände der Menschen. Gewebe war es, wie anderes Gewebe, gesponnen und gefügt durch Hände von Menschen. Und doch, als das Ganze zusammengestellt war, war es ein Heiligtum, in dem die Ewigkeit thronte und aus dem ein Lichtstrahl der Ewigkeit belebend zu den Menschen sprach: Erhebet euch zu uns. Das war am 1. Nissan, an dem ein neuer Gedanke in die Menschheit getragen worden ist und so eigentlich erst das Mandat, welches der Ewige am sechsten Schöpfungstage der Menschheit übertrug, seiner Erfüllung entgegengeführt worden. Das Mandat lautet: „Beherrscht die Erde." Man wird sofort begreifen, was wir meinen, wenn wir den Text dieses Mandates dahin erklären, daß gemeint ist: „Beherrscht das Irdische, denn das ist das Höchste, was der Mensch vermag, daß er auf das vergängliche Irdische lediglich durch seinen Willen, lediglich durch sein Denken den Stempel der Ewigkeit prägen kann. Gewiß, das Kämpfen wogt hin und her, bald ist es die Erde, die des Menschen Herr wird, bald ist es der hochragende Mensch, der des Stoffes Meister wird. Auch die Geschichte der Menschheit ist durch diesen Gegensatz bedingt. Völker gibt es, die nicht tief genug im Schlamm des Irdischen waten können und wiederum andere Völker, deren Grundzug es ist, zur Geistigkeit sich emporzuheben. Das klingt allerdings heutzutage wie ein Märchen, da nicht nur das Gefühl, sondern; auch jeder Gedanke von der Hinneigung zum 'Materiellen durchsetzt und erstickt ist. Da bedarf;,;esjnde^Tat einer sehr nachdrücklichen InterVen^öri,*';*ui8i-in diese verwörferien' Verhältnisse eine Ahnung der Genesung zu tragen. Zu dieser Intervention sind wir berufen. Wir könnten am 1. Nissan ein Glück begründen, das nicht für den Augenblick nur leuchtet, sondern für die Dauer der Ewigkeit bestimmt ist. Sterbliche können Unsterbliches schaffen. P. K. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Die jüdische Orthodoxie in Rußland macht jetzt außerordentlich schwere Zeiten mit. Nach übereinstimmenden Meldungen aus allen Teilen des Sowjetreiches führt die bolschewistische Regierung einen erbitterten und unnachsichtigen Kampf gegen alles, was irgendwie mit Religion zusammenhängt. Während die Regierung nämlich dem Judenals Staatsbürger volle Gleichberechtigung zugesteht, greift sie ihn in seinen kulturreligiösen Rechten doppelt hart an. Mit einem unverkennbaren psychologischen Raffinement tut sie dies an der schwächsten Stelle. Sie weiß es sehr gut, daß jede noch so streng durchgeführte antireligiöse Gesetzgebung nicht mit einem. Schlage das Werk Jahrtausender zertrümmern kann. Wenn aber viele Juden, imter ihnen auch der Moskauer Großrabbiner Maso in diesem Umstand die Vereitlung der bolschewistischen Pläne sehen, so sind sie in einem verhängnisvollen Irrtum. Allerdings haben die Sowjetleute auf die „Bekehrung" der Erwachsenen verzichten müssen, aber umso intensiver wenden sie sich der „Bearbeitung" der heranwachsenden Generation zu. Die Hoffnung der Bolschewiken gründet sich überhaupt nur auf die Jugend, in der sie die zukünftigen Anführer der Weltrevolution sehen und streben darum mit allen Mitteln danach, die Erziehung dieser Generation ausschließlich inihre Hand zu bekommen. Das beste Mittel die Religion zu untergraben ist ja das, die Jugend für sich zu gewinnen, der Orthodoxie auf diese Art den unentbehrlichen Nachwuchs zu entziehen. Und darin liegt eben die furchtbärste Gefahr-für das thoratreue Judentum. Der Jugend die Prinzipien der Väter einzuprägen muß daher ihre höchste Aufgabe