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Jüdische Presse · 1923-02-09 · 6 (9.2.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
6 (9.2.1923)
Date
1923-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PBESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ^»«»TTqvqs ™1 TQ-XGAjtrfl ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, fü/ Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich E48.000, (Jngarn K 1500, Tschechoslowakei K6. 70—, Deutschland Mk. 5000-—, Schweiz Frcs. 10- — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000*—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kö. 1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postaparkagsenamt Wie*, Iento Nr. 13.458; für Polen: Pestsparkaateiüijnt Waraohan, Kont« Kr. 190.400; fnr Ungarn! Poatsparkassenamt Budapest, Konto 5r. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkaiaenamt Prag, Kouto Nr. 53.386; für Jngoslawien: Postsparkasstfnamt Agraa, - Konto Nr. 40.217; fnr Rumänien: Banoa Marmaroach Blano A Oo. für Josef Floren* A Co., Bukarest. Nr. 6 | Wien, 9. Februar 1923 jrsm toaw :o nn wgz | 9. Jahrg. Die Geburtsstunde der Aguda. Daß die Agudas Jisroel ihren Weg geradlinig bis zum Sinai zurückführt, ist männiglich bekannt. Ein Midraschvvort teilt ferner mit, daß, als nicht ohne heißen Kampf Israels Gemeinschaft sich zur Uebernahme des Thoramandates bereit erklärt hat, die Stimme des Allmächtigen spricht: „Nun seid ihr ,Agudim',fest miteinander verknüpft und verbunden". Es ist deshalb wohl am Platze, zu dieser Geburtsstunde der Agudas Jisroel einige Worte zu sagen. Denn noch immer ist nicht genügend Klarheit in allen Kreisen über diesen Punkt vorhanden. Dieses Schicksal teilt übrigens die Agudas Jisroel mit fast allen Organisationen, weil in der Tat das universelle Denken, der Zug ins Große eine Eigenschaft ist, die mit dem Menschen nicht geboren wird, sondern nur in ernster Arbeit errungen werden kann, und gerade in dieser Hinsicht gibt es viele Menschen, die ihr ganzes Leben in den Kinderschuhen stecken bleiben. Mit dieser Seitenbemerkung ist eigentlich schon alles gesagt, was wir sagen wollten. In der Tat bedeutet Agudas Jisroel die Richtung des Blickes und des Willens auf das Ganze, und zwar soweit, daß darunter nicht nur zu verstehen ist das Ganze unseres Lebens, das Ganze der jüdischen Gemeinschaft, sondern das höchste Ganze, das es gibt, den unlösbaren Zusammenhang des Einzelnen und der Gemeinschaft mit der Ewigkeit. Was immer wir beginnen oder unterlassen, darf von uns nur aufgefaßt und betätigt werden, als ein Teil dieses Strebens nach dem Ganzen. Nichts ist also verkehrter, als die Auffassung, als wären wir nur gleich dutzenden oder tausenden anderen Gebilden, ein Verein, eine Ghevra mit engumgrenzten Statuten, mit engumgrenzten Arbeitsgebieten und, was das Wesentlichste ist, mit engumgrenzter Verantwortlichkeit. Was wir üben am Werk der Hilfe, wie wir uns bewähren in Erfüllung der religiösen Pflichten, wie wir uns meistern im Ertragen von schnöden Angriffen der Verkennung und des Hasses, wie wir uns wehren gegen Schmälerung des Ansehens und des Wirkungsbereiches unserer heiligen Lehre, das alles ist in seiner einzelnen Erscheinung ein Teilwerk. Das Wesentlichste wird und bleibt das Bewußtsein in diesen Einzeltaten das zum Ausdruck zu bringen, was der Allmächtige bei der Gründung der Aguda am Sinai verlangte, uns das Recht zu erringen, jedem anderen das Recht zu bereiten, sich als Exponent der jüdischen Gesamtheit in diesem SinntHiu fühlen. Es ist selbstverständlich, daß von dieser Voraussetzung aus jede Frage, die im Innern der jüdischen Gemeinschaft wurzelt, oder von außen an dieselbe herangebracht wird, von der Aguda geprüft werden muß. Diese Notwendigkeit brachte es sehr gegen den Willen der führenden Kreise oft mit sich, daß die Tätigkeit der Aguda eine abwehrende, und wie man es so gerne nennt, eine negative war. Man vergißt dabei, daß die nach sorgfältigster Prüfung getroffene Entscheidung, daß diese oder jene Frage nicht jüdisch ist, oder dem Judentum, beziehungsweise der Judenheit im ganzen schadet, schon gleichfalls eine positive