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Jüdische Presse · 1923-02-16 · 7 (16.2.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
7 (16.2.1923)
Date
1923-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUNS. Redaktion and Administration: Wien, H., Malsgasse 12 a. - Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag-. — Redaktionsschluß: Fflr Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganftjlhrig: Für Osterreich K 48.000, Ungarn K 1600, Tschechoslowakei Kc. 70--, Deutschland Mk. 5000'-, Schweis Frcs. 10--, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000'—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, K6.1-50. Sahlangen für Oesterreich: Posteearkassenamt Wien, Kant« Hr. 13.4S8; für Polen: PostsparkMsenanat Warschau, KonU Mr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Koste Ir. 60.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Praf, Konto Kr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto St. 40.217; für Rumänien: Banoa ■armarosen Blane * Co. für Josef Floren« * Co., Bukarest. Nr. 7 Wien-Bratislava, IG. Februar 1923 o-ann t>»rc 9 micag-m ■ m mra 9. Jahrg. Das Halbe als Ganzes. Ein geistreicher deutscher Schriftsteller sagte einmal, problematische Naturen seien solche Menschen, welche keiner Situation im Leben gerecht werden. Diese Erklärung mag ihre Schwächen haben, aber im großen und ganzen gibt sie vollkommen richtig dem Gedanken Ausdruck, daß nicht die äußeien Terhältnisse, sondern innere Unfähigkeit eben jenen unglückseligen Zustand verursachen, in welchen der Mensch, oder auch eine Gruppe von Menschen, das Leben und seine Aufgabe nicht zu meistern vermögen, die Kluft zwischen Erwartung und Erfüllung nicht zu überbrücken imstande sind. Es liegt also die Schuld des Problematischen nicht in der Erfüllung, sondern in der zu stark gespannten Saite der Erwartung. Man könnte mit gewöhnlichen Worten diese Gedanken auch so ausdrücken, daß man sagt: viele Menschen erleiden daran Schiffbruch, daß sie nicht das richtige harmonische, ausgleichende Verhältnis herzustellen vermögen zwischen dem was sie dem Leben geben, und dem was sie vom Leben nehmen. Da jedoch im Leben fast alles nur Teilwerk, Teiltat und Teilerfolg ist, sich also jeder gelebte Augenblick, jede erlebte Regung, als ein Bruch darstellt, so verschwindet das Problematische aus unserem Leben dann, wenn es gelänge, sowohl das (Gegebene als auch das Genommene auf einen gemeinsamen Nenner zurückzuführen. Diese Gedankenreihen wurden in uns wach, als wir nicht ohne große Erschütterung gelegentlich einer Polemik, welche innerhalb der zionistischen Jugendgruppen aufgetaucht ist und wenigstens von der einen Seite ernsthaft behandelt wird, dieAeußerung lasen, daß im Judentum alles problematisch sei, während die Gegenseite behauptet habe, für sie gäbe es kein Problem. In diesem Zusammenhange gebucht, bedeuten natürlich die letzteren Aeußerungen eine ziemliche Portion von Ueberheblichkeit, während die ersteren Aeußerungen, die immerhin ohne Zweifel viel tiefer schürfen, zu unserem wirklichen Schrecken uns wahrnehmen läßt, daß die oben genannten Fähigkeiten des gemeinsamen Nenners leider so vielen unseren Glaubensgenossen verloren gegangen ist. Tatsache ist, daß die Judenheit in ihrer religiösen Konstruktion, das heißt also, in ihrer Auffassung als Träger des Judentums, im Besitze dieses gemeinsamen Nenners war, und daß er deshalb selbst in den Zeiten der großen Not, auf geistigen oder materiellen Gebiete, innerhalb der bewußten Judenheit, Weltschmerz und problematische Naturen nicht gegeben hat. Der weltbezwingende Optimismus, daß auch scheinbar in der größten Not der Keim zu einer Wendung zum Guten läge, die Doppelseite der Lebensanschauung, der auf der einen Seite das Leben ein Gut höchster Art, der Tod aber, als Ausdruck einer höheren Lebensform, kein Uebel ist, die Ueberzeugung von der Eignung des Menschen zum Höchsten und Besten, all diese Momente vereinigt sind die Lösungen des Geheimnisses von der Existenz der jüdischen Gemeinschaft, des jüdischen Einzelmenschen. Darin Hegt auch der Urgrund jener geistigen Klarheit, welche bei Erkenntnis des gemeinsamen Nenners die Größe und Bedeutung jedes einzelnen gelebten Teilaugenblickes, jedes einzelnen geleisteten Teilwerkes, jedes einzelnen erfahrenen Teilerfolges oder Teilmißerfolges, ganz logisch von der jeweiligen Größe oder Kleinheit des Zählers* das heißt der aufgewendeten Willenskraft abhängig macht. So entwickelte man neben der Kunst des Gebens auch die Kunät des Nehmens. Man stellte sich die Summe unserer Lebenstage als ein von G-tt erfülltes Heiligtum vor; was man vom Leben nahm an Erfahrungen und Erlebnissen, war ein Aus-~ fluß des Lichtes, das im Heiligtum erstrahlte. Darin aber liegt die höchste Bedeutung der Schekolim. Dreimal widerholt sich in dem Abschnitt, welcher die Vorschrift enthält, daß jeder geben muß einen halben Schekel, das wuchtige Wort von der Sühne der Seele. Man gab nur ein Weniges, man empfing sehr Vieles. Durch den Gedanken, der die Gabe des halben Schekel begleitet, befreit man seine Seele von jeder Last des Problematischen. Man empfing eine Ahnung von der Meisterschaft des Lebens, indem man für das Heiligtum gab und dafür in der Schule des Heiligtums den Ursprung aller Lebensgeheimnisse lehrt. In jenen Versen über diese Vorschrift, kehrt immer wieder die sehr eindringliche Mahnung, daß auch das Geben einen unmittelbaren Zusammenhang mit G-tt darstellt, daß auch die Zielsetzung jeder einzelnen Lebensbetätigung geradlinig auf G-tt zurückführen muß. Erst das Abweichen dieser Geradlinigkeit schafft ein Problem, sowohl für den einzelnen Juden, als auch für die jüdische'Gesamtheit. Erst eine solche Abweichung verwirkt die Erkenntnis von Zweck und Ziel unseres Daseins. Erst eine solche Abweichung gibt dem Amalek, sei es dem Amalek der Tat oder dem Amalek des Gedankes die Möglichkeiten, verwirrend und verheerend in unsere Reihen einzudringen und darum ist an der Schwelle des Monates Adar, der uns zeigt, wie nahe sich schon einst Amalek an seinem Ziele glaubte, das Leben Judas zu einem Gefüge unlösbarer Problemhaftigkeit zu gestalten, die Lehre von der Bedeutung des halben Schekels doppelt bedeutsam. Dem Amalek zu begegnen ist so unendlich leicht. P. K. Zur Frage der Volkszählung. Sämtliche politische Blätter beschäftigen sich sehr eingehend mit den jetzt veröffentlichten Vorschriften über die Volkszählung und suchen den antisemitischen Charakter derselben zu beweisen. So lange uns nicht diese Vorschriften dem Wortlaut nach bekannt sind, können wir die Wahrheit dieser Behauptung nicht beweisen und nicht widerlegen. Was wir also im Folgenden zu dieser Angelegenheit sagen werden, kann nur den Wert einer vorläufigen Bemerkung haben. Wir nehmen immerhin an, daß eine Behörde von der Bedeutung des österreichischenStaatsministeriums eine für die annalistische Wissenschaft immerhin nicht bedeutungslose Vorschrift nach den Prinzipien der Wissenschaft erläßt. Nun ist vielleicht nichts in der Wissenschaft so ungeklärt, wie der Begriff „ Rasse* und man wird vielleicht später mit vollkommenem Rechte den derzeitigen Vertretern der Wissenschaft es zum Vorwurf machen, daß sie nicht rechtzeitig den von ihnen geprägten Begriff°vor der Entartung zu einem Mißbrauche der wildpolitischen Instinkte bewahrt haben. Bekanntlich versteht man unter Rasse die Summe der äußeren körperlichen Merkmale, nach deren sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Abstammung feststellen läßt. Solche Merkmale sind Farbe, Haare, Schädelbildung. Wenn also der österreichischen Regierung damit gedient ist, so möchten wir allen Gezählten empfehlen, unter die Rubrik Rasse einzutragen „Kaukasische Rasse8, man hat dann der Regierung den größten Gefallen getan, daß man ohne die peinliche Frage nach Autobiographisches von Salamon Kolin. Salamon Kohn, der sich mit Vorliebe selbst immer als den Autor des Romanes „Gabriel* bezeichnete, obwohl berufene Kritiker manches seiner späteren Werke viel höher werteten, hat ein eigenartiges Schicksal als Schriftsteller gehabt. Sein großes, fruchtbares Talent, das getragen von einem eisernen Fleiß und einer blühenden Phantasie war, hatte ihm zu bedentenden literarischen Erfolgen verholfen, aber dem bescheidenen Manne mit der rührenden Schlichtheit des Wesens, fehlte die Fähigkeit, sich auch die entsprechenden materiellen Vorteile zu sichern. Ich will nicht auf die Verhältnisse in Frankreich, in England oder gar in Amerika ' hinweisen, wo ein Schriftsteller von der Begabung und den Erfolgen Kohns Reichtümer erworben hätte, aber auch in deutschen Landen haben Autoren, die von der Gunst der Leser so gefördert wurden, wie der Prager Ghettodichter, buchhändlerisch — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — eine ganz andere Position sich gemacht. Ich erinnere mich mit sehr gemischten Gefühlen an den Besuch, den ich vor mehr als dreißig Jahren dem damals nahezu 75 jährigen Dichter in Prag machte. Es waren köstliche Stunden, die ich in der Gesellschaft des Dichters verbringen durfte, der in ungebrochener geistiger und körperlicher Kraft, mit wahrhaft jugendlicher Frische über Fragen der Literatur und des jüdischen Lebens sprach, und mit bezaubernder Herzlichkeit mir einen tiefen, unvergeßlichen Einblick in seine von innigster Frömmigkeit und beglückendem G-ttvertrauen erhellte Geisteswelt gewährte. Aber welch einen Kontrast bildete das Heim des Dichters zu dessen Persönlichkeit. In zwei notdürftig mit den armseligsten Möbeln ausgestatteten Stuben wohnte der greise Dichter, in dessen Büchern ein so reicher Quell der Poesie, des Humors sprudelte. Dieser Quell war durch den Schicksalsschlag, der den Dichter im Jahre 1873 an einem Tage um sein ganzes Vermögen brachte, nicht versiegt. Aber wer S. Kohn kannte, wurde sich darüber klar, daß es G-ttvertrauen war, das dem Dichter inmitten so vieler Miseren der sonnige, alles verklärende Humor erhalten blieb. Kohn hat nicht nur echtes in Thora und geheiligten Traditionen wurzelndes jüdisches Leben und jüdische Charaktere zu schildern verstanden, er selbst hat dieses Leben geführt, er selbst, mit seinem patriarchalisch schönen Kopf, war eine solche echt jüsche Gestalt. Kohn war ein frommer Mann, der mit peinlicher Gewissenhaftigkeit in der Beobachtung nicht nur der religiösen Vorschriften, sondern aller altehrwürdigen Gebräuche seine tiefinnerste Freude und Befriedigung fand. Bezeichnend hiefür ist ein Zug, den einer seiner alten Freunde von ihm erzählte: Kohn kam einmal als hoher Siebziger atemlos am ersten Selichottage in die Synagoge und berichtete später freudig, daß es ihm gelungen sei, trotzdem seine stehengebliebene Uhr ihn beinahe irregeführt, noch rechtzeitig vor Beginn der Andacht einzutreffen. Kein Tag verging, ohne daß Kohn dem Studium des Talmuds eine festeingehaltene Zeit gewidmet hätte und er durfte sicherlich mit gutem Gewissen sagen, daß er den ganzen babylonischen Talmud einmal durchstudiert hatte. Bedürfnislos und nur in geistigen Genüssen schwelgend ertrug der Dichter mit Würde und Heiterkeit den Schicksalswechsel, der ihn aus behaglichem Wohlstand in die Lage eines Schriftstellers versetzte, der von dem Ertrage seiner Feder allein lebte, ohne die Kunst zu verstehen, aus seinem geistigen Kapital erlaubte Zinsen im genügenden Maße zu schlagen. Kohn, der zwar ursprünglich dem Kaufmannsstande sich gewidmet und nebenbei 1844 bis 1846 Physik, höhere Mathematik und Astronomie studiert hatte, war auch darin eine echte Poetennatur, daß er sich selbst, seine eigene Persönlichkeit niemals recht zur verdienten Geltung bringen konnte. Seine Bücher wurden allgemein bekannt, von ihm selbst wußte man beinahe nichts. Er hatte sehr viel geschrieben, darunter auch mehrere Romane, die nicht wie seine Ghettogeschichten im jüdischen Boden wurzeln und zunächst an ein Jüdisches Publikum sich wenden, aber über ihn wurde — verhältnismäßig — unsäglich wenig geschrieben. Er verschwand fast völlig hinter seinen geistigen Schöpfungen und war persönlich so ferne von Popularität, als hätte Schiff1 Pelzwarenhaus Engros und Erzeugung i I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelscimirkt) :-: Telephon 67-303 Detail verkaufs - Niederlage: I., Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese.

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