sein. Und hier arbeiten die Kommunisten ihnen fieberhaft entgegen. Die jüdischen Schulen sind geschlossen, jeder Religionsunterricht, auch privater, an Jugendliche unter 18 Jahren ist verboten. Es existiert nur die eine bolschewistische Einheitsschule, in der die Religion selbstverständlich nicht nur nicht gelehrt, sondern auch nach Möglichkeit wissenschaftlich „widerlegt", und, was einfacher ist, ins Lächerliche gezogen wird. Religionslehrer werden verfolgt und wo nur möglich trachtet man ihnen politische, gegenrevolutionäre Absichten nachzuweisen und Hochverratsprozesse anzuhängen, um sie abzuschrecken und zu kompromittieren. Die Orthodoxen sehen das ihnen drohende Unheil ein, sind aber vollkommen machtlos dagegen. Vor kurzem wurde in Moskau ein Kongreß einberufen, der sich mit diesen Fragen befassen sollte und die namhaftesten Führer des thoratreuen Judentums, darunter der bekannte Rabbiner Maso nahmen teil daran. Die Konferenz kam aber zu keinem Resultat und die einzige Wirkung war die, daß am nächsten Tage sämtliche Chadorim der Stadt geschlossen wurden. Auch das Ausland muß sich auf platonische Proteste beschränken und als das Joint Foreign-Cömittee im Herbst vorigen Jahres eine etwas energischere Note an die Sowjetregierung abgehen ließ, hatte dies sogar ein unangenehmes diplomatisches Nachspiel zur Folge, da die russische Regierung eine solche Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten scharf zurückwies. Sie drückte dabei ihr Erstaunen aus, daß sich das Joint Comittee eine Kritik an einem Gesetz erlaube, das nicht gegen die Juden, gerichtet sei, ja von-vielen Juden sogar unterstützt werde. Leider ist diese Tatsache nicht abzuleugnen und es ist traurig genug, daß sich Juden finden, die den Kommunisten bei dieser Antireligionshetze an die Hand gehen. Es sind dies jene gewissen assimilatorischen Elemente, die den Kampf gegen die Thora seit langem auf ihr Programm geschrieben haben. Jene Leute, die für Einführung des Sonntages als Ruhetag Rabbi Mordechai Benet s. z.l. Auf dem Sitze der Landesrabbiner in Nikolsburg saßen seit Jahrhunderten die größten Leuchten der talmudischen Gelehrsamkeit. Einer der'hervorragendsten in dieser Reihe ist Rabbi Mordechai Benet, dessen Haupt aber nicht nur der Nimbus außerordentlicher Geistesgröße und unermeßlichen Wissens umstrahlte, sondern dessen Namen auch vonN einem Strahlenglanz. der Popularität umflossen war. Und darin hat sich bis heute nichts geändert. So wie der Name dieses Gelehrten seinen hohen ehrenvollen Platz in der Wissenschaft des Judentums behalten, so * spricht man auch noch in den weitesten ungelehrten Kreisen von Rabbi Mordechai Benet. dem großen Landesrabbiner, von seinen edlen menschlichen Tugenden, von seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung, deren Zauber sich niemand, vom Höchsten bis zum Niedrigsten entziehen konnte. Markus Benedikt (Mordechai ben Abraham Benet) erblickte im Jahre 1753 in Csurgo, einem armseligen kleinen ungarischen Dorf, das Licht der Welt. Er war das Kind armer, aber an Frömmigkeit und G-ttergebenheit reicher Eltern, die überdies sich eines kostbaren Schatzes freuen durften: des großen „Jichus" ihrer beiderseitigen Familien; Der Stammbaum des Vaters verzeich- ' riete Männer, wie den weitberühmten Zebi Aschkeriasi, der nach seinem Hauptwerke nur „Hacham Zewi" genannt wurde; die Mutter stammte gleichfalls aus einer Familie, aus der große Rabbiner hervorgegangen waren, darunter Naftali Kohen Zedek, der Rabbiner in Frankfurt 3l. M. gewesen und sich durch seine Novellen zum Talmud ein papierenes Denkmal errichtete,' das aber manches aus Stein überdauern dürfte. Als ob die Eltern Mordechais eine Ahnung gehabt hätten, daß auch ihr Kind berufen sei, den stolzen Ruhm der Familie zu erhöhen, hatten sie sozusagen von der . Stunde seiner Geburt an den Knaben zum Studium der Thora bestimmt. Der Entschluß war leicht gefaßt, aber seiner Ausführung standen in dem kleinen Dorfe nur in den ersten Lebmsjahren des Kindes keine Hindernisse '.iu Wege. Aber als Mordechai in das fünft® Lebensjahr getreten war, ein Alter, in dem zu jener Zeit begabte Kinder längst über das Hebräischlesen hinaus waren, mußte daran gedacht werden, Mordechai nach einem Ort zu bringen, wo eine Erweiterung seiner Studien ermöglicht war. In Nikolsburg lebte die Großmutter Mordechais, die Witwe nach einem frommen Talmudgelehrten, die sich zwar auch in sehr dürftigen Verhältnissen befand, aber durch ihren unermüdlichen Fleiß ihr Brot efVarb und mit der Klugheit, die sie die hohen Geistesgaben des Kindes erkennen ließ, auch das Geschick verband, das Interesse gelehrter Männer für ihren Enkel zu erwecken. Nikolsburg war damals eine Stadt voll Thorakenntnis und Thoraliebe. Das Ansehen der gefeierten Rabbinen, die seit jeher an der Spitze der Gemeinde standen, Männer wie Liva ben Bezalel (genannt der hohe Rabbi Löb), Jehuda Löh Eulenburg, Betachja ben Josef, Menachem Mendel Krochmal, Gabriel Eskeles, Lipman Heller, Schmelke Hurwitz (zu dessen Grab noch heute Fromme aus weiter Feine, aus Polen, Rußland pilgern) usw., hatten der großen Jeschibah, die durch die Opferbereitschaft der frommen Gemeinde erhalten würde, zu einem Weltruf verholfen. Aus allen Weltgegenden strömten wißbegierige Jünger nach Nikolsburg; aber trotzdem sich unter diesen viele hochbegabte Bachurim befanden, die '-später große Rabbinatssitze erlangten, erregte bald der kleine Mordechai das höchste Aufsehen durch seine Geistesschärfe und sein für sein Alter ungewöhnliches Wissen. Der Vorsteher der Talmud Thora- Schule, Gabriel Markbreiter, nahm sich mit besonderer Güte des armen Knaben an, ließ ihn auf seine Kosten von den tüchtigsten Talmudlehrern unterrichten und sorgte schließlich dafür, daß er um einer ganz besonderen seinem Talente angemessenen Leitung teilhaftig werden zu können, Aufnahme im Hause seines gelehrten Schwagers, des Rabbiners in Ottingen, finde, der einen mit Mordechai gleichaltrigen Sohn hatte. Sehr viel Wissen hatte der Knabe diesem Lehrer zu verdanken, aber auch einen schweren Kummer/ erlitt er in dessen Haus. Als Mordechai das dreizehnte Jahr erreichte, hatte er, was in jener Zeit allerdings nicht ganz ungewöhnlich war, nicht allein selbständig einen talmudischen Vortragzur Feier seiner Barmizwah fertig gestellt, sondern seinem Lehrer und Meister auch, zu dessen grenzenloser Ueberraschung drei Werke — natürlich im Manuskript — vorgelegt: einen Kommentar zum Pentateuch, einen Kommentar zur Hagadah-schel Pesach und schließlich einen Band enthaltend talmudische Dissertationen. Als der talmudische Vortrag Mordechais, dem die Gelehrten in der Gemeinde mit Bewunderung gefolgt waren, beendet war, legte der Rabbi Schiff' Felzwarenhaus Eiigros und Erzeugung i I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelscnmarkt) :•: Telephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage s l„ Graben 28 Filiale: Keut»l<s*>e*.ci, Alte Wiese.

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