Leistung ist; beansprucht aber die Aguda selbst tatsächlich das Ganze darzustellen, so kann es ihr nicht verwehrt werden, diese oder jene Frage zum Gegenstand ihrer Erwägung und Tätigkeit zu machen. Jedenfalls muß sie bereit sein für die nicht allzuferne Stunde, in der alle Aeußerungen des jüdischen Willens, auch die in der "Richtung auf Jerusalem hin, den unmittelbaren Anschluß an die Geburtsstunde der Aguda suchen P.K. Die Kenessio Gedaulo für den 4. Elul 5683 nach Wien einberufen. Es sind elf Jahre her, daß der Ruf an die Treuen in Israel erging die Vorbereitungen für eine Kenessio Gedaulo zu treffen, die am 1. Elul 5674in Frankfurt am Main hätte stattfinden sollen. Der Ruf des in Kattowüz "gewählten ^i*ovßörischeTi 'Komitees "der Agudas Jisroel hat überall freudigsten Widerhall erweckt. Die jüdische Seele, die seit Jahrzehnten danach geschmachtet hat, das Wort der Führer des Volkes und seiner Thoragrößen zu vernehmen, war mit Sehnsucht erfüllt, nun einmal nach Jahrzehnten des Harrens an den Arbeiten der Schaffung einer Organisation, welche berufen ist die schlummernden Kräfte der thoratreuen Judenheit zu wecken und sie nach einem geordneten Plan zu verwenden, mitzuarbeiten. Diese Organisation sollte die demokratischeste auf der Welt sein. Jeder Jude, der in seinem Leben und in seiner Gesinnung die g-ttliche Verfassung des jüdischen Volkes anerkennt, soll in dieser Organisation Platz finden und arbeiten. Trotz dieses demokratischen Charakters würde diese Organisation die aristokratischeste geworden sein, denn Grundsätze, Verfassung, Richtlinien derselben sind ja seit Jahrtausenden gegeben, geschrieben von den Fürsten des Volkes. Aus diesen Träumen und Erwartungen wurden wir durch den Kriegslärm, der im Monate Aw des Jahres 5674 die Welt und besonders Europa erfüllte, gerissen. Es sind seither 10 Jahre verflossen, die auf die Entwicklung der gesamten Menschheit einen tiefen Einfluß ausüben werden. Viele sprechen von einer Erneuerung der Welt, viele bloß von dem Verfall der europäischen Kultur. Doch selbst diese gewaltigen Erschütterungen sind an der Vergangenheit und Größe unserer Thora und Tradition gemessen winzige Ereignisse, die keine große Bedeutung besitzen. Aus dem Schutt der zusammenbrechenden Welt erheben sich die treuen Söhne unseres Volkes und reichen einander die Hand. Und als der Ruf erging, die Kenessio Gedaulo, die im Elul 5674 nicht stattfinden konnte, im Elul 5683 einzuberufen, erfaßt uns dieselbe Freude, die vor einem Jahrzehnt unser Volk durchzitterte. Die Ereignisse, die seither vor sioh gingen, haben bloß die Erwartung, die Sehnsucht und Hoffnung unserer thoratreuen Brüder nur noch gewaltig gesteigert. Die Sehnsucht, Agudas Jisroel, die Vertreterin jenes ewigen Prinzips, daß das jüdische Volk mit der Thora G-ttes ewiglich verbunden ist und daß seine Einheit und Ewigkeit bloß auf Grund des Sinaigesetzes garantiert ist, endgültig zu konstituieren und ihr die materielle und moralische Autorität zu gewähren, die sie in ihren Bestrebungen für die, Geltendmachung ihres Prinzips nötig hat, ist nur noch größer und intensiver geworden. Viele Hunderte begeisterte und arbeitsfähige Vertreter der thoratreuen Judenheit werden bei der Kenessio Gedaulo im Elul dieses Jahres diese große Arbeit mit g-ttlicher Hilfe zu Ende bringen. Die Wiener thoratreue Judenheit hat sich nicht umsonst um die Ehre beworben, die Kenessio Gedaulo in Wien zu beherbergen. Unsere Stadt, die von jeher am Schneidepunkt der verschiedenen jüdischen Bestrebungen steht, wird somit der 'Mittelpunkt der ganzen jüdischen Welt, die sehnsuchtsvoll ihre Gebete für das Gelingen des großen Werkes zu G-tt sendet. Wien, das Wien von Or Srua, wird wiederum Marquis d'Argens, der Freund Friedrichs II. über Ritualmord. Man rühmt die Dankbarkeit der Juden, selbst ihre Feinde lassen ihnen diese Tugend. Um so befremdender muß es erscheinen, daß die Juden einen Mann wie den Marquis d'Argens, gegen den sie eine große Dankesschuld abzutragen hätten, mit der ärgsten Undankbarkeit, die man sich denken kann, behandeln: sie haben ihn schier vergessen. Karpeles zum Beispiel in seiner jüdischen Literaturgeschichte verzeichnet auch nicht einmal den Namen d'Argens, obwohl dieser nebst anderen Werken auch etwa 17 Bände veröffentlicht hat?- die sich vielfach mit dem Judentum, seiner Literatur und seinen religiösen Institutionen beschäftigen und große, wenn auch nicht lückenlose Kenntnisse auf diesem Gebiete verraten. Friedrich der Große hatte den Werken des geistreichen Franzosen größere Aufmerksamkeit geschenkt. Er lud ihn zu sich nach Potsdam und faßte im persönlichen Verkehr eine innige Zuneigung für den Mann, dessen Charakter, Geist und Gelehrsamkeit er gleich hoch schätzte. Im Jahre 1744 ernannte er ihn zum Direktor der Berliner Akademie und später ward er der tägliche Gesellschafter des Königs. Die außerordentliche Freundschaft und Verehrung, die Friedrich II. für den französischen Schriftsteller empfand, äußerte sich auch in den Briefen, die der König selbst während des Krieges aus dem Lager an ihn schrieb, oft in geradezu überschwenglicher Weise. So schreibt er ihm zum Beispiel im Oktober 1759 unter anderem: „ ... Wir müssen unsere Kräfte nicht zu sehr anspannen; zu starke Anstrengung erschlafft sie. Sie selbst haben mir einmal gesagt, Sie wären in Holland durch das Briefeschreiben so erschöpft worden, daß Sie einer langen Ruhe bedurft hätten, um sich wieder zu erholen. Mit mir, der ich nicht wert bin, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen, ist es zwar noch nicht so weit gekommen, aber doch fühle ich, daß meine Schwachheiten zunehmen und meine Kräfte verschwinden." Wenn wir von der Undankbarkeit der Juden gegen den Marquis d'Argens sprachen, so meinten wir aber nicht ihr Vergessen seiner Schriften überhaupt, obwohl sich diese so viel mit dem Judentum und den Juden beschäftigen. Vor diesem Lose sind auch schon gelehrtere und gründlichere Bücher nicht gefeit gewesen; Bücher haben eben ihre Schicksale. Es war aber eine sträfliche Undankbarkeit, daß die Stellungnahme des Marquis d'Argens gegen die Blutanschuldigung und die Anklagen, daß die Juden Hostien schänden, nicht genügend gewürdigt, ja kaum recht bemerkt worden ist. Und doch gibt es wenige hervorragende christliche Schriftsteller, die mit einer solchen Entschiedenheit, ja mit einer solchen leidenschaftlichen Erbitterung gegen diese furchtbaren Verleumdungen ihre Feder erhoben, wie Marquis d'Argens. Wahrlich, es sind mehr als zwei Jahrhunderte seit der Geburt d'Argerts verflossen, man wird nicht behaupten können, daß die Ritualmordbeschuldigung inzwischen so tot und endgültig begraben worden sei, daß es sich, von allen anderen Momenten abgesehen, nicht lohnen sollte, zu hören, wie der Freund Friedrichs IL, einer der glänzendsten Schriftsteller seiner Zeit, im Jahre 1739 von ihr dachte. Nach der literarischen Tagesmode jener Zeit hatte d'Argens in der äußeren Form die berühmten „Persischen Briefe" sich zum Muster genommen und „Lettres chinoises" geschrieben, die zum erstenmal in deutscher Uebersetzung — der wir nur mit Aenderung der Orthographie folgen — in Berlin 1769—1777 erschienen sind. Der französische Schriftsteller schreibt darin, das heißt er läßt als Dolmetsch seiner Gedanken unter anderem Sioeu-Tcheou an Ve-Che-Ghan schreiben: „Die Verfolgungen, welche die unglücklichen Juden von den Europäern, unter welchen sie leben, auszustehen haben, sind so grausam, daß man natürlicherweise, um ihnen einen Schein des Rechtes zu geben, allerhand Vorwände hat erfinden müssen. Aber diese Gattungen des Vorwandes sind meistenteils so elend, und man findet an ihnen so deutliche Merkmale der Erdichtung, daß sich in der Tat hätte schämen sollen, sich ihrer zu bedienen. Diejenigen, die sie gebraucht haben, müssen doch etwa die Menschen insgesamt für solche Tiere angesehen haben, die der Vernunft völlig beraubt sind. Und den Geschichtsschreibern, in deren Büchern wir solche Sachen als gegründete Wahrheiten erzählt Schiff1 Felzwarenhaos Engros und Erzeugungi I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelschmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkaufs - Niederlage: I., Graben 28 Filiale: ICt*aclas»l>öLCI, Alte Wiese.